WIE DENKEN DIE MENSCHEN über den nächsten Krieg, unmittelbar nachdem einer zu Ende gegangen ist? Den meisten kommt es überhaupt nicht in den Sinn, an Krieg zu denken. Die Sieger frohlocken, die Besiegten murren. Beide weisen jeden Gedanken an eine Wiederholung von sich. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, in den mit Ausnahme einer Handvoll sämtliche der damals existierenden Staaten verwickelt waren, war die Welt vom Glauben an die Unmöglichkeit eines künftigen Krieges beseelt. Sogar die Sieger - die Vereinigten Staaten ausgenommen - waren erschöpft und ausgelaugt. Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki schien eine Ära angekündet zu haben, in der Krieg unmöglich würde.
Doch auch am Ende des Ersten Weltkrieges hatte der Gedanke, dies sei der «Krieg zur Beendigung der Kriege» gewesen, rasch an Boden gewonnen. Er war zum Abschluss gekommen, weil die Deutschen erschöpft waren, aber geradesogut hätte dies der Erschöpfung der Engländer oder der Franzosen wegen der Fall sein können. Die Zerstörungen, die er verursacht hatte, die Kosten, die er nach sich zog, und vor allem der schreckliche Tribut an Menschenleben, den er gefordert hatte - mehr als zehn Millionen waren auf den Schlachtfeldern gefallen - , schienen von einer unwiederholbaren Grössenordnung. 1923 richtete sich die offizielle britische Regierungspolitik darauf ein, dass es in den kommenden zehn Jahren keinen grösseren Krieg mehr geben würde, und diese «Zehnjahresregel» wurde Jahr für Jahr fortgeschrieben, bis Hitler 1935/36 seine Aufrüstungspolitik begann.
Der «Krieg zur Beendigung des Krieges» bedeutete in der Praxis weder 1918 noch 1945 das Ende der Kriege. In der Nacht des Waffenstillstandes von 1918 bemerkte der britische Premierminister Lloyd George zu Winston Churchill: «Die Schlacht der Riesen ist vorüber. Ich befürchte, nun beginnt die Schlacht der Zwerge.» Er hatte recht. Ein paar der Zwerge hatten bereits zu kämpfen begonnen. Es waren die Minderheiten im Innern der Imperien, die nach nationaler Unabhängigkeit verlangten, oder Klassen, die soziale Strukturen zu verändern oder zu bewahren suchten, oder imperiale Völker, die ihre Vorherrschaft durch die Niederlage bedroht sahen, oder aber Revolutionäre, denen die Niederlage eine Chance gab. 1919 kämpften die Griechen gegen die Türken für die «grosse Idee» der Wiedererrichtung eines hellenistischen Imperiums, die Polen gegen die Russen für die Errichtung von Grosspolen, Deutsche gegen Deutsche für die soziale Revolution, Iren gegen Briten für die Unabhängigkeit; in Russland führten Rote und Weisse einen Bürgerkrieg um die Kontrolle der Staatsmacht, und eine ganze Anzahl früher dem Zar untertaner Völker in Transkaukasien, im Baltikum und in Zentralasien kämpften für ihre Freiheit.
Genau dasselbe Muster wiederholte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Ungeachtet der Erschöpfung der Geschlagenen und vieler der Sieger wurde der Frieden als Chance wahrgenommen, nationale Unabhängigkeit zu erlangen oder revolutionäre Regime zu errichten, so von den Indonesiern, den Kommunisten in Vietnam, China und Malaysia sowie später auch von den Algeriern und den Untertanen des portugiesischen Kolonialreiches in Schwarzafrika. Einer der am erbittertsten geführten Feldzüge war derjenige der Juden im britischen Mandatsgebiet von Palästina, deren Guerillakrieg die Briten zwang, frustriert abzuziehen, während am Horizont ein Krieg zwischen dem selbsternannten Staat Israel und seinen arabischen Nachbarn dämmerte.
Grosse Kriege brauchen nicht in einen allgemeinen Widerwillen gegen den Krieg zu münden. Die Niederlage oder Erschöpfung der Mächtigen gibt den Schwachen die Gelegenheit, für das zu kämpfen, was sie normalerweise nicht erreichen könnten. Das Ende des kalten Krieges hat den früher von den Supermächten abhängigen Staaten die Freiheit gegeben, nationale oder regionale Interessen zu verfolgen, die in der Zeit der Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion blockiert waren. Der Golfkrieg ist ein Beispiel eines solchen Ausbruchs, andere Beispiele sind die Kriege im Transkaukasus zwischen Armenien und Aserbeidschan, in Tschetschenien und in Ossetien.
