MAN KÖNNTE MEINEN, Kirchenbücher seien eher langweilige Lektüre. Was jedoch eine Forschergruppe vom Institut für Anthropologie der Universität Göttingen bei der Durchsicht alter Kirchenbücher aus Norddeutschland entdeckte, ist hochinteressant.
Unter der Leitung von Eckart Voland wurden die Lebensdaten von 50 000 Personen aus 13 benachbarten ostfriesischen Kirchspielen aus dem 18. und 19. Jahrhundert analysiert. Dabei stiessen die Forscher auf soziobiologische Manipulationen, wie man sie aus der Tierwelt kannte, in christlichen Gesellschaften aber nicht in solcher Deutlichkeit vermutete.
In der Region Krummhörn lebten damals eher ärmliche Landarbeiter und eine Oberschicht reicher Bauernfamilien. Während es nun für das Überleben eines Arbeitersohnes keine Rolle spielte, wie viele Brüder er hatte, war für einen Bauernsohn die Wahrscheinlichkeit, dass er im ersten Lebensjahr starb, um so höher, je mehr Brüder bereits vorhanden waren. Die Erklärung: In der Krummhörn erbte der jüngste Sohn den Hof und musste alle Brüder auszahlen, was die wirtschaftliche Basis des Hofes empfindlich schmälerte. Und da in dieser Region bereits alles Land genutzt war, hatten die «überzähligen» Söhne keine Aussicht auf eine eigene bäuerliche Existenz. Unbewusst waren die Eltern deshalb am Gedeihen mehrerer Söhne wenig interessiert. Anders bei den Landarbeitern. Bei ihnen spielte Besitz kaum eine Rolle, und es kam für die Familien nicht darauf an, wie viele Söhne heranwuchsen.
Bei den Grossbauern der ostfriesischen Moordörfer dagegen überlebten deutlich mehr Knaben. In dieser Region gab es damals noch viel unbebautes Moorland. Die Bauern waren deshalb sehr wohl an vielen Söhnen interessiert, damit sie weitere Höfe gründen konnten. Dass bei solcher nachgeburtlichen Familienplanung auch die gesamte Fortpflanzungsbilanz im Auge behalten wurde, zeigt die Mädchensterblichkeit: Sie war bei den Bauern in den Moordörfern deutlich höher als in der Krummhörn. Bei den Landarbeitern wiederum ging es Töchtern und Söhnen ähnlich gut.
Solche geschlechtsspezifische Selektion zahlte sich langfristig durchaus aus. So trug etwa der Stammbaum von Krummhörner Bauernpaaren, die zwischen 1720 und 1750 geheiratet hatten, im Mittel nach hundert Jahren fast doppelt so viele Früchte wie derjenige anderer Ehepaare der gleichen Generation.