NZZ Folio 04/95 - Thema: Das Wetter   Inhaltsverzeichnis

Bauernregeln im Kreuzverhör

Wie zuverlässig sind die überlieferten Wetterregeln?

Von Horst Malber

«DIE WETTERKUNDE ist die erste Weisheit des Landmanns», lautet ein böhmisches Sprichwort. Diese Aussage zeigt in aller Deutlichkeit, welche Bedeutung unsere Vorfahren der Kenntnis von Wetter, Witterung und Klima in ihrem Lebensraum zugemessen haben. Dies ist nur zu verständlich. Anders als heute in der Zeit des Welthandels bekamen sie die Folgen witterungsbedingter Ernteeinbussen ganz unmittelbar zu spüren.

Ein anhaltend trockenes Frühjahr wie 1992 in Norddeutschland oder ein Hitzesommer wie 1994 in ganz Mitteleuropa stellen auch noch im 20. Jahrhundert die Landwirtschaft vor grosse Probleme, wenn mit Ernteausfällen von 30 Prozent und mehr gerechnet werden muss. Missernten in früherer Zeit hatten für die Bauern sogar katastrophale Folgen. So versteht man die Aussage eines mittelalterlichen Chronisten nur zu gut, dass in solchen Zeiten die grossen Bauern arm wurden und die kleinen vor Hunger starben. Unterernährung führte zu Krankheiten und Seuchen.

Aufmerksam verfolgten daher die Bauern das kurz-, das mittel- und das langfristige Wettergeschehen. Unter dem Begriff Wetter versteht man dabei das kurzfristige Verhalten der Atmosphäre, das in der Temperatur, den Wolken, den Niederschlägen, im Wind und in besonderen Erscheinungen wie Gewitter oder Nebel zum Ausdruck kommt. Als Witterung bezeichnet man den mittelfristigen Wettercharakter von einigen Wochen. So kann die Witterung eines Zeitraums regnerisch, kühl, frostig oder sonnig und warm sein. Das ganze Jahr setzt sich aus vielen solchen Witterungsabschnitten zusammen. Klima ist schliesslich der durchschnittliche Zustand des Witterungsgeschehens einer Region, wobei die einzelnen Monate und Jahreszeiten durch die mittleren Werte vor allem der Temperatur und des Niederschlags charakterisiert sind, etwa einer Durchschnittstemperatur von 0º C im Januar und von 19º C im Juli. Entsprechend den drei genannten meteorologischen Begriffen lassen sich die Bauernregeln in Wetter-, Witterungs- und Klimaregeln einteilen. Dazu kommen in einer vierten Gruppe die Ernteregeln, mit denen unsere Vorfahren Jahr für Jahr aufs neue abzuschätzen versuchten, ob die kommende Ernte gut, durchschnittlich oder vielleicht schlecht ausfallen würde.

Wie gut sind sie nun, die meteorologischen Bauernregeln? Sind sie nur Dichtung oder auch Wahrheit? Um diese Frage zu beantworten, haben wir viele hundert überlieferte Bauernregeln ins Kreuzverhör genommen. Bei den Wetterregeln haben wir gefragt: Lassen sie sich physikalisch erklären? Witterungs- und Klimaregeln haben wir auf ihre statistische Eintreffwahrscheinlichkeit hin untersucht.

WETTERREGELN. Mit den Wetterregeln versuchten unsere Vorfahren, eine kurzfristige Wettervorhersage von etwa drei bis zwölf Stunden zu machen. Diese Kurzfristprognose diente ihnen als Grundlage für die Einteilung des Arbeitstages. So wird niemand an einem Tag zur Aussaat aufs Feld gegangen sein, wenn Sturm oder Starkregen bevorstand.

Um den Wetterablauf der nächsten Stunden abzuschätzen, muss man sorgfältig die augenblicklichen Wetterzeichen beobachten. Wolken und Windrichtung, oprische Erscheinungen oder das Verhalten von Nebel: Sie alle stellen Vorboten der weiteren Wetterentwicklung dar. Einige Beispiele bäuerlicher Wetterregeln sollen zeigen, wie gut die Wetterbeobachtung unserer Vorfahren war. Physikalisch erklären kann diese Bauernregeln erst die moderne Meteorologie, aber die richtigen Schlussfolgerungen aus der Beobachtung haben schon unsere Ahnen gezogen:

Das Wetter erkennt man am Winde
wie den Herrn am Gesinde:
Ostwind bringt Heuwetter,
Westwind Krautwetter,
Südwind Hagelwetter
und Nordwind Hundewetter.


