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NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister Inhaltsverzeichnis
Narziss und Goldhand
© AFP Photo/Luigi Bertello
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| Brüder, zur Sonne: Die Agnelli-Erben Jaki und Lapo Elkann bei einem ihrer seltenen gemeinsamen Auftritte. |
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Lapo und Jaki Elkann sind die Enkel des legendären Fiat-Padrone Gianni Agnelli. Lapo ist ein Dandy, der mit Transsexuellen kokst, Jaki ein strebsamer Ingenieur. Lapo war der Liebling des Grossvaters, Jaki sein Alleinerbe. Annäherungen an zwei Unnahbare.
Von Peter Hartmann
Seit seinem Tod am 24. Januar 2003 lebt Giovanni Agnelli, genannt Gianni, der legendäre Fiat-Padrone, das wirtschaftliche Gewissen Italiens, in zwei jungen Männern weiter, die nicht Agnelli heissen. Als wenn sich seine Person gespalten und auf zwei völlig verschiedene Wiedergänger übertragen hätte. Auf seine Enkel John Jacob Philip (genannt Jaki) und Lapo Elkann, die Söhne seiner rebellischen Tochter Margherita.
Es ist die Geschichte der ungleichen Brüder, die das Privileg der reichen Herkunft verbindet (zur Welt gekommen sind beide in New York, als amerikanische Staatsbürger). Von Jaki, dem die Rolle des Unternehmers wie angegossen passt, und von Lapo, dem Dandy, der gerne die massgeschneiderten Anzüge seines Grossvaters Gianni Agnelli trägt und als Paradiesvogel aus dem Nest gefallen ist.
Den hageren, drahtigen Jaki Elkann, den rationalen Kopf der fünften Generation des Hauses Agnelli, hatte der Nonno früh zum Nachfolger auserkoren. Der gelernte Ingenieur trat in seine Fussstapfen als Lenker des Industrieimperiums und als Oberhaupt des weitverzweigten Familienclans, der durch ein ausgeklügeltes System von Holdings, Beteiligungen und einem eisernen Syndikatsvertrag zusammengehalten wird. Auf Jaki lastet – und noch wirkt es wie kronprinzliche Starre – das Monarchische, der Unternehmensgeist, die dynastische Attitüde als Familiensprecher, die charismatische Autorität Gianni Agnellis, den alle, von den Medien landesweit bis zu den hauseigenen Sekretärinnen, nur «L’Avvocato» nannten, den Anwalt.
Jaki Elkann wird, nominell als Fiat-Vizepräsident, noch vom Verwaltungsratspräsidenten Luca di Montezemolo und vom operativen Chef Sergio Marchionne gecoacht. Die beiden haben den schlingernden Autokonzern aus einem Abgrund von 10 Milliarden Euro Schulden gerettet und die Dividendenquelle wieder sprudeln lassen. Jaki Elkann lenkt, mit 32 Jahren, die börsenkotierten Dachgesellschaften Ifi und Ifil, und er verfügt treuhänderisch über die entscheidenden Aktienpakete an der Familienholding Giovanni Agnelli & Co. und an der «Dicembre», der innersten Schachtel des Besitzkonstrukts. Er ist der Boss.
Doch des Alten Lieblingsenkel war Lapo, 31, der jüngere Bruder, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten gleicht. Er hat auch dieselbe Kleidergrösse, und der Grossvater hat ihn früh schon seine Jacketts, Hemden und Krawatten tragen lassen. Lapos Nachahmungstrieb amüsierte ihn. Er hatte den Narren gefressen an diesem ansteckend extrovertierten Jungen, der ihn an seine eigene Jugend erinnerte, an die Pubertät ohne den eigenen Vater, der im Jahre 1934 vom Propellerblatt eines Fiat-Wasserflugzeugs enthauptet worden war – und an die andere Tragödie: dass sein einziger Sohn Edoardo Agnelli sich mit 46 Jahren im Pyjama von einer Brücke der Autobahn Turin–Savona in den Tod gestürzt hatte. Edoardo, der Sinnsucher und Mystiker, der zum Islam konvertiert war und als drogensüchtig galt, kam für eine Rolle im Konzern nie in Betracht.
Lapo posiert bis heute gelegentlich in den zeitlosen Klamotten aus dem geerbten Fundus und sagt, er halte sich «nicht an Moden, sondern an Stil». Lapo war Agnellis Ersatzsohn und verkörpert als cooler Selbstdarsteller und lebensdurstiger Renaissancemensch die narzisstische Seite des Übervaters als eine Art Pop-Prinz der Familie. Die Zeitschrift «Vanity Fair» setzte ihn auf die Liste der bestangezogenen Männer des Erdballs. Er wird aber auch als Identifikationsfigur für Fiat wahrgenommen, seit er begann, die Marke mit Accessoires, mit Fiat-Cafés und mit der Lancierung des Kleinwagens «Grande Punto» aufzufrischen. Als hyperaktiver Nice Guy steht er rund um die Uhr unter Paparazzibeobachtung.
Lapo lebt die romantische Seite des Grossvaters aus, die Lebensneugier, die heimlichen Freiheiten, die Borderline-Experimente, aber auch seine Melancholie, die Gefährdung durch Depression. «Ich hätte in einem schönen Haus in Italien leben können, mit ständiger Bedienung. Aber ich habe ein kleines Loft bevorzugt. Mein Luxus ist Einfachheit.» Auf seiner Sinnsuche fühlt er sich mehr als Amerikaner denn als Italiener: «Ich gebe jungen Leuten eine Chance, die sie sonst nicht bekommen, weil das System in Italien alt und arrogant ist, der Erfolg der Jugend unerwünscht.»
Ganz anders der seriöse, geschäftstüchtige Bruder Jaki: «Ich habe eine andere Aufgabe», definiert er sich in einem seiner wenigen, von Anwälten und Imageberatern frisierten Interviews. «Ich kümmere mich um die Interessen einer grossen, komplexen Familie. Für mich ist entscheidend, dass ich für unsere Projekte die besten Denker und Manager gewinnen kann.»
Italien ist ein Land ohne gesellschaftliche Lichtfiguren. Das Ansehen der Politiker ist ruiniert von unzähligen Skandalen, der Adel und die erst kürzlich repatriierte Königsfamilie spielen keine Rolle, die Wirtschaftsgrössen halten sich bedeckt bis auf den allgegenwärtigen Medienmogul und Regierungschef Silvio Berlusconi. Die restlichen Schlagzeilen gehören Showstars, Fussballern und der Mafia. Als einzige Konstante des öffentlichen Lebens wirft die Turiner Familie Agnelli seit einem Jahrhundert über Kriege und Krisen hinweg ihren Machtschatten auf den Stiefel. Sie beherrschte in den besten Zeiten 90 Prozent des nationalen Automarktes und das Kreditgeschäft im Autoverkauf, ihr gehören Autobahnen, Waren- und Medienhäuser und die Skistation Sestriere. Der «Avvocato» liebte und sammelte aussergewöhnliche Schönheit: Kunst, Frauen, Fussballer für seinen Club Juventus Turin, er besass das Weingut Château Margaux, und weil er hohes Tempo liebte, kaufte er auch den Ferrari-Rennstall.
Hofnachrichten, Dramen und Melodramen aus den Palästen der Agnellis sind der Stoff, der die Nation wirklich bewegt. Sie sind die Royals oder die «Kennedys Italiens», wie Katharine Graham, die Verlegerin der «Washington Post», in ihrer Bewunderung für Gianni Agnelli kundtat. Gianni war mit John F. Kennedy befreundet, und mit Jacky hatte er später angeblich ein Techtelmechtel, wie vielleicht auch mit der Churchill-Enkelin Pamela. Er war ein Gentleman, und nie kam der Name der Dame über seine Lippen, die neben ihm im Sportwagen sass, als er an der Côte d’Azur schwer verunglückte und danach an Stöcken humpelnd zu seiner Hochzeit mit der Prinzessin Marella Caracciolo di Castagneto Meleto erschien.
