NZZ Folio 11/95 - Thema: Viren und Co   Inhaltsverzeichnis

Experimente der Natur

Virus und Mensch - ein Kampf ums Überleben.

Von Jean Lindenmann

AM 20. MÄRZ 1846 schiffte sich in Kopenhagen ein Tischler, der zuvor einen Masernkranken besucht hatte, an Bord eines Segelschiffs mit Kurs auf die Färöer ein. Am 28. März ging der Mann in Torshavn, dem Hauptort der Inselgruppe, an Land. In den folgenden Tagen fühlte er sich unwohl, er hatte Husten, Fieber, Augenbrennen. Am 3. April traten rote Flecken zunächst im Gesicht, später am ganzen Körper auf. Am 4. April war der Höhepunkt der Krankheit erreicht. Für den Tischler begann damit die Genesung - und für die Färöer eine schlimme Epidemie, die als Markstein in die Annalen der Medizin eingehen sollte.

Die Färöer sind ein schwer zugänglicher Archipel zwischen Schottland und Island. Im Jahr 1846 lebten dort 7782 Einwohner verstreut auf 17 zerklüfteten Inseln. Medizinisch wurden sie von zwei ansässigen Ärzten betreut, administrativ unterstanden sie der dänischen Krone. Ihre Beziehungen zur Aussenwelt waren durch ein jahrhundertealtes Handelsmonopol der Königlich Färöerischen Handlung, über die sämtliche Ein- und Ausfuhren abgewickelt werden mussten, auf ein Minimum beschränkt. Aber auch untereinander hatten die kleinen, an Fjorden gelegenen Siedlungen nur selten Kontakte. Traf einmal Besuch ein, wurde das gebührend gefeiert. Von solchen Ereignissen sprach man noch nach Jahren - vom Besuch des Tischlers in Torshavn spricht man noch heute.

Die letzte Masernepidemie, von der die Färöer heimgesucht worden waren, lag 65 Jahre zurück. Der erkrankte Tischler wurde von mehreren Bekannten besucht und steckte sie an. Diese trugen die Krankheit weiter. Von dieser zweiten Welle erfasste Personen verbreiteten die Infektion ihrerseits. Im Mai liess sich nicht mehr übersehen, dass eine Epidemie im Gang war.

Bedenkt man die damaligen Nachrichten- und Verkehrsmittel, reagierten die Behörden erstaunlich prompt. Obwohl sie eher zur Beruhigung der Bevölkerung als in der Hoffnung aktiv wurden, die Krankheit eindämmen zu können; denn sie beschränkten sich darauf, von Kopenhagen zur Verstärkung zwei Ärzte anzufordern. Man schickte einen Herrn Manicus, von dem wir weiter nicht viel wissen, und den frischgebackenen 26jährigen Mediziner Peter Ludwig Panum, «cand. med. & chir.». Dieser junge Mann, der schon am 2. Juli ein Dorf auf den Färöern besuchen konnte, wo von 100 Einwohnern 80 hochfiebernd darniederlagen, hat uns die erste, in jeder Hinsicht klassische Beschreibung einer Masernepidemie überliefert.

WIE INFEKTIONEN SICH VERBREITEN. Die Masern waren damals eine recht gut bekannte Krankheit. Schon im Mittelalter hatten arabische Ärzte damit begonnen, sie von andern akuten Krankheiten mit Ausschlägen, wie Pocken und Scharlach, abzugrenzen. Man wusste, dass die Masern die höchst bemerkenswerte Eigenschaft haben, ihre Opfer nur einmal zu befallen: Wer Masern durchgemacht und überlebt hatte, war für den Rest seines Lebens dagegen gefeit.

Diese Feststellung allein genügt schon, um zu erklären, warum die Masern sich als Kinderkrankheit gebärden, obschon sie Erwachsene genauso leicht befallen wie Kinder: Wo Masern häufig sind, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass man sich früh im Leben, also in der Kindheit, ansteckt. Wird aber die Mehrzahl der Kinder angesteckt, so muss die Mehrzahl der Erwachsenen gefeit oder, wie man auch sagt, immun sein. Somit sind die Masern eine Kinderkrankheit, nicht etwa, weil die Krankheit Kinder vorzöge, sondern weil sie darauf angewiesen ist, dass durch nichtimmunen Nachwuchs genügend Zunder angehäuft wird, damit sie immer wieder aufflackern kann.

