NZZ Folio 09/98 - Thema: Japan   Inhaltsverzeichnis

Am Rande des Abgrunds

Vom schwierigen Umgang mit der Rezession.

Von Nicholas Bornoff

REZESSION? Noch sieht man in Japan kaum Bettler wie in Paris oder London, ja es gibt nicht einmal Strassen oder Stadtteile, die man mit Fug und Recht als Slums bezeichnen könnte. Der Besucher Tokios steht staunend vor turmhohen Stahl- und Glasgebäuden und einem Lichtermeer aus Neon und gigantischen Fernsehbildschirmen. Das gilt für jede japanische Grossstadt, und noch immer sieht man auf neuen Baustellen Kräne in den Wolkenkratzerhimmel ragen. Menschenmengen schieben sich durch eine Vielzahl von Geschäften, Einkaufszentren und Ladenpassagen über, unter und zu ebener Erde; Abertausende von Bars und Restaurants in den städtischen Vergnügungsvierteln füllen sich Abend für Abend. Doch die glitzernden Fassaden trügen.

DIE PREISE SIND INSGESAMT stark gefallen. Kleine Ladenbesitzer wurden schon seit langem durch die Ausbreitung der Supermärkte bedroht. Doch auch die Supermärkte sind nun unter Druck geraten, und zwar von Discountern, die unter Umgehung des japanischen Verteilungsnetzes billigere Direktimporte feilbieten. Für den Mittelsmann ist die Ernte mager geworden. Eine Kette von «100-Yen-Läden», die chinesische Waren für umgerechnet rund einen Franken das Stück anbieten, ist im ganzen Land sehr erfolgreich. Resten- und Secondhand-Läden, einst unter der Würde der Verbraucher, gibt es jetzt überall. Und was vor zehn Jahren noch völlig undenkbar gewesen wäre: In den Vororten veranstalten Hausfrauen vor ihren Häusern kleine Flohmärkte, und dies nur teils zu ihrem Vergnügen.

Abseits der Grossbaustellen in den Stadtzentren gibt es viele Grundstücke, deren Überbauungen die Spekulanten in den Achtzigern abreissen liessen, um für Neues Platz zu haben. Inzwischen spriesst dort das Unkraut, oder man machte Parkplätze. Eine baldige Realisierung der Bauprojekte ist unwahrscheinlich. Und so gemahnen diese Grundstücke an die finanziellen Verluste, die Stagnation, den Ruin zahlloser Kleininvestoren und Privatleute. Die Regierung beschloss kürzlich ein Massnahmenpaket zur Wiederbelebung des moribunden Immobilienmarktes, aber angesichts der Milliarden von Yen, mit denen die grossen Baufirmen zurzeit in der Kreide stehen, hat man die Stalltür verriegelt, nachdem die Kühe längst ausgebüxt waren.

Die Geschäftsleute, die vor einem Jahrzehnt noch bis zu 150 000 Yen Betriebsspesen machten, um in den Ginza-Bars im Beisein freundlicher Hostessen ihren Single Malt zu trinken, kippen heute ihr Bier in billigeren Kneipen. Diejenigen Hostessen-Clubs, die es sich leisten konnten abzuwarten, bis der Niedergang des völlig überreizten Immobilienmarkts zu einer merklichen Verringerung des Mietzinses führte, haben ihre Preise drastisch gesenkt. Zur Zeit der Hochkonjunktur, der Seifenblasenökonomie in den Achtzigern, war es jungen Leuten, Frauen und Ausländern nahezu unmöglich, in den ersten Stunden nach Betriebsschluss des öffentlichen Verkehrs inmitten der Tokioter Vergnügungsviertel ein Taxi zu ergattern. Die Fahrer beförderten ausschliesslich Geschäftsleute, die meist auf Spesenrechnung unterwegs waren und den regulären Tarif für die Fahrt bereitwillig verdoppelten.

Wie alle anderen mussten aber auch die Taxifahrer realisieren, dass das Wirtschaftswunder so vergänglich ist wie eine Seifenblase. «Na», sagte ein Fahrer mir bereits vor Jahren, «heute kriegen Sie ein Taxi, wann immer Sie wollen. Die Leute gehen nicht mehr so oft aus: baburu ga hajiketa - die Seifenblase ist geplatzt.»