Bei Ostwind kommt die Luft aus Osteuropa, die moderne Meteorologie spricht von Kontinental- oder Festlandsluft. Sie ist im Sommer warm und trocken. Regenwolken können sich in ihr nicht entwickeln, also das ideale Wetter zum Heuen. Ganz anders sind die Eigenschaften der Luft bei Westwind. Diese Luft kommt vom Atlantischen Ozean (Meeres- oder Maritimluft in der heutigen Sprache der Meteorologie) und ist reich an Feuchtigkeit. Wolken und Regen sind die Folge. Dreht der Wind auf Süd, so strömt warme und feuchte Luft zu uns, die in der Regel mit Gewittern und im Alpenraum auch häufig mit Hagel verbunden ist. Weht er dagegen aus Nord, so strömt Polarluft zu uns, und die Quecksilbersäule will selbst bei Sonnenschein nicht recht steigen. Nachts ist es sogar empfindlich kalt.

Wenn Schäfchenwolken am Himmel steh'n
kann man ohne Schirm spazierengeh'n.


Schäfchenwolken, meteorologisch Altocumuluswolken genannt, treten in Höhen zwischen zwei und sechs Kilometern auf. Sie entstehen im Bereich von Hochdruckgebieten und werden in der Regel im Tagesverlauf nicht mächtiger, das heisst, sie entwickeln sich im Normalfall nicht zu Regenwolken. Gelegentlich kommt es aber vor, dass aus ihrer Obergrenze vormittags oder mittags kleine Türmchen emporwachsen. Dann ist Vorsicht geboten, denn die Türmchen signalisieren, dass das Hoch neuem Tiefdruckeinfluss weicht, so dass im Laufe des Nachmittags die Wolken immer mächtiger werden und schliesslich kräftige Schauer, zum Teil auch Gewitter, auftreten können.

Ist die Sonne von einem Ring umgeben,
sei ganz sicher, es gibt bald Regen.


Durch die Sonnenbrille ist gelegentlich ein farbiger Ring um die Sonne, ein sogenannter Halo, zu erkennen. Er entsteht, wenn das Sonnenlicht durch eine dünne, aus Eisteilchen bestehende Wolkenschicht in sechs bis zehn Kilometer Höhe fällt. Diese Cirrostratuswolken und damit der Halo sind die ersten Vorboten eines sich nähernden Tiefs mit ausgedehnten Wolken- und Niederschlagsgebieten. An der Küste kommt vielfach noch Sturm dazu.

Steigt Nebel empor,
steht Regen bevor.

Nebel bildet sich vor allem in windschwachen Nächten, wenn der unsichtbare Wasserdampf der Luft zu winzigen Wassertröfpchen kondensiert. Am Tage löst die Sonnenstrahlung den Nebel wieder auf und führt der Luft wieder Wasserdampf zu. Erkennt man dabei, dass der Nebel sich am Boden auflöst, so kann man einen sonnigen Tag erwarten. Emporsteigende Nebelschwaden deuten dagegen darauf hin, dass die feuchte Luft vom Boden in die höheren Luftschichten gelangt, so dass sich im Tagesverlauf Quellwolken (Cumuluswolken) bilden. Mit ihnen sind vielfach nachmittags oder abends Schauer verbunden. Den gleichen Vorgang beschreibt auch die Regel
Morgenrot - Schlechtwetter droht.
denn ein intensives Morgenrot zeigt an, dass die Luft viel Wasserdampf enthält.

Die älteste mitteleuropäische Bauernregel war noch in lateinischer Sprache formuliert und stammt aus dem 13. Jahrhundert. Sie lautet übersetzt:

Wenn sich die Kält' im Winter lindet,
alsbald man Schnee empfindet.


Diese Regel lässt sich in jedem Winter erneut bestätigen, denn nach einer kalten Periode tritt oft noch einmal Schneefall auf, bevor warme Luft das Gebiet erreicht und intensives Tauwetter einleitet und unter Umständen damit auch Hochwasser auslöst.

Zusammenfassend kann man sagen, dass alle Wetterregeln zur kurzfristigen Wettervorhersage eine hohe Eintreffwahrscheinlichkeit haben und heute noch ebenso gültig sind wie vor vielen hundert Jahren.

WITTERUNGSREGELN. Von besonderer Bedeutung waren für unsere Vorfahren die mittelfristigen Witterungsvorhersagen. Im Frühjahr und Sommer erlaubten sie eine Abschätzung der Vegetationsentwicklung und damit der Ernteerträge. Im Herbst und Winter waren sie für die Vorratshaltung für Menschen und Tiere wichtig, denn ein harter und langer Winter liess die Vorräte an Nahrung und Futter bedenklich schrumpfen. Viele dieser Regeln beziehen sich auf das Wettergeschehen an einem beziehungsweise um einen christlichen Feiertag, zum Beispiel am Siebenschläfer oder am Dreikönigstag. Andere gehen vom Wettercharakter eines Monats aus, um auf die Folgewitterung zu schliessen. Eine der bekanntesten Witterungsregeln ist die Siebenschläferregel:

Wie sich das Wetter an Siebenschläfer verhält,
ist es noch sieben Wochen bestellt.