Auf den Färöern aber waren die Masern nach einer Epidemie im Jahr 1781 erloschen. Somit hatten alle Einwohner unter 65 Jahren nie Masern gehabt und waren darum für die Krankheit anfällig, nichtimmun. Dass Immunität auch nach 65 Jahren ein für die Krankheit unüberwindliches Hindernis geblieben war, zeigte sich daran, dass 98 alte Leute, die sich genau daran erinnerten, 1781 Masern gehabt zu haben, von der neuen Epidemie verschont blieben, während praktisch alle Einwohner unter 65 Jahren, mehr als 6000, erkrankten.

Die Vorstellungen, die man damals von dem hatte, was wir heute Infektionskrankheiten nennen, waren recht verschwommen. Eine erste Gruppe umfasste Krankheiten, die eindeutig durch zwischenmenschliche Kontakte verbreitet wurden, zum Beispiel die Syphilis; diese Krankheiten hiessen «kontagiös». Zu einer zweiten Gruppe gehörten Krankheiten, die zwar massenhaft auftraten, aber, soweit man sehen konnte, nicht ansteckend schienen, etwa die Malaria; diese nannte man «miasmatische» Affektionen.

Bei den kontagiösen Krankheiten nahm man an, ein krankmachendes Kontagium werde von Mensch zu Mensch weitergegeben. Über dessen Wesen konnte nichts anderes vermutet werden, als dass es sich im Verlauf der Weitergabe nicht verdünnte, sondern kräftig vermehrte, sonst wären keine Epidemien entstanden. Bei den miasmatischen Krankheiten dagegen stellte man sich vor, sie würden durch ein Miasma, eine irgendwie geartete Verderbnis der Luft, entstehen und so über weite Gebiete fast gleichzeitig viele Menschen befallen.

Die Masern schienen einerseits Züge von kontagiösen Krankheiten zu haben, wenn innerhalb einer Familie die Krankheit von einem Kind auf mehrere Geschwister übersprang. Anderseits war oft nicht auszumachen, wie sich das erste Kind angesteckt haben mochte. Statt allen möglichen Kontakten nachzugehen, die ein Kind gehabt hatte, war es bequemer, sich vorzustellen, die Masern entstünden auch spontan, durch üble Luft, miasmatisch eben. Man prägte darum den Zwitterbegriff der «miasmatisch-kontagiösen» Erkrankung.

Der junge Panum erkannte, als er den Boden der Färöer betrat, dass ihm die Natur den Ablauf eines einzigartigen Experiments in einem einzigartigen Laboratorium vorführte und dass es an ihm lag, daraus das Beste zu machen. Hören wir, was er selbst dazu zu sagen hat: «Die Isolation der einzelnen Wohnplätze macht ferner, dass jede Berührung mit Einwohnern anderer Ortschaften einem Jeden bekannt ist und als etwas Merkwürdiges oft im Calender notirt wird und noch nach langer Zeit Allen erinnerlich ist. (. . .) Ich konnte daher fast in jedem Dorfe ganz genaue Auskunft über den ersten Ursprung und die weitere Verbreitung der Krankheit erhalten. (. . .) Auf diese Weise habe ich in 52 Dörfern die Namen der Personen, die zuerst Masern bekamen, die Veranlassung, wodurch, und das Datum, da sie der Ansteckung ausgesetzt waren, das Datum, da das Exanthem bei ihnen zum Vorschein kam, und wie lange Zeit nachher andere Einwohner Exanthem bekamen, notirt.»

Die Schlussfolgerungen Panums, die heute noch gelten, waren: Die Ansteckung erfolgt immer von einem Menschen, bei dem der Ausschlag (das Exanthem) entweder frisch begonnen hat oder sich in den nächsten Tagen entwickeln wird. Die Inkubationszeit (die Zeit, die zwischen Ansteckung und Ausbruch des Ausschlags verstreicht) beträgt 13 bis 14 Tage. Dem Ausschlag geht ein unterschiedlich langes Vorstadium mit Husten, Fieber, Augenbrennen voraus. Die Masern werden ausschliesslich durch Ansteckung erworben, sie sind eine rein kontagiöse Erkrankung, von Miasma kann keine Rede sein.


