DIE KOLUMBIANISCHEN NARCOTRAFICANTES mussten in den letzten zehn Jahren schwere Schläge einstecken: Es kam zu Verhaftungen und Auslieferungen an die amerikanische Justiz, wichtige Bosse wurden durch den Staat oder die Konkurrenz beseitigt, Produktionseinrichtungen gingen in Flammen auf, Kokafelder verkümmerten unter Giftwolken, Flugzeuglandepisten wurden von Armeebombern zerstört. Doch die Produktions- und Transportkapazität Kolumbiens hat keinen erkennbaren Schaden genommen. Wie die Entwicklung der Detailhandelspreise zeigt, werden die Märkte kontinuierlich mit den nachgefragten Kokainmengen beliefert, und die Verbreitung der Droge in früher nicht bedienten Ländern - etwa Osteuropas - zeigt, dass laufend neue Märkte erschlossen werden.
Diese Leistung ist um so erstaunlicher, als das Kokaingeschäft unter extrem ungünstigen Rahmenbedingungen abgewickelt werden muss: Die Illegalität zwingt zur permanenten Suche nach neuen Transportwegen, um Frachtgutverluste decken zu können, bedürfen die Unternehmen grosser Kapital- und Nachschubreserven, und auf den Wegen zwischen Produktion und Absatz müssen nicht nur Politiker und Polizisten bestochen, sondern auch illegale Operateure engagiert werden. Gerichte können im Falle von Vertragsbrüchen nicht angerufen werden. Wer sind die Manager, die es trotz schwierigen Umständen verstehen, den weltumspannenden Handel mit Kokain, und vermehrt auch mit Heroin, weitgehend störungsfrei zu betreiben?
Im Gegensatz zu den meisten anderen Organisationen der mafiosen (das heisst auf dem eigenen Terrain unter den Bedingungen faktischer Straffreiheit operierenden) Kriminalität sind die kolumbianischen Drogenkartelle kleine Zusammenschlüsse aus Einzelproduzenten, die ihre Ware allein nicht bis auf die Absatzmärkte brächten. Kleine Gruppen lassen sich gegen den Zugriff der Behörden besser abschirmen, und der Einbezug von Familienmitgliedern schützt oft vor Verrat. Die Kartelle aus Cali, Medellín, Barranquilla oder von der südwestlichen Pazifikküste werden aber nicht von einer gemeinsamen Kommandozentrale gesteuert. Wenn sie sich nicht gerade in den Haaren liegen, pflegen sie höchstens eine lockere Zusammenarbeit. Aus Sicherheitsgründen kümmern sie sich nur um die zentralen Produktionsphasen, die nicht zu Kontakten mit einer Vielzahl von Operateuren zwingen. Sie unterhalten weder zu den Pflanzern in Peru, Bolivien oder im kolumbianischen Hinterland noch zu den Konsumenten auf den Absatzmärkten direkte Verbindungen.
In Europa und Asien, wo die Kartelle auf der Grosshandelsstufe nicht wie in Nordamerika mit Gruppen früher immigrierter Kolumbianer geschäften können, muss die Ware schon vorher an die lokalen Vertreter der organisierten Kriminalität abgetreten werden. Die kolumbianischen Strategen verlieren damit ihren Einfluss auf Preisbildung und Marktpflege. Die Absatzpreise sind deshalb in Europa und Asien durchwegs höher. Während sich in gewissen amerikanischen Gesellschaftssegmenten bereits stabile Konsumgewohnheiten etabliert haben, tendiert Kokain auf den ferneren Märkten immer noch dazu, von andern Drogen substituiert zu werden. Aus den Kontakten zu anderen Organisationen ergeben sich hie und da weitere Zusammenarbeitsmöglichkeiten, etwa im Waffenhandel. Im Gegensatz zu den rasch diversifizierenden mafiaartigen Organisationen Europas und Asiens zeichnen sich die kolumbianischen Kartelle in der Regel aber durch grosse Branchentreue aus: sie perfektionieren ihre auf Kokain ausgelegten Vertriebssysteme, nutzen diese bei Bedarf auch für Heroin, Marihuana und Haschisch, nur selten aber für andere illegale Ware.
