NZZ Folio 02/94 - Thema: Städte   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Stress im Chaos der Begriffe

Von Wolf Schneider

DASS UNSER WORTVORRAT grösstenteils aus der Steinzeit stammt, merkt man ihm schmerzlich an; um so schlimmer, wenn wir auch mit jungen oder frisch in Mode gekommenen Begriffen die Logik oder die Treffsicherheit verfehlen – wie beim Stress und bei der Chaosforschung.

Urzeitliches Erbe ist beispielsweise ein Wort wie erst . Es bezeichnet erstens den, der früher drankommt («Erst ich!») – zweitens den, der später an der Reihe ist («Dann erst sind Sie dran!»); drittens heisst es noch mehr («Fritz ist schon gross – aber erst sein Bruder!»), viertens ziemlich wenig («Wir haben erst die Hälfte geschafft»). Zum Verzweifeln – für Ausländer und für jeden, der Eindeutigkeit und Logik liebt und die Sprache gern als Vehikel klarer Verständigung verwendet sähe.

Und wir legen nach. 1960 führte der Titel eines Buches von Hans Selye, dem österreichisch-kanadischen Arzt, das Wort Stress in die deutsche Sprache ein – und 1993 behaupteten 57 Prozent der Deutschen, «Stress» werde in Zukunft die häufigste Krankheitsursache sein. Was hätten diese armen Menschen nur ohne Hans Selye auf die Frage des Meinungsforschers geantwortet?

«Stress» heisst im Englischen Anstrengung, Beanspruchung, Druck – es handelt sich also um ein neues Wort für die nicht ganz neue Einsicht, «dass jeder Tag seine eigene Plage hat» (Matthäus 6,34). Die Mühsal ist, wer hätte das gedacht, am grössten bei den mittleren und unteren Beamten und Angestellten, jedenfalls ihrem eigenen Urteil zufolge: Die äussern zu 61 Prozent Angst vor Stress, mehr als Manager und Selbständige. Hätten die Meinungsforscher nun zusätzlich gefragt: «Was heisst eigentlich Stress, und was soll daran so schlimm sein?» – man darf wetten, dass die Antworten eine perfekte Cabaretnummer ergeben hätten.

Wie konnte nur ein Wort so beliebt werden, das auf etwas nebulose Weise etwas Uraltes benennt? Es ist englisch, also für viele Deutschsprachige ein bisschen unklar und folglich jeder individuellen Deutung zugänglich. Auch ist es chic, weil es englisch ist und modern dazu, das schützt den Benutzer vor heiklen Fragen. Es ist kurz, viel kürzer als Strapaze oder Anstrengung, zum Schlagwort geeignet wie Frust . Und es bündelt alles, was einer Freizeitgesellschaft auf die Nerven geht: Zwar plagen wir uns nicht halb so viel wie unsere Väter, doch wir nehmen uns die Freiheit, über die restliche Mühsal doppelt so laut zu maulen.

Vernunft ist in dem Modewort am ehesten zu finden, wenn man es, wie manche Psychologen, nicht als Strapaze deutet, sondern als Anstrengung ohne Erfolg. Unter Stress stünde danach nicht der, der sich plagt, um den Gipfel des Matterhorns zu erreichen – sondern der andere, der trotz heftigen Begehrens unter dem Gipfel aufgeben muss. Misserfolg, Demütigung, Angst blieben dann als die eigentlichen Stressfaktoren übrig. Da wir aber all diese Wörter haben und da auch die grösste Plage völlig stressfrei erlebt werden kann, wenn sie zum Erfolg führt – wie wäre es, wenn wir den «Stress» begrüben?

Dieselbe Empfehlung gilt der modischen Chaostheorie. Aus den wissenschaftlichen Publikationen springt sie seit ein, zwei Jahren auch einem breiteren Publikum entgegen, zumal mit dem Standardbeispiel vom Schmetterling: Eine Ursache, so winzig wie sein Flügelschlag, kann in letzter Konsequenz darüber entscheiden, ob sich ein Orkantief gerade bildet oder gerade nicht und welche Richtung es einschlägt.

Nun bedeutet Chaos die Auflösung aller Ordnung, das totale Durcheinander. Von dem aber reden die Chaosforscher keineswegs. Sie sprechen nicht von Zufall, nicht davon, dass der Schmetterling den Zusammenhang von Ursache und Wirkung zerbrochen hätte – sondern von Ursachen, die so winzig sind, dass sie sich der Berechnung entziehen.

Wir wüssten so gern, sagen zum Beispiel die Meteorologen, ob wir einen Wirbelsturm vorhersagen sollen oder nicht; aber alle Schmetterlinge dieser Welt haben sich gegen uns verschworen, zu gering ist die Luftbewegung unter ihren Flügeln, als dass wir sie messen und in den Computer füttern könnten. Und wie nennen wir unseren Ärger über die Begrenztheit unserer Instrumente, über den leidigen Umstand, dass der Kosmos sich nicht lückenlos erfassen lässt? «Chaos» nennen wir ihn.

Ob dies eine gewollte Irreführung war oder die landesübliche Gleichgültigkeit gegen eine saubere Sprache – jedenfalls herrscht in ihr nun ein bisschen Chaos mehr. In Wahrheit geht es um das uralte Problem des Minimums. Manche Scholastiker bewegte die Frage, wie spitz eine Nadel sein dürfe, damit ein Engel noch auf ihr sitzen kann. In der Geometrie ist der Punkt das, was keine Ausdehnung hat; wo also finde ich die Stelle, an der die Tangente den Kreis berührt? André Gide grübelt in den «Falschmünzern»: Wenn ein Arbeiter von einem relativ schwachen Stromschlag getötet wurde, weil sein Körper in Schweiss gebadet war – wieviel Tropfen Schweiss muss man wegdenken, damit der Tod gerade nicht mehr eingetreten wäre?

Ein bisschen Grübeln vor dem Benennen kann niemals schaden; nach dem Motto: Erst denken, dann erst publizieren ist zwar stressig, aber es hilft Chaos vermeiden.




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