DIE NATUR DES KONTAGIUMS. Aber was ist das Kontagium? Panum teilt uns seine Spekulationen, falls er solche angestellt hat, nicht mit. Er erwähnt nur, dass es sich um eine Art «generatio aequivoca» handeln müsste, sollten die Masern je spontan entstehen. Der Ausdruck «generatio aequivoca» ist vorbelastet, er bezieht sich auf die spontane Entstehung von Leben. Um die Mitte des letzten Jahrhunderts gab es ernsthafte Theorien, wonach Kontagien Lebewesen sein sollten. Man stellte sie sich als äusserst kleine würmchen- oder insektenähnliche Gebilde vor, die sich als Parasiten auf Kosten der von ihnen Befallenen vermehrten und sie dabei krank machten.

Dass solche krankmachende Kleinlebewesen nicht reine Phantasieprodukte waren, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewiesen, an Krankheiten wie Milzbrand, Tuberkulose, Typhus, Diphtherie. Drei grosse Gruppen von Mikroorganismen enthalten Arten, die krankmachend sind: Pilze, Protozoen und Bakterien. Die Natur des Masernkontagiums jedoch, das keinem dieser drei Lebensbereiche angehört, blieb lange Zeit umstritten. Es gehört einer Klasse noch kleinerer, noch schwerer fassbarer biologischer Objekte an, die wir heute Viren nennen.

Dem Zugriff der Forscher wusste sich das Masernvirus bis in die Mitte unseres Jahrhunderts zu entziehen. Erst Fortschritte in Gewebekulturtechnik, Elektronenmikroskopie, Molekularbiologie haben zu einem genauen Bild dieses Virus geführt. Das Masernvirus kommt in «freier Wildbahn» nur beim Menschen vor, aber es hat nahe Verwandte bei Tieren: Die Viren der Hundestaupe, der Rinderpest, der Pest der Ziegen und Schafe, des Massensterbens der Seehunde, neuerdings einer in Australien aufgetretenen Pferdeseuche. Die Verfügbarkeit des Virus führte zu zwei wichtigen Entwicklungen: Zur Bereitstellung diagnostischer Verfahren, die es erlauben, immune Menschen von nichtimmunen zu unterscheiden, und zur Herstellung eines Impfstoffs.

Das Masernvirus ist zwar äusserst stabil (die Masern, die wir heute sehen, und jene, die Panum beschrieben hat, sind genau die gleichen), und dennoch sind die Folgen der Infektion je nach Situation sehr unterschiedlich. Das rührt daher, dass das Virus an sich nicht sehr gefährlich ist, doch die Maserninfektion bewirkt eine vorübergehende Schwächung der körpereigenen Abwehr. Was wir gegenwärtig in so tragischer Weise bei der HIV-Infektion im Zeitlupentempo ablaufen sehen, die Schädigung des Immunsystems, erfolgt bei den Masern gewissermassen im Zeitraffer, zum Glück aber nur während weniger Wochen. Was aber in diesen Wochen passiert, kann über Leben und Tod entscheiden. In den Industrieländern sind die Masern eine milde Krankheit mit nur seltenen und beherrschbaren Komplikationen (Lungenentzündung, Mittelohrentzündung, ausnahmsweise Hirnhautentzündung). Die Sterblichkeit bei Masern ist in diesen Ländern seit mehr als hundert Jahren stetig gesunken. In Entwicklungsländern dagegen tragen sie ganz wesentlich zur enormen Kindersterblichkeit bei. Unterernährte, von Parasiten befallene, unter allen möglichen Darm- und Atemwegserkrankungen leidende Kleinkinder werden von den Masern dahingerafft. «Zähle deine Kinder, nachdem die Masern durchgegangen sind», lautet ein arabisches Sprichwort.

