Wissen Sie noch, wie Jimmy Carter in Polen versicherte, er liebe das polnische Volk, sein Übersetzer jedoch für «lieben» ein polnisches Vulgärverb einsetzte, das dringendes Bedürfnis nach Sexualverkehr ausdrückte? Wie nach 1945 Deutschland Mais ass, weil ein Übersetzer aus «wir brauchen Korn» (=Getreide) «we need corn» (=Mais) machte?
Das von L. Ethe herausgegebene Buch «Charons Klöpse» enthält Kostbarkeiten aller Art, von Übersetzern im Lauf der Jahrhunderte produziert. Bekanntlich ist Charon Schutzpatron der Zunft - verschieben Sie den Akzent bei übersetzen auf die erste Silbe, dann wissen Sie, weshalb so viele Autoren das andere Sprachufer nur in gemeucheltem Zustand erreichen. Die Klöpse, oft bizarre Fehlleistungen, ergeben ein wundersam und oft herzzerreissend komisches Werk, mit Sonderkapiteln zu Film, Politik und ähnlichem. Ansonsten ist es alphabetisch nach (entstellten) Autoren gegliedert, unter diskreter Weglassung der Namen der Übersetzer.
Wissen Sie, was «Dresdener Chinoiserien» sind? Das ist die kühne Übersetzung von «Dresden china», im Englischen der Begriff für sächsisches (speziell Meissener) Porzellan. Wussten Sie, dass in Frankreich anno 1790 «Mord und Arsen» herrschten? So belehrt uns die Synchronisation eines Mantel-und-Degen-Films; im Original waren es «Mord und Brand», Murder and arson». Apropos Film: In «La grande bouffe» wies ein Protagonist auf das Chaos aus prallen Leibern und halbleerem Geschirr und rief «nature morte». «Stilleben»? Mitnichten; die Synchronisation sagt «tote Natur».
Es gibt Formen seltsamen Verkehrs, ungeahnt und nie erblickt: Im Werk eines Südamerikaners wird um 1880 in London ein Passant von einem Fuhrwerk überfahren, und die «Hufe des Kamels spalteten ihm den Schädel». Die lappigen Füsse des Tragtiers Kamel, als Zugtier eingesetzt in London? Der berittene Übersetzer hätte einen Blick in ein Spanisch-Wörterbuch werfen sollen - da steht «jamelgo» drin, sieht fast so aus wie «camello», heisst aber Klepper oder Schindmähre.
Manchmal scheinen die Fehler gar keine zu sein. «Doch ich ging lieber zu Bett, denn ich war recht müde» sieht, bis auf die fehlende Inversion nach «doch», fast korrekt aus; das Original lautet «But I preferred to go to bed, being rather tired.» Tatsächlich ist die Übersetzung indiskutabel, denn der Satz steht in einem Dialog, ist also gesprochen, nicht geschrieben, und deutsche Sprecher verwenden ausser bei Hilfsverben kaum je Imperfekt, «doch» und «denn» meist nur in Emphasen («hab ich doch gemacht!») oder Fragen («was denn noch?»), so dass es sprechbar lauten müsste: «Ich bin aber lieber ins Bett gegangen; ich war nämlich ziemlich müde.» Das ist keine Haarspalterei, denn Charakterisierung durch Sprache ist so unendlich wichtig, dass Stümperei hierbei fast schlimmer ist als direkte Fehler.
Derlei mag lehrreich sein; amüsanter ist es aber, wenn hinterm Genie der Wahnsinn lodert («ich habe nicht wohin zu gehen» für «I've got nowhere to go») oder die Sache vom Subtilen ins Lächerliche glitscht wie in einer Maupassant-Stelle, wo von einer Frau geredet wird, die ihren schwierigen Gemahl mit «délicatesse» (Feinfühligkeit) zu behandeln weiss. In der Übersetzung tischt sie ihm «Leckereien» auf.
Delikatessen dieser Art enthält das Buch reichlich, auch in der Umkehr, in Übersetzungen aus dem Deutschen. Ein hübsches englisches Beispiel: Ein Übersetzer lässt den Protagonisten Selbstmord begehen; dieser taucht aber weiterhin im Buch auf. Herbes Missverständnis: «he committed suicide» gibt «er legte Hand an sich» wieder; gemeint war Onanie. Und von diesen Delikatessen sollte man häppchenweise naschen; nicht überfressen! Hoffentlich gibt es bald einen zweiten Band.
L. Ethe (Hg.): Charons Klöpse. Stücks Verlag, Passau 1991.