1550 TAGE hast du abgehakt, Mosimann, noch nicht die Hälfte. Du hast den Tisch aus der Zelle verbannt und statt dessen eine lange Werkbank eingerichtet. Daran hockst du, 48jährig, ein vorgealterter Naturbursche laut psychiatrischem Befund, und versuchst gerade, der Piper Super Cub ihren 25-cm3-Motor einzubauen oder der FU-4-Corsair die Flügel zu richten, da fallen sie über dich her, die quälenden Fragen.
Hätte ich besser, wie jener ungetreue Tessiner Polizist, von dem die Zeitung berichtete, Senf und Wagenschmiere benutzen sollen, um die sensiblen Nasen der Drogenhunde zu täuschen?
Du hast, zum selben Zwecke, die Säcklein mit Tabasco eingestrichen.
Der Tessiner Polizeikorporal brachte die Droge im Auto von Mailand ins Tessin, versteckt unter der Ersatzuniform. Er wurde von einem Komplizen verpfiffen und im März 95 angeklagt, beim Schmuggel von einer halben Tonne Kokain mitgewirkt zu haben.
Jetzt bin ich, sagst du, bedauernd, weil nun gar kein Trost mehr bleibt, nicht mehr der Grösste in der Schweiz. 60 Kilo hast du zugegeben und dafür vierzehn Jahre kassiert.
Einen Vierzehner dafür, dass man es ein Jahr lang schön hatte. Das ist doch nicht normal! So rechnest du mit deinem fachmännisch beglaubigt kindlich-unreifen Gemüt. Und jetzt lauern die hinterhältigen Fragen zu jeder Stunde und beeinträchtigen die für den erfolgreichen Modellflugzeugbau unabdingbare Musse und Konzentration. Wieso wurde ich beim elftenmal geschnappt mit 6,2827 Kilogramm, verpackt in einer Kaffeeschachtel, nachdem der Trick zehnmal hintereinander gutgegangen ist? Ich aber meine, Mosimann, dass es an den Hunden kaum gelegen hat. Ich kann dir verraten, dass es Flughäfen gibt, in denen die Drogenhunde fast nur noch zur Dekoration eingesetzt werden. Drogenhunde, kein Witz, das sind die drolligsten, spielfreudigsten Welpen eines Wurfes gewesen, und das Spielzeug, mit dem ihre Spielsucht angekickt wird, riecht nach genau der Droge, die sie später in den unglaublichsten Verstecken aufspüren sollen. Zwar vergeht ihnen im Lärm und Betrieb einer Flughalle manchmal die Lust, nach ihrem Spielzeug zu schnüffeln. Doch im hochentwickelten Katz-und-Mausspiel zwischen Schmuggler und Polizei gibt auch überdeutlicher Kampfer-, Leim- oder Kaffeegeruch am Gepäck einen Hinweis darauf, dass jemand versucht haben könnte, die Hunde zu verwirren. Und schon sitzt die Maus in der Falle.
Deine Schmuggelverstecke, zugegeben, waren nicht gerade raffiniert. Du hattest sie ja auch nicht selber ersonnen. Beim erstenmal gaben sie dir die Ware abgepackt mit, zehn fünfhundertgrämmige Kaffeesäcke, zu je drei Fünfteln mit Kokain gefüllt, abgepackt in einer Schachtel mit der Aufschrift «Café do Brasil». Diese Schachtel hast du in deinen Kleiderkoffer verpackt und bist damit in Zürich ohne Schwierigkeiten durch den Zoll spaziert.
Auf die nächste Reise hast du, nebst den 110 000 Dollar, verteilt in zwei Busentaschen, von den Herren Kurz und Gut dir zum Kauf der nächsten Lieferung anvertraut, auch noch eine Küchenwaage und kleine Plasticsäcke mitgenommen. Dann bist du direkt zu jener Hazienda ausserhalb von Rio de Janeiro gefahren, wo dir die Ware, gepresste Stangen, ein Kilo schwer, übergeben wurde. Im Badzimmer hast du ein Plastictuch ausgelegt und die Stangen mit einer Bierflasche zu kieselgrossen Stücken zerschlagen. Auf der Gasse in Zürich wolle man «Steine», hatte man dir gesagt, viele naive Konsumenten, so wenig im Bild wie du, Mosimann, sind der Meinung, je fester der Stoff, um so unverschnittener sei er.