Das erklärt auch die verheerenden Folgen der Einschleppung von Masern in primitive, vorher masernfreie Gesellschaften, in denen sämtliche Altersgruppen empfänglich sind und eine Epidemie die ganze Bevölkerung erfasst, was zum Zusammenbruch selbst der rudimentärsten Infrastruktur führt. So brachen die Masern im Jahr 1875 auf den Fidschi-Inseln aus, ausgelöst durch eine Konferenz der Häuptlinge mit ihren britischen Kolonialherren. Es wird geschätzt, dass etwa ein Viertel der Ureinwohner im Gefolge der Masernepidemie starb. Ähnliche Katastrophen ereigneten sich bei Masernausbrüchen unter Eskimos und Indianern.

Doch auch in Ländern, in denen die Masern längst heimisch waren, gab es ländliche Gegenden mit nur geringer Durchseuchung. Im amerikanischen Sezessionskrieg 1861 wurden viele Rekruten aus entlegenen Farmen in grossen Baracken- und Zeltlagern zusammengepfercht. Unter ihnen gab es viele, die die Masern nicht durchgemacht hatten und für das Virus empfänglich waren. Wie die sanitarischen Verhältnisse in beiden Armeen ausgesehen haben mögen, erhellt der Umstand, dass mehr als doppelt so viele Soldaten an Krankheiten starben als im Kampf fielen.

DIE MASERNIMPFUNG. Angeregt durch den sensationellen Erfolg, mit dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1977 die Pocken weltweit zum Verschwinden gebracht hatte, schien die Idee verlockend, das gleiche mit den Masern zu versuchen. Tatsächlich weisen die Masern gerade jene Besonderheiten auf, ohne die an eine Ausmerzung nicht zu denken wäre: Die Infektion ist auf den Menschen beschränkt, nur Erkrankte geben das Virus weiter, die Krankheit ist leicht auch von Laien zu erkennen, der Erreger geht in der Aussenwelt schnell zugrunde, es existiert ein wirksamer Impfstoff. Die Vorteile einer solchen «Eradikation» der Masern sind leicht einzusehen: Ist sie einmal erreicht, braucht nicht mehr geimpft zu werden, das Problem ist endgültig gelöst.

Wie muss man sich eine solche Ausrottungskampagne vorstellen? Als die WHO 1967 mit dem Ziel antrat, innerhalb von zehn Jahren die Pocken vom Antlitz der Welt zu tilgen, war die Krankheit in weiten Teilen Afrikas, Südamerikas, Indiens und Südostasiens häufig, während Nordamerika und Europa bereits frei von «einheimischen» Pocken waren. Zwar traten auch dort wegen des regen Reiseverkehrs von Zeit zu Zeit importierte Fälle auf, die jedoch rasch erkannt und eingedämmt werden konnten. In einer ersten Phase ging es darum, in den Pockengebieten ein Meldesystem einzurichten, Hilfspersonal zu schulen und die Bevölkerung so weit aufzuklären, dass den vorgesehenen Massnahmen kein Widerstand erwuchs. In der zweiten Phase wurde angestrebt, durch Massenimpfungen die Zahl der Erkrankungen auf weniger als 5 pro 100 000 Einwohner einzudämmen. War das erreicht, konnte man sich daranmachen, alle Neugeborenen und neu Zugezogenen zu impfen, um einen hohen Stand der Durchimpfung beizubehalten. Gleichzeitig wurde allen auftretenden Fällen nachgegangen und mögliche Kontaktpersonen nachgeimpft. Sobald ein Land zwei Jahre lang pockenfrei geblieben war, trat es in die letzte Phase des Programms ein, dessen Schwerpunkt auf notfallmässiger Abklärung jedes verdächtigen Falles lag, mit sofortiger Isolation und Aufspüren aller Kontakte.

Bei Halbzeit, 1972, waren die Pocken bereits aus Südamerika und Westafrika verschwunden, 1976 persistierten sie nur noch im Horn von Afrika, am 26. Oktober 1977 wurde der letzte Fall bei einem 23jährigen Somalier festgestellt, und nach zwei weltweit völlig pockenfreien Jahren konnte 1979 die WHO das endgültige Verschwinden der Pocken offiziell verkünden - wahrscheinlich der grösste medizinische Erfolg, den unser Jahrhundert aufzuweisen hat.