DAS SCHLAGWORT der geplatzten Seifenblase ersetzte allmählich jenen anderen Gemeinplatz, der seit 1985 in Japan en vogue war: endaka - der hohe Yen. Auf den Finanzplätzen stieg der Wert des Yen auf immer neue Rekordstände. Die japanischen Waren verteuerten sich, und die Exporte gingen drastisch zurück. Manche sahen die Yen-Hausse als Quittung für die gewaltigen, unausgeglichenen Handelsdefizite der anderen Länder mit Japan und forderten von der Regierung eine schnelle Öffnung des heimischen Markts für ausländische Produkte. Es gab aber auch diejenigen, die sich als Opfer einer internationalen Verschwörung der Währungsspekulanten begriffen: das arme, kleine Japan, das stets arg gebeutelt wird von den Ausländern, die ja nur neidisch auf seinen hart erarbeiteten Erfolg sind. Wie auch immer: es wurde offensichtlich, dass die Regierung die Lage nicht mehr unter Kontrolle hatte. Was allerdings niemanden gross überraschte.

Der Mangel an politischem Enthusiasmus hat in Japan eine lange Geschichte. Viele geben der Regierung die Schuld an Japans Eintritt in den Zweiten Weltkrieg. Und seit dem Krieg ist die Liberaldemokratische Partei (LDP) an der Macht, so lange, dass man schon fast an der japanischen Demokratie zweifeln könnte. In der LDP ist die Korruption allgegenwärtig. Aber die meisten japanischen Premierminister der letzten Jahre haben nicht das geringste dagegen unternommen, ja manchmal mussten sie sogar selbst als Folge von Finanzskandalen zurücktreten. Sie sind Galionsfiguren, von denen man sich weder Erfolge im Ausland noch irgendeine persönliche Initiative zu Hause verspricht.

Japanische Regierungserklärungen sind dafür bekannt, dass sie mehr Rhetorik als Inhalt bieten. In allen Bereichen japanischer Rede zieht man das Vage und Indirekte dem Unverblümten vor; ein klares «Nein» wird wo immer möglich vermieden, und schlechte Nachrichten werden entweder umschifft oder in kunstvolle Euphemismen gekleidet. Es darf um keinen Preis zu einem Gesichtsverlust kommen. Der Aufwand, den die Regierung in dieser Hinsicht betreibt, grenzt bisweilen ans Absurde. Nachdem die Industrieproduktion im März dieses Jahres um 2,3 Prozent geschrumpft war, berief die Regierung eine Sitzung des Ausschusses zur Überprüfung der Wirtschaftsdaten ein, wo der staunenden Öffentlichkeit dann offiziell verkündet wurde, dass die Wirtschaft sich in einer Rezession befinde. Denn nach Ansicht jedes normal Sterblichen befindet sich Japan, das 1990 von einer ersten Krise ergriffen wurde, schon seit mindestens zwei Jahren in einer Rezession. Aber selbst nach dieser offiziellen Verlautbarung gab sich, so die «Japan Times», die Wirtschaftsplanungsbehörde «alle Mühe, in ihren Einschätzungen der nationalen Wirtschaftslage das Wort <Rezession> tunlichst zu vermeiden». Nach der Wirtschaftsplanungsbehörde befindet sich die Wirtschaft in einem «ernsten Zustand».

In seinem 1990 erschienenen Buch «Das Rätsel der japanischen Macht», das in Japan zu einem Bestseller wurde, bezeichnet Karel Van Wolferen die soziopolitischen Strukturen des Landes ganz einfach als «das System»; er versteht darunter jenes stillschweigende Komplott zwischen Politik, Industrie und Verwaltung, in dem es kein eigentliches Machtzentrum gibt und niemand zur Rechenschaft gezogen werden kann. So schwerwiegend seine Mängel auch sein mögen, das System als solches bleibt bestehen, und ein Volk, dem man von klein auf beigebracht hat, Duldsamkeit und Konformismus als Inbegriff von Tugend anzusehen, stellt den Status quo selten in Frage.

