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Wer wohnt da? -- Beseelte Bodenständigkeit
© Heinz Unger
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| Hipper Wohnwerbung und trendigem Konsumgetue zum Trotz: So wohnt die Mehrheit der Schweizer. |
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Ein zuverlässiger Gemeindeangestellter? Ein Betreuer für Sozialpensionäre? Wen ein Psychologe und eine Innenarchitektin anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Von Gudrun Sachse
Der Psychologe
Diese Wohnung ist voll und ganz ihrer Grundabsicht überlassen, alles ist vom Alltagsnutzen bestimmt und somit seiner Zweckmässigkeit ausgesetzt. Die einzigen Bilder kommen von draussen herein, sind von den Fenstern umrahmt: eine Landschaft, am ehesten in der Innerschweiz.
Für sechs Personen ist ein Mahl zubereitet, währschaft und ohne Schnickschnack, Käsemocken, kalte Fleischplatte mit Kilobrot und Süssmost aus eigener Presse, die Küche ist inzwischen bereits wieder aufgeräumt. Hier wird die Nahrungsaufnahme, ausser vielleicht am Sonntag, in keiner Weise zelebriert, sie ist prosaische Energiezufuhr für emsiges Arbeiten rundherum.
Ist das draussen vor dem Fenster ein Scheunendach? Sind wir auf einem Bauernhof? Es melden sich Einwände. Die Böden, Decken und Fenster sind relativ neu, die Deckenbirne noch nackt, die wenigen Pflanzen noch nicht heimisch, das Mobiliar sicher nicht über Generationen hinweg weitergereicht. Ist der alte Hof abgebrannt, vom Wetter heimgesucht worden? Vielleicht ist dieses Haus auch für andere da, und sie betreuen irgendwelche Sozialpensionäre. Sicher wirken hier eine Hausfrau der klassischen Art mit vielen zusätzlichen Nebenaufgaben und ein Mann, der vielleicht als Gemeindeangestellter oder Beamter tätig ist; beide garantieren Ordnung und Zuverlässigkeit, Solidität und Bodenständigkeit. Müssiggang und Trendiness sind ihre Sache nicht, auch wenn sie sich moderner Technologie keineswegs verschliessen.
Und ob man es bei all der penetranten Werbung und dem urbanen Konsumgetue für modernes Wohnen glauben will oder nicht: Immer noch ist solche Ausstattung in unserem Lande mehrheitsfähig. Berthold Rothschild
Die Innenarchitektin
Ein Neubau in ländlicher Umgebung, die Räume scheinen frisch bezogen und noch wenig gebraucht. Der Ausbau im Inneren ist wirtschaftlich: Funktionale Kriterien stehen im Vordergrund, die Bauteile sind standardisiert. Dabei sind helle, grosszügige Räume ohne spezifischen Charakter entstanden. Andererseits ist in allen Räumen der Bezug zum Aussenraum gegeben, und die Aussicht ist dabei um einiges sentimentaler.
Der Blick auf die Landschaft und das Vieh oder das Beobachten der Jahreszeiten beseelt den Innenraum. Schade, dass die Fensterbrüstungen so hoch geraten sind und die Aussicht dadurch beschnitten wird.
Nicht nur im Arbeitszimmer wird gearbeitet, alle Zimmer werden sehr diszipliniert bewohnt, die Dinge haben ihre Aufgabe und ihren Platz, nichts Überflüssiges wird zugelassen. Dabei sind nicht viel Zeit und Mittel in die Wohnkultur investiert worden, die Anforderungen an die Ausstattung sind überaus pragmatisch. Die Oberflächen wie Laminat und Keramikböden sind widerstandsfähig, dauerhaft und pflegeleicht, was aber auf Kosten der Sinnlichkeit geht.
Auch beim Mobiliar steht das Funktionieren und weniger der Ausdruck im Vordergrund. Die verschiedenen unscharf gemusterten Stoffbezüge der Polstermöbel und Sitzkissen sind zwar fleckenunempfindlich, aber dafür auch in ihrer Farblichkeit und Ästhetik schwer zu benennen.
Der gedeckte Familientisch, mit Käse, Wurst und weissen Tellern, wirkt sehr einladend, obwohl auch hier das grüne Plastictischtuch darauf hinweist, was den Bewohnern besonders wichtig ist: Praktisch soll es sein. Jasmin Grego
Alois und Edith Heinrich, Bauern
«Zwanzig Kühe von Hand zu melken, das brauchte ‹usinnig› Kraft. Unsere Melkmaschine hat vier Aggregate, so schaffe ich vier Tiere aufs Mal. Der älteste Sohn, Martin, hilft beim Melken, wenn ich zur Feuerwehr oder sonst wegmuss. Unsere beste Kuh ist Atlanta, sie bringt um halb sechs Uhr morgens gegen 20 Liter Milch.
Ob ich gerne einmal ausschlafen würde? Darüber denke ich nicht nach. Wir waren ja auch schon im Wallis in den Ferien, aber mit dem Neubau ist es finanziell nicht mehr so, dass man einfach wegkönnte, zudem müssen wir immer jemanden finden, der auf den Hof aufpasst. Wir leben unser ideales Leben. Wir möchten nicht an den Strand oder für einen Monat nach Amerika. Da wäre uns rasch langweilig, und die Kinder bekämen Heimweh.
Die Arbeit ist schon streng. Aber mühsam ist einzig die Abhängigkeit vom Wetter. Da wir unseren Kühen kein Silofutter geben dürfen, ist die Heuernte für uns sehr wichtig. Nur mit silofreier Milch lässt sich Hartkäse machen – wir liefern die Milch der Dorfkäserei für den Ägeritaler Bergkäse. Unser Hof im Hinterwald in Unterägeri liegt etwas abgelegen. Ohne die Direktzahlungen vom Bund könnten wir nicht überleben. Kollegen mit Höfen an der Strasse haben zusätzliche Einkünfte durch Direktverkauf. Wir hatten auch einmal an der Strasse angeschrieben: «Süssmost zu verkaufen», aber da kamen nur ein, zwei Spaziergänger aus der Umgebung.
Auch im Ägerital gibt es Bauern, die keine Frau und keine Hofnachfolger haben. Das ist ein Problem. Edith habe ich vor 25 Jahren kennengelernt. Sie ist Bauerntochter, wollte aber eigentlich keine Bäuerin werden, weil sie als Kind das Auflesen von Kartoffeln und Obst nicht mochte. Jetzt sind wir seit 20 Jahren verheiratet und haben vier Kinder: Martin lernt Automechaniker, seine Zwillingsschwester Andrea ist Fleischfachverkäuferin im Dorf, Sandra macht in Zug die Lehre zur Detailhandelsfachfrau, und der jüngste, Hubert, möchte später den Hof übernehmen.
Unsere Kinder haben rasch eine Lehrstelle bekommen, vielleicht, weil Bauernkinder anpacken können. Früher haben die Kinder oft ihre Kollegen von der Schule mit nach Hause gebracht, die Arbeit machte zu zweit mehr Spass. Wir haben viel Handarbeit, aber was möglich ist, erledigen wir mit Maschinen.
Bevor wir bauten, wohnten wir im alten Bauernhaus mit meinen Eltern zusammen. Das geht gut, wenn jeder den anderen sein Leben leben lässt. Als die Maschinen unter Dach keinen Platz mehr hatten, planten wir erst eine Remise. Irgendwann kam uns die Idee: Wenn wir schon etwas machen, dann richtig, und so haben wir auf die Remise das Haus gebaut. Das ging rasch: Wir gaben einem Bauzeichner an, was wir uns vorstellten, worauf der an unserem Küchentisch einen Entwurf zeichnete. Daraus entstand ein Haus im Chaletstil mit einer schönen Küche, zwei Badezimmern, Elternschlafzimmer und für alle vier Kinder je ein Zimmer im Obergeschoss.
Unsere Einrichtung besteht aus dem, was wir hatten. Einzig die alte Wohnwand steht jetzt im Keller. Die Deckenlampe fehlt, weil die Esssituation noch nicht gelöst ist – wir hätten gerne eine Eckbank, wenn die dann kommt, kaufen wir uns eine Lampe. Als wir vor zwei Jahren hier einzogen, störte uns die nackte Glühbirne, aber irgendwann haben wir uns gesagt: Hauptsache Licht.
Es gibt kein Möbelstück, an dem wir besonders hängen, uns ist wichtig, dass wir Tisch und Stühle haben. Die Kerze im Wohnzimmer hat Edith vor zwanzig Jahren selbst gezogen. Eigentlich wollten wir die längst anzünden.
An den Wänden hängen Flugaufnahmen von unserem Hof. Die Fotos sind nicht für uns gedacht, wir wissen ja, wie schön wir es haben, sondern für die, die uns abends besuchen kommen und die Landschaft nicht mehr sehen.
Um halb zehn mache ich einen letzten Kontrollgang durch den Stall. Um halb elf liege ich im Bett, es sei denn, es brenne. Ich bin seit 24 Jahren Wachtmeister bei der Feuerwehr. Letzthin brannte im Tal ein Schweinestall, 250 Tiere starben. Viele wurden aber gerettet, weil wir den grössten Teil des Stalls löschen konnten. Ausserdem stellten wir Scheinwerfer auf – Schweine laufen aufs Licht zu. In jener Nacht wurde ich um zehn vor elf aus dem Bett geläutet. 150 Mann waren im Einsatz. Nachts bekommt man immer die ganze Feuerwehr zusammen.»
Aufgezeichnet von Gudrun Sachse
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