Du hast die Kaffeebohnen weggeschmissen, die «Steine» in die mitgebrachten Plasticsäcke gepackt, Tabasco darauf, die Originalverpackung sorgfältig verleimt und wieder in die Schachtel gelegt. Zuoberst auf die acht Päckchen mit Schnee kamen zwei mit Kaffee. So gewinnsüchtig waren Kurz und Gut, deine beiden Chefs, und so unvorsichtig warst du, dass die ganze Schmuggelladung ein ganzes Kilo mehr wog als die Originalware laut Verpackungsaufschrift. Wirklich nicht gerade raffiniert, wenn du bedenkst, dass am Flughafen Kloten schon kolumbianischer Kaffee beschlagnahmt wurde, bei dem die Bohnen, natürlich anzusehen, aus Kokain bestanden.
Oder erinnere dich daran, wie du das Zeugs einmal in den doppelten Boden eines Hartschalenkoffers verpackt hast! Das ist zwar, genauso wie etwa der Schuhsohlentrick oder die seinerzeitige Mode, Klamotten und Teppiche zu tränken mit verflüssigtem Stoff, kriminaltechnisch gesehen etwas veraltet und stammt aus der Zeit, da der Fund eines Kilogramms Kokain von der Polizei noch so bejubelt wurde wie der Gewinn einer Goldmedaille. Doch du bist mit dieser alten Schmuggelmethode durchgekommen, im Gegensatz zu jenem raffinierteren Gauner, der für seinen Koffer keinen doppelten Boden benötigte, weil er die Droge nämlich gleich in die Schale einbaute, 40 Prozent Polyester, 60 Prozent Kokain. Sein Pech war, dass den erfahrenen Beamten der Koffer einfach ein bisschen zu schwer vorkam.
Nein, Mosimann, am Versteck lag es nicht, dass sie dich schnappten. In einem Geschäft, bei dem es gilt, nicht aufzufallen, ist Normalität die beste Tarnung und Raffinement ein Verdachtsmoment. Sonst wären die fünf Brasilianer vielleicht nie erwischt worden, die ihre vier Kilogramm zu je sieben Gramm in 515 Schokoladekugeln gefüllt hatten, eingewickelt in Goldpapier, Marke «Serenata de Amor». Die Flughafenpolizisten liessen sich von diesem Abendlied der Liebe nicht betören, sondern fragten sich nüchtern, was Südamerikaner dazu bewegen könnte, Schokolade in die Schweiz zu bringen, statt hier welche zu kaufen.
Kein Misstrauen erwecken, das ist die goldene Regel der Schmuggler. Jede Ungereimtheit aufspüren, das ist die goldene Regel der Fahnder. Wieso bezahlt jemand teure Frachtkosten, um Bowlingkugeln von Medellín in die Schweiz zu transportieren? Weil darin Kokain versteckt ist. Warum importiert jemand Surfbretter aus Kolumbien, Tennisbälle aus Argentinien? Ein bisschen länger dauerte es, bis einem sportskundigen Polizisten auf dem Flughafen Kloten die Lieferung von Golfschlägern aus Kolumbien verdächtig erschien. Dann aber fiel ihm auf, dass die Sets nur aus acht Schlägern bestanden statt aus elf, wie üblich. Die Droge war im Griff versteckt. War es auf deiner vierten Reise, als auch du von den technologischen Innovationen der mafiösen Vertriebsorganisationen profitieren konntest? Du bekamst die Ware, vier Kilogramm, verschlossen in Plasticröhrchen, die im Hohlraum eines Wellkartons steckten. Du hast eine grosse Blumenvase gekauft, den Karton drumherumgewickelt und mit dünnen Schnüren befestigt. Da hast du aber kein Auge zugemacht auf diesem Heimflug. Sind die Schnüre zu stark angezogen? Schneiden sie in den Karton? Rieselt schon weisses Pulver aus der Verpackung? Am Flughafen hat dich ein Zöllner gepflückt. Wieviel hat Sie diese Vase gekostet? fragte er. Dein Glück, Mosimann, dass du eine ehrliche Haut bist. Fünfzig Dollar! Darauf liess er dich laufen. Gezittert und geschwitzt hast du erst nachher.
