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NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch Inhaltsverzeichnis
Wer wohnt da? -- Aufgeräumte Schatztruhe
© Heinz Unger
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| Eine untypische Küche – vor der Spüle liegt ein Perserteppich, an der Wand wacht der Hecht des Hauses. |
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Ein ausgestiegener Vielflieger, ein verschrobener Aikido-Meister? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Ein idyllisches Standbild zeigt sich uns hier. Die gläserne Breitseite lädt gleichermassen ein zum Rein- und zum Rausschauen, aber trotz Aussicht ins Grüne wird es einem irgendwie eng im Gemüt, nicht nur wegen der knappen Beinfreiheit vor dem Sofa.
Inszenierte Kontemplation ohne Weite: Der Wald erscheint wie eine Baumtapete durch quadratische Glasschaufenster, drinnen passt säuberlich geordnet alles zu allem, Lücken sind gut ausgefüllt bis hin zum Perser vor der Spüle. Nichts dient der Zerstreuung oder Unterhaltung, die Welt der Medien und der Elektronik ist weit weg. Störendes wird mit Fliegenklatsche und Mäusefalle eliminiert, allzu Lebendiges hat draussen zu bleiben.
Hier hat sich ein Eigenwilliger in einer um- und ausgebauten Waldhütte sein Refugium eingerichtet, Bibliophiles dekorativ neben dem Bett und asiatische Möbel rundum; gekocht wird – beäugt vom Hecht des Hauses – im Glanz eines Kristallleuchters. So viel Originalität wirkt etwas skurril und verschroben – ist unser Bewohner selber ein Original?
Er hat schon ein schönes Stück Leben hinter sich und viel Zeit im Augenblick, sitzt beschaulich auf dem Verandasofa und lässt den Blick in seine bäumige Outdoor-Stube schweifen.
Modernisieren hat er nicht nötig, ostentativ werden Einfachheit und Abgeklärtheit demonstriert. Hat er den Zeitgeist und die heutige Businesswelt schon hinter sich, altershalber oder vielleicht als Aussteiger? Ist er einer, der in seinem abgelegenen Waldhaus zurück zur Natur will? Über profanes Alltagstun lässt sich nur rätseln: Jagt er nicht nur Fliegen im Haus, sondern fliegt selber aus in eine andere Welt …?
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Eine aussergewöhnliche Wohnsituation, so mitten in der Natur! Das kleine Holzhaus, vielleicht war es ein ungenutztes Weekendhaus, verbreitet eine entspannte Ferienstimmung. Die Ausrichtung des vorgelagerten Wintergartens und das dort placierte Sitzmöbel lassen auf eine Aussicht schliessen; vielleicht auf einen Fluss oder einen Weiher? In der anderen Richtung rahmen die Fenster lebende Naturbilder ein.
Während das vermutlich eingeschossige Holzhaus von aussen bricolageartig anmutet, präsentiert es sich im Innern als wohlaufgeräumte Schatztruhe. Bis auf die Reisstrohsandalen ist alles aufs beste versorgt und ausgerichtet. Die Vorliebe des Bewohners fürs Asiatische verbindet sich perfekt mit der bestehenden Struktur des Hauses. So ist die dunkle Täferdecke mit den Abdeckleisten wie geschaffen für die asiatische Pendelleuchte im Schlafzimmer, ihre schöne Laternenwirkung entfaltet sie erst in Verbindung mit dem Deckenton.
Das U-förmige Layout der kleinen Küche ist funktional. Kunst, Teedosen, Jagdtrophäen und warmes Licht machen die Stimmung aus. Ein gutes Beispiel, wie sich Zweckmässigkeit und Atmosphäre verbinden lassen. Fliessendes Wasser ist vorhanden, doch sind nirgends Radiatoren zu sehen. Wird mit Holz geheizt? Lebt hier ein Bewohner, der Mut beweist, so fern der Zivilisation zu hausen und auf Komfort zu verzichten?
Oder haben wir es gar mit einem Karate- oder Aikido-Meister zu tun? Wie beim japanischen Kampfsport gibt es auch in der Küche keine Zufälligkeiten. Möglich wäre es, dass der Bewohner bei seiner täglichen Kampfroutine konzentriert den Kochlöffel schwingt und dabei darauf achtet, stets auf dem Teppich zu bleiben.
Stefan Zwicky
Massimo Biondi, Antikschreiner
«Das Häuschen wurde mir vor ungefähr vierzehn Jahren angeboten, innert zehn Minuten hatte ich es gekauft. Es liegt oberhalb von Zürich, wo genau, möchte ich nicht verraten, da es so ruhig und abgeschieden bleiben soll, wie es ist. Ich befinde mich hier auf einer kleinen Lichtung, mein Garten besteht aus 2500 Quadratmetern Wald.
