Es gibt hundert Gründe, in Las Vegas zu heiraten, drei davon sind gut: es ist unkompliziert, es geht schnell, und die Verwandten sind weit weg.
Las Vegas ist eine Anlaufstelle für Heiratswillige auf Hochzeitsflucht. Die meisten der jährlich über 100 000 Paare kommen hierher, um sich das Ja-Wort ohne die Begleiterscheinungen einer Feier im Kreise der Trauten zu geben. Eine gute Sache, wenn hier nur nicht eine riesige Hochzeitsindustrie entstanden wäre und 97 weitere Gründe hervorgebracht hätte, die aus den gästelosen Eheschliessungen mehr machen sollen als ein trostloses Kammerspiel und die alle das Gegenteil bewirken.
Dabei wären die Verhältnisse ideal. Braut und Bräutigam brauchen zwei freie Stunden und zwei Reisepässe. Mit denen begeben sie sich zum Courthouse, wo sie gegen 35 Dollar eine Hochzeitserlaubnis erhalten. Danach überqueren sie die Strasse, tauschen beim Standesbeamten gegen weitere 35 Dollar die Hochzeitserlaubnis in eine Eheurkunde ein, und der Bund ist geschlossen. Die Schweizer Behörden verlangen zur Anerkennung zwar noch eine sogenannte Apostille, eine Urkunde, die die Echtheit der Eheurkunde bestätigt. Doch wer zu Hause eine zweite Heirat eingeht, ohne die erste, in Las Vegas geschlossene, aufzulösen, macht sich auch ohne Apostille der Bigamie schuldig.
Die zuständigen Amtsstuben in Las Vegas sind schäbig, aber man wird zuvorkommend bedient: in zehn Sprachen und an sieben Tagen in der Woche von acht Uhr morgens bis Mitternacht, am Wochenende sogar rund um die Uhr. Und wenn man einen Apparat dabei hat und darum bittet, schiesst der Standesbeamte auch ein Foto.
Eine solche Eheschliessung ist von pragmatischer Schönheit und passt hervorragend zu den profanen Gründen, aus denen heute geheiratet wird (Kinder, Erbschaft, Papiere). Trotzdem wollen neun von zehn Pärchen, die sich in Las Vegas das Ja-Wort geben, mehr. Sie wollen kein traditionelles Fest, aber sie können nicht von der Vorstellung lassen, dass dieser Tag der schönste im Leben zu sein hat. Sie fürchten sich vor den gnadenlosen Erwartungen aller Beteiligten an einen grossen Anlass, und doch wollen sie etwas Besonderes, Erinnerungswürdiges. Sie wollen etwas Unmögliches: ein Hochzeitsfest für zwei.
Betty und François aus Lille sind auf USA-Reise und haben den Hochzeitsstopp in Las Vegas schon zu Hause geplant. «In Frankreich ist Heiraten eine langwierige Sache. Hier geht es schnell, ohne Behördengeplänkel und ohne Familie», sagt er. In einer Limousine werden sie zur Kapelle gebracht, «Quick & Simple But Beautiful & Romantic» hiess es im Prospekt, «Drop-ins Welcome» heisst es an der Tür.
Im Entrée steht man sich schon zu zweit beinahe auf den Füssen herum. Momentan sind wir zu acht: die Empfangsdame, Betty, François, der Chauffeur, ich und ein mexikanisches Pärchen, das zusammen mit einem Freund, wohl dem Trauzeugen, das Bänkchen besetzt. «Haben Sie Geduld und warten Sie, bis Sie an der Reihe sind. Ihnen wird dann dieselbe persönliche Zeit in der Kapelle zuteil wie Ihren Vorgängern», heisst es an der Wand.