Eine falsche Antwort in diesem Moment, und du wärst geliefert gewesen. Dann hättest du das Zeugs in einer Shampooflasche oder in einer Kernseife haben können. Aufgelöst in einer Flasche Rum. Versteckt in einem präparierten Amazonasfisch. Im Computer verborgen. Unter der Perücke. Grammweise in Pistaziennüsse abgefüllt. In den Oberschenkel operiert. In Lutschstengel eingearbeitet oder in Hochzeitsmandeln. In einer funktionierenden Spraydose verschweisst oder in Kinderspielzeug. Du hättest Plasticsäckchen schlucken können, hundert Stück und mehr, baumnussgross, mit Wachs beschichtet, um den Urintest zu überlisten, du hättest das Zeugs mit einer lebenden Schnecke transportieren oder im Magen eines Hundes haben können - sie hätten es gefunden.
Grüble nicht, Mosimann, ein Fachmann wie P. W. von der Zürcher Kantonspolizei, lange Jahre Drogenfahnder im Flughafen Kloten, wird es dir bestätigen: das Versteck ist zweitrangig. Die Droge kann überall versteckt sein, überall, wo Platz für eine Öffnung ist. Aber die Fahnder können nicht jedem einbeinigen Reisenden das Holzbein aufbohren, nur weil sie in einem Holzbein schon einmal Kokain gefunden haben. Deshalb konzentrieren sie sich auf anderes: auf die Abweichung von der Gewöhnlichkeit, auf die Ungereimtheit in der Erscheinung, auf die Löcher in der Geschichte.
Nach dem Versteck wird erst gesucht, wenn Verdacht aufgekommen ist. Dann allerdings gründlich und mit dem gleichen professionellen Ehrgeiz, den die Schmuggler auf die Verpackung verwendet haben. Maus und Katz.
Aus dem Raster, den die Fahnder benützen, um Verdächtige schneller zu erkennen, bist du glatt herausgefallen mit deiner biederen Gemächlichkeit. Die mögen dich, mit deinem schütteren, grauen Haar, den kleinen, traurigen Augen, dem prächtig aufgemotzten Schnauzbart, für einen braven Schweizer Sextouristen gehalten haben - und das warst du ja auch in einem gewissen Sinn. Jetzt zehrst du von der Erinnerung an dieses eine schöne Jahr in deinem Leben, in dem du die Zärtlichkeit nicht bezahlen musstest, träumst von brasilianischen Mädchen, die du für ihre Natürlichkeit lobst, ihre Fröhlichkeit, ihre Einfachheit. Du rühmst dich in einsamen Stunden, dass du noch schnell die Adresse deiner letzten Freundin hast verschwinden lassen, als sie dich im Flughafen Kloten schliesslich erwischten. Du hast den Hof gepflästert im Haus, in dem sie wohnt, die Bilder ruhen in deinem Fotoalbum. Mit deiner Sache hatte sie nichts zu tun, und vielleicht wirst du sie besuchen, wenn du nach weiteren zweitausend Tagen Knast nach Brasilien verreisen und dort, so Gott will, doch noch fliegen lernen wirst.
Andrerseits, Mosimann, weiss heute der hinterste und letzte Kriminalist, dass die Droge nicht nur von armen, als Touristen verkleideten Frauen und Männern aus Südamerika geschmuggelt wird, die kaum Geld in der Tasche haben und nicht wissen, wo sie sich befinden. Solche elende Eselinnen und Esel werden immer wieder erwischt. Doch mit Drogen gefasst werden auch verkleidete Nonnen und richtige Pfarrer, Sportler, Diplomaten, Geschäftsherren. Eine nigerianische Bande sandte deutsche Rentner auf Schmuggelreise. Um Normalität vorzutäuschen, werden Kinder als Kuriere eingesetzt, um Herkunft und Ziel zu verschleiern, werden Umwege geflogen.
Du allerdings bist immer direkt nach Rio gereist, mit Swissair oder Varig, die Flugscheine wurden organisiert. Einmal hast du, auf Befehl von Kurz und Gut, deinen Schweizerpass in die Waschmaschine geworfen. Das verschaffte dir den Vorwand, ein neues Dokument zu beantragen, welches deine Vielreiserei nicht gleich auf den ersten Blick ersichtlich machte.