Ich mag die Natur und versuche stets, sie zu achten, ich kann aber problemlos einen Baum umsägen. Vorher sage ich zu ihm: ‹Ich säge dich jetzt um, weil alles mal zu Ende geht.› Die Bäume begreifen das. Die Umgebung wächst rasant zu, dagegen muss ich mich jeden Tag wehren.
Ich bin kein Waldmensch, eher ein Stadtindianer. Mit meiner Frau und unserem Sohn lebte ich die längste Zeit im Zentrum von Zürich, bis wir uns irgendwann entschieden, nicht mehr zusammenzuwohnen. Wir pflegen aber nach wie vor eine tiefe Beziehung und arbeiten auch zusammen. Mein Sohn ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Tokio, er ist Informatiker und macht nebenbei als Modell Werbung – Europäer werden gut gebucht und Italiener ganz besonders.
Zu meinem Beruf kam ich mit achtzehn. Ich bin als Italiener in Zürich geboren und zur Schule gegangen. Weil ich aber nicht der Bravste war, wurde ich im Luzernischen in ein Lehrlingsheim gesteckt, wo ich in der Schreinerei arbeitete. Eines Tages stand dort ein Möbelchen herum, der Chef befahl mir, es zu restaurieren. Zuerst maulte ich, dann schaute ich es mir genauer an und entdeckte, wie liebevoll es gearbeitet war. Von da an wollte ich Antikschreiner werden.
Anfang der 1970er, jung verheiratet, machte ich mich in Zürich selbständig. Meinen jetzigen Laden und die Werkstatt im oberen Niederdorf führe ich seit sieben Jahren.
Nach Feierabend fahre ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln heimwärts. In fünfzehn Minuten bin ich im Wald, dann muss ich noch zehn Minuten zu Fuss durch die Nacht. Ich habe immer eine Taschenlampe dabei, um nicht auf Igel oder Kröten zu treten. Fürchten tue ich mich nicht, wovor auch? In der Stadt ist die Wahrscheinlichkeit höher, dunkle Gestalten anzutreffen. Zu Beginn war es aber schon ungewohnt. Allein die Tiere, die nachts um das Haus schleichen – mittlerweile kenne ich ihre Schritte und Rufe. Der Fuchs ist Stammgast, ebenso die Rehe. Rehe ‹schrecken›, was sich wie Hunde in einem Horrorfilm anhört. In der ersten Nacht bin ich ziemlich zusammengezuckt, als die loslegten.
Das Haus hat 50 Quadratmeter Wohnfläche samt der Veranda, die nur in der warmen Jahreszeit benutzt werden kann. Mehr oder weniger ist alles so geblieben, wie es erbaut wurde. Nur die Küche habe ich meinen Ansprüchen angepasst. Ich heize mit Holz, aber nur abends im Winter. Mein Kälteempfinden hat sich den Umständen angepasst. Wenn ich morgens aufstehe, sind es im Haus oft bloss 12 Grad. Manchmal komme ich so spät nach Hause, dass ich ohne einzuheizen gleich zu Bett gehe und warm in Decken gehüllt noch ein paar Seiten lese.
Ich lebe viel intensiver, weil ich mir alles erarbeiten muss: Jede Flasche Wein, jedes Buch, das Holz zum Heizen, alles muss zu Fuss herangetragen werden. Ich kann nicht mit dem Auto in die Garage fahren, mit dem Lift in die Wohnung, und dort wartet die Frau mit dem Essen und den Pantoffeln auf mich.
Ob ich mich nie einsam fühle? Es ist nicht so, dass ich hier ganz versaure. Ich habe Familie, Freunde, und auf weibliche Gesellschaft muss ich auch nicht verzichten. Ich geniesse aber das Alleinsein. Ich koche jeden Abend für mich – und zwar sehr gerne.
Weshalb ich mich so rasch für dieses Häuschen entschieden habe, ist im Grunde banal: Wenn ich mal richtig alt bin, habe ich ein Zuhause, wo mir keiner dreinredet, wo ich keine Nachbarn habe, die sich beschweren könnten. Ich bin Handwerker und weiss, was ich finanziell verkrafte. Mein Waldhäuschen ist bezahlt, das war mir wichtig. Ich brauche keine Villa am Züriberg, die ich bei der ersten Zinsveränderung wieder aufgeben muss.
Besucher bewundern, wie ich lebe. Sie sagen: ‹Oh, das möchte ich auch.› Aber dann tatsächlich in der Abgeschiedenheit durchzuhalten, bei Nacht, Regen und Schnee, ist schon schwieriger.
Die liebste Tageszeit ist mir der Abend, so wie jetzt, um sechs Uhr. Bald steigt da hinten der Mond auf, der Fuchs schleicht sich an … Ich würde sagen, ich bin ein realistischer Romantiker.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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