Betty wäre mit dem Economy-Hochzeitspaket für 139 Dollar zufrieden, aber François will das Video, und das ist erst im Deluxe-Special-Paket für 199 Dollar inbegriffen, das Folgendes umfasst: Benutzung der Kapelle (eine halbe Stunde), Musik, 24 Fotos in verschiedenen Posen, ein Strumpfband und einen Blumenstrauss für die Braut, eine passende Rose für das Knopfloch des Bräutigams, das Video mit weiss-goldener Hülle, ein ledergefasster Eheurkundenhalter und als Andenken ein Geschenk vom Pfarrer. Zwei Flûtes würden zusätzlich 35 Dollar kosten, die Gläser dürfte man behalten. Betty und François verzichten.
Die Türe zum Trauraum öffnet sich, ein stattlicher Mann in schwarzem Anzug und weissem Hemd tritt heraus, der Pfarrer. Ein wenig später folgen ein frischgebackenes und leicht benommenes kanadisches Ehepaar und eine Fotografin. Der Pfarrer erledigt den letzten Papierkram mit den Kanadiern und wendet sich dann an Betty und François. Ziviles oder religiöses Ritual? Religiös. Mit oder ohne die Passage vom Gehorsam der Frau gegenüber dem Mann? Ohne. Er erklärt ihnen, dass sie während seiner Rede zu ihm und für das Ja einander in die Augen schauen sollen, und drückt François einen Umschlag in die Hand: «Für das Honorar des Pfarrers; üblich sind 50?60 Dollar, aber ihr könnt so viel geben, wie ihr wollt.» Dann macht er sich an die Trauung der Mexikaner.
«Du bist mehr denn willkommen», lädt Betty mich in die eigentliche Kapelle ein, als sie und François an der Reihe sind. Das macht zusammen mit dem Chauffeur immerhin zwei Gäste.
Ein fensterloser Betonraum im Containerformat - wenn dies keine Kapelle wäre, wäre es ein Autoeinstellplatz. Die Wände wurden weiss gestrichen, an der Decke hängen sechs Kronleuchter und eine nachlässig drapierte, goldfarbene Folie. Zwei üppige Plasticblumenbuketts vor einer ergrauten Gardine markieren vorne den Altar. Von links oben schaut eine Videokamera in den Raum. Der Chauffeur und ich sitzen hinten rechts auf einem roten Plüschsofa, auf der anderen Seite steht die Angestellte neben einem vergoldeten Plastictischchen und bedient den Ghettoblaster.
Orgeltöne, der Pfarrer führt Betty und François vor den Altar und spricht mit der warmen, tiefen Stimme des Mannes im Off von Hollywoodvorfilmen: «Ihr seid dabei, euer Leben auf die engste Weise zu verknüpfen, die es gibt.» Mit einem gelegentlichen Blick auf den Monitor in einem Nebenraum zu seiner Rechten kontrolliert er die Videoaufzeichnung. «Damit eine Ehe vollkommen ist, muss sie vor allem geistig sein.» Beim Gelübde sagt sie «Oui» und er «Yes». «Dann erkläre ich euch bei der Macht, die mir der Staat Nevada und der liebe Gott übertragen haben, zu Mann und Frau.» Wieder die Orgel, der Pfarrer gratuliert den beiden und macht sich aus dem Staub, die Angestellte knipst die 24 Bilder, zuerst in der Kapelle, dann draussen.
Nicht jede Hochzeit in Las Vegas ist Low Budget. Die Kapelle des Luxuscasinos Bellagio wirbt mit «zeitlosem, europäischem Design», Fenstern aus venezianischem Amethyst und echten Blattgoldverzierungen. Zum Millennium-Hochzeitspaket für 4792 Dollar gehören hier ein Tag im Wellnesscenter, 90 Minuten Kapellenzeit, wahlweise ein elfenbeinfarbener oder ein weisser Teppich aus Brokat, ein Meer von weissen Blütenblättern für die Prozession der Braut, eine Flasche Champagner und eine Schachtel belgische Pralinen, ein Video, und ausserdem wird die ganze Zeremonie von einem professionellen Fotografen festgehalten.