Während eines Ausflugs nach Kumamoto in Kyushu kam ich letzthin in einem Yakitori-Restaurant mit meinem Tresennachbarn ins Gespräch, einem gewitzten Geschäftsmann aus der Umgebung, der sich mir ganz unförmlich als «Kuro» vorgestellt hatte. Als im Fernsehen (das typischerweise niemand beachtete) die letzten Neuigkeiten über die japanischen Bankenpleiten gezeigt wurden, fragte ich ihn, was die Japaner nun tun würden. «Nicht viel», antwortete er, «was immer auch geschieht, die Leute hier wissen recht gut, dass sie in einem sehr reichen Land leben. Jedenfalls sind sie ganz anders als die Westler. Wenn bei denen die Wirtschaft bachab geht, macht jeder Passant seinem persönlichen Unmut Luft, sobald ein Fernsehreporter ihm ein Mikrophon unter die Nase hält. Hier behalten die Leute ihre Meinung für sich. Sie beklagen sich nicht in der Öffentlichkeit, sondern nur unter Freunden oder in der Familie.»

ANFANG JUNI DIESES JAHRES fuhren von Hokkaido bis Kyushu Lautsprecherwagen durch die Strassen, um Werbung für die Oberhauswahlen vom 12. Juli zu machen. Als politische Variante des Triumphs der Form über den Inhalt verbreiteten die Parteien die gewohnten Begrüssungsfloskeln, meist ohne ein Wort über Programm und Ziele zu verlieren. Seit eh und je schenkt ihnen niemand auch nur die geringste Beachtung. Es gibt ohnehin viel zu viele Oppositionsparteien, und keine von ihnen zeigt hinreichende Führungsqualitäten, um als Herausforderer ernst genommen zu werden. Die meisten Japaner hatten sich bereits mit der Fortsetzung der LDP-Regierung als einer vollendeten Tatsache abgefunden. Man nahm an, dass die schon immer klägliche Wahlbeteiligung im Juli auf einen neuen Tiefstand sinken würde, die Prognosen sagten ein Rekordtief von 40 Prozent voraus.

Zur Verblüffung der Experten hat die Öffentlichkeit jedoch diesmal den Braten gerochen; die Wahlbeteiligung fiel höher aus als erwartet und spiegelte die wachsende Unzufriedenheit mit der LDP. Der Gewinner war dennoch vorhersehbar, aber da die LDP nur 44 statt der 60 Sitze erhielt, die sie für eine klare Mehrheit gebraucht hätte, verfiel die Partei in hellen Aufruhr. Verschiedene Kandidaten gingen in Stellung, um den demissionierenden Hashimoto zu ersetzen, und die Partei spaltete sich in zwei Fraktionen, deren eine die alte Garde unterstützt, während die andere sich stärker an einem neuen Japan orientiert. Die Wahl von Keizo Obuchi zum Premierminister wird diese Zerstrittenheit noch vertiefen.

Als der Tokioter Börsenindex Anfang April über 500 Punkte verlor, warnte der Generaldirektor von Sony, Norio Oga, dass Japan am Rande einer Wirtschaftskatastrophe stehe, welche die ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen werde. Und in seinem diesjährigen Jahresbericht wiederholte das Ministerium für internationalen Handel und Industrie (MITI) seine Aufforderung, «dringend benötigte schmerzliche Reformen» durchzusetzen. Es gehe darum, «die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, ein dynamischeres Geschäftsklima im Inland zu schaffen und die Attraktivität für ausländische Investoren zu erhöhen». Man kennt das, die Bevölkerung gähnt, aber angesichts der ungewissen Zukunft macht sich doch zusehends ein Gefühl der Angst breit.

FÜR VIELE IST DIESE ZUKUNFT längst eingetreten. Während der achtziger Jahre hatten Werbung und Public Relations Hochkonjunktur. Nobuyuki Tamura leitete einen erfolgreichen Betrieb für Auslagegestaltung und Schaufensterdesign von Kaufhäusern. Familie Tamura lebte mit ihren drei Kindern in einem feudalen Appartement des Tokioter Bezirks Asakusa mit Blick auf den Fluss Sumida. Wie viele andere in seiner Branche musste er den Gürtel enger schnallen, als der Yen zu seinem Höhenflug ansetzte. Schon Ende der achtziger Jahre begannen die Firmen am Werbeetat zu sparen - die Werbung war eine der ersten Branchen, die es traf. Mochten sich die immer billiger werdenden Importwaren in den Kaufhäusern auch weiterhin gut verkaufen, ein Grossteil des Werbebudgets wurde von einheimischen Firmen finanziert, die zunehmend Mühe hatten, ihre immer kostspieligeren Produkte abzusetzen. 1991 war Tamura bankrott; die Familie zog in eine schäbige kleine Wohnung in einem ärmeren Teil des Quartiers. Tamuras Frau übernahm einen Laden, der ihrer Familie gehörte, und backt und verkauft seither sembei -Kekse. Sie unterstützte ihren Mann beim Wiederaufbau seiner Firma, aber der Versuch schlug fehl. Jetzt backt auch er Kekse. «So spielt das Leben», sagt er.