Zur Diversifizierung ihres Geschäftes haben die Kolumbianer auch wenig Grund, bringt die kartellisierte Angebotsstruktur den marktdominierenden Organisationen doch grosse Gewinne. Kartelle und Monopole bilden sich normalerweise in Branchen, in denen die Massenproduktion Kostenvorteile bringt. Nun lässt sich Kokain zwar genausogut in kleinen Mengen herstellen, doch das Transport-Know-how schirmt den Markt vor Eindringlingen ab. In diesem Geschäft hat nur der eine Chance, der in der Lage ist, raffinierte, über mehrere Länder gespannte Beziehungsnetze zu unterhalten, der weiss, welche Politiker und Polizisten geschmiert werden können und welche nicht, und der es versteht, sich auch im lokalen kriminellen Gefüge der Durchgangs- und Absatzländer richtig einzubetten, um die Transportrouten zu sichern und um im Falle der Bedrohung paramilitärischen Schutz zu organisieren. WARUM KOLUMBIEN? Damit ist aber die Frage noch nicht beantwortet, weshalb das Kokaingeschäft von kolumbianischen Gruppen und nicht etwa von den kriminellen Organisationen der Koka-Anbauländer Peru und Bolivien dominiert wird. Hinweise auf alte kulturelle Verankerungen helfen nicht weiter, wurden die kokakauenden Indianer doch schon von den spanischen Kolonialherren weitgehend ausgerottet.
Hingegen hat Kolumbien eine alte Schiebertradition: in der Gegend von Medellín wurden schon im 16. und 17. Jahrhundert Sklaven und Gold unter der Hand und mit Falschfakturierungen verschachert, der Golf von Urabá blieb auch nach der Republikgründung ein renommiertes, von den Behörden stillschweigend oder zähneknirschend geduldetes Schmuggelzentrum. Seit je sind die kolumbianischen Smaragde auch für Schweizer Käufer begehrte Schwarzmarktware, und in den siebziger Jahren nahm - abgesehen vom ohnehin professionellen Grenzschmuggel zu den Nachbarstaaten - das Geschäft mit Marihuana industrielle Dimensionen an. Die damals etablierten Geschäftskontakte auf dem amerikanischen Absatzmarkt liessen sich in den achtziger Jahren ohne grossen Aufwand für Kokain nutzen, und seit den neunziger Jahren wird auch Heroin eingespeist.
Schwer zugängliches und kaum verwaltbares Hinterland, Urwald und Gebirge, gibt es auch in Bolivien und in Peru. In Kolumbien werden die Defizitregionen aber schon seit den vierziger Jahren (in Peru erst seit den siebziger Jahren) von jenen regierungsfeindlichen Kräften kontrolliert, die wegen des allzu elitären Demokratieverständnisses der etablierten politischen Parteien in den Untergrund ausweichen. Zumindest in der Aufbauphase des Kokaingeschäfts hat sich die Guerilla mit den Kartellen zu strategischen Allianzen verbunden: die gemeinsamen, gegen den Staat gerichteten Interessen waren stärker als ideologische Differenzen. Die beiden Industriezentren Medellín und Cali verfügen ferner über grosses kaufmännisches Know-how, das sich zudem unter den für das Land typischen Bedingungen einer sehr unsicheren Rechtsordnung gebildet hat: auch illegales Wirtschaften will gelernt sein. Entscheidend ist ausserdem die geographische Nähe zum amerikanischen Absatzmarkt, auf dem die Kartelle, weil Kolumbien schon früh ein Auswanderungsland war, auf eine Vielzahl von Kontaktleuten mit verwandter Mentalität zurückgreifen können. WAS NÜTZT ES DEM LAND? Kolumbien erfreut sich gegenwärtig einer mehr oder weniger ausgeglichenen Zahlungsbilanz, der Peso notiert stabil, die Wirtschaft bewegt sich auf stetigem Expansionspfad, einige vernachlässigte Dschungelgebiete werden allmählich in den Konsumzyklus einbezogen, in den Städten boomen Bauwirtschaft und Autoabsatz, und im Gegensatz zu fast allen andern lateinamerikanischen Ländern wird hier die Mittelklasse nicht ausgedünnt, sondern verstärkt. Dieses für Lateinamerika einzigartige Zusammentreffen volkswirtschaftlich günstiger Faktoren wird oft als eine Folge des Geschäfts mit den illegalen Drogen Kokain, Heroin und Marihuana dargestellt.
Doch die Narcobilanz hat auch ihre Passivseite. Jo Ann Harris vom US-Justizdepartement klagte vor einem Jahr, dass sich Kolumbien Gesetze zur faktischen Legalisierung der organisierten Drogenkriminalität gegeben habe. Die Gerichte würden die von den amerikanischen Behörden zusammengetragenen Beweise gegen Drogenhändler kaum mehr verwenden, die Narcodelinquenten profitierten von unverhältnismässigen Strafnachlässen, und es werde auch darauf verzichtet, die mit illegalen Geschäften zusammengerafften Reichtümer zu beschlagnahmen.
