NZZ Folio 09/93 - Thema: Arbeit   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Arbeit?

Von Andreas Heller

Ist die Arbeitslosigkeit die Geissel der hochautomatisierten und globalvernetzten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft des ausgehenden Jahrhunderts? Die fast täglich publizierten Statistiken und Prognosen - 160 000 Arbeitslose zählte die Schweiz in diesem Sommer, 36 Millionen Arbeitslose sagt die OECD ihren Mitgliedstaaten für das nächste Jahr voraus - legt diesen Schluss nahe; wir befinden uns mitten in der Krise, und die Diskussion darüber, was dagegen zu unternehmen wäre, ist in vollem Gang. Arbeitszeitverkürzung, Deregulierung, Beschäftigungsprogramme sind nur drei Stichworte in den Gesprächen über die möglichen Massnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Das vorliegende Heft vermeidet es bewusst, in den Chor der Expertenmeinungen einzustimmen. «Arbeit» heisst sein Titel, und damit ist das Thema von vorneherein so breit gefasst wie nur möglich, so breit, dass die Überlegungen über das streng Ökonomische hinaus gespannt werden können. Patentrezepte für die Zukunft sucht man in diesem Heft vergebens, um so häufiger werden die Leser dafür mit Fragen konfrontiert: Was ist Arbeit? Was bedeutet sie dem einzelnen? Welches - und wie «gerecht» - sind die Kriterien, nach denen Arbeit entlöhnt wird? Wodurch unterscheidet sich Tätigkeit von Arbeit? Und wohin bewegt sich die Arbeitsgesellschaft, die zunehmend auch eine Freizeitgesellschaft ist? Die Aussagen und Beobachtungen derer, die in diesem von der Redaktion abgesteckten Feld zu Wort kommen - der Historiker, der Ökonom, der Industrielle, - die Werktätigen -, sind so unterschiedlich wie die Menschen und die ihnen eigenen Arbeitswelten. Ansichten zur Arbeit das sind, wie dieses Heft zeigt, fast immer auch Geschichten, die ein bisschen an das Kinderbuch «Frederick» von Leo Lionni über eine Familie schwatzhafter Feldmäuse erinnern. Darin es heisst: «Und weil es bald Winter wurde, begannen die kleinen Feldmäuse, Körner, Nüsse, Weizen und Stroh zu sammeln. Alle Mäuse arbeiteten Tag und Nacht. Alle - bis auf Frederick. <Frederick, warum arbeitest du nicht?> fragten sie. <Ich arbeite doch>, sagt Frederick, <ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten, dunklen Wintertage.>»




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