NZZ Folio 11/08 - Thema: Image   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Charlie Chaplin mochte meinen Schnitt»

© Mathias Haehl
Paul Specker, Kapstadt, Südafrika Linktext
Von Mathias Haehl
Paul Specker, Kapstadt, Südafrika, ist 64 Jahre alt, stammt aus Zürich und ist seit 1972 Coiffeursaloninhaber in Kapstadt. Er hat fünf Angestellte und arbeitet rund 20 Stunden pro Woche. Specker spielt gern Tennis und will sein Handicap 12 im Golf verbessern. Sein Sohn Sascha, 25, ist Bodyboarding-Champion und nimmt an Surfweltmeisterschaften teil. Specker hat eine 24-jährige Lebenspartnerin aus Simbabwe und wohnt an der Camps Bay in einem Haus mit Blick aufs Meer. Er verdient im Monat rund 30 000 Rand, das sind etwa 5000 Franken.

Welche Haarschnitte sind im Moment in Kapstadt angesagt?

Bei den jungen Männern hierzulande ist es der sogenannte Mohikanerschnitt, eine Art Indianerkamm. Bei den Damen gilt immer noch die Beckham-Frisur als Vorbild: Spicegirl Victoria trägt einen ­Pagenschnitt mit zwei, drei verschiedenen Mèches.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Mein Vater hatte im zürcherischen Dietikon ein Geschäft, da war es logisch, dass ich bei ihm lernen würde. Danach ging ich mit Coiffeurschere und Kamm auf Wanderjahre: nach London, Rom, St. Moritz, dann weiter ins Tessin, in die Toscana. Drei Jahre arbeitete ich im italienischen Porte Ercole, in dem schicken Hotel Il Pellicano. Dort hatte ich auch sehr berühmte Kunden.

Wen denn?

Ich durfte zum Beispiel immer Charlie Chaplins Haare schneiden. Er sagte: «Nur meine Frau Ona und Sie dürfen mir an den Kopf!» Meist wollte er nur nachschneiden lassen, der berühmte Schauspieler pflegte zu sagen: «Just a trim!» Charlie Chaplin war ja so herrlich unkompliziert. Und er mochte meinen Schnitt. Im Hotel war oft die niederländische Königsfamilie zu Gast oder Prinzessin Soraya, die in den 1950er Jahren Kaiserin von Persien war. Auch sie setzten sich auf meinen Frisierstuhl – und zeigten sich hinterher sehr zufrieden.

Wer schneidet Ihnen die Haare?

Das kann ich selber am besten! Oder ich lass es Vanessa machen, eine meiner Angestellten.

Haben Sie eine spezielle Methode?

Ich lass mich auf jeden Kopf und auf jede Frisur neu ein: Ich handle nach Instinkt, denn ich betrachte mich eher als Künstler. Ich taste den Kopf ab, betrachte dann den Kunden als Ganzes, sein Erscheinungsbild. Die Konturen, die Frisur und die Haarfarbe müssen auch zum Körper und zum Kleidungsstil passen. Wobei die Leute hier in Südafrika schon sehr légère herumlaufen.

Welche Reaktionen erleben Sie?

Sehr spontane, wie die Menschen hier nun mal sind. Oft rufen mich Frauen am Abend nach ihrem Besuch in meinem Salon an und gratulieren mir. Aber nur, wenn auch ihr Partner mit meinem Werk zufrieden war. Für mich ist es das grösste Kompliment, wenn sie mir sagen: «Wow, jetzt sehe ich viel jünger aus!»

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Ich kann kreativ sein, jeder Kopf ist eine neue Herausforderung. Und ich kann Gutes tun. Manchmal an Parties gehe ich auf Leute zu und sage ihnen: «Guten Tag, ich möchte Ihnen gerne helfen und Ihr Image verbessern. Lassen Sie mich doch einmal Ihre Haare schneiden!» Das wirkt Wunder! So habe ich schon manchen Stammkunden gewonnen.

Haben Sie viele Stammkunden?

Ja, es gibt viele, die einmal wöchentlich zu mir kommen. Es sind vorwiegend Weisse, die Schwarzen gehen zu meinen schwarzen Angestellten. Sie haben andere Wünsche: Verlängerungen, Locken strecken – diese Praktiken liegen mir nicht so. Schwarz zu schwarz, weiss zu weiss – früher, zu Apartheidzeiten, war das in Südafrika ja strikt so geregelt, bis zum Ende der Rassentrennung im Jahre 1990. Ich hatte damals noch einen zweiten Salon für die afrikanische Kundschaft.

Und heute vermischt sich das Publikum?

Zumindest in meinem Salon. In den Restaurants oder am Strand sieht man das eher selten. So wenig wie gemischtrassige Partnerschaften. Obwohl politische Programme wie Affirmative Action, die Einführung von ethnischen Quoten, und Black Economic Empowerment das wirtschaftliche Fortkommen der Schwarzen, die Vermischung der Rassen doch fördern sollten.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Ich möchte weniger arbeiten, aber hier im Land bleiben. Kapstadt ist die schönste Stadt der Welt! Hier gefallen mir der stete Sonnenschein und die Nähe zum Meer – nur 200 Meter von Geschäft und Wohnung entfernt schlagen die Wellen an den Strand! Ich habe mal in Sydney gelebt, aber das ist mir zu weit von der Schweiz entfernt. Ich fliege gern einmal pro Jahr in meine Heimat – es sind nur zwölf Stunden Flug und nur eine Stunde Zeitverschiebung.

Wohin fahren Sie sonst in die Ferien?

Ich reise regelmässig nach Bali oder nach Mauritius in den Club Med.

Jade
heisst der 1972 eröffnete Salon – so wie die damalige Freundin von Paul Specker. Jade liegt in Sea Point. In diesem Stadtteil gehen die Reichen einkaufen und flanieren am nahen Jetset-Strand von Camps Bay. Ein Damenschnitt kostet 35 Franken, Herren bezahlen 25, Kinder 18 Franken.

Südafrika
Einwohner: 46,9 Millionen
BIP pro Kopf: CHF 5200.–
Milch: 1 l CHF –.90
Brot: 1 kg CHF 1.20
Kinobillett: CHF 7.
Zigaretten: CHF 3.50
Taxi: 10 km CHF 12.

Mathias Haehl ist Journalist; er lebt in Oberwil ZG.

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