Nach der Trauung sieht man die Millenniumspaare dann im Hotelgarten, wo sie sich in italienischer Kulisse in Pose werfen. Eisern strahlen die Bräute aus ihren teuren Hochzeitskleidern in die Kamera, und die armen Ehegatten sind so unsicher, ob ihr Kniefall auch wirklich sitzt, dass sie mit gequältem Lachen den präzisen Anweisungen des Fotografen zu folgen versuchen und dabei ganz vergessen, dass sie eigentlich ihr bestes Stück anhimmeln sollten.
Ob billig oder teuer, in Las Vegas riechen Hochzeiten irgendwie falsch. Sie sind ein schlechter Spuk, ein Ritual, dessen Bedeutung den Beteiligten unklar ist. Doch das liegt nicht an Las Vegas, der Stadt, die an jeder Ecke etwas anderes sein will, nur nirgends sie selbst. Es liegt an den einsamen Pärchen selber. Denn ob man es wahrhaben will oder nicht: Hochzeiten sind Sippenanlässe, sie leben von den wachsamen Blicken der Väter, Mütter, Tanten und Freunde. Kameras sind kein Ersatz.
Manche Paare versuchen, den fehlenden sozialen Sinn ihrer Hochzeit in Las Vegas durch Originalität wettzumachen. Man kann hier am Bungee-Seil heiraten oder in der Bar, in der Wüste, im Swimmingpool oder im Hotelzimmer, alles rund um die Uhr. Gegen Geld verwirklichen einem die meisten der über 50 Kapellen von Las Vegas jeden Wunsch. Doch was man sich alles wünschen könnte, merkt man nirgends besser als in der Divine Madness Fantasy Wedding Chapel von Kathleen Ragan.
Schon von aussen ist diese Kapelle anders. Sie ist nicht wie die meisten anderen in einem süssen, weissen Märchenhäuschen mit violettem Dach, Glockentürmchen, falschem Rasen darum herum und Springbrünnlein davor untergebracht, sondern in einem Lagerhaus. Innen sieht sie aus wie ein extravaganter Kostümverleih: Schöne Spiegel, eine Sammlung alter «Vogue»-Titelblätter, alte Schaufensterpuppen, Ritterrüstungen, römische Togen, barocke Reifröcke, Astronautenanzüge, Lack und Leder, Glitzeranzüge, alles in geschmackvoller Üppigkeit präsentiert.
Über 400 Kostüme hat die Schneiderin Kathleen Ragan in den letzten acht Jahren genäht, über 100 Hüte und unzählige Schuhe ins Angebot aufgenommen und von Federboas bis zu Handschellen alle erdenklichen Accessoires hinzugekauft. Sie ist 56 Jahre alt und strahlt die Würde und den beleidigten Stolz einer ehrenwerten Puffmutter aus. Vor acht Jahren kam sie nach Las Vegas und eröffnete eine Boutique. Als sie dann zwar kaum etwas verkaufte, aber Brautpaare immer wieder ihre ausgefallenen Kleider mieten wollten, kam sie auf die Idee, ins Hochzeitsgeschäft einzusteigen.
«Mir geht es ums Geld», sagt Kathleen Ragan. Doch verglichen mit anderen Hochzeitsunternehmern, die an Wochenenden im 24-Stunden-Betrieb bis zu 100 Paare trauen, ist sie mit weniger als 10 Hochzeiten in der Woche keine gute Geschäftsfrau. Ihr Wunsch nach Geld hat offenbar keine Macht über ihre Leidenschaften, und die liegen weniger beim Management und bei der Werbung als bei den Kostümen und der Inneneinrichtung.
Fünf Kapellen hat sie bis jetzt eigenhändig in ihre Lagerhalle eingebaut: eine traditionelle weisse mit vielen roten Plasticblumen, eine altägyptische, einen Westernsaloon, eine mittelalterliche mit Doppelthron, Schwert und Totenkopf und eine Weltraumkapsel. Die Sadomasokapelle befindet sich im Bau. «Die Menschen sind verschieden, und ich glaube, es sind die freundlicheren, fröhlicheren, die zu mir kommen», sagt Kathleen Ragan. 275 Dollar kostet bei ihr eine Trauung, Kostümmiete inklusive. Und ihre Pfarrerin sei eine sehr spirituelle Person. «Die lässt sich voll auf das Thema ein und verkleidet sich auch selber. In ihren Predigten benutzt sie mittelalterliche Formeln, ägyptische Rätselsprüche oder futuristische Kommandos, je nachdem.»