Der Rückgriff auf die Hilfe der Verwandtschaft ist in Japan oft die einzige Lösung. Arbeitslosengeld zu beziehen gilt als beschämend, und die zuständigen Beamten machen aus ihrer Missbilligung kein Hehl; staatliche Hilfen werden in Japan höchstens sechs Monate gewährt, bis dahin muss man entweder einen Job gefunden haben, oder man endet auf der Strasse als einer der immer zahlreicher werdenden Obdachlosen, die in der Umgebung der Endbahnhöfe in Kartonschachteln hausen. Die Leute, die man heutzutage spät abends am Bahnhof Ueno auf dem Boden liegen sieht, sind nicht unbedingt Säufer. Manche der Gestalten sind stocknüchtern und tragen abgewetzte Geschäftsanzüge. Sie waschen sich in den öffentlichen Toiletten im Ueno- Park und nächtigen in überdachten Einkaufspassagen im nahegelegenen Asakusa.

Es gehört zu den ausländischen Klischees, dass die Japaner eine besondere Beziehung zum Selbstmord haben. Zu Zeiten der Samurai konnte man in der Tat mit seppuku - Bauchaufschlitzen - auf ehrenvolle Weise der Schande entgehen, aber der wahnsinnige Schriftsteller Yukio Mishima dürfte einer der letzten gewesen sein, die diesen Weg beschritten. In Wirklichkeit bewegt sich Japans Suizidrate im Vergleich zu den anderen Nationen der Welt im Mittelfeld. Trotzdem weist die Statistik der nationalen Polizeibehörde für 1997 gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg der Suizidrate von 5,6 Prozent aus. Unter denjenigen, die sich «in finanziellen Schwierigkeiten» befinden, ist die Rate im selben Zeitraum allerdings um beinahe 18 Prozent gestiegen.

Die Konkurse im Finanzsektor haben besonders hohe Wellen geschlagen, doch auch im Dienstleistungssektor und im Baugewerbe sind sie an der Tagesordnung. Um ihre Kosten zu senken, entlassen die Betriebe immer mehr Angestellte, und die Arbeitslosenzahlen schnellen in die Höhe. Im Augenblick liegt die Arbeitslosenquote bei 4,3 Prozent, in westlicher Optik eine recht bescheidene Ziffer. Aber vor fünf Jahren waren es noch 2,5 Prozent, und allein im April und Mai ist die Quote um je 0,2 Prozent gestiegen. Über fünf Millionen Japaner sind heute arbeitslos.

SANYA, EIN GRAUER BEZIRK im Nordosten Tokios, wie es ähnliche in den meisten japanischen Grossstädten gibt, kommt dem am nächsten, was man in Japan als Slum bezeichnen könnte. Zwischen abgetakelten Kaschemmen und billigen Absteigen versuchen Obdachlose und hiyatoi - Tagelöhner - ein Auskommen zu finden. Die hiyatoi werden im Morgengrauen von Yakuza-Gangstern angeheuert und tageweise an Fabriken und Baustellen weitervermietet. «Die meisten von ihnen sind inzwischen Dauerarbeitslose», sagte ein Bewohner aus dem angrenzenden Bezirk Iriya, «aber bei dem Rückgang an Bauaufträgen verliert sogar die Yakuza allmählich das Interesse am Vermittlungsgeschäft.»