Will man etwas Ähnliches bei den Masern erreichen, so müsste man zunächst einmal einzelne Länder frei von «einheimischen» Masern halten können. Eine grosse Schwierigkeit besteht darin, dass das Masernvirus viel ansteckender ist als das Pockenvirus. Um die gleiche Wirkung zu entfalten, welche eine 80prozentige Durchimpfung einer Bevölkerung bei Pocken erbringt, müsste bei Masern eine über 95prozentige Durchimpfung gelingen. Ein solcher Durchimpfungsgrad ist selbst in Industrieländern sehr schwer zu erreichen und noch schwerer durchzuhalten. Die USA hatten sich dieses Ziel für das Jahr 1982 gesetzt und verfehlt. Es gibt eben immer wieder Gruppen von Menschen, die sich der Impfung entziehen: Gemeinschaften, die aus religiösen Gründen jede Impfung verweigern, unterprivilegierte Schichten (zum Beispiel illegale Einwanderer), die durch die Maschen jedes Präventivsystems fallen. Dazu kommen technisch bedingte Impfversagen und administrative Unzulänglichkeiten. Die Masern wurden in den USA und einigen andern Ländern zwar sehr stark zurückgedämmt, aber eine Eradikation ist auch heute noch nicht absehbar.

Die Entwicklung eines Impfstoffs erwies sich als nicht ganz unproblematisch. Theoretisch standen zwei Möglichkeiten zur Auswahl: ein Impfstoff aus abgetötetem, also nicht infektionsfähigem Masernvirus (Totvakzine) und einer, der infektionsfähiges, aber in seinen krankmachenden Eigenschaften abgeschwächtes Virus enthielt (Lebendvakzine). Den vermeintlich sichereren Weg des abgetöteten Impfstoffs beschritt man zuerst, aber er endete mit einem Fehlschlag. Gut bewährt haben sich dagegen Lebendvakzine.

In Entwicklungsländern stehen der Ausrottung der Masern noch viel grössere Hindernisse als in Industrieländern im Weg, selbst dort, wo keine Bürgerkriege, Hungersnöte oder Genozide vorkommen. Eine Schwierigkeit unter vielen ist folgende: Der heute gebräuchliche Lebendimpfstoff ist nur bei Kühlschranktemperatur haltbar. In weiten Gegenden Afrikas fehlt es an Strom, um einen Kühlschrank zu betreiben. Bis der Impfstoff die Impflinge erreicht, hat er seine Wirksamkeit verloren. Nun wäre es sehr wahrscheinlich möglich, einen Impfstoff zu entwickeln, der seine Wirksamkeit mehrere Wochen lang bei tropischen Temperaturen beibehält. Damit könnte man in Afrika impfen. Aber ist das nicht eine jener typischen Scheinlösungen zur Umgehung von Missständen, die viel tiefer reichen? Wäre es nicht vernünftiger, die Wirtschaft Afrikas so zu fördern, dass Kühlschränke überall zu einer Selbstverständlichkeit würden? Aber während die Aussichten, einen hitzebeständigen Impfstoff in absehbarer Zeit einsatzbereit zu haben, nicht schlecht sind, wagt wohl kaum jemand zu hoffen, Afrika werde in fünf Jahren wirtschaftlich sehr viel besser dastehen als heute.

