«ICH BIN HIER - warten Sie, man verliert hier das Zeitgefühl etwas - seit dem 21. Mai dieses Jahres. Insgesamt habe ich 23 Monate bekommen, ich hatte noch einen Bedingten von 13 Monaten offen. Verurteilt wurde ich wegen Handel und Konsum von Thai-Pillen. Ein Drittel der Strafe wird einem bei guter Führung erlassen. Ich habe keine Ahnung, was ich anstellen müsste, um diesen Straferlass nicht zu bekommen, ich will's auch gar nicht probieren. Bei der Verhaftung habe ich den Polizisten merci gesagt, dass sie mich aus dem Ganzen herausgeholt haben. Ich war froh, dass das alles ein Ende genommen hatte und ich einmal etwas zur Ruhe kam.
Ich bin in Biel aufgewachsen. Mit 16 oder 17 zog ich von zu Hause aus und stürzte bald einmal auf Heroin ab. Ich machte ein Therapie, 14 Monate in Italien und 10 Monate im Emmental bei einer Bauernfamilie. Die Zeit in Italien war eine der besten in meinem Leben. Wir waren etwa 20 Leute, die gemeinsam gearbeitet haben, in der Schreinerei, im Garten, in der Küche. Seither habe ich Heroin nicht mehr angefasst. Ich hatte es aus lauter Langeweile genommen.
Meine Eltern hielten immer zu mir. Ich konnte jederzeit nach Hause, mein Vater sagte: du kannst alles haben. Ausser Geld natürlich. Das hat viel dazu beigetragen, dass ich nicht gross Schwierigkeiten hatte, vom Heroin loszukommen.
Ich habe dann eine Malerlehre gemacht und kam in der Partyszene mit den Thai-Pillen in Kontakt. Konsumiert habe ich nicht so viel, aber ich war eine von denen, die wussten, wo man sie bekommt. Irgendwie ergab sich, dass ich für die Kollegen auch etwas mitzubringen begann. So kam eins zum andern, plötzlich waren da dauernd Leute, die etwas wollten. Es war ein Teufelskreis.
Werktags schliessen sie hier morgens um halb sieben die Zellen auf, an den Wochenenden um halb zehn. Unter der Woche arbeite ich von halb acht bis halb zwölf und dann wieder von eins bis fünf in der Schneiderei. Im Moment machen wir Kinderkleider für unseren Basar. Abends um halb zehn schliessen sie uns wieder in den Zimmern ein, an den Wochenenden schon um neun. Nach Arbeitsschluss isst man in der Wohngruppe, das Essen kommt von der zentralen Küche. Anschliessend hat man frei. Da sitzt man zusammen und redet oder spielt oder geht aufs Zimmer. An den Wochenenden gibt es Brunch und Nachtessen, der Rest ist einem freigestellt. Man kann sich im Garten oder auf der Abteilung aufhalten.
Da zieht sich die Zeit schon sehr hin.
Man kann nicht mit allen reden. Die Südamerikanerinnen können meist nur Spanisch oder Portugiesisch, die Albanerinnen und die Jugoslawinnen können oft noch Italienisch oder Deutsch. Sonst versucht man es auf Englisch, redet mit Händen und Füssen. Es gibt enge Freundschaften hier drin, aber ich weiss nicht, ob die draussen noch halten. Das Zusammenleben mit Frauen habe ich mir schlimmer vorgestellt. Man hatte mir Horrorgeschichten erzählt. Ich habe die Intrigen unter Frauen und ihr Geschnatter nie gemocht. Und jetzt hat es hier so viele gute Frauen.
In unserer Wohngruppe sind wir im Moment 14 oder 15. Altersmässig ist die Gruppe recht breit, es hat auch ältere, so bis vierzig, fünfzig. Auch solche, die ein schweres Verbrechen begangen haben. Man kann die Frauen schon fragen, und je nachdem reden sie drüber oder nicht. Über Drogendelikte spricht sich leichter als über ein Tötungsdelikt. Es gibt hier ein Programm zur Aufarbeitung der Tat und für Wiedergutmachung. Da mache ich aber nicht mit. Ich kann mich ja nicht bei allen entschuldigen gehen, denen ich etwas verkauft habe, es war ihr freier Entscheid. Die Einzige, bei der ich mich entschuldigen müsste, bin ich, und dazu brauche ich kein Programm.
Zweimal im Monat darf man zwei Stunden lang Besuch haben, vorne bei der Loge, nicht hier in der Zelle. Und seit kurzem darf ich einmal im Monat für fünf Stunden hinaus, muss mich aber im Umkreis von 20 Kilometern aufhalten. Beim ersten Ausgang war ich in Bern Sachen einkaufen, die man hier nicht bekommt. Und jetzt habe ich dann alle sechs Wochen übers Wochenende Urlaub. Da darf ich dann weiter weg. Bisher war der Drang nach draussen gar nicht so gross, im Gegenteil. Ich war froh, hier zu sein. Das Puff draussen hat sich wie erledigt. Aber seit dem ersten Ausgang habe ich viel mehr Drang. Am schlimmsten ist es hier in der Nacht, wenn man nicht schlafen kann. Und man kann nicht hinaus. Was macht man da? Fernsehen, Briefe schreiben. Ich habe hier schon sehr viele Briefe geschrieben.
Ausser dass ich die Zeit nicht für etwas nutzen kann, das mir später hilft, ich würde mich gerne auf dem Computer weiterbilden, nehme ich hier bestimmt keinen Schaden. Ich glaube, es verändert sich für einen hier schon etwas. Wem es ernst damit ist, etwas an sich zu verändern, dem hilft das hier schon. Die Betreuerinnen sind o. k. Es sind halt einfach Betreuerinnen. Ich denke, sie machen ihren Job so gut es geht. Sie stehen halt zwischen der Anstaltsleitung und uns, bekommen immer beide Seiten zu spüren.
Die Welt draussen nimmt man über den Fernseher wahr und über die Zeitungen. Ich lese hier drin jeden Tag die Biel-Seeland-Seiten im <Bund>. Der 11. September war schon auch ein Thema hier drin. Wir haben die Nachricht am Radio während der Arbeit gehört. Wir bekamen Kerzen zum Anzünden und haben auch eine Schweigeminute gemacht. Man probiert irgendwie doch, am Leben teilzunehmen.
Meine Träume? Das Leben in den Griff bekommen, unabhängig sein. Reisen machen, Asien oder Kanada. Einmal in einer anderen Stadt leben, vielleicht in Berlin. Nie mehr hierherkommen.»