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NZZ Folio 10/07 - Thema: Auto der Zukunft Inhaltsverzeichnis
Sportmärchen -- Aschenmädels Grenzerfahrung
© Markus Roost
Von Richard Reich
In Aschenland lebte einst ein Mädchen, das war von Natur aus eigentlich heiter und froh, nur konnte es sich mit seiner düsteren Heimat nicht abfinden. Wenn die Kleine auf der grauen Strasse mit schwarzen Kieseln Himmel und Hölle spielte, kam es ihr vor, als legte sich Russ auf ihre Seele. So wurde das arme Kind immer bleicher, ging nicht mehr ausser Haus und kaum mehr aus seinem Zimmer. Dieses war zwar genauso aschgrau wie alles in Aschenland, aber wenigstens gab es einen Farbfernseher.
Durch das flimmernde Fenster schaute Aschenmädel in die Welt hinaus, und eines Tages erblickte es ein fremdes Land, das ganz anders aussah als die Heimat. Die Wiesen dort waren nicht aschfahl, sondern das Gras schillerte wie Smaragdeidechsen. Das Wasser floss nicht zäh wie flüssiger Stahl, sondern freundliche Seen leuchteten warm wie die Schwingen der Blauflügelgans. Die Berge waren nicht schwarz wie Steinkohle, sondern weiss wie der Mond über der Wüste in einer Winternacht. Auch die Menschen waren anders als in Aschenland, nicht so schmal und mager, sondern rundlich wie Kartoffeln, mit grossen Köpfen und lustig käsigen Gesichtern, aus denen grosse Nasen leuchteten wie rote Zierbananen … «Das ist Wunderland!» rief das Mädchen begeistert, «da muss ich hin!»
Also zog Aschenmädel seine grauen Schuhe an und liess Aschenland noch in der gleichen Nacht hinter sich. Die Kleine lief leichtfüssig wie eine Gazelle, schneller noch als der äthiopische Wolf. In Windeseile durchlief sie sieben grosse Länder, sieben weite Wüsten, ja einen ganzen Kontinent – gleichwohl zog sich der Weg ein wenig hin, denn wer weiss schon so genau, wo Wunderland liegt?
Eines Morgens aber sah Aschenmädel in der Ferne tausend Berge aufleuchten, die waren so weiss und spitz wie die Borsten eines Stachelschweins. «Wunderland!» rief die Läuferin glücklich, und bald kam sie zu einem grossen Gletscher. Dort sass als Grenzwächter ein grosser Hund und knurrte: «Tag, junge Frau, wohin des Weges?» – «Nach Wunderland!» rief Aschenmädel, «bin ich da richtig?» – «Im Prinzip ja», antwortete der Hund, «aber bevor ich dich einlassen darf, musst du ein Rätsel lösen! Was ist das: Es kocht wie ein Vulkan, aber seine Lava schmeckt köstlich?» Aschenmädel dachte nach, so fest es konnte, aber die Lösung wollte ihm nicht einfallen. «Natürlich ein Fondue!» kläffte der Bernhardiner. Dann gab er der Fremden zum Trost einen Schluck Enzian mit auf den Weg.
Aschenmädel lief traurig der Grenze, dem Gletscher entlang, bis es zu einer Bergwiese kam. Dort stand, auf seine Sense gestützt, ein Bauer und sprach: «Holla, junge Frau, wohin so eilig?!» – «Nach Wunderland!» rief die Läuferin, «lässt vielleicht du mich hinein?» – «Im Prinzip nein», antwortete der Bauer, «es sei denn, du möchtest mich heiraten.» – «Danke bestens», lachte Aschenmädel und folgte der Grenze von Wunderland immer weiter, bis es zu einem Fluss kam. Über das Wasser führte eine Brücke, am anderen Ufer aber sass ein schwerer Mann an einem schweren Schreibtisch.
«Nun, junge Frau», ächzte er, «wie kann ich Ihnen helfen?» – «Ich komme von weit her und möchte in Wunderland leben!» – «Das ist verständlich», seufzte der Beamte, «aber dazu musst du erst unser offizielles Einwanderungsrätsel lösen. Was ist das: Es schaut aus wie ein Stachelschwein und lässt drum keinen zu sich rein?» – «Ich weiss es!» rief Aschenmädel glücklich, «das ist Wunderland!» – «Falsch, ganz falsch!» entgegnete der Beamte begeistert, «die richtige Antwort lautet: ein Schneckenhaus mit Stacheldraht.»
Da weinte Aschenmädel bitterlich, der Mann aber sprach: «Ach, mach dir nichts draus, das hat bis zum heutigen Tag noch keiner herausgefunden.» Und weil auch Beamte nicht ganz herzlos sind, schenkte er Aschenmädel zum Trost ein Touristenvisum.
Weil die Läuferin Tola Zenebech aus politischen Gründen nicht mehr für Äthiopien (dt.: «das Russige») an den Start gehen durfte, wollte sie für ihre Wahlheimat, die Schweiz, antreten, jedoch wurde ihr der rote Pass verwehrt. So liess Tola sich auf Maryam Yusuf Jamal umtaufen und wurde Weltmeisterin für Bahrain.
Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.
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