Zehnmal hast du dich unauffällig an den Kontrollen vorbeigedrückt. Dann, am 24. November 1990, ging's vom Paradies ins Loch. Ein Lehrling begleitete dich, den du in der Kunst des Drogenschmuggels unterweisen solltest. Er wartete bei der Gepäckausgabe auf den präparierten Hartschalenkoffer. Du, mit deiner 6 Kilogramm schweren Café-do-Brasil-Schachtel im Gepäck, beobachtetest ihn, zu auffällig vielleicht, so zermarterst du dir jetzt das Gehirn, denn kurz darauf wurdest du zur Kontrolle gewinkt. Als der Zöllner begann, die Kaffeesäcke auszupacken, da wusstest du, jetzt ist es nicht mehr gut, und als sie dir den Laborbericht eröffneten, achtzigprozentiges Kokain, war kurzfristig dein Berufsstolz geschmeichelt, gute Ware, längerfristig aber standen die Aussichten schlecht.
50 000 Franken hast du kassiert für deine Reisen, und da du sonst nichts gearbeitet hast, blieb dir, in einer Zeit, in der Kurz und Gut acht Millionen verpulverten für Jacht, Autos, Immobilien und Firmen, die auch einen Zürcher SVP-Kantonsrat als Verwaltungsrat auszuhalten vermochten, als aussergewöhnliche Anschaffung nur gerade der Kauf einer 1000-cm3-Occasions-Kawasaki für 3000 Franken. Die Maschine hast du in deiner Untersuchungshaft für einen Tausender einem Wärter verkauft.
Gegenüber den Untersuchungsbeamten hast du sechs Monate lang den Joggel gemacht: hast nichts gesagt, keinen verpfiffen. Kurz und Gut sandten dir an Weihnachten den «Playboy» und 500 Franken. Bis er verhaftet wurde, ersetzte dich der Lehrling, den du ins Geschäft eingeführt hattest, danach liessen sich Kurz und Gut die Droge, in Serviertabletts verpackt, mit der Post aus Brasilien schicken. Als sie am 21. April 1991 aufflogen, gaben sie an, du, Mosimann, du hättest alles organisiert und seist der Boss der ganzen Schmugglerbande. Erst dann fingst du an zu plaudern und deine Chefs zu belasten. Und jetzt hast du einen Vierzehner gefasst und den Kopf voller Fragen.
Warum haben sie mich erwischt? Sehe ich aus wie ein Schwerstverbrecher?
Hör auf, dich zu quälen, Mosimann. Erwischt hat es dich lange vor diesem 24. November. Fällig warst du seit jenem schönen Sommertag im Jahre 1953, als dich dein Vater nach Collombier mitnahm und du, sechsjähriger Fratz, in einer kleinen Piper auf Vaters Knien über den Neuenburgersee fliegen durftest. Die einzige schöne Erinnerung einer lieblosen Kindheit in einer armen Arbeiterfamilie. Als du zwölf warst, erwischten die Eltern, streng und religiös, dich beim Rauchen und versorgten dich in einem Heim. Zeichnungen, die du dort gemacht hast, zeigen: ein Kleinflugzeug, einen Gasballon mit einem einzigen Mann im Passagierkorb, hoch über Wolken und Berggipfeln. Vom Heim zu einer Bauernfamilie, die dich allzu wacker mitarbeiten liess. Pilot wolltest du werden, und sie meldeten dich für eine Schreinerlehre an. Hochfliegende Pläne, traurige Realität, dein Gefühl, für etwas Besseres geboren zu sein, deine Sucht nach Anerkennung. Du bist die Route, Mosimann, welche sich die Droge sucht.
Da redet man von der karibischen Route und der Amazonasroute, der Mittelmeer- und der Balkanroute, das ist gut und recht, aber letztlich doch nur ein oberflächlicher Versuch, den Einfall des Illegalen zu kartographieren. Die Droge geht da durch, wo Depression herrscht, ein verletzter Stolz, eine Schwäche und die Bereitschaft, vorenthaltenes Glück im abgekürzten Verfahren zu holen. Das fängt bei den bolivianischen und peruanischen Kokapflanzern an, die, sozial geächtet, wirtschaftlich ausgegrenzt, das Rohmaterial für jährlich 1200 Tonnen Kokain produzieren. Das geht weiter bei den Oberschichtsangehörigen von verarmten, durch Schuldendienste gedemütigten lateinamerikanischen Ländern, die sich Macht und Einfluss retten, indem sie den kriminellen Drogenhandel organisieren, 800 Tonnen in die USA absetzen, 200 Tonnen nach Europa, so schätzen die Drogenbekämpfer.