Der Skandal wiederholte sich als makabre Farce: Lapo Elkann wurde am Vormittag des 10. Oktober 2005 bewusstlos mit der Notfallambulanz im Turiner Mauriziano-Spital eingeliefert. Er hatte in der Wohnung einer brasilianischen Transsexuellen einen «Speedball» aus Kokain, Opium und Heroin konsumiert, fiel ins Koma und schwebte drei Tage und Nächte in Lebensgefahr. Der Promifotograf Fabrizio Corona versuchte von Fiat 200 000 Euro für die Nichtpublikation eines Interviews mit «Patrizia», der Gastgeberin der Drogenparty, zu erpressen. Die Konzernleitung ging nicht darauf ein, die Geschichte stand ohnehin schon in allen Zeitungen ausser in der familieneigenen «La Stampa». Lapos Freundin, die Schauspielerin Martina Stella, gab ihm den Laufpass. Für höhere Aufgaben im Konzern kam er nicht mehr in Betracht («als öffentliche Person war ich tot») und verbunkerte sich zum Drogenentzug in einer Klinik in Arizona. Dann gründete er ein eigenes Modelabel und präsentierte eine Sonnenbrillenkollektion. Seit dem letzten Jahr ist er in Turin wieder Persona grata und durfte bei der Präsentation des neuen «Cinquecento» auftreten.
In der Sippe von rund 170 Verwandten trägt ein einziger männlicher Nachfahre noch den Familiennamen des Patriarchen Giovanni Agnelli (1866–1945), eines piemontesischen Kavallerieoffiziers und Latifundienbesitzers, der 1899 zu den Gründern der Fabbrica Italiana Automobili Torino (Fiat) gehörte und sich das Werk bald unter den Nagel riss. Andrea Agnelli, der letzte Spross in fünfter Generation, ist der Sohn von Umberto Agnelli. Er ist mit dem Elkann-Lager zerstritten und verwaltet das enorme Privatvermögen seiner Mutter. Umberto Agnelli stand als der jüngere Bruder immer im Schatten Giannis, aber mangels geeigneter Nachkommen des «Avvocato» sollte die Nachfolge auf den Umberto-Zweig übergehen: auf den brillanten Hoffnungsträger Giovanni Alberto Agnelli. Doch der 1964 geborene Sohn Umbertos, der sein Meisterstück mit der Sanierung des maroden Vespa-Herstellers Piaggio abgeliefert hatte, starb 1997 an Leukämie. So schlug die Stunde der Elkann-Brüder.
Ihr Vater ist der Literat Alain Elkann, 58, enger Berater des italienischen Kulturministers Sandro Bondi. Die Mutter der Brüder ist Margherita Agnelli. Ihre frühe Heirat mit dem weltgewandten Beau wirkte wie eine Flucht aus dem Elternhaus – nach fünf Jahren Ehe und drei Kindern (John, Lapo, Ginevra) trennten sie sich. Margherita, eine dilettierende Dichterin und Malerin, lebt heute mit ihrem zweiten Ehemann, dem russisch-französischen Aristokraten Serge de Pahlen, in Genf. Sie gebar fünf weitere Kinder, die, als die Familie in Paris wohnte, den einen Flügel des Hauses belegten, die drei Elkann-Sprösslinge eine separate Etage unter dem gleichen Dach.
Lapo studierte in London Internationale Beziehungen und hospitierte in New York bei Henry Kissinger. Jaki ging den harten Weg an das Turiner Politecnico, hauste drei Jahre wie ein Normalsterblicher in einer spartanischen Kammer im Internat San Giuseppe, fuhr mit dem Velo zu den Vorlesungen und arbeitete in den Semesterferien unerkannt als Signor Rossi an den Fliessbändern in Polen, in Birmingham, in Frankreich – das tat auch Lapo, der enttarnt wurde, weil die Arbeiter ihn im Fernsehen entdeckt hatten, in der Agnelli-Loge im Fussballstadion. Die Brüder sehen sich kaum noch ausser im Stadion, zu Besuch bei der «alten Dame», wie der Rekordmeister Juventus liebevoll genannt wird, der seit 80 Jahren zum Familienportefeuille gehört. Schon im Kindergartenalter hatten sie am Sonntagnachmittag mit dem Nonno auf der Tribüne mitgefiebert. Manchmal hatte er die Jungen mit in den Privatjet gepackt und war irgendwo hingeflogen in Europa zu einem Champions-League-Spiel.
Erst nach seinem Tod platzte die Korruptionsaffäre, die der Fifa-Präsident Sepp Blatter als den «grössten Skandal des Weltfussballs» bezeichnete. Über Jahre hinweg hatten die Juventus-Manager Moggi und Giraudo zwecks Erfolgssicherung die Schiedsrichter bestochen und manipuliert. Der Agnelli-Club musste in die Serie B zwangsabsteigen. Eine Demütigung auch für die Elkann-Brüder. Lapo trägt das Clubwappen als Tattoo auf seinem Unterarm, aber das Sagen hat Jaki, der Hauptaktionär. Er hat den Club ausgemistet, das Budget beschnitten, die kompromittierte Führung weggejagt, jene Spieler verkauft, die nicht bereit waren zum Lauf durch die Hölle aus Hohn und Schadenfreude. Die runderneuerte «alte Dame» stieg postwendend wieder auf. Jaki Elkann, der Krisenbewältiger, bleibt im Hintergrund. Das ist sein Stil. Die ungleichen Brüder haben sich arrangiert. Jaki sagt über Lapo: «Er hat sich entschieden, völlig unabhängig zu leben, und dafür hat er all meine Zuneigung.» Im Klartext heisst das so viel wie: Wir gehen getrennte Wege.
Das Problem ist ihre Mutter Margherita, die vor einem Jahr auf der Titelseite des «Wall Street Journal» eine Bombe platzen liess: Als einziges überlebendes Kind des übermächtigen Gianni Agnelli hat sie vor dem Zivilgericht in Turin das Testament ihres Vaters angefochten. Sie will die Erbschaftsbeauftragten zwingen, das verheimlichte Privatvermögen des Partriarchen offenzulegen und die ganze Familientorte neu zu verteilen. Margherita und ihre Anwälte sind überzeugt, dass der «Avvocato» in der luxemburgischen Stiftung Alkyone einen Rattenschwanz von Beteiligungen gehortet hat. Zugriff zu diesem verborgenen Schatz haben, über seinen Tod hinaus, nur sein Vertrauensanwalt Franzo Grande Stevens, Gianluigi Gabetti, der Finanzberater der Familie, und der diskrete Schweizer Geschäftsanwalt Sigfried Maron.
Die Welt der Agnellis schien in schönster Ordnung an jenem 4. September 2004, als die Prinzessin Lavinia Borromeo Arese Taverna auf der Isola Bella im Lago Maggiore Jaki Elkann das Jawort gab. (Die Agnellis, ursprünglich bäuerlicher Herkunft, haben sich notorisch mit dem Adel verheiratet.) Zuvor hatte seine Mutter als letzte des Clans den Erbschaftspakt unterschrieben, der ihr Immobilien und eine Barabfindung im Wert von 109 Millionen Euro zugestand und Jaki die Kontrolle über das Familienimperium zusicherte. Margherita, heute 53, war auf Nummer sicher gegangen, weil Fiat damals noch tief in der Krise steckte – nachträglich möchte sie einen grösseren Anteil für ihre fünf Kinder aus zweiter Ehe herausholen. Damit wären die austarierten Machtverhältnisse plötzlich gefährdet. Die Anwälte der greisen Berater versuchten vergeblich, das Verfahren in die Schweiz zu verlegen mit ihrem weniger rigiden Erbschaftsrecht.
Margheritas Erstgeborener Jaki ging eiskalt auf Distanz: «Ich will mit dieser Frau, die meine Mutter ist, nichts mehr zu tun haben.» Bruder Lapo doppelte komplizenhaft nach: «Ich sehe und höre meine Mutter nie. In meinem Leben ist kein Platz für sie.» Gianni Agnelli hatte sich nicht getäuscht. Seine beiden Enkel haben sich für ihn entschieden.
Peter Hartmann ist freier Journalist. Er arbeitet in Zürich und Tremona. Er hat einen jüngeren Bruder.
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