Robert Gelbard, Assistant Secretary im Aussenministerium, doppelte kürzlich mit der Feststellung nach, dass die Drogenbekämpfung in Kolumbien praktisch eingestellt worden sei, den Delinquenten «höchstens noch leicht auf die Finger geklopft» und auf die Verfolgung der Geldwäscherei vorsätzlich verzichtet werde. Das Geschäft blühe denn auch wie noch nie: allein 1994 sei der Kokaanbau um 13 Prozent ausgeweitet worden, und auch die Schlafmohnproduktion zur Opium- und Heroinherstellung nehme kräftig zu.
Der Unmut Washingtons richtet sich jetzt nicht mehr nur gegen einzelne Institutionen des «problematischsten westlichen Landes in der amerikanischen Drogenstrategie», sondern direkt gegen die in Bogotá amtierenden politischen Führer. Präsident Clinton weigert sich beharrlich, mit Ernesto Samper, der Mitte letzten Jahres César Gaviria an der Spitze von Staat und Regierung abgelöst hat, auch nur zusammenzutreffen und droht wegen der mangelnden Unterstützung im Kampf gegen den Drogenanbau und -handel nun auch mit dem Rückzug aller bilateralen Entwicklungshilfen. Wenn es bisher so weit noch nicht gekommen ist, dann nur, weil die USA «aus strategischen Gründen» am lateinamerikanischen Öl- und Rohstoffproduzenten interessiert sind. UNTERWANDERUNG VON JUSTIZ UND POLITIK. Der frühere Justizminister Enrique Pareja datiert den Beginn der verhängnisvollen Staatsunterwanderung auf die Zeit, als Kolumbien vom Marihuana- ins Kokaingeschäft wechselte. Die finanzkräftigen Bosse aus Medellín gründeten in den achtziger Jahren eigene politische Parteien (Carlos Lehder den bizarren, neofaschistisch angehauchten Movimiento Latino Nacional) oder rasteten sich in bestehende Parteistrukturen ein. Kartellboss Pablo Escobar schaffte es bis ins Abgeordnetenhaus und nutzte die parlamentarische Immunität zur Diffamierung seiner Gegner in den staatlichen Institutionen. Justizminister Rodrigo Lara Bonilla liess den Vorwurf der Bestechlichkeit nicht auf sich sitzen, prangerte die von der Drogenmafia unterwanderten Schwachstellen an und zahlte diese Unvorsichtigkeit im Frühjahr 1984 als erster in einer langen Reihe prominenter Opfer mit dem Leben.
Präsident Belisario Betancur (1982?86) reagierte mit einer verschärften Drogenbekämpfung und aktivierte erstmals die bereits 1979 mit den USA getroffenen Auslieferungsvereinbarungen. Enrique Pareja, Lara Bonillas Nachfolger, spedierte die ersten dreizehn Angeklagten in die USA und wurde dafür später, im Januar 1987, in Budapest von fünf Kugeln durchbohrt. Er überlebte. Die «alte» kolumbianische Guerilla und die Narcos aus Medellín rückten zur sogenannten Narcoguerilla zusammen, 1985 kam es sogar zur Besetzung des Justizpalastes in Bogotá durch revolutionäre Gruppen, wobei zwölf Mitglieder des obersten Gerichtshofes den Tod fanden. Die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen dauerten während der Amtsdauer von Präsident Virgilio Barco (1986?90) an und verschärften sich im August 1989, nach der Ermordung des Präsidentschaftsanwärters und Auslieferungsbefürworters Luis Carlos Galán, zur «guerra total»: Bogotá lebte unter permanenter Attentatsdrohung, und am 27. November wurde eine Avianca-Maschine auf dem Flug von Bogotá nach Cali abgeschossen, 111 Passagiere fanden den Tod. Barco verhängte den Ausnahmezustand und reaktivierte auf administrativem Weg die unterdessen vom Verfassungsgericht blockierten Auslieferungen an die USA.
Die offenen Auseinandersetzungen brachten zahllose Blutbäder, aber für keine der beiden Seiten den Sieg. Virgilio Barcos Nachfolger, César Gaviria (1990?1994), suchte statt der frontalen Auseinandersetzung als erster das Gespräch mit den als unbesiegbar empfundenen Narcos. Diese offerierten ihre illegalen Geschäfte, die geheimen Labors, die Repatriierung der im Ausland parkierten Erlöse und verlangten dafür einheimische Richter, milde Strafen und die Möglichkeit, ihren Reichtum ungestört zu verwalten. Nach ein paar weiteren Entführungen und Morden akzeptierte Gaviria den von den Narcos diktierten Frieden.
