LÄNGST IST die fünfte Landessprache eigentlich die dritte: Denn wie könnten sich Italienisch und Rätoromanisch in Geltung und Verbreitung mit dem Englischen messen? Die Swissair (englisch genug) lobt sich in deutschsprachigen Zeitungen als the refreshing airline, der Pharmariese Novartis verspricht new skills in the science of life, und Schweizer Uhren sind instruments for professionals oder architects of time. Mehr noch als die Deutschen haben sich die Schweizer dem Ansturm aus New York, Hollywood und dem Silicon Valley geöffnet - doch der ganze deutsche Sprachraum ist dabei, sich willig von der Sturzflut der Amerikanismen überschwemmen zu lassen.
Aber ist das Englische nicht von unerreichter Griffigkeit? Oft ja: Test, Job, Team, Chip, das sind vorzügliche Importe. Oft nein. Der Airbag ist nicht kürzer, nur schlaffer, als es der Prallsack wäre; der Computer ist sogar eine Silbe länger als der Rechner, das City-Bike als das Velo, das Showbusiness als das Schaugeschäft; und zwei zusätzliche Silben muten wir uns zu, wenn wir uns von Microsoft einen solution provider andrehen lassen, der nichts als ein Lösungsfinder ist.
Aber können wir das Englische überhaupt entbehren, da doch der Fortschritt der Technik zumeist aus Amerika kommt? Doppelt falsch. Denn erstens haben zwei Drittel unserer Amerikanismen mit Fortschritt nichts zu tun: Ein T-Shirt trug der Verfasser schon vor fünfzig Jahren unter dem Namen «Unterhemd», die After-shave-Lotion ist seit hundert Jahren als Rasierwasser (eine Silbe kürzer) auf dem Markt, und das Snowboard ist ein Monoski, der sich in vielen Stufen aus den Holzlatten der norwegischen Landbriefträger entwickelt hat, mit denen alles anfing. Doch wie fährt man auf dem Brett? Freeride, Freestyle, Carve und Race, mit Boarder Cross, Power Wing, No-Grab Maneuvres, Sidecut, Tail und Goofy. Mit High-Tech hat das wenig zu tun, alles aber mit der Verliebtheit in exotische Rülpser, wenn sie nur aus Colorado oder Kalifornien kommen.
Dass der technische Fortschritt das Englische unentbehrlich mache, ist zweitens deshalb falsch, weil das Übersetzen schon immer eine schwierige Kunst gewesen ist. Luther hat sich auf der Wartburg nicht weniger geplagt, als sich ein paar Computerspezialisten plagen müssten, wenn sie ihren Zunftjargon ins Deutsche transportieren wollten. Er hat sich nur geweigert, fremde Brocken in die Bibel aufzunehmen, weil sie «nicht übersetzbar» seien. Und oft wäre das Verwandeln so einfach! Das World Wide Web ist ein Weltnetz und nichts sonst - eine Silbe kürzer bei einem blossen Drittel des Artikulationsaufwands: Denn das dreifache Dabbeljuh kommt von deutschen Lippen etwa so leicht wie von englischen der Schnellzugzuschlag. Und wo läge das Problem, aus der E-Mail die E-Post zu machen? Bei der mouse ist es uns ja auch gelungen: Maus schreiben wir, ein Geniestreich der Übersetzungskunst.
Wir könnten also, wenn wir wollten. Aber wir wollen nicht. Wir wollen nicht, weil es so wahnsinnig chic ist, sich englisch auszudrücken. Weil amerikanische Filme, Serien, Popstars und Produkte sich mit milliardenschwerer Werbung des Englischen als Treibsatz für die Invasion Europas bedienen. Weil die einheimischen Hersteller lang bewährter Unterhosen hoffen, sie besser zu verkaufen, wenn sie sie als lifestyle underwear anpreisen. Und nicht zuletzt, weil uns das ungebrochene Verhältnis zu unserer Sprache fehlt, wie Spanier, Italiener, Franzosen es besitzen.
Vielleicht, dass dabei in der Schweiz die halbbewusste Genugtuung mitschwingt, sich immer deutlicher von der Sprache des ungeliebten Nachbarn im Norden abzukoppeln - während deutsche Intellektuelle die Chance wittern, den Zweiten Weltkrieg Tag für Tag sprachlich aufs neue zu verlieren. Hat nicht Günter Grass gepredigt, Auschwitz müsste den Deutschen die Wiedervereinigung verbieten? Was also sollen wir noch mit jener Sprache, in der auch Hitler seine Reden hielt? Da hat sich eine Marktlücke aufgetan, und die Amerikaner nutzen sie brutal.
Dass bei alldem eine grosse Kultursprache vor die Hunde geht, muss ja nicht jeden aufregen. Nachdenken aber sollten wir darüber, was die Anglomanie noch bedeutet: Verwirrung der Kinder und Verhöhnung der Alten.
Die Kinder - dem Computer, dem Fernsehen, der Popmusik besonders ergeben - werden durch den deutsch-englischen Mischmasch mehr und mehr daran gehindert, ein Gefühl für die Strukturen ihrer Muttersprache zu gewinnen. Zweisprachigkeit wie im Elsass oder am Röstigraben ist nicht das Problem: Da wird ja unterschieden zwischen Vater und Mutter oder Heim und Schule oder der jeweiligen Gelegenheit. Welches Sprachgefühl aber soll ein Kind entwickeln, wenn es «die Switching-Funktion mit einer kompatiblen Virtual Machine kompiliert»? Oder wenn der Berner «Bund» es mit groovigen Bässen, souligem Gesang und bluesigen Harmonien verwöhnt? Ginge es nicht ein bisschen easier?
Die ältere Hälfte unserer Mitbürger kann überwiegend gar nicht Englisch (das patchwork halten viele für eine Fliegenklatsche, wie eine «Spiegel»-Umfrage ergeben hat). Von der öffentlichen Kommunikation werden die Älteren also hochmütig ausgeschlossen. Sie finden sich in einer fremden Welt.