Du weisst ja, wie das abläuft, Mosimann. Ein normaler Handelsvorgang. Dein Chef bestellte zehn Kilo in Brasilien; waren dort die Lagerbestände abgebaut, telefonierte der brasilianische Mittelsmann mit Kolumbien. Einmal bist du in Rio mitgegangen, um die Kolumbianer mit ihren grossen Taschen abzuholen auf einem kleinen, geheimen Flughafen. Ein grosser Boss des Kartells sei dabei, hat man dir gesagt. Du hast ihm eine Tafel Schokolade mitgebracht und eine Zehnernote aus der Schweiz, und der Mann habe sich, weisst du zu berichten, riesig gefreut.
Seit 1990 hat sich der Kokainexport, der Rationalität der Risikoverminderung folgend sowie den Spuren der wirtschaftlichen Depressionen, der angeschlagenen Selbstwertgefühle, der bedrohten Identitäten, noch mehr in die Depotländer verlagert: Panama und Venezuela, Mexiko, Guatemala, Argentinien, Brasilien. Die Droge nimmt die Wasserwege des Amazonas. Sie reist den andern Ländern nach, befindet sich in Flugzeugen, die von funkferngesteuerten Digitalradars gelenkt und von Kommunikationsverzerrern geschützt werden, in Schmuggelschiffen, die dank Radarstörgeräten und Schiffshüllen aus Fiberglas fast ortungssicher sind. Die kolumbianischen Häfen von Barranquilla, Cartagena und Buenaventura sind abgelöst worden von Guayaquil in Ecuador, Valparaiso in Chile, Rio und Porto Alegre in Brasilien, von argentinischen und venezolanischen Häfen.
Neue Brückenköpfe eröffnen den Spediteuren neue Möglichkeiten. Sie senden ihre Kuriere mit KLM über Surinam und die Antillen nach Amsterdam, mit Iberia von Rio nach Madrid, mit der Aeroflot von Panama nach Moskau. Besonders beliebte Schmuggelverbindungen wie etwa der Varig-Flug von Rio nach Lagos oder die Verbindung der Royal Air Maroc zwischen Rio de Janeiro und Casablanca werden von den Fluggesellschaften manchmal eingestellt. Was hilft's? Bereits wird auch auf baltischen, polnischen, ungarischen Flughäfen Kokain beschlagnahmt.
Die Droge sucht sich ihre Route - es dauerte lange, bis sie dich gefunden hat, Mosimann. Den Gut lerntest du in der Oberschule kennen. Später hast du in seiner Akkordgruppe gearbeitet, warst Kellner und Discjockey in seinem Restaurant. Länger als 20 Jahre hast du für ihn gearbeitet, am Schluss als Diener in seiner Villa. Für ihn warst du sein Mädchen für alles, für dich war er dein väterlicher Freund. Er stand dir bei, wenn die Polizei dich wieder einmal betrunken am Steuer erwischte, er pumpte dir Geld, wenn du wieder einmal eine Rechnung nicht bezahlen konntest. Das waren die kleinen Sünden in deinem Leben, als du dir, 42jährig, den Traum deines Lebens gönntest: nach Brasilien in die Ferien zu fliegen. Du wohntest bei einem vor Jahren ausgewanderten Bekannten, als Guts Anruf kam: Mosimann, willst du auf einen Chlapf alles loshaben, was du mir schwach bist? Mit drei Kilogramm bist du nach Hause geflogen und mit dem Gefühl, noch nie so leicht 5000 Franken verdient zu haben.
Die grossen Mengen aber werden per Schiff verfrachtet. Immer grössere Aufgriffe zeigen, dass auch in Europa Drogendepots eingerichtet werden, die den Weitertransport über unverdächtige Routen erleichtern. Wie in den südamerikanischen Ländern beteiligen sich lokale kriminelle Vereinigungen am Geschäft. Im März 1994 beschlagnahmten die Italiener 5,5 Tonnen Kokain. Das Zeugs war als Schuhlieferung deklariert. In Petersburg wurden 1,2 Tonnen gefunden, verpackt in Dosen von Büchsenfleisch. Die Engländer pflückten 250 Kilogramm in einer Ladung Schnittblumen. In einem Frachter, der unter Schweizer Flagge segelte, wurden drei Tonnen entdeckt, versteckt in Dosen für Passionsfruchtsaft. Die ersten grossen Mengen wurden in Galicien aufgegriffen, kaum zufällig in der ärmsten Region Spaniens. Da fingen die Fischer eines schönen Morgens lauter wasserdicht verpackte 30-Kilogramm-Pakete, ein Fang von 1,3 Tonnen Kokain ging ins Netz. Die Ladung war in den Felsen versteckt gewesen, ein Sturm hatte sie wieder ins Meer geworfen. Da merkte die spanische Polizei, dass die lokalen Clans von Zigarettenschmugglern ihre Tätigkeit längst diversifiziert hatten. Das Kokain kommt in Frachtern, Containerschiffen oder Luxusjachten aus Südamerika, es wird in der Fracht mitgeführt, in Netzen mitgeschleppt, mit Magneten an der Bordwand befestigt, nimmt Umwege über westafrikanische Häfen oder die karibischen Inseln, wird auf hoher See umgeladen oder an langen Ballasttauen in Küstennähe zwischengelagert. In plombierten TIR-Lastwagen, zusammen mit gefrorenem Fisch, gelangt die Droge dann in alle Teile Europas.
Um so einen Lastwagen, von denen jährlich einige hunderttausend die Grenzen passieren, zu kontrollieren, braucht die Polizei 16 Stunden. Nicht zu vergessen, Mosimann, dass die Verschleierungs- und Transporttechniken, die hier angewendet werden, erprobt sind im harten amerikanischen Drogenkrieg.
Der grösste Teil des Kokains ist für den amerikanischen Markt bestimmt. 1990 beschlossen die USA, im Kampf gegen den Schmuggel nicht nur Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge einzusetzen, sondern auch das Aufklärungs- und Frühwarnsystem Awacs. Jetzt transportieren die Schmuggler die Droge nicht mehr einfach mit ihren zweimotorigen Propellerflugzeugen nach Florida, sie fliegen das Kokain in Lear Jets, über den Couloir der zivilen Luftfahrt, im Schatten eines Linienflugzeugs, nach Kanada. Sie werfen es mit Fallschirmen über einem wüstenähnlichen Gebiet ab oder schmeissen es, mit Leuchtmarkierungen und Schwimmgürtel versehen, ins Meer. Techniken, die mittlerweile auch in Europa angewendet werden. Die Franzosen haben eine Jacht aufgegriffen, die im Sommer 1993 sieben Tonnen wasserdicht verpacktes Kokain aus dem Atlantik gefischt und an Land gebracht hat.
Doch eines, Mosimann, ist klar. Ob es nun Nigerianer sind, deren Schmuggelkette, ein Erbe aus dem Opiumhandel zwischen Asien und Grossbritannien im 19. Jahrhundert, einen grossen Teil des illegalen Kokainhandels beherrscht, ob es italienische Mafia-Organisationen sind, ob es marokkanische Schmugglerringe sind, die auf den traditionellen Hasch-Routen nun auch Kokain transportieren, ob es ehemalige spanische Zigarettenschmuggler, neue kriminelle Vereinigungen in Russland sind oder zwei kriminelle Vögel aus der Schweiz, welche die Droge bestellt haben: für den Transport, den Verkauf, den Geldumlauf brauchen sie immer die Tarnung der Normalität, den Schein der Legalität. Dafür suchen sie sich den einen oder anderen bestechlichen Beamten, den einen oder andern Politiker, der sich blind zu stellen versteht, und sie brauchen Leute wie dich, Mosimann. Unauffällige, normale Leute, etwas zu kurz gekommen im Leben und der Meinung, das Schicksal sei ihnen noch etwas schuldig. Leute, die nicht lange überlegen, wenn sich die Chance bietet, versäumtes Glück nachzuholen.
Fliegen, Mosimann.
Was hättest du nicht alles getan, um in einem Flugzeug zu hocken! Dein Lohn war eine Gemeinheit. Der Nachfolger, den du eingearbeitet hast, bekam 16 000 Franken für den gefährlichen Dienst. Dir reichte ein Flugschein, und mehr als fünf Tausender brauchtest du nicht, um in Brasilien den Mössjöh zu spielen. