Eine Sammelstelle für Flüchtlinge in Sarajewo. Etwa 200 Menschen stehen hier in einer langen Schlange, warten geduldig darauf, registriert zu werden. Auch im Krieg verlangt die Bürokratie ihren Tribut. Eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm, leichenblass, sichtlich schockiert, entsetzt: «Die Serben haben uns gesagt, dass wir eine halbe Stunde Zeit haben, um zu verschwinden. Ich konnte nur das mitnehmen, was ich für das Baby brauche. Sie haben uns sogar unser Geld weggenommen. Nun bin ich von meiner ganzen Familie getrennt.» Die Leute hier sind Muslime und Kroaten aus Grbavica, einem Stadtteil von Sarajewo, der in der Hand der Serben ist. Dort, so erzählt die Frau weiter, hätten die Serben alles, während für Angehörige der anderen Volksgruppen kaum noch etwas zu essen da sei. Und dann spricht sie einen Satz aus, der für fast alle Flüchtlinge im ehemaligen Jugoslawien gilt: «Jetzt haben wir nichts mehr ausser unserem Leben.»
Es gibt in Europa wieder Flüchtlinge, Menschen, die Haus und Hof verlassen müssen wegen eines überwunden geglaubten Rassismus. Menschen, die geächtet sind im eigenen Land, die ihr in langen Jahren zusammengespartes Hab und Gut zurücklassen müssen, um wenigstens ihr Leben zu retten - viele schaffen nicht einmal das. Und die Welt redet von Flüchtlingen! Wenn Begriffe Sinn machen sollen, so sind diese Menschen Vertriebene; ihr Schicksal erinnert in schrecklicher Weise an unselige Zeiten: «Es gibt hier fatale Parallelen zur Judenvertreibung», meint denn auch Claude Robert Ellner, der Leiter des deutschen Verbindungsbüros für humanitäre Hilfe in Zagreb. Und wie vor 50 Jahren die Mehrzahl der Deutschen, so empfindet auch heute die Mehrzahl der serbischen Kämpfer das Unrecht nicht, die Schande, die ihr Wüten für die menschliche Zivilisation bedeutet. Wir sind hinaufgefahren, in die Berge rund um Sarajewo, zu den Geschützstellungen, von denen aus die serbische Artillerie jedes einzelne Haus der Stadt zusammenschiessen kann. Er befinde sich hier auf seinem Territorium, sagt uns einer der Kämpfer. «Wir verteidigen hier unsere serbischen Häuser, unsere serbischen Frauen, Kinder, Mütter. Wenn wir nicht hier wären, gäbe es die Unsrigen nicht mehr, weder hier noch an anderen Orten, wo Serben leben.» Sie verteidigen sich nur und hätten auch keine schweren Waffen. Für die Zeit unseres Interviews hat der Kommandeur eine Feuerpause befohlen, danach aber wird sofort wieder gnadenlos gebombt.
Sarajewo, so schien es vor dem Krieg, war ein gelungenes Beispiel für multikulturelles Zusammenleben. Die drei Nationen, Serben, Kroaten und Muslime (die von Tito in den Rang einer staatstragenden Nation erhoben worden waren), lebten friedlich zusammen, zwischen den Religionen gab es keine Probleme. Hier stehen im Umkreis von wenigen Metern geradezu symbolhaft, wie eine Verwirklichung von Lessings Ringparabel, eine katholische und eine orthodoxe Kirche, eine Moschee und die Synagoge. Streit zwischen Muslimen und Serben schien undenkbar. Und heute? Wir fragen die serbischen Kämpfer, ob sie sich ein Zusammenleben mit den anderen Nationalitäten nach dem Krieg vorstellen können. Ein Zusammenleben mit den Muslimen, sagt einer, sei unvorstellbar, schlicht unvorstellbar, das könne es künftig nicht mehr geben. Die vergangenen 40 Jahre seien sowieso eine Farce gewesen, an all das Gerede von Einheit und Brüderlichkeit glaube er nicht mehr. Man könne überhaupt niemandem mehr glauben, sondern nur noch kämpfen. Sein persönliches Motiv für diesen Krieg ist ein rein serbisches Bosnien-Herzegowina. Ein anderer ergänzt: «Nachdem die Muslime ihre Hände blutig gemacht und in vielen Orten unseres Landes einen Massenmord ausgerichtet haben, wird ein Zusammenleben wohl sehr schwierig sein.»
Da ist es wieder, jenes böse Wort, auf das keiner der serbischen Kämpfer verzichten mag: Genozid, Völkermord, den natürlich immer die anderen an den Serben begehen. Die von den grossserbischen Ideologen und ihren Büchsenspannern in den Massenmedien ausgegebene Parole wird an der Front unablässig nachgebetet - ungeachtet aller persönlichen Erfahrung. Nein, gibt einer auf unsere Frage zu, ob denn er oder jemand seiner Familie je von Muslimen angegriffen worden sei, nein, das sei nicht vorgekommen. Und dann, als er realisiert, dass die Antwort mit den zuvor geäusserten Propagandaphrasen nicht vereinbar ist, fügt er eilends hinzu, dass er aber genügend Beispiele kenne.
Was Genozid in Wirklichkeit ist, erfahren die Muslime in Bosnien-Herzegowina zurzeit fast überall. Zum Beispiel in Gorazde. Seit dem Frühsommer ist die Kleinstadt südöstlich von Sarajewo von der serbischen Soldateska eingeschlossen; wie in Sarajewo hält sie die Hügel rund um die Stadt besetzt, feuert mit schweren Waffen nahezu ununterbrochen. 40 000 Menschen wohnten in der Stadt, hinzu kamen rund 60 000, die vor dem Terror der serbischen Extremisten in den scheinbar sicheren Ort flohen. Von Sarajewo aus haben wir Funkkontakt mit dem Bürgermeister von Gorazde. Sie hätten dort nichts mehr zu essen, sagt er. Täglich verhungerten mehr als ein Dutzend Menschen. Man könne sie nicht einmal begraben, denn überall schlügen die Granaten ein. Jeden Morgen müssten die Toten und die Verletzten mit blossen Händen unter dem Schutt der Häuser ausgegraben werden. Verwundete würden ohne Betäubung operiert. In dieser Stadt gebe es fast nichts mehr, was noch zerstört werden könnte. Zuletzt sagt er etwas, das das ganze Ausmass der Katastrophe zusammenfasst: «Retten kann uns niemand mehr, aber bestattet wenigstens unsere Leichen, wenn ihr sie findet, in Würde.»
Das Schicksal von Gorazde macht auch deutlich, wie der Vernichtungsfeldzug der serbischen Militärmaschinerie funktioniert, ohne dass es zu energischen Protesten oder gar zu einem militärischen Eingreifen kommt: Uno und EG begnügen sich mit humanitärer Hilfe, die Welt schaut wie gebannt auf Sarajewo, und kaum jemand nimmt zur Kenntnis, was sich tagtäglich an andern Orten des ehemaligen Jugoslawien abspielt. Etwa, was Roy Gutmann vom «Newsday» schildert: Im Norden Bosniens deportieren die serbischen Besatzungstruppen Tausende muslimischer und kroatischer Zivilisten in versiegelten Güterzügen. In jeden der zumeist für Viehtransporte bestimmten Waggons werden Hunderte von Frauen, Kindern und älteren Menschen gepfercht. Die Fahrt nach Zentralbosnien dauert mindestens drei Tage, berichten Deportierte, die diese Qual überlebt haben. Es habe nichts zu essen gegeben und kein Wasser, keine Frischluft, erzählt Began Fazlip. Weil es keine Toiletten gab, sei der Waggonboden mit Exkrementen überhäuft gewesen. Viele Kinder und Kranke seien während der Fahrt gestorben. «Man konnte nur die Hände der Menschen durch die Luftlöcher sehen», erinnert sich einer, der einen solchen Transport gesehen hat, «aber wir durften nicht näher herangehen.» Die Serben leugnen die Deportationen nicht einmal. «Wir haben einen sicheren Transport für die Muslime, die emigrieren wollen, arrangiert», sagt Stojan Zupljanin, der Polizeichef von Banja Luka. Durch die zweitgrösste bosnische Stadt, eine Festung der Serben, fahren während der nächtlichen Ausgangssperre regelmässig versiegelte Güterzüge.
Grauenhafte Geschichten machen unter den Vertriebenen in den Sammel- und Auffanglagern die Runde: Da soll ein Serbe seine Ehefrau eigenhändig umgebracht haben, weil sie eine Kroatin war; da soll ein Serbe, der sich weigerte, seinen kroatischen Nachbarn zu erdolchen, mit diesem zusammen erschossen worden sein - Berichte, die wohl kaum jemand nachprüfen kann, die aber für den, der die hasserfüllte Situation im ehemaligen Jugoslawien kennt, durchaus glaubhaft klingen. Er entdecke mit Schrecken, sagt uns ein kroatischer Intellektueller, dass «die Bestie in ihm» immer öfter zum Vorschein komme und er nichts dagegen tun könne.
Einer, der aus einem Lager entkommen ist, in dem Bosnier und Kroaten von den Serben interniert wurden, erzählt, sie hätten sich immer neue Gemeinheiten einfallen lassen: Bald mussten sie alle «Gras fressen», um dem Kugelhagel über ihren Köpfen zu entgehen, bald wurden sie gezwungen, «freudig serbische Lieder anzustimmen»; bald mussten sie serbische Flaggen hissen, bald serbische Gräber küssen. «Wer sich widersetzte, wurde einfach erschossen.» Zuletzt zeigt uns der Mann seinen von blauen Flecken und Narben übersäten Oberkörper. Übereinstimmend berichten die Vertriebenen, mit welch gnadenloser Systematik die Serben bei der «ethnischen Säuberung» vorgehen. Dorf um Dorf wird beschossen und mit Barrikaden gesichert, um die geflohenen Nichtserben an der Rückkehr zu hindern. Mit dieser Salamitaktik erreichen die Serben, dass sie die Dörfer und eben auch den Besitz der Geflohenen in ihre Gewalt bringen - vieles von dem, was geplündert wird, findet man später auf dem Schwarzmarkt in Belgrad wieder. Und durch die Ansiedlung von Serben werden neue Mehrheiten geschaffen, «ethnisch reine» Gebiete. «In 20 Minuten war alles vorbei», berichtet eine Frau. Es habe 105 Tote gegeben. Die Überlebenden hätten ein grosses Loch graben müssen, in dem die Leichen verscharrt worden seien. Sie wussten, was auf sie zukam, als die serbische Polizei und Tschetniks ins Dorf einfuhren. Auf einem der Fahrzeuge war aufgepinselt: «Schlachtwagen».
Wie es weitergehen soll, weiss keiner der Vertriebenen. Manch einer klammert sich an die Hoffnung, eines Tage doch zurückkehren, wieder von vorne anfangen zu können. Manch anderer versinkt in Hoffnungslosigkeit angesichts der Tatsache, dass sein Haus geplündert und niedergebrannt, sein Lebenswerk zerstört ist. Fast alle sind sich jedoch einig: Das Zusammenleben mit den Serben ist künftig nicht mehr möglich. Es seien Tschetniks aus Serbien und Montenegro gewesen, die ihre Häuser niedergebrannt hätten, sagt uns einer. «Aber unsere einheimischen Serben haben zugesehen und keinen Finger gerührt; sie sind mitverantwortlich.»
Die Uno-Hochkommissarin für Flüchtlingsfragen, die Japanerin Sadako Ogata, sagt, sie habe ein Ausmass an Zerstörung und Entwurzelung gesehen, wie es das seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa nicht gegeben habe. Wie Abhilfe zu schaffen wäre, weiss sie nicht, weiss derzeit wohl niemand.
Detlef Kleinert ist Südosteuropa-Korrespondent des Ersten Deutschen Fernsehens ARD in Wien.