Die Regierung ordnete per Dekret die heute von Washington kritisierten Strafnachlässe an, sie versprach, keine kolumbianischen Bürger mehr auszuliefern, während die Narcos mit Schmiergeldern dafür sorgten, dass die Verfassung in ihrem Sinne revidiert wurde. Der Staatspräsident und der Nationale Sicherheitsrat weigerten sich, von der Polizei gefilmte Bestechungsmanöver zu untersuchen, und belegten auf diese Weise, dass die Institutionen Kolumbiens schon zu Beginn der neunziger Jahre unter Gaviria weitgehend in den Händen der Narcos waren. Es sollte aber noch schlimmer kommen.
Kaum war das Auslieferungsverbot in der Verfassung verankert, stellte sich Medellín-Boss Pablo Escobar den Behörden. Er wurde in einer eigenen Finca unter Hausarrest gestellt, aber von bestochenen Militärs und Polizisten «bewacht», so dass er seine Geschäfte (einschliesslich der Ermordung eines abtrünnigen Partners) unter staatlicher Aufsicht ungestört weiterführen konnte. Als Gustavo de Greiff, Chef der kolumbianischen Sonderstaatsanwaltschaft, eine Untersuchung über die skandalösen Haftbedingungen einleitete, protestierte Escobar gegen die «Nichteinhaltung» der mit der Regierung getroffenen Abmachungen und verschwand aus seinem mit einem dreifachen Sicherheitskordon «abgeriegelten» Luxusgefängnis. In Kolumbien wird nicht ausgeschlossen, dass das Versteck, in dem er schliesslich Ende 1993 von den Ordnungskräften gestellt und niedergestreckt wurde, nicht von den Behörden, sondern vom rivalisierenden Cali-Kartell entdeckt worden war. CALI UND MEDELLÍN - ZWEI MODELLE. Die kalt berechnenden Bosse aus Cali, die jenen aus Medellín zuvor bereits weite Teile des Geschäftes abgejagt hatten, konsolidierten nun auch ihre politische Stellung. Die schillernden Haudegen aus Medellín, die den Staat mit militärischen und politischen Mitteln bekämpften, sich gerne als Volksfreunde und Wohltäter feiern liessen und zusammen mit den im gleichen Territorium operierenden Guerillagruppen Hunderte von Polizisten und Richtern abschlachteten, wurden abgelöst von einer höherentwickelten Form des organisierten Verbrechens, das sich den Staat zunutze macht, ihn mit immensen Schmiergeldern unterwandert und die Nähe zum legalen Wirtschafts- und zum Gesellschaftsleben sucht.
Kolumbien leidet heute nicht mehr unter der Narcoguerilla der späten achtziger Jahre, sondern unter einer weitaus gefährlicheren und zynischeren Interessenverbindung von Drogenhandel und politischem, wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Establishment. Das von den beiden im Entführungsgeschäft grossgewordenen Brüdern Gilberto und Miguel Angel Rodríguez Orejuela, von José Santacruz Londoño und vier weiteren Bossen aus der «Capital de la Rumba» entwickelte «Cali-Modell» verzichtet zwar nicht auf Gewalt. Auch es hält sich an den Grundsatz: Plata o plomo, Geld oder Blei - entweder lässt du dich bestechen, oder es fliegen die Kugeln. Doch das Modell vertraut mehr auf die alles korrumpierende Kraft des Geldes als auf die konfliktfördernde Wirkung des Bleis.
Diese Entwicklung war von den Bossen aus Cali behutsam eingefädelt worden. Bereits 1982 hatten sie mit der grosszügigen Mitfinanzierung des Wahlkampfs des damaligen Präsidentschaftskandidaten Alfonso López versucht, eine Bresche in das politische System zu schlagen. López' Wahlkoordinator war Ernesto Samper, der immer behauptete, es habe sich um normale Wahlspenden «einer Gruppe von Unternehmern» gehandelt. Die gleichen Unternehmer erhielten von Samper, als er Entwicklungsminister unter Gaviria war, Salzabbau-Konzessionen, verschifften unter diesem Deckmantel aber tonnenweise Kokain. Es erstaunt deshalb nicht, dass sie sich auch bei Sampers eigenen Präsidentschaftsaspirationen im vergangenen Jahr nicht lumpen liessen.
Der Indizien, die auf Verbindungen zwischen dem politischen Kreis um Samper und dem erfolgreichen Cali-Kartell schliessen lassen, sind viele. So existieren Tonbandaufzeichnungen, auf denen Spitzenkräfte des Kartells über umfangreiche Wahlspenden referieren. Die Finanzbeschaffung für den Wahlkampf Sampers war von der früheren Justizministerin Monica de Greiff koordiniert worden. Ihr Vater, Gustavo de Greiff, war zuvor hart gegen den Medellín-Boss Escobar vorgegangen und weigerte sich nun beharrlich, das Beweismaterial für die Bestechungen der Konkurrenten aus Cali nur schon vollständig zu sichten. Er stellte das Verfahren mit fadenscheinigen Argumenten ein.