Eine weitere Schwierigkeit, die in Entwicklungsländern noch hinzukommt, ist die folgende: Das Neugeborene einer gegen Masern immunen Mutter erhält über die Plazenta genügend mütterliche Abwehrstoffe zugeführt, um selbst eine Zeitlang immun zu sein. Man spricht von einer passiven, von der Mutter entliehenen Immunität, im Gegensatz zur lebenslangen aktiven, die durch Erkrankung oder Impfung erworben wird. Während der Zeit der von der Mutter herrührenden Immunität, die bei uns etwa ein Jahr lang dauert, ist das Kind einerseits vor Masern geschützt, anderseits aber auch «geschützt» vor der immunisierenden Wirkung des Lebendimpfstoffs, der ja nichts anderes bewirken soll als eine unmerkliche, äusserst milde Maserninfektion. Darum wird bei uns empfohlen, nicht vor dem 14. Lebensmonat gegen Masern zu impfen. Man ist dann sicher, dass die passive Immunität abgeklungen ist, riskiert aber kaum, dass das Kind Kontakt mit einem «wilden» Masernvirus haben und erkranken könnte. In Afrika dauert aus unbekannten Gründen diese passive Immunisierung durch mütterliche Abwehrstoffe wesentlich weniger lang, nur 6 bis 8 Monate. Ausserdem ist wegen der herrschenden sozialen Verhältnisse dort die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind schon früh mit Masern in Kontakt kommt, sehr gross, und je früher ein Kind an Masern erkrankt, desto grösser die Risiken. Man müsste also das gefährliche Fenster zwischen Abklingen mütterlich erworbener passiver und durch Impfung zu erteilender aktiver Immunität möglichst klein halten. Impft man zu früh, erhält man viele Impfversager, die später erkranken; impft man zu spät, nimmt man eine hohe Masernsterblichkeit vor der Impfung in Kauf. Um sicherzugehen, müsste man zweimal impfen: eine erste Impfung sehr früh und eine zweite einige Monate später. Aber schon eine einzige Impfung stellt fast unlösbare organisatorische Probleme und ist für das Gesundheitssystem vieler Länder ohnehin unbezahlbar.

EINE WELT OHNE MASERN? Wäre denn eine Welt ohne Masern überhaupt wünschenswert? Kehren wir zu Panum zurück. Die Färöer waren vor seinem Eintreffen 65 Jahre lang völlig masernfrei, und nach der von ihm beobachteten Epidemie blieben sie es für die nächsten 29 Jahre. Die Menschen auf diesen Inseln waren trotz kärgsten Lebensumständen beneidenswert gesund. Panum berechnete ihre mittlere Lebenserwartung bei der Geburt auf 44,6 Jahre, höher als irgendwo im damaligen Europa, 10 Jahre mehr als in der Schweiz. In jeder kleinen, wenig durchmischten Bevölkerung erlöschen die Masern von selbst, indem das Virus alle empfänglichen Individuen entweder immunisiert oder tötet. Bis genügend Nachwuchs da ist, um eine neue Infektkette zu starten, ist das Virus längst abgestorben. Dieser Vorgang hat sich immer wieder auf isolierten Inseln oder in abgelegenen Weltgegenden abgespielt.

Anders sieht es aus, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Dann kann das Virus ständig zirkulieren, weil immer wieder da und dort Gruppen von Kindern heranwachsen, die dem Virus noch nicht begegnet sind und ihm ein Tummelfeld bieten. Das Masernvirus ist dann endemisch vorhanden. Die Endemie wird unterhalten, indem periodisch kleine Epidemien ausbrechen. Nach allem, was wir heute wissen, müssen mindestens 250 000 Menschen in urbanen Verhältnissen zusammenleben, damit das Masernvirus sich auf die Länge halten kann. Nun wurde diese Bartlett-Schwelle, wie sie von Fachleuten genannt wird, im Lauf der Menschheitsgeschichte vor noch nicht allzu langer Zeit erreicht. Die ersten Agglomerationen, die diese Schwelle überschritten, dürften vor etwa 5000 Jahren in Mesopotamien entstanden sein. Erst von da an hatte das Masernvirus eine Chance, sich unter den Menschen zu behaupten.

Das Überschreiten der Bartlett-Schwelle ist aber nur die eine Voraussetzung für das Überleben des Erregers - die andere ist natürlich die, dass das Virus überhaupt existiert. Man muss sich vorstellen, dass es durch Mutation aus einem nahe verwandten, in irgendeiner Tierart fest etablierten Virus entstanden ist. Diese Mutation hat es dem Erreger erlaubt, sich in einem neuen Wirt, dem Menschen, auszubreiten. Ähnlich dürften das Pockenvirus und das Aids-Virus HIV entstanden sein.