Zu dieser Regel gibt es mehrere Anmerkungen zu machen. Zum einen darf man die Zahl Sieben nicht ganz wörtlich nehmen. Sie steht als magische Zahl für einen längeren Zeitraum. Zum anderen ist zu fragen, wann genau der Siebenschläfertag ist. In unserem Kalender steht zwar der 27. Juni, doch nach der gregorianischen Kalenderreform von 1582 muss er um mehrere Tage nach hinten verschoben werden. Und so zeigen die meteorologischen Auswertungen in der Tat, dass sich unser Hochsommercharakter erst Anfang Juli entscheidet, und zwar um den 5. Juli herum. Die Überprüfung der Siebenschläferregel ergab, dass sie an der Küste nicht gilt.  Nach einem verregneten Siebenschläfer ist dort in 50 Prozent der Fälle ein verregneter und in 50 Prozent ein sonniger Hochsommer zu erwarten. Ganz anders ist das Ergebnis im Binnenland. Im Berliner Raum zeigt das Wetter um den Siebenschläfertag in zwei von drei Jahren und im Alpenraum sogar in acht von zehn Jahren den Charakter des Hochsommers an. Hat sich nämlich Anfang Juli das Azorenhoch durchgesetzt, so wird es auch in den folgenden Wochen meist die Oberhand behalten. Bestimmt dagegen das Islandtief Anfang Juli das mitteleuropäische Wetter, so wird es dies in der Regel auch danach tun.

Ist der September lind,
wird der Winter ein Kind.


Ist der September wärmer als normal, so zeigen die Berliner Wetterdaten, dass mit 75prozentiger Wahrscheinlichkeit ein zu milder Winter zu erwarten ist. Mit noch höherer Wahrscheinlichkeit ist aber ein kalter Winter, vor allem ein kalter Januar zu erwarten, wenn durch einen warm-trockenen Oktober die  Voraussetzungen für die folgende Bauernregel erfüllt sind:

Ist der Oktober lind und fein,
folgt ein strenger Winter drein.


Dagegen ist der Winter, abgesehen von kürzeren Kälteperioden, im allgemeinen bereits gelaufen, wenn die Temperatur in der zeit vom 1. Dezember bis zum 6. Januar höher als normal ist, denn:

Ist der Dreikönigstag kein Winter,
so kommt auch keiner mehr dahinter.


Ausnahmen von dieser Regel gibt es nur in 20 Prozent der Fälle.

KLIMAREGELN. Wie klug unsere Vorfahren waren, lässt sich allein schon an dem Begriff <Bauernregel> erkennen, denn da das Sprichwort sagt: <Keine Regel ohne Ausnahme>, waren sie sich durchaus bewusst, dass ihre Regeln nicht immer zutreffen. So hat denn auch unsere Untersuchung gezeigt, dass die meisten Witterungsregeln in zwei von drei Fällen zum richtigen Ergebnis führen, dass aber einige Regeln in bestimmten Gebieten eine Eintreffgenauigkeit von 80 bis 90 Prozent erreichen können. Dass unsere Vorfahren auch über die klimatischen Verhältnisse ihres Gebietes gut Bescheid wussten, verdeutlichen die kalendergebundenen Klimaregeln. Sie haben zum Inhalt, dass Witterungserscheinungen mit einer gewissen Regelmässigkeit in einer Jahreszeit oder um einen bestimmten Termin wiederkehren. Auf diese Weise ist es möglich, sich langfristig auf das Wetter einzustellen. Ein Witterungsphänomen, dem bis zum Beginn unseres Jahrhunderts eine grosse Bedeutung zugekommen ist und das auch heute noch ernst genommen wird, sind die Eisheiligen vom 12. bis zum 15. Mai.

Pankraz, Servaz, Bonifaz
und die kalte Sophie,
vorher lach' nie.


Gefürchtet waren von den Bauern die Kälterückfälle im Mai, wenn nach einer warmen Periode ende April noch einmal Nahtfröste auftraten. Die Folgen wurden in der Ernteregel beschrieben:

Frost im Mai schadet Wein,
Hopfen, Bäumen, Korn
und Lein.


Die ausgewählten zwölf Regeln belegen anschaulich den Sinn des zu Beginn zitierten böhmischen Sprichworts. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Bauernregeln so holprig sich auch manche Verse anhören, auf der sehr guten Wetterbeobachtung unserer Vorfahren basieren und dass viele von ihrer Gültigkeit bis heute nichts verloren haben.

Horst Malberg ist Professor für Meteorologie an der Freien Universität Berlin und Autor des Buches «Bauernregeln. Ihre Deutung aus meteorologischer Sicht» (1989).


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