De Greiff gilt in den USA als notorischer Prozessverhinderer, wenn immer es gegen die Interessen des Cali-Kartells geht. Um weiteren Ärger mit den USA zu vermeiden, die laufend neue Beweise in de Greiffs Papierkorb lieferten, schickte ihn Samper kürzlich als Botschafter nach Mexiko. Dort wird das Drogengeschäft, wie die Öffentlichkeit jetzt erfährt - in Washington ist es schon seit geraumer Zeit bekannt -, ebenfalls mit Wissen und unter Mitwirkung der Regierung betrieben. Noch lässt sich aus journalistischer Warte nicht feststellen, wer sich mehr in den Fängen der Narcotraficantes verstrickt hat. Unterwerfungsgesten à la Samper, der sich kürzlich öffentlich für «Polizeistörungen» bei der Geburtstagsparty des Sprösslings eines Cali-Bosses entschuldigte, wären jedoch in der mexikanischen Parteidiktatur kaum vorstellbar. Die politischen Führer Mexikos suchen die Narcospuren zu vertuschen, Samper vertritt jedoch offen die illegale Sache, wenn er behauptet, dass «höchstens fünf oder sechs Abgeordnete» im Dienste des Kartells der Rodríguez-Orejuela-Brüder stünden. Die oppositionelle Tageszeitung «La Prensa» kommt auf wenigstens 70 Parlamentarier, und Joe Toft, der etwas geschwätzige ehemalige Chef der amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA) in Bogotá, vermutet sogar, dass «Cali» 50 bis 75 Prozent der kolumbianischen Parlamentarier unter seinem Einfluss habe. EINBRUCH INS WIRTSCHAFTSESTABLISHMENT. Unter Wirtschaftsfachleuten in Bogotá ist immer wieder zu hören, dass die Unterwanderung der Wirtschaft etwas geringer sei als die der Politik und der Justiz. Sie meinen damit nicht die Investitionen in der illegalen Produktion (den relativ bescheidenen Aufwand für Produktionsstrukturen und den wesentlich grösseren Schmiergeldbedarf zur Absicherung der juristischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen), sondern die Geldanlagen der Narcotraficantes in der legalen (oder in der branchenfremden illegalen) Wirtschaft. Die vier traditionellen grossen Gruppen, die die Wirtschaft Kolumbiens beherrschen (die Santo-Domingo-Gruppe, die Organización Ardila Lülle, die Organización Luis Carlos Sarmiento Angulo und das Sindicato Antioqueño), seien der Versuchung des Narcogeldes bisher so wenig erlegen wie etwa die Kaffeeproduzenten.
Grund dafür ist, dass die Narcotraficantes dazu tendieren, ihre Unternehmen selbst aufzubauen; Übernahmen bestehender Unternehmen sind wegen der Konzentration der Aktien in den Händen geschlossener Gruppen, zumeist Familien, sehr schwierig. Reine Publikumsgesellschaften haben sich wegen der alten, schon vor dem Aufkommen des Drogengeschäftes beklagten Rechtsunsicherheit im Land und wegen entsprechend schlecht funktionierender Kontrollen über das Management kaum entwickeln können. Diese Rückständigkeit hilft jetzt, den Einfluss der Narcotraficantes in - allerdings nicht mehr allzu engen - Grenzen zu halten: Die Narcotraficantes dominieren mit ihrem immensen Finanzpotential bereits weite Teile des Immobiliengeschäfts, sie expandieren in der Landwirtschaft und im Tourismus, kontrollieren einen Teil der Güterverteilung (Pharma, Bekleidung, Autos) und der Transportunternehmen, beherrschen den faktisch geduldeten Handel mit geschmuggelter Unterhaltungselektronik, mit Haushaltgeräten und Modeartikeln und gewinnen zunehmend an Boden im Banken- und Finanzsektor.
Die Schätzungen über die jährlichen Narcoerlöse gehen weit auseinander. Jorge Ospina Sardi, der Herausgeber der Wirtschaftszeitschrift «Dinero», rechnet mit zahlungsbilanzwirksamen Zusatzeinkommen aus dem Narcogeschäft von jährlich etwa einer Milliarde Dollar (500 Millionen seien in den Überweisungen von Emigranten versteckt, weitere 500 Millionen seien Teil der offiziellen Kapitaleinfuhren). Dazu kommen eine weitere Milliarde aus Falschfakturierungen von Handelsgeschäften und etwa 1,3 Milliarden aus im Ausland abgewickelten Immobilienoperationen, dem Schmuggel von direkt im Herkunftsland bezahlten Konsumgütern und anderen Geldwaschoperationen. Salomón Kalmanovitz, ein Aufsichtsratsmitglied des Banco de la Republica (der Zentralbank), greift höher: Er rechnet mit Falschfakturierungen von 2 Milliarden und Schmuggeloperationen im Wert von weiteren 2 Milliarden. Zusammen mit den Emigrantenrimessen und Kapitaleinfuhren verbleibt somit ein Nettokapitalzufluss aus dem Erlös des Drogenhandels von rund 5 Milliarden Dollar. Auf noch höhere Werte - auf bis zu 7 Milliarden Dollar - kommen gewisse amerikanische Schätzungen.
