Man kennt es vornehmlich in der Kalenderblattpose, das Eichhörnchen: auf einem Ast aufrecht sitzend, manierlich eine Haselnuss oder einen Tannzapfen in den Vorderpfoten haltend und den buschigen Schwanz - einem Sonnenschirm gleich - S-förmig über den Rücken geschlagen. Die alten Griechen nannten es «Sciouros», zu deutsch «der sich mit dem Schwanz Schatten gebende». Die Umschreibung blieb dem Eichhörnchen im Gattungsnamen (Sciurus vulgaris) bis heute. Allerdings: Schattenspenden dürfte wohl die unwichtigste Aufgabe des mächtigen Schwanzes sein. In erster Linie dient er als Steuerruder bei weiten Sprüngen oder als Balancierstange beim Klettern, dann auch als optischer Signalgeber bei der Balz und schliesslich als Kälteschutz im Winter. Ein weiteres Charakteristikum sind die adretten Haarbüschel auf den Ohren. Ähnliche Ohrpinsel weist unter den einheimischen Wildtieren nur der Luchs auf.
Auf besagtem Kalenderbild prangt meist ein fuchsrotes Eichhörnchen. In Wirklichkeit variiert die Färbung von Rot über Braun bis Schwarz, jedoch stets mit weisser Körperunterseite. In tiefgelegenen Ländern überwiegt die rote, im hügeligen und im Bergland die dunkle Varietät. Deshalb trifft man in der Schweiz - und dies bereits im Mittelland - vorwiegend dunkelbraune bis schwarze Individuen an.
Eindrücklich ist die Anpassung ans Leben auf den Bäumen. Die anatomischen Proportionen mit dem geschmeidigen Körper, dem leichten Knochenbau, den sehr muskulösen Hinter- und den äusserst geschickten Vorderbeinen mit den langen, gebogenen Krallen an Zehen und Fingern machen die Eichhörnchen zu wahren Kletterkünstlern, die sich nur selten am Boden aufhalten (ausser in Pärken, wo sie beim Futterbetteln atypisches Verhalten zeigen). Eichhörnchen gelten als Einzelgänger. Jedes erwachsene Tier hat sein eigenes Nest, das es gegen andere verteidigt. Dieses Verhalten ändert sich erst zur Paarungszeit. Wenn der Winter das Zepter nicht mehr fest in der Hand hält, kommt die Zeit der verrückten Eichhörnchenhochzeit. Zuerst verjagt das Weibchen das werbende Männchen, dann flieht es vor ihm, was zu wilden Verfolgungsjagden während mehrerer Tage führt, bis sich das Weibchen in seinem Hauptnest begatten lässt. Nach erfolgter Paarung vertreibt das Weibchen das Männchen wieder, und beide leben erneut getrennt.
Da Freilandbeobachtungen an (nicht zahmen) Eichhörnchen überaus schwierig sind, weiss man beispielsweise über ihre Lebensräume noch recht wenig. Das Wohngebiet eines Männchens soll rund zehn Hektaren, dasjenige eines Weibchens etwa halb so gross sein. Ungefähr im Zentrum befindet sich das Nest von leicht abgeflachter Kugelgestalt, mit einem äusseren Durchmesser von zwanzig bis fünfzig Zentimetern, meist in einer starken Astgabelung direkt am Stamm und in der Regel fünf bis zehn Meter über dem Boden.
Die Nestkugel besteht aus einem Zweiggeflecht und ist innen mit Gras, Moos und Baumbast ausgepolstert. Die Nesthöhle weist einen Durchmesser von zehn bis zwanzig Zentimetern auf und ist durch ein fünf Zentimeter weites Schlupfloch zugänglich. Der Bau eines solchen Nestes dauert wenige Tage. Meist besitzt ein Tier neben dem Hauptnest noch Reservenester zum Unterschlupf - bei Störungen oder auf der Futtersuche. Nach 38 Tagen Tragzeit werfen jüngere Weibchen einmal im Jahr zwei bis drei, ältere oft zweimal jährlich drei bis fünf Junge, so dass also Nachwuchs von Ende Februar bis Ende August eintreffen kann. Eichhörnchen kommen als ausgesprochene Nesthocker zur Welt, rosafarben und nackt, blind, kaum sechs Zentimeter lang und knapp zehn Gramm schwer. Nach ein paar Tagen beginnen sie sich zu färben; eine komplette Jugendbehaarung tragen sie nicht vor zwei Wochen, und die Augen öffnen sie erst nach rund einem Monat. Wenn sie ungefähr sechs Wochen alt sind, verlassen die kleinen, jetzt über hundert Gramm schweren Jungtiere das Nest, trinken aber noch bei der Mutter (insgesamt etwa neun Wochen lang). Von ihr lernen sie auch, was essbar ist, indem sie sich Nahrungsbrocken aus ihrem Maul angeln. Auf ihren Ausflügen erkunden sie den Baum, auf dem sie geboren wurden, dann die benachbarten Bäume und schliesslich das ganze Revier. Die Mutter zieht sich nun immer mehr zurück und überlässt die Jungen dem Schicksal. Mit etwa sieben Monaten sind die Eichhörnchen erwachsen, und mit acht bis zehn Monaten werden junge Weibchen bereits geschlechtsreif, werfen aber gewöhnlich erst im zweiten Lebensjahr.
Die scheinbar grosse Nachwuchsrate der Eichhörnchen ist notwendig, weil nur etwa ein Viertel bis ein Fünftel der Jungen ein Jahr alt wird und weil weniger als ein Prozent aller Tiere fünf Lebensjahre erreicht. Ein Hinweis mehr, wie hart der Überlebenskampf in der Natur ist.