Wenn etwas so beklemmend ist wie dieser Krieg auf dem Balkan, der jeden Tag näherzurücken und dessen Ende mit jedem Tag ferner zu sein scheint, wächst der Erklärungsbedarf. Man möchte das Irrationale verstehen, um ihm mit den Mitteln des Verstandes beizukommen. Irrational erscheint uns die gegenwärtige Schlächterei, weil wir die Beweggründe des Hasses nicht nachvollziehen mögen. Zwar geht es in diesem Krieg auch um die Aneignung von Territorium und Besitz, aber viel mehr noch um das Vertreiben, Misshandeln und Töten von Menschen, weil deren Väter schon vertrieben, misshandelt und getötet haben - sei es aus Habgier und Machtgier, sei es in Aufrechnung alten, wirklichen oder vermuteten, Unrechts.
Im Golfkrieg vor anderthalb Jahren hat man die philosophische Frage des «gerechten Kriegs» diskutiert; die Meinungen gingen auseinander. Worum es damals im Mittleren Osten ging, war indes den meisten klar. Den Balkankrieg dagegen, einen Krieg zwischen Völkern, die vor kurzem noch einigermassen friedlich in einem Staat zusammengelebt haben, begreifen wir nicht, weil Gefühle wie Hass und Vergeltungsdrang keine fassbaren Grössen sind. So empfinden wir ihn, die wir mit anderen Werten und Massen zu rechnen gewohnt sind, jedenfalls als ungerecht. Geographisch ist er uns weit näher als mental.
Der wirtschaftliche Aufschwung von Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg ging einher mit der Überzeugung, die rationalen Werte der freien Welt seien universelle Werte, die keinen Platz mehr liessen für Emotionen jener Sorte, auf Grund deren sich auch «zivilisierte» Völker einst die Köpfe eingeschlagen haben. Die Vorgeschichte Europas, so schien es, war an ihr Ende gekommen; ein Ende, das der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und seiner mehr oder minder treuen Gefolgsstaaten anscheinend nur mehr bekräftigte.
Dass dem nicht so ist, dafür steht - unter anderem - «Jugoslawien». Es ruft in Erinnerung, wie nachhaltig sich Gefühle Geltung verschaffen können, die weniger im Stolz auf etwas Erreichtes als in der Empfindung eines Mangels gründen. Die Hilflosigkeit nicht nur der persönlichen, sondern auch der internationalen Reaktionen hat darin ihre Wurzel.