Die Pfarrer sind in Las Vegas immer echt. «Man muss irgendeiner Kirchgemeinde angehören, damit man trauen darf», sagt der 55-jährige Joe Frehner, dessen Urgrossvater aus der Schweiz in die Vereinigten Staaten emigrierte. Er lebt seit Jahren ausschliesslich vom Geschäft mit den Hochzeiten, und zwar nicht schlecht. Letztes Jahr traute er 4947 Paare, dieses Jahr werden es wahrscheinlich noch einige hundert mehr. Diese Zahlen schafft er mit 20-Stunden-Tagen an Wochenenden und indem er drei Kapellen gleichzeitig auf Abruf zur Verfügung steht. Auch er lässt sich das Honorar diskret in einem Umschlag geben, es schwanke zwischen 0 und 100 Dollar. Sein Vorschlag liege zwischen 50 und 80 Dollar, je nachdem, was das Paar für einen Eindruck auf ihn mache.
«Wir haben hier zum Glück fast nur kleine Hochzeiten, bei grösseren Anlässen dauert alles länger, und die Leute stehen im Weg herum», sagt der kleine Mann mit den roten Bäckchen und grossen, wässrigen Augen hinter einer Pilotenbrille. Auch seine Stimme ist tief und schön timbriert. Zur Trauung trage er immer einen Anzug. Aber wenn die Leute sich verkleiden wollen, bitte: «Mir ist das egal. Ich habe schon Hexen, Zauberer und Buddhas verheiratet, zweimal auch Nackte, einmal auf der Bühne eines Striplokals und einmal in einem Hotelzimmer.» Und als einmal eine Frau in der Kapelle erschien, die sich selber heiraten wollte, organisierte er eine Zeremonie für sie. «Nichts Offizielles, aber doch mit Eheringen und Gelübde. Das war sehr merkwürdig, aber ihr hat es gefallen.»
Doch die wirklich aussergewöhnlichen Trauungen sind selten. Die Brautpaare von Las Vegas wählen stets dieselben Spezialeffekte - als wollten sie den Sprung aus der Tradition mit dem Aufbau einer neuen Tradition wettmachen. «Wer etwas Besonderes sucht, entscheidet sich meist für eine Helikopter- oder Elvis-Hochzeit», sagt Frehner. Einen Elvis bietet mittlerweile jede Kapelle von Las Vegas standardmässig an, in manchen hat man gar die Wahl zwischen einem jungen, schlanken Presley aus den fünfziger Jahren und einem alten, mächtigen Siebziger-Jahre-King. Der führt die Braut dann playbacksingend zum Bräutigam, gratuliert ihm zu seinem Fund und summt während der Trauung leise «Love Me Tender». «Die Braut bringt vor lauter Gekicher oft kaum noch das Ja-Wort heraus», sagt Frehner.
Helikopter oder Elvis. Wenn dies alles wäre, was die Hochzeitskultur von Las Vegas hervorgebracht hätte, könnte man sie getrost vergessen. Doch Las Vegas hat noch eine dritte Tradition hervorgebracht, und die ist bemerkenswert, denn sie ist radikal und frei von jedem Beigeschmack nach Ersatzbefriedigung: die Drive-thru-Hochzeit.
Tunnel of Love heisst die neun Meter lange Arkade, in die man ledig hinein- und verheiratet wieder hinausfährt, ohne dazwischen auszusteigen. Man hält die Hochzeitserlaubnis durchs Fenster hinaus, der Pfarrer nimmt sie entgegen und erledigt seinen Dienst neben dem Auto wie ein Tankwart den Service: das geht schnell, einfach und ohne Verwandte. Eine reinere Verwirklichung der drei Gründe für eine Hochzeit in Las Vegas lässt sich fast nicht denken. Nur Self Service wäre noch besser.