«WIR HABEN viele Jahre in einer grossen Wohnung in der Zürcher Altstadt gewohnt. Kurz vor meiner Pensionierung, 1980, stellte man uns die Kündigung in Aussicht. Meine Frau und ich begannen uns umzuschauen, zogen immer weitere Kreise auf der Landkarte und fanden einfach nichts, wo ich noch ein Werkstättli für meine Modelle einrichten und den Zeichentisch aufstellen konnte und das auch vom Preis her stimmte.
Nun hatten wir - ich bin halt einer, der ein wenig ausholt beim Erzählen - Ende der vierziger Jahre von meinen Eltern ausserhalb von Stein am Rhein ein kleines Blätzli Land mit einem Hühnerhaus drauf kaufen können. Das modelten wir ein bisschen um und benutzten es für uns und unsere vier Kinder als Wochenend- und Ferienhaus. Wir sagten uns, was für Hühner gut ist, ist auch für uns gut genug, bei Hühnern richtet man, wenn man's richtig macht, auch alles nach Süden aus. Während der Zeit unserer Suche waren meine Frau und ich gerade wieder einmal dort. Da gingen zwei Bekannte vorbei, und einer rief uns zu, in Hemishofen sei sein Elternhaus zu haben. Wir gingen es anschauen und fanden, doch, das wär's.
Das Haus ist klein, ein für diese Gegend typisches Taglöhnerhaus, schon die Bezeichnung gefiel uns. Das Stübchen unten ist 3,9 auf 3,9 Meter gross, und davon nimmt der Kachelofen einen schönen Teil ein. Daneben war früher ein Stübli, wo man den kranken Grossvater pflegte. Der Rest war Küche. Wo wir jetzt sitzen, war die Heubühne, darunter ein kleiner Stall für zwei, drei Geissen und eine Kuh. Dazu ein wenig Land.
Das Häuschen war noch fast im Urzustand, als wir es bezogen. Ein einziger Wasserhahn, ein Plumpsklo im Freien. Lediglich Elektrisch war schon drin. Zwischenboden im Tenn gab es noch keinen, natürlich auch keine Fenster, die haben wir dann beim Umbau machen lassen. Bei der Bauabnahme sagten sie: Also, Guhl, nochmals würden wir das nicht erlauben. Sie hatten die Fenster auf der Zeichnung nicht richtig gesehen. Dabei hätten wir eigentlich gerne auch nach vorne hinaus noch eines gemacht. Für ein Atelier ist es so aber ideal. Das Licht kommt von Norden, so bleibt es den ganzen Tag praktisch gleich. Als umgebaut wurde - vieles haben wir selber gemacht -, hatten wir die Wohnung in Zürich schon nicht mehr. Da waren wir tagsüber hier und nachts im Hühnerhaus. Die Möbel hatten wir eingestellt.
Ich habe zwar vieles entworfen, aber meine Hauptberufung war der Unterricht an der Kunstgewerbeschule Zürich. So nahm ich alles, was ich entwarf, immer auch in die Schule und konfrontierte umgekehrt die Schule mit denen, die die Entwürfe fabrizierten. So konnte ich manchem Schüler auch nützliche Kontakte verschaffen. Heute forciert man das mit allen Mitteln, damals wurde dieses Vorgehen eher abgelehnt. Ich führte in der Kunstgewerbeschule das Fach Industrie-Design ein. In den vierziger und fünfziger Jahren wütete in unserem Land ein unglücklicher Heimatstil. Alles seriell Gefertigte hielt man für schlecht. Mir ging es darum zu zeigen, dass Industrie und Handwerk sich nicht ausschliessen, sondern gemeinsam bewirken können, dass auch Leute, die etwas Einfaches wollen, etwas Gutes bekommen. Man hat uns Gestaltern oft vorgeworfen: Ihr wollt den Leuten diktieren, was sie schön finden sollen. Nein, wir wollen ihnen nur die Augen öffnen. Es ist nicht teurer, etwas Gutes zu machen als etwas Schlechtes. Letzte Woche war ich bei einem Grossverteiler in der Möbelabteilung. Da wird einem fast übel.
Der Eternit-Gartenstuhl von 1954 ist sicher mein bekanntester Entwurf. Vor ein paar Jahren kam er beinahe ins Museum of Modern Art in New York. Ich fühlte mich natürlich sehr geehrt. Da kam also ein Chauffeur von Welti Furrer und lud ihn ein. Nach zwei Wochen kam ein Brief vom MoMa: Leider habe man feststellen müssen, dass es in dem Stuhl Asbestfasern habe. Uns blieb gar nicht die Zeit, zu sagen: dann vergrabt ihn. Also kam die Kiste wieder zurück. Der Chauffeur lud sie ab und sagte besorgt: Da müssen Sie aber gut aufpassen, auf der Verpackung ist nämlich ein Kleber, da steht <Gift> drauf. Das fanden wir im ersten Moment dann doch etwas übertrieben. Dabei war's ja nur die Anweisung für den Zoll. Jetzt wird der Stuhl asbestfrei hergestellt. Er hat uns immer wieder Kontakte mit aller Welt verschafft. Letzthin schrieb uns eine Frau, sie sei jetzt über achtzig, und aus dem Stuhl aufzustehen sei ihre tägliche Fitnessübung.
Unsere Möbel hier sind alles Eigenkonstruktionen, nichts Rechtes, alles halbfertige Muster. Wir wollen das aber nicht anders. Uns ist nie etwas lange geblieben, weil immer jemand genau das wollte, was er bei uns sah, und dann gaben wir es weg. Zurzeit haben wir unten nicht einmal mehr einen Tisch, nur ein lausiges altes Pultblatt auf einem Metallgestell. Weil er so hässlich ist, haben wir ein Tischtuch darübergelegt. Das blaue Tischli hier? Das habe ich einmal im Rahmen einer Werkbund-Ausstellung für ein Café gemacht, dazu noch ein rotes rundes und ein dreieckiges gelbes. Sie gingen wie so vieles aber nie in Produktion.
Im Sommer sind wir oft im Freien, meine Frau hat noch viel Garten, wir sind ja fast Selbstversorger; sie macht auch das Brot selbst, Hemishofen hat ausser einem Milchlädeli nichts. Bei schönem Wetter stelle ich draussen zwei Böckli auf und arbeite dort, zeichne, mache Modelle. Woran ich gerade bin? Es gibt Sachen, über die sollte man nicht reden, solange sie nicht gemacht sind.
Wir haben oft Besuch, Studenten und ehemalige Schüler, ich habe noch regen Kontakt mit der Fachwelt. Es ist unglaublich, da sassen hier kürzlich zwei Schüler von mir, und die waren über siebzig!»