Die Hinrichtung ist auf den kommenden Tag angesetzt. Da A von adliger Herkunft ist, wird er nicht gehängt, sondern garottiert. Er ist kräftig und wirkt jugendlich, sein Gesicht ist durch Wind und Sonne dunkler geworden als seine Haare. B, ein angehender Schriftsteller, ist auf seiner Zeitreise durch ein Jahrhundert und über ein Weltmeer in A's Zelle gelangt. Er hat ein Bündel echter Havanna- Regalia mitgebracht. A nimmt sich einige Zigarren heraus und schiebt das Bündel wieder zurück.
A: Mehr werde ich nicht mehr brauchen. Danke.
B: Ich kann noch nicht glauben, dass man Sie gefasst hat. Wie ist es geschehen?
A: Ich habe mich dem ersten Wachposten zu erkennen gegeben. Nun, da sie tot ist . . . Das Spiel ist aus. Eine lange Nacht noch. Helfen Sie mir, die Zeit zu vertreiben. Was ist aus Ihrer grossen Liebe geworden?
B: Wenn ich das wüsste! Im Frühjahr kam eine Karte aus Argentinien, und der Wirt an der Ecke schwört, in einer afrikanischen Holzskulptur ihre Züge erkannt zu haben. Immerhin habe ich ihre Katze wieder gesehen, zwischen Topfpflanzen und Spitzengardinen; deshalb denke ich, vielleicht ist auch sie irgendwo angekommen.
A: Sie war noch keine zwanzig . . .
B: Und doch hatte sie, als sie im Apartment unter mir einzog, schon eine Ehe hinter sich! Mit einem verwitweten Pferdedoktor, der sie und ihren Bruder halbverhungert aufgelesen hatte. Können Sie sich sowas vorstellen?
A: (bitter) Wie sollte ich nicht? Meine Schönste war mit einem einäugigen Banditen verheiratet, sie hat ihn sogar aus der Festungshaft befreit, und ich habe nichts davon gewusst. Ich habe ihn im Kampf getötet. Dancaire meinte später, ein Piaster hätte es auch getan.
B: Gegen die Liebe ist kein Kraut gewachsen. Wenn ich zurückdenke . . . ein Gör mit Bubikopf und Himmelfahrtsnase, das auf der Feuertreppe sass und auf der Gitarre klimperte, während ihre Haare trockneten. Als ein Besucher ihr lästig wurde, kam sie im Morgenmantel durchs Fenster zu mir, und es war um meinen Verstand geschehen. Mit ihr habe ich sogar bei Woolworth geklaut.
A: Was hat mich vom Soldaten, der schon die Quartiermeisterslitzen auf seiner Uniform sah, zum Schmuggler und Räuber werden lassen? Waren es tatsächlich nur ihr kurzer roter Rock, die zerrissenen weissen Seidenstrümpfe und die kleinen roten Schuhe, die mir nicht aus dem Kopf gehen?
B: Vielleicht folgen wir einem Traum. Ich denke manchmal, dass es erfüllte Liebe gar nicht geben kann. Es ist besser, hat sie einmal gesagt, in den Himmel hinaufzuschauen, als in ihm zu leben.
A: Bei unserer ersten Begegnung hat sie eine Akazienblüte aus dem Mundwinkel genommen und sie mir genau zwischen die Augen geschnippt. Sie log, wenn sie den Mund auftat, und kam nur ungerufen. Wie schwach war ich dagegen! Noch im Tod war sie stärker als ich. Auf meine letzte Frage hat sie ihren Ring weit ins Gebüsch geworfen.
Der Schliesser führt B hinaus; A bleibt allein in seiner Zelle. Keine englische Feile wird diesmal in seinem Brot verborgen sein. Aber seine Geschichte wird mit Pauken und Trompeten um die Welt gehen, laufende Bilder werden sie einholen und zudecken. B's Geschichte wird es nicht viel anders gehen. Er selbst wird weiterhin seine Manuskripte an literarische Zeitschriften senden. Eines hat er ihr vorgelesen, damals; sie nutzte die Zeit zum Studium ihrer Fingernägel.
Wer und wer? A ist Don José Lizzarrabengoa aus Prosper Mérimées Erzählung «Carmen» (1845); B ist der von Holly Golightly vorübergehend Fred genannte Erzähler in Truman Capotes «Breakfast at Tiffany's» (1958).