Noch verzichtet Kolumbien auf Geldwaschgesetze. Die Banken müssen die Herkunft von Kapitaleinlagen nicht abklären; sie sind bei Werten von mehr als 7000 Dollar lediglich gehalten, die Identität der Einleger zu Steuerzwecken zu registrieren - paradiesisch anmutende Verhältnisse, die jedoch mit ein paar Umbuchungen in nahen karibischen und pazifischen Off-shore-Zentren genauso einfach und möglicherweise billiger, nämlich ohne anschliessende Besteuerung der Kapitalerträge, zu haben sind. Der Umfang der von den Drogenbossen repatriierten Erlöse hängt deshalb weniger vom Verzicht auf Geldwaschnormen als von den in Kolumbien herrschenden Anlagebedingungen ab. Diese sind für lateinamerikanische Verhältnisse ausnehmend günstig: Kolumbien brillierte schon vor dem Drogenboom mit grosser Währungsstabilität, hatte nie eine Schuldenkrise, wurde keinen volkswirtschaftlichen Schocktherapien unterworfen und verzeichnete stets überdurchschnittliche wirtschaftliche Zuwachsraten. Die Devisenbilanz ist dank den Narcoerlösen mehr oder weniger ausgeglichen, Staatsschuld und Defizit unterschreiten die Durchschnittswerte anderer lateinamerikanischer Länder deutlich. Die Regierung Gaviria hatte sich zudem bemüht, die Erfolgsstory weiter zu festigen: der Handel wurde liberalisiert, das Steuersystem rationalisiert, auf die gefährlichen, im übrigen Lateinamerika (ausser in Chile) nach wie vor üblichen Wechselkursfixierungen wird verzichtet. Und in der Verfassung von 1991 wurde die Zentralbank von Regierungsauflagen befreit und damit für ihre stabilitätspolitische Aufgabe besser gerüstet. Doch die glänzenden Rahmenbedingungen in der stark dualistischen und klientelistischen Gesellschaftsordnung kommen längst nicht allen zugute: 13 der 35 Millionen Kolumbianer leben im Elend, 50 000 Kinder sterben jährlich an Hunger. DER PREIS DER NARCODOLLARS. Die wachsende Abhängigkeit der legalen Wirtschaft von den Drogenerlösen könnte dem lateinamerikanischen Musterschüler aber bald neue, allein mit Gavirias Modernisierungen nicht mehr lösbare Probleme schaffen: Das hereinströmende Narcokapital sorgt nicht nur für eine ausgeglichene Zahlungsbilanz, sondern treibt auch den Wert des Peso in die Höhe - seit 1992 um real rund 20 Prozent. Im besten Fall werden dadurch nur die internationale Konkurrenzfähigkeit, die Ertragsbilanz und die vorläufig noch gut diversifizierte Exportwirtschaft (mit jährlichen Erlösen von mehr als 10 Milliarden Dollar) bedroht. Im schlechteren Fall könnte das Vertrauen in die aufgeblähte Währung aber zusammenbrechen. Auch Kolumbien droht deshalb eine Art «Tequila-Effekt», der in den letzten Monaten die mexikanische Volkswirtschaft in die Knie gezwungen hat: abrupte Devisenfluchtbewegungen mit anschliessender Währungskrise. Weitere Probleme sind in der Geldsteuerung absehbar, verharrt die Inflation doch trotz den ausgeglichenen Devisen- und Staatsrechnungen beharrlich über der 20-Prozent-Schwelle. Die Zentralbank steht vor einem Dilemma: Will sie die asoziale Teuerung bremsen, müsste sie das Geldangebot verknappen, was jedoch weitere, nicht minder gefährliche Währungsüberhöhungen verursachen würde.
Für zusätzliche Risiken sorgen die grossen Mengen der schwarz hereinfliessenden, nicht in Peso umgewandelten Drogenerlöse. Als Spar- und Zahlungsmittel hat der Dollar den Peso partiell bereits abgelöst. Kolumbien wird, gewissen Hochinflationsländern gleich, «dollarisiert», wobei die Dollars aber nicht als Fluchtwährung zur Vermeidung unliebsamer Inflationseffekte, sondern als Parallelwährung des halblegalen Wirtschaftssektors dienen. Kolumbien dürfte weltweit das einzige dollarisierte Land sein, in dem die amerikanische Währung auf dem Schwarzmarkt billiger als auf dem legalen Markt gehandelt wird. Geldpolitik wird unter diesen Bedingungen für jeden Zentralbanker zum Albtraum.
