NZZ Folio 10/08 - Thema: Gratis   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Das Haareschneiden ist mein Karma»

© Daniel Peterlunger
Bali Taku, Kathmandu, Nepal Linktext
Von Daniel Peterlunger
Bali Taku, Kathmandu, Nepal, ist 35 Jahre alt. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und arbeitet seit 16 Jahren als Coiffeur. Er wohnt mit seiner Familie in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung mit Bad und Küche neben dem Coiffeursalon, für die er monatlich 55 Franken Miete zahlt. Da er an sieben Tagen pro Woche arbeitet, hat er nur dann etwas Freizeit, wenn wenig Kundschaft kommt. Dann geht er spazieren, Kaffee trinken oder ins Kino.

Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?

Koreanische Liebesfilme sind sehr beliebt, und deshalb wollen seit zwei Jahren viele Kunden – Männer und Frauen – einen koreanischen Haarschnitt, so wie er auf dem Plakat über dem Spiegel abgebildet ist: hoch geföhnt und mit viel Gel. Aber nepalesische Köpfe sehen nun mal anders aus als koreanische. Ich nenne deshalb diese Mode «Korea-Kathmandu-Style».

Haben Sie eine spezielle Methode?

Nein. Bitte betrachten Sie die Fotos an den Wänden. Von Vertretern für Haarwasser und Ähnliches erhalten wir die Bilder als Stilvorlage. Hier hängen mehr als hundert Köpfe! Diese Schnitte kriege ich alle hin. Wenn ich in Magazinen gute Frisuren sehe, schneide ich sie aus und klebe sie an die Wand. Ich gebe aber zu, dass nicht mehr alle Stile, die hier hängen, gefragt sind. Punkartige Frisuren sind out.

Warum wurden Sie Coiffeur?

Ich bin in eine Familie geboren worden, die vom Haareschneiden lebt: Mein Vater ist Coiffeur, meine zwei Brüder sind es, die Frage der Berufswahl stellte sich gar nicht. Das Haareschneiden ist mein Karma. Kennen Sie den Begriff? Als Ergebnis meiner Handlungen in früheren Leben bin ich in diese Coiffeurfamilie hineingeboren worden. Weshalb genau, weiss ich nicht, aber so ist es nun mal.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Ich bin im Salon meines Vaters aufgewachsen. Er hat es mich gelehrt. Als ich ein Junge war, schaute ich nach Schulschluss immer zu, wie mein Vater die Kunden verschönerte. Das gefiel mir. Und so lernte ich allein durch genaue Beobachtung. Erst gegen Ende der Schulzeit durfte ich zum ersten Mal unter Vaters Anleitung meinem Bruder die Haare schneiden.

Was sind Ihre wichtigsten Werkzeuge?

Meistens arbeite ich mit Schere und Kamm, doch ich setze auch Maschinen ein. Nämlich einen Föhn oder einen elektrischen Rasierapparat. Natürlich verwende ich auch normale Rasierklingen für Nassrasuren.

Haben Sie viele Stammkunden?

O ja, fast nur, die meisten kommen aus dem Quartier. Für unsere Kunden ist die Lage unseres Salons mitten im Stadtzentrum sehr angenehm. Allerdings ist die Miete höher als in einem Aussenquartier. Dementsprechend sind auch unsere Preise etwas höher. Etwa 80 Prozent unserer Kunden sind Männer, der Rest Frauen und Kinder.

Wie oft kommen die Kunden zu Ihnen?

Zum Haareschneiden etwa alle drei bis vier Wochen. Einige kommen regelmässig zum Rasieren, andere zum Waschen. Während des Monsuns kommen jedoch weniger Kunden zum Schneiden, als würden komischerweise während der Regenzeit die Haare weniger schnell wachsen! Ist das nicht eigenartig? Man könnte glauben, dass während der Regenzeit die Leute weniger aus dem Haus gehen. Aber das stimmt nicht. Die meisten gehen täglich durch die Gasse – zur Arbeit oder zum Einkaufen.

Was für Leute sind Ihre Kunden?

Ladenbesitzer, Händler und Handwerker. Doch manchmal kommen auch Touristen, nachdem sie im Himalaya herumgewandert sind. Sie wohnen in den kleinen Hotels in der Nachbarschaft.

Welche Kunden sind die grösste Herausforderung für Sie?

Die Ausländer, denn ihre Haare sind manchmal dicker als unsere und fallen deshalb anders.

Haben Sie prominente Kunden?

Bis jetzt nicht. Ausser einem Engländer, der auf dem Mount Everest gewesen war. Er schenkte mir ein Foto des Gipfels.

Wer schneidet Ihre Haare?

Einer meiner zwei Brüder, wer gerade Lust und Zeit hat.

Wann ist eine Frisur aus Ihrer Sicht gelungen?

Ich selber beurteile meine Arbeit nicht, ich frage den Kunden, ob er zufrieden sei. Aber es gibt so spezielle Tage, da habe ich irgendwie eine starke Hand und spüre ganz genau, dass ich gut und präzise schneide.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich bin sehr zufrieden mit meiner Situation, das Geschäft läuft gut. Nepal ist ein armes Land, und ich bin froh, dass ich überhaupt Arbeit habe. Vielleicht werde ich demnächst ein schönes, grosses Werbeplakat in die Gasse stellen, um ein paar zusätzliche Kunden zu gewinnen.

Daniel Peterlunger ist Journalist; er lebt in Murten.

Nabin Hairdresser
ist ein kleiner Salon in einer dunklen Seitengasse im Quartier Thamel im Herzen Kathmandus. Auf Voranmeldung werden hier auch Oberkörpermassagen angeboten.
Drei Brüder haben den Salon vom Vater übernommen. Die Miete beträgt monatlich 130 Franken. Wenn ein Cricketspiel im Fernsehen übertragen wird, ist der Laden voll.

Preis für durchschnittlichen Haarschnitt
Männer zahlen 3 Franken 50 für einen Schnitt, Frauen 4 Franken 50.

Nepal
Einwohner: 29 Millionen
Milch: 1 l CHF –.65
Brot: 1 kg CHF 1.30
Kinobillett: CHF 1.80 bis 3.20
Zigaretten: CHF 1.10
Taxi: 1 km CHF –.35

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