Während der Seifenblasenjahre führten die steigenden Produktionsraten zu einem Mangel an Arbeitskräften, der durch Arbeitnehmer aus dem Ausland, vor allem aus Südost- und Zentralasien sowie aus Lateinamerika, wettgemacht wurde. Die meisten von ihnen arbeiteten im Baugewerbe oder in der Produktion. Im grossen und ganzen übernahmen sie all die Arbeiten, welche die Japaner weder tun wollten noch mussten: die Jobs mit den «drei K» - kitsui (schwer), kiken (gefährlich) und kitanai (schmutzig). Das Problem dabei war, dass die japanische Regierung die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer einer strengen Quotenregelung unterwarf, so dass die Mehrzahl der Arbeitsimmigranten illegal von der Yakuza ins Land geschmuggelt wurde. Und die Regierung drückte beide Augen zu. Angesichts des desaströsen Anstiegs der Arbeitslosenzahlen hiess die Regierung im Juni schliesslich die Arbeitgeber, auf die Anstellung illegaler Arbeitskräfte zu verzichten. Nach offiziellen Angaben liegt deren Zahl zurzeit bei 276 000.

DIE TATSACHE, dass die Arbeitslosenquote im April gestiegen ist, wird als besonders besorgniserregend betrachtet: Da in diesem Monat traditionellerweise die Hochschulabsolventen ins Berufsleben eintreten, pflegte früher nicht die Arbeitslosenquote, sondern die Beschäftigungsquote deutlich anzusteigen. Seit geraumer Zeit ist man sich allgemein einig, dass das Bildungssystem einer radikalen Erneuerung bedarf. Bereits zur Seifenblasenzeit erschien es als überholt, aber inzwischen hat es jeden Bezug verloren zu einer postindustriellen Gesellschaft, die in einer Rezession steckt.

Der extreme Konservatismus des Erziehungsministeriums und die liberalere, einst klar linksgerichtete japanische Lehrergewerkschaft liegen seit Jahren über Kreuz. Alle beklagen die extremen Anforderungen der «Prüfungshölle», welche die Kinder durchlaufen müssen, um die Universitäts- oder Fachhochschulreife zu erlangen - eine Quelle von Stress, Erschöpfung und jugendlichen Selbstmorden. Im Gegensatz dazu ist das Studium an den Universitäten dann eine Art Schonzeit für die Studenten, vier idyllische Jahre zwischen der Plackerei, die sie dorthin gebracht hat, und den nachfolgenden Jahren in der betrieblichen Tretmühle. Ihr Studium hat ohnehin oft nur wenig mit ihrer späteren Berufstätigkeit zu tun; die Firmen stellen Hochschulabsolventen eher nach Massgabe des Prestiges ihrer Universitäten ein als auf Grund ihrer Studienleistungen. Die neuen Mitarbeiter werden im Betrieb selbst geschult und fallen mit wachsendem Alter automatisch und unabhängig von ihrer Leistung die Karriereleiter hinauf. - Das war die Grundlage des berühmten «Lebensarbeitssystems», das allerdings bald endgültig Geschichte sein dürfte. Heute werden Beförderungen zunehmend von Fähigkeit und Leistung abhängig gemacht.

Mit der Aushöhlung des «Lebensarbeitssystems» verblasst die einst unerschütterliche Firmenloyalität, und es kommt öfter zu Abwerbungen. Für die Hochschulabsolventen, denen man weisgemacht hat, sie würden gleichsam automatisch eine Anstellung finden, ist das gegenwärtige Wirtschaftsklima ernüchternd. Wie anderswo arbeiten auch in Japan in diesen schwierigen Zeiten allzu viele junge Akademiker in Fast-food-Ketten oder an Tankstellen, und manche finden gar keine Arbeit.

UNTEN IN KYUSHU macht Kuro weiterhin seine Geschäfte, auch wenn sie viel weniger eintragen als früher. «So schlimm, wie die Leute behaupten, ist die Situation nicht», meint er. «Man vergisst leicht, dass nicht die neunziger, sondern die achtziger Jahre die Ausnahme waren. Nach der ökonomischen Seifenblase kehren die Dinge jetzt einfach zur Normalität zurück.» Mag sein. Dennoch muss ich immer wieder an das Bild denken, das Akira Kurosawa bereits vor über einem Jahrzehnt in der trostlosen Schlusssequenz seines Films «Ran» als Allegorie auf die Zukunft benutzte: es war das Bild eines Blinden, der bei Sonnenuntergang am Rande des Abgrunds nach dem Weg tastet.

Nicholas Bornoff, Mitarbeiter des «Guardian» und der «Asahi Evening News», lebt in London.


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