Die Narcotraficantes stossen nicht nur in den Verwaltungsräten gemeinsam betriebener Unternehmen mit Vertretern der legalen oder halblegalen Wirtschaft zusammen. Weil die Kartelle aus Sicherheitsgründen bewusst klein gehalten werden, sind sie gezwungen, laufend externe Dienste in Anspruch zu nehmen. Das Rohmaterial (Kokablätter, zumeist schon im Stadium der sogenannten Pasta de coca) muss bei einer Vielzahl unabhängiger Produzenten in Peru, Bolivien und im kolumbianischen Hinterland gekauft werden, Chemiker verarbeiten es in geheimen Labors zu Kokain, das schliesslich über komplexe Transportoperationen bis zu den Grosshändlern oder den Verbrecherorganisationen der Absatzmärkte verschoben wird. Dazu braucht es Transporteure, Flugzeugtechniker, Piloten, Logistiker, Manager, politische Kontaktleute, Advokaten für die juristische und bewaffnetes Personal für die militärische Verteidigung. Viele dieser Dienste werden bei Bedarf von kartellexternen legalen und illegalen Anbietern abgerufen. Mit den Aufträgen und dem Geld halten aber gleichsam auch die im Drogenmilieu herrschenden Sitten Einzug ins Gesellschaftsleben. An die Stelle von Gesetzesnormen treten immer öfter Gewalt und Nötigung.
Die Kriminalität hat sich im Umfeld des Drogengeschäfts stark professionalisiert. Verbrechen werden bei spezialisierten Büros in Auftrag gegeben. Rund 130 von kolumbianischen, britischen und israelischen Militärfachleuten ausgebildete und mit hochmodernen Waffen und Kommunikationsinstrumenten ausgerüstete paramilitärische Kommandos sichern die Interessen der Narcos ab und widmen sich auch der Jagd nach den Guerillaorganisationen, die von den Narcobossen früher noch zur Gebietskontrolle eingesetzt wurden. Sie versetzen die Bevölkerung weiter Landesteile in Angst und Schrecken. Dann lassen sich wegen der Aggressivität der mit Narcodollars ausgerüsteten Konkurrenz vielfach auch die legal operierenden Unternehmen dazu verleiten, Schmiergelder zu zahlen oder kriminelle Dienste zu beanspruchen. Die staatlichen Behörden haben die Illegalisierung der Wirtschaft weitgehend toleriert oder - mit permissiven Gesetzen - sogar gefördert und damit der Sittenverwilderung Vorschub geleistet. Die in Kolumbien ohnehin nie so ganz klaren Grenzen zwischen Legalität und Verbrechen verwischen sich mehr und mehr.
Die Kartelle stehen im Ruf ausserordentlicher Skrupellosigkeit und Blutrünstigkeit. Es wäre aber falsch, diese Eigenschaften einfach mit der Mentalität der Bosse zu erklären. Der Einsatz von Gewalt entspricht in nicht geregelten Märkten, wo im Konfliktfall keine Richter angerufen werden können, rationaler Notwendigkeit. Das Narcogeschäft basiert auf dem Wechselspiel von Vertrauen und Gewalt: Violencia gegen Geschäftspartner, die ungeschriebene Verträge nicht erfüllen, Violencia gegen treulose und unzuverlässige Kontaktleute, Violencia aber auch gegen den Staat, wo er sich nicht schmieren lässt, gegen die auf dem gleichen Territorium operierende Guerilla, wenn sie nicht gerade gebraucht wird, und gegen die rivalisierenden Kartelle, wenn um Märkte und Einfluss gestritten wird. GIBT ES EINEN AUSWEG? Es fehlt in Kolumbien nicht an besorgten Stimmen, die vor der Preisgabe von Moral, Ethik, Währungsstabilität und Wirtschaftsordnung warnen. Was geschähe aber, wenn das Drogengeschäft plötzlich versiegte? Eine Studie der Universidad de los Andes aus dem Jahr 1990 rechnet für diesen Fall mit einer vorübergehenden Schrumpfung des Volkseinkommens um etwa 15 Prozent - mit andern Worten: mit schwerer Rezession. Längerfristig liessen sich die Schäden jedoch begrenzen, weil die Narcoerlöse zumeist nicht für die Schaffung neuer, sondern für die Verdrängung bereits bestehender Produktionseinrichtungen sowie für Konsumausgaben verwendet werden. Die legalen Produktionsstrukturen würden deshalb den Ausfall rasch verkraften, die bisher für die Drogenbekämpfung verwendeten Mittel könnten produktiv verwendet werden. Die Erholung würde schliesslich auch wegen des Wegfalls der makroökonomischen Störungen und der zersetzenden Kraft der Korruption nicht allzu lange auf sich warten lassen.
Doch das sind reine Hypothesen. Was dem Land schadet, schadet nicht unbedingt auch den Drogenhändlern, den mit Aufträgen bedienten Unternehmern, den geschmierten Beamten, Militärs und Politikern. Wie in den anderen lateinamerikanischen Präsidialsystemen wird es den sogenannten Eliten auch in Kolumbien leicht gemacht, die eigenen Interessen vor jene des Landes und seiner Bevölkerung zu stellen. Im Subkontinent wimmelt es von Plutokratien, von Partitokratien, von Systemen, die auf das Kommando alter Familien, ausländischer Multis oder inländischer Spekulanten hören - und Kolumbien wird mehr und mehr zur Narcokratie.
Im Land selbst glaubt denn auch kaum noch jemand daran, dass sich die Macht der Narcotraficantes mit juristischen oder militärischen Mitteln jetzt noch überwinden liesse. Und dies, obwohl die etablierten Kartelle des Geschäfts überdrüssig sind und bereit wären, es aufzugeben, wenn ihnen der Staat mit noch grösseren Strafnachlässen und noch grösseren Eigentumsgarantien entgegenkäme. Solches war von Pablo Escobar, Gonzalo Rodríguez Gacha und anderen Medellín-Bossen ausdrücklich gefordert worden und wird jetzt von den Brüdern Rodríguez Orejuela an der Spitze des Cali-Kartells und von deren Helfern im Staat bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholt. Gustavo de Greiff ist sogar bereit, an internationale Drogenkonferenzen zu reisen, um der Welt den Unsinn der Drogenprohibition zu erklären - ein Unsinn aber vor allem für die Auftraggeber aus Cali, die ihre enormen Reichtümer nicht nutzen können und zu einem elenden Kanalrattenleben im Untergrund verurteilt sind.
Einigen, etwa dem Escobar-Kumpan Fabio Ochoa, ist es gelungen, von den Straferleichterungen zu profitieren und nach kurzer «Läuterung» im Kerker wieder ein Leben in Freiheit zu führen. Unterdessen 71jährig, amüsiert er sich mit seinen Rennpferden oder hilft seiner jungen Frau beim Betrieb eines Luxusrestaurants im eleganten Teil von Cali. Mit der Regierung Samper wären die Bosse aus Cali wohl schon bald am gleichen Ziel angekommen, wäre diese nicht in den letzten Monaten von den USA scharf zur Ordnung gemahnt worden. Ernesto Samper wird, nachdem ihm Washington ankreidet, er habe sich seinen Wahlkampf von Cali finanzieren lassen, kaum die Unverfrorenheit haben, mit den Sponsoren einen Waffenstillstand auszuhandeln. Dieser wäre auch sinnlos, weil die geschäftsantreibenden Gewinne nur durch eine generelle weltweite Drogenliberalisierung, nicht aber durch einen innerkolumbianischen Kuhhandel wegfallen würden. Die vom Cali-Kartell hinterlassene Lücke wäre rasch wieder geschlossen: von Konkurrenten im Inland oder von peruanischen Gruppen, die sich von der kolumbianischen Hegemonie längst emanzipieren möchten.
Doch eine internationale Legalisierung zeichnet sich nicht ab, so dass besser nicht mit dem Verschwinden der Macht der Kartelle gerechnet wird. Besonnene Kolumbianer klammern sich deshalb an die Hoffnung, die Nachfrage verschiebe sich zu andern Drogen, die an andern Orten produziert und von anderen Händlern verteilt werden. Und Gabriel García Marquez «verlangt» von den Chemikern die Entwicklung billiger Methoden zur synthetischen Kokainherstellung direkt auf den Absatzmärkten, so dass es seiner Landsleute in diesem Geschäft nicht mehr bedürfe. Dafür gibt es übrigens einen Präzedenzfall: Ende der siebziger Jahre war Kolumbien vorübergehend Hauptlieferant der USA von Marihuana - bis in den USA klimaresistentere, weitaus potentere, für den Anbau im Inland geeignete Cannabis-Samen verfügbar waren. Die Kolumbianer wurden über Nacht aus dem Geschäft geworfen - das sie allerdings mit dem Kokain rasch wieder an sich rissen.
Thomas Kreyenbühl ist Wirtschaftskorrespondent der NZZ, heute für Italien, zuvor für Lateinamerika.