Das Masernvirus gehört einer an sich höchst mutationsanfälligen Klasse von Mikroorganismen an. Untersucht man einen Schwarm von Viruspartikeln, wie ein Kranker sie ausscheidet, genau, so stellt man, wie auch beim Grippevirus oder beim Aids-Virus, eine beträchtliche Streubreite in der Erbmasse fest. Man spricht von «Quasispezies», weil der Spezies- oder Artbegriff in der Biologie sonst mit der Vorstellung weitgehend konstanter und klar abgegrenzter Erbmasse verbunden ist. Warum nun ist die Masernkrankheit trotzdem über so lange Zeit in ihrem Erscheinungsbild so ausserordentlich stabil geblieben? Weil das Virus in «freier Wildbahn» einem sehr strengen Auswahlverfahren ausgesetzt ist. Das ist, wie wenn man einen Haufen von Kugeln unterschiedlichster Grösse nacheinander durch Siebe mit abnehmender Maschenweite schütteln würde. Alle Kugeln, die durch Sieb 6 durchgefallen sind, aber von Sieb 7 zurückgehalten werden, erweisen sich als von beinahe einheitlicher Grösse. Ähnlich ergeht es dem Virus in der Natur: Es muss hochansteckend sein, es muss sich eine wenn auch kurze Zeit ausserhalb des Körpers halten können, es darf nicht im Schleim steckenbleiben, es muss sofort im neuen Wirt zu seiner Vermehrung geeignete Zellen finden, es darf nicht von den zahllosen, im Wirt vorkommenden Substanzen abgefangen werden, es muss wieder herauskommen auf eine Weise, die eine neue Ansteckung ermöglicht, es muss sicher noch viele weitere Randbedingungen einhalten, von denen wir noch gar keine Ahnung haben.

Die Mutationsfähigkeit des Virus zeigt sich, sobald man die Auswahlbedingungen ändert. Ausserhalb des menschlichen Körpers ist es vergleichsweise leicht, Virusvarianten heranzuzüchten, die ihre krankmachende Fähigkeit fast gänzlich eingebüsst haben, aber dennoch eine immunisierende Wirkung behalten. Solche Viren verwendet man zur Impfung. In der freien Natur könnten sie sich niemals halten. Sie sind darauf angewiesen, dass jemand sie in eine Spritze aufzieht und hinter jedem Impfling herrennt, damit sie überhaupt ein einziges und unauffälliges Gastspiel geben können.

Ganz selten aber, alle paar Jahrtausende vielleicht einmal, kommt eine Konstellation von Mutationsschritten zustande, die es einem Virus erlaubt, sich einen neuen Wirt als Territorium zu erobern. So dürfte das Masernvirus aus einer unbekannten Tierart in Mesopotamien, als die Überschreitung der Bartlett-Schwelle es erlaubte, den Menschen ergriffen haben. Im präkolumbischen Zentralamerika, wo die Bartlett-Schwelle auch schon überschritten worden war, gelang dieses Kunststück nicht, das Masernvirus wurde diesen Völkern erst von ihren spanischen Eroberern gebracht. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Menschheit während des grössten Teils ihrer Evolution masernfrei war. Wenn je ein Leiden den Namen «Zivilisationskrankheit» verdient hat, dann die Masern - nicht in dem Sinn, dass die Zivilisation sie hervorgebracht hätte, aber in dem Sinn, dass sie die Voraussetzung für ihre Anwesenheit unter uns überhaupt erst geschaffen hat. Gerade darum mutet es so merkwürdig an, wenn gewisse «alternative» Kreise (darunter auch einzelne Pädiater) den Eltern ausreden wollen, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen. Die Masern, behaupten sie, täten den Kindern gut, sie seien nachher viel gesünder als vorher.

Wenn das wahr wäre, könnte man nur staunen, wieso die armen Färöer-Insulaner, denen 65 Jahre lang die Wohltaten der Masern vorenthalten wurden, gesünder waren als die Schweizer mit Masern. Und die vielen Jahrtausende der Menschheitsgeschichte, als sich unsere Vorfahren ohne Masern durchschlagen mussten! Na ja, kein Wunder, dass wir so schlecht herausgekommen sind.

Jean Lindenmann ist Honorarprofessor für Immunologie und Virologie an der Universität Zürich.


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