In der Hochblüte des technischen Zeitalters, so möchte man annehmen, bedarf es längst nicht mehr besonderer Geschicklichkeit, den feierlichen Akt des Entkorkens zu vollziehen. Möchte man annehmen.
Doch schon naht das Unglück: Der Korkzapfen, soeben noch fest im Griff, widersetzt sich mit allen Mitteln, rächt sich schliesslich mit der Auflösung seiner selbst, er zerbröselt, bricht ab und setzt sich fest - Miststück!
Einverstanden, das Missgeschick ereignet sich glücklicherweise eher selten, aber stets im unpassendsten Moment. Stellen Sie sich vor, Sie haben den Tannenbaum geschmückt, der brasato im Ofen ist endlich gar (nachdem die Schwiegermutter mit dem Tellerwärmer die Sicherung exekutiert hatte), die Verwandtschaft sitzt schon ungeduldig um den Tisch - und jetzt bemerken Sie, dass Sie den Wein immer noch nicht aus dem Keller geholt haben. Nun werden Sie vielleicht ein wenig nervös. Und schon ist es geschehen.
Erster Rat betreffs Entkorkens deshalb: Bewahren Sie selbst unter widrigsten Bedingungen ruhig Blut. Der erfahrene Entkorker ist vor allem daran zu erkennen, dass er seine Flaschen mit derselben Abgeklärtheit präpariert, die wir von einem Jumbo-Kapitän stets erhoffen. Behandeln Sie grundsätzlich jede Flasche gleich. Lassen Sie sich von keiner Etikette beeindrucken. Beachten Sie allerdings, dass grosse Lagerweine in der Regel auch mit grösseren, das heisst längeren Korken versehen sind, was besonders solides Handwerk verlangt. Und rechtes Werkzeug.
Man unterschätze keinesfalls die Evaluation des richtigen Zapfenziehers! Die Auswahl will mit Bedacht getroffen sein, reicht doch das Angebot heutzutage vom einfachen Militärsackmesser bis zum raffinierten High-Tech-Kellnerbesteck für ein paar hundert Franken. Hunderte von Modellen sind schon patentiert worden (allein in Grossbritannien zählt man über 350).
Nun dürfte das Beste (dem wir selbstverständlich stets verpflichtet sind) in diesem Fall für einmal auch das Vernünftige sein. Das Militärsackmesser gebraucht der zivile Entkorker somit nur in absoluten Notfällen. Das Gerät tut zwar noch durchaus seinen Dienst, moderneren Erkenntnissen der Entkorkungsmechanik vermag es jedoch nicht mehr zu genügen: Da jede mechanische Vorrichtung mit Hebel- oder Drehwirkung fehlt, eignet sich das Sackmesser nur für Muskelprotze; und mit der zu kurzen und zu dünnen Spirale (sie entspricht ziemlich genau der vor über 300 Jahren von einem englischen Bastler entwickelten Urform des Korkenziehers) erweist es sich bei sensibleren Korken oft als untauglich.
Also: Zum guten Korkenzieher gehört eine Spirale, die 60 Millimeter lang ist. Die Spitze muss scharf sein, nicht zentriert und dem Lauf der Spirale folgen. Und der Aussendurchmesser des Gewindes sollte rund 8 Millimeter betragen; die Innenwindung muss möglichst weit offen sein, damit die Spirale im Korken genügend Halt findet. Praktischer als Flügel- oder Hebelkorkenzieher sind sodann die im frühen 19. Jahrhundert patentierten Typen, bei denen mittels eines gezahnten Sperrgestänges die Korken durch kontinuierliches Rechtsumdrehen erfasst werden. Die modernste Version stammt von einem texanischen Raumfahrtingenieur und trägt die Markenbezeichnung «Screw Pull». Wer ihn kennt, weiss: Dieser Zapfenzieher ist modern, kinderleicht zu handhaben und bestechend einfach in seiner Funktionsweise. Alle anderen High-Tech-Geräte, etwa solche, die mit Druckluft arbeiten, sind dagegen blosser Schnickschnack und endgültig für out zu erklären.
Unendlich reizvoller erscheint mir unter dem Rubrum der Extravaganz - wenn schon, denn schon - jene Methode, die den Korkenzieher durchs mannhafte Schwert ersetzt. Michael Broadbent, Weinauktionator bei Christie's in London, nennt sie lakonisch «die halsbrecherische» und weiss zu berichten, dass sie vornehmlich von britischen Offizieren im Ruhestand vor dem Genuss alter Portweine zelebriert werde. Die Vorführung eines Colonels beschreibt er mit den Worten: «Im Verlaufe eines grossen Wein-Dinners stand er unvermittelt neben dem Kamin, die linke Hand hielt die untere Hälfte einer alten Portweinflasche, und mit der grössten Selbstverständlichkeit ergriff er ein über dem Feuer hängendes Schwert und durchhieb den Nacken in einem einzigen sauberen Streich! Die Flasche erhielt einen kleinen Stoss, doch war der Bodensatz fest genug, so dass das Dekantieren hinterher keine Probleme aufwarf. Beifall und Gelächter quittierte der alte Haudegen nur mit einem zufriedenen Schnauben.»
Nachahmung empfohlen. Jede Haftung wird abgelehnt.