Das Verhalten kleiner oder schwacher Staaten ist jedoch nicht der Punkt, um den es geht. Solche Staaten vermögen kaum ernsthafte Schwierigkeiten zu verursachen, solange sie keine Grossmacht im Rücken haben, die das will. Ihnen mangelt es sowohl an Reichtum wie an Produktionskapazität, einen Krieg mit Waffen und Geld zu alimentieren. Es ist die Haltung der Grossmächte, die uns beschäftigen muss. Sie sind es, die grosse Kriege führen, und sie sind es auch, die über die grösste Erfahrung verfügen, was das Führen, Gewinnen oder Verlieren von Kriegen betrifft.
Die Napoleonischen Kriege erschöpften Sieger und Besiegte gleichermassen, mit Ausnahme Grossbritanniens, das, wie die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg, im Überseehandel dominierend daraus hervorging. Was aber wichtiger ist: nun waren alle neurotisch auf der Hut vor der Revolutionsgefahr im eigenen Haus. Metternich gelang es im Wiener Kongress von 1815, «Legitimität» als das Prinzip internationaler Beziehungen zu etablieren, und das bedeutete letztlich die Unterstützung der Monarchie und die Unterdrückung des Nationalismus.
Der Nationalismus war jedoch nicht die einzige Bewegung, die sich im postnapoleonischen Europa auf den Marsch machte. Ebenfalls auf dem Vormarsch war eine Volksbewegung, die sich sozialistisch oder kommunistisch nannte. Nach 1848, einem Jahr der Revolutionen, die sowohl nationalistisch wie sozial waren, gewann diese Bewegung auf dem ganzen Kontinent an Stärke. Der Sozialismus hatte sein eigenes Kriegsprogramm. Mehr als in der Staatsmacht sah er im Kapitalismus seinen Feind, und er trat dafür ein, eine starke Arbeiterklasse heranzuziehen, um die herrschende Ordnung zu ändern. In seinem Kommunistischen Manifest rief Marx das Proletariat auf, «industrielle Armeen» zu bilden mit dem Ziel, das bestehende ökonomische System umzukrempeln. Nach dem Französisch-Preussischen Krieg von 1870/71 sahen die Franzosen den Krieg der Zukunft eher als einen Kampf zwischen Klassen denn als einen zwischen Nationen. Die Preussen waren nach 1848 zur gleichen Ansicht gelangt. Beide hatten ihre Armeen gegen das eigene Volk einsetzen müssen. Die Unterdrückung der sozialen Revolution schien notwendig, um, wie in Preussen, die Legitimität aufrechterhalten oder, wie in Frankreich, Kriege im Ausland führen zu können.
Ebenso drohte nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und in Österreich die soziale Revolution. Anders hingegen wurde ein künftiger Krieg in Frankreich gesehen. Frankreich hatte mehr gelitten als jede andere der wichtigen Kriegsparteien. Vier von neun Männern im wehrpflichtigen Alter waren getötet oder verwundet worden; die Gesamtzahl der Opfer belief sich auf 1,7 Millionen. Die Franzosen waren entschlossen, ihr Land nie mehr eine ähnliche Tragödie erleiden zu lassen, und sie ersannen verschiedene Mittel, sich gegen Deutschland zu sichern. Eines davon war die Besetzung wichtiger Grenzgebiete. Ein anderes war, auf lähmenden Reparationszahlungen zu bestehen, und ein drittes, harte Abrüstungsmassnahmen zu verordnen. Entscheidend jedoch war das 1930 in Angriff genommene Abwehrsystem entlang der französisch-deutschen Grenze, die Maginot-Linie - entworfen, um sicherzustellen, dass jeder künftige Angriff Deutschlands auf Frankreich zum Scheitern verurteilt war.
Sie hielt, wie wir wissen, nicht, was sie versprach. Frankreich wurde 1940 von einer Offensive überrannt, welche die Maginot-Linie über Belgien umging, und fiel unter deutsche Besetzung, der erst 1944 die anglo-amerikanische Invasion im Westen ein Ende setzte.
Amerikas Intervention im Zweiten Weltkrieg stiess zwei Entscheidungen um, die am Ende des Ersten Weltkrieges gefasst worden waren und die beide illustrieren, was unmittelbar nach einem Krieg als vordringlich erachtet wird. Die erste besteht darin, Organisationen zu schaffen, die den Krieg als ein Mittel der internationalen Auseinandersetzung verdrängen zugunsten des von Sanktionen untermauerten Schiedsspruchs. Der Völkerbund, der seinen Ursprung dem Idealismus von Präsident Woodrow Wilson verdankt, hat diese Form der Konfliktbewältigung im wesentlichen hervorgebracht und geprägt. Die zweite Entscheidung läuft darauf hinaus, sich aus internationalen Angelegenheiten überhaupt herauszuhalten. Von Anfang an hatten die Vereinigten Staaten sich abseits vom Rest der Welt gehalten. «Aufrichtige Freundschaft gegenüber allen, bindende Allianzen mit keinem» war das Prinzip der Aussenpolitik der Gründerväter im achtzehnten Jahrhundert. Im neunzehnten wurde aus diesem Prinzip eine Doktrin, als Monroe europäische Einmischung auf dem amerikanischen Kontinent ausschloss.
Der amerikanische Isolationismus hielt sich bis 1917 und wurde unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg fortgesetzt, auf Kosten des Völkerbundes, der so seiner Wirksamkeit weitgehend beraubt wurde. Er wäre wohl auch nach 1945 fortgesetzt worden, hätte nicht die Stalinsche Aussenpolitik den Vereinigten Staaten den kalten Krieg aufgenötigt.
Die amerikanische Haltung zum Krieg unmittelbar nach dem Zusammenbruch Deutschlands und Japans spiegelt in gewisser Weise die Situation am Ende des Ersten Weltkrieges. Es gab einen kurzen Versuch des Isolationismus, obwohl er an grosse Hoffnungen in eine neue internationale, friedenserhaltende Organisation, die Vereinten Nationen, geknüpft wurde. Geschaffen für dieselben Ziele wie der Völkerbund, wurden sie mit einem effektiveren Sanktionsmechanismus ausgestattet. Das alles repräsentierte einen Strang der amerikanischen Strategie; und die Hoffnungen in die Wirksamkeit der Vereinten Nationen wurden von der Mehrzahl ihrer Gründungsmitglieder geteilt. Der andere Strang war ganz und gar neu. Er basierte auf dem Glauben, eine neue Waffe, die Atombombe, verunmögliche den Krieg in grossem Massstab zwischen Grossmächten. Dieser Glaube hat sich, zur grossen Erleichterung der Weltbevölkerung, bis anhin als begründet erwiesen.
Die Atombombe hat indes den Krieg nicht generell abgeschafft, wie sich das die Zuversichtlichsten unmittelbar nach Hiroshima erhofften. Beklagenswerterweise hat es auch nach 1945 eine ganze Menge Kriege gegeben. Sie begannen fast zugleich mit der Deklaration des allgemeinen Friedens, gingen stetig im einen oder anderen Teil der Welt weiter und kosteten Millionen, mehrheitlich Zivilisten, das Leben. Das Schicksal der Unschuldigen stand für Präsident George Bush im Vordergrund, als er 1989, zum Ende des kalten Krieges, den Beginn einer «Neuen Weltordnung» verkündete.
Die Idee einer neuen Weltordnung ist typisch für eine Nachkriegszeit. Zwar war der Krieg ein kalter Krieg gewesen, gekennzeichnet dadurch, dass die Hauptkontrahenten nicht darauf aus waren, sich gegenseitig umzubringen oder zu zerstören. Aber die Realität des Krieges, ungeachtet seiner Kälte, wurde allgemein hingenommen.
Man könnte denken, dass die Pläne für eine neue Weltordnung in den vergangenen sechs Jahren zu breit und voreilig verworfen worden sind. Präsident Bush hatte die Hoffnung herausgestrichen, ein postkommunistisches Russland und die unbeirrt idealistischen Vereinigten Staaten würden die kriegerischen Impulse in instabilen Regionen der Welt mit vereinten Kräften in Schranken halten. Tatsächlich hat sich die Instabilität als zu weitverbreitet und die Gewalt, die sie zur Folge hat, als zu intensiv erwiesen, als dass Aussenstehende das Ganze im Zaum hätten zu halten vermögen. Desungeachtet lebt die Hoffnung weiter. Francis Fukuyama hat in seinem berühmten Essay über das «Ende der Geschichte» die Aussicht auf ein Ende der Kriege damit begründet, die Ausbreitung liberaler Demokratien in der Welt werde die politischen Bedingungen, die Staaten für Kriege anfällig machen, beseitigen. Seiner Ansicht nach kann die Fortsetzung von Gewalt in Staaten wie Somalia und Rwanda oder die Aggression von Staaten wie dem Irak mit dem Umstand erklärt werden, dass keiner davon eine Demokratie ist.
Es gibt eine andere Sichtweise, die weniger idealistisch, mehr realistisch ist. Man kann die Welt einteilen in Gebiete, wo der Friede mittels normaler Diplomatie aufrechterhalten werden kann, und in solche, wo dies nicht der Fall ist. Die Zonen der «Normalität» sind derzeit sehr gross, grösser als je zuvor, dank des Wachstums supranationaler Organisationen wie der Europäischen Union und der Assoziation der Nato mit den Ländern des ehemaligen Warschaupakts. Was die «abnormalen» oder instabilen Zonen betrifft, können sie in zwei Gruppen unterteilt werden. Es gibt Gegenden wie das frühere Jugoslawien, wo ein genügender Grad von politischer und administrativer Organisation die Intervention von Friedenstruppen ermöglicht, die eindämmend und aufbauend wirken. In Ex-Jugoslawien vermochten die Vereinten Nationen, ungeachtet vieler Rückschläge, Waffenstillstände zu verhängen und eine Zeitlang aufrechtzuerhalten, was mancherorts die Not gemildert hat. Es gibt andere Gegenden, wie Afghanistan, wo Hass und Rivalität im Innern so intensiv und die Standpunkte von Stammes- und Parteiführern so verhärtet sind, dass es nicht möglich scheint, mittels Einmischung von aussen irgendeine Art von Frieden zu schaffen.
Die Ansicht, manche Formen der Kriegführung nach dem kalten Krieg seien schwer zu beeinflussen und die, die darin involviert sind, sogar die unschuldigen Opfer, müssten sich selbst überlassen werden, gewinnt unzweifelhaft an Boden. Sie repräsentiert den ersten schweren Rückschlag der Hoffnung auf eine neue Weltordnung. Vielleicht war diese Hoffnung schon immer überzogen. Es ist gewiss realistischer, zu akzeptieren, dass die Ressourcen, die die verantwortliche internationale Gemeinschaft für die Aufrechterhaltung des Friedens einsetzen kann, begrenzt sind; und begrenzt ist auch das Wohlwollen der Wählerschaft und der steuerzahlenden Bevölkerung, die das trägt. Krisen in unstabilen Gegenden werden die internationale Entschlossenheit, die Normalität wiederherzustellen, nur dann mobilisieren, wenn der allgemeine Friede oder vitale nationale Interessen von Grossmächten oder ihren Verbündeten bedroht sind.
Die Golfkrise von 1990/91, die fürchten liess, ein grosser Teil der Weltvorräte an Öl falle unter die Kontrolle eines regionalen Kriegsherren, schweisste die Ölabnehmerstaaten zusammen und veranlasste sie dazu, eine internationale Expedition auf die Beine zu stellen, um Saddam Hussein zu schlagen und die Souveränität Kuwaits wiederherzustellen. Nichts deutet darauf hin, dass die Vereinten Nationen oder ihre wichtigsten Mitgliedstaaten sich für eine ähnliche Krise rüsteten, sollte sie eintreten. Doch es ist wahrscheinlich, dass sie eintreten wird, und in schlimmerer Form. Zahlreiche potentiell aggressive Staaten geben weiterhin eine Menge Geld für Waffen aus und streben nach dem Besitz von chemischen und nuklearen Waffenarsenalen. Gelingt ihnen dies, werden sie schwer im Zaum zu halten sein.
Der Atomsperrvertrag, einer der wenigen grossen Erfolge der Diplomatie des kalten Krieges, hat funktioniert, weil beide Supermächte ein starkes Interesse hatten, ihr nukleares Duopoly zu spielen. Und solange die meisten Staaten der Welt verpflichtet waren, entweder den Vereinigten Staaten oder der Sowjetunion zu folgen, konnten regionale nukleare Erpressungsversuche oder Konflikte verhütet werden.
Es dringlich, neu und konstruktiv über den künftigen Krieg nachzudenken. Es mag sein, dass den Vereinten Nationen mehr Macht zur Intervention - und das in einem früheren Stadium einer friedensbedrohenden Situation - verliehen werden muss. Wenn es dabei am Willen einer Mehrheit der Mitgliedstaaten mangelt, dann muss die Verantwortlichkeit von einer Grossmacht oder mehreren übernommen werden, mit oder ohne Verbündete. Die einzige Macht mit der Stärke, dies zu tun und eine Allianz zu führen, sind zurzeit die Vereinigten Staaten. Unter der gegenwärtigen Administration zögert man, über einen künftigen Krieg nachzudenken. Ändert sich das unter einer nächsten Administration nicht, wird die Aussicht auf eine sichere Welt für die kommenden Generationen schlecht sein.
John Keegan ist Militärhistoriker und beim «Daily Telegraph» für Verteidigungsfragen zuständig; er lebt in Warminster, England. Soeben ist von ihm bei Rowohlt «Die Kultur des Krieges» erschienen.