NZZ Folio 10/05 - Thema: Reich und Schön   Inhaltsverzeichnis

Spektrum der Wissenschaft -- Schwanengesang heiliger Kühe

Von Reto U. Schneider

Von allen Tieren sind den Ärzten vier ganz besonders ans Herz gewachsen: die Kuh, der Schwan, das Schaf und die Ziege. Es ist kaum zu glauben, was da in der Welt der Medizin alles als Kuh sein Dasein fristet. Zum Beispiel das Züchten von Bakterien aus Auswurf auf Nährboden: «Sputum-Kultur – eine heilige Kuh» (Journal of Postgraduate Medicine, Vol. 39, S. 60–62). Aber auch Operationszubehör ist nicht, was es scheint: «Die chirurgische Maske: eine weitere heilige Kuh?» (AORN Journal, Vol. 56, S. 424, 426). Traditionellerweise hält sich jedes Fachgebiet sein eigenes Tier: «Die heilige Kuh der Psychiatrie» (Reason, Vol. 10, S. 30/31) wird bestimmt in einem Gummizellenstall gehalten.

Dort ist es ziemlich eng, denn sie muss ihn sich mit einer Ziege teilen: «Der Sündenbock und die heilige Kuh in der Gruppentherapie» (Journal of Contemporary Psychotherapy, Vol. 28, S. 277–87) . Und mit einem Schaf: «Untersuchung der Rolle des schwarzen Schafes in einer Therapiegruppe» (Jornal Brasileiro de Psiquiatria, Vol. 15, S. 15–23) .

Oft wissen selbst die Experten nicht, was sich da versteckt: « Aldose-Reduktase: schwarzes Schaf oder Leiche im Keller?» (Nature Structural Biology, Vol. 3, S. 659–61) . Wahrscheinlich ist die Leiche eines singenden Schwans gemeint, der in der Wissenschaft auch oft anzutreffen ist.

Der hier lebt noch, und man glaubt sogar zu wissen, wer ihn dirigiert: «Die Flip-Variation auf der Trail Disc: Doxorubizin dirigiert den Schwanengesang» (Cancer Biology & Therapy, Vol. 1, S. 528/29) .




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