MARKO TURINA, 1937 in Zagreb geboren, ist Chefarzt der Abteilung Gefäss- und Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich. Unter seinen Händen haben schon über 200 Menschen ihr Herz verloren und ein neues bekommen, er wird deshalb auch «Herzschrittmacher der Nation» genannt. Doch die Herzverpflanzungen sind fast der einfachste Teil seiner Arbeit. «Nirgends in der Medizin kann soviel misslingen wie in der Herzchirurgie», sagt Turina.
Marko Turina, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.
Es war Krieg als ich klein war. Stundenlang flogen Viermotorige über unsere Stadt, ich sah, wie Leute an Laternen aufgehängt wurden. Doch dazwischen ging das Leben weiter. Wenn die Flieger um elf Uhr kamen, war die Schule eben von sieben bis zehn.
Waren Sie ein Musterschüler?
Keine spezielle Begabung, das ist charakteristisch für mich. Natürlich hatte ich sehr gute Noten, und komplizierte Dinge interessierten mich. Eigentlich wollte ich Technik studieren. Aber dann sah ich bei Freunden, dass man da nächtelang diese endlos feinen Tuschzeichnungen machen musste.
Da wurden Sie lieber ein Gott in Weiss.
Bei der Medizin kommt alles zusammen, Biologie, Biochemie, Chemie - all die komplexen Lebensvorgänge besser verstehen, das hat mich enorm interessiert. Aber mit Gottähnlichkeit hat mein Beruf nichts zu tun. Es gibt Patienten, die meinen, sie könnten nach einer Operation am nächsten Tag mit einem Freudenschrei aus dem Bett springen. So geht es ja nun wirklich nicht. Und wenn ein Patient 78 Jahre alt ist und vier Herzinfarkte hinter sich hat, wenn das Gehirn nicht mehr richtig funktioniert und ein Bein langsam schwarz wird, dann ist vielleicht nicht mehr alles Menschenmögliche sinnvoll. Sterben gehört zum Leben, an dieser Tatsache kann auch die fortschrittlichste Medizin nicht rütteln.
Als Herzchirurg arbeiten Sie an der Linie zwischen Leben und Tod.
Das Herz ist während der Operation abgestellt, und wenn alles gut geht, läuft es nachher wieder, das ist schon wirklich faszinierend. Dass man Menschen helfen kann, die in einer lebensbedrohenden Situation stecken, macht die Herzchirurgie auch für die Jungen so anziehend. Aber schon ein kleiner Fehler kann tödliche Folgen haben. Deshalb die lange Ausbildung, nach dem Staatsexamen vergehen noch mindestens zehn Jahre intensivster Arbeit, bis man selbständig handeln kann.
Was fühlten Sie, als Sie das erste Mal ein schlagendes Herz vor sich hatten, das Sie operieren sollten?
Es war die absolute Antiklimax. Man hatte sich so lange darauf vorbereitet, man war im Kopf alles tausendmal durchgegangen, die Ausführung war nichts Besonderes mehr.
Haben Sie vor einer Operation Angst?
Ich bin vielleicht besorgt, aber Angst habe ich nicht, nein. Als Chirurg muss man ein gesundes Selbstvertrauen haben, Zweifler sind Versager. Man muss schnell denken und schnell handeln. Wenn ein Entscheid gefällt ist, darf man nicht mehr zögern, denn das ist das Rezept für Katastrophen.
Und danach? Sind Sie glücklich?
Das ist eher schwierig in einem Beruf, in dem das Perfekte erwartet wird.
Was ist das Herz?
Eine extrem effiziente Pumpe. Pro Tag schlägt es etwa 86 000mal, dreissigmillionenmal im Jahr, und das lebenslang, achtzig Jahre und mehr, das ist einfach phänomenal. Es gibt keine Maschine, die auch nur annähernd solches kann. Dann die Selbstregulation: Ob beim Schlafen oder Fussballspielen, das Herz passt sich sofort an, es ist grossartig. An dieser Selbstregulation ist die Kunstherzforschung bis heute kläglich gescheitert.
Sie sind seit 1961 Mediziner. Was hat sich verändert in dieser Zeit?
Als ich anfing, wurden noch keine Organe verpflanzt, es gab keine künstlichen Gelenke, mit 60 war man unter Umständen einfach ans Bett gefesselt. Nicht, dass man älter wird, ist die grosse Errungenschaft der modernen Medizin, sondern dass man auch im Alter normal funktionieren kann. Ich habe die explosive Entwicklung der Koronarchirurgie miterlebt, jetzt beobachte ich den nächsten Schritt, das ist die minimal invasive und die robotisch assistierte Chirurgie.
Wann haben Sie das erstemal Ihr Herz verschenkt?
Ich bin seit 1965 glücklich verheiratet. Aber meine Familie musste sehr viel Verständnis aufbringen, ich bin wenig zu Hause, selten vor neun Uhr abends. Meinen 50. Geburtstag wird meine Frau wohl nie vergessen. Wir hatten grosse Vorbereitungen getroffen. Dann wurde um sechs Uhr in Lugano ein Herz verfügbar. Um acht war ich im Spital. Als ich um vier Uhr morgens nach Hause kam, waren die letzten Gäste gerade gegangen.
Hatten Sie oft ein gebrochenes Herz?
Enttäuschungen gehören zum Leben. Wenn eine Operation misslingt, beschäftigt das einen aber schon sehr.
Und sonst?
Sonst? Herzchirurgen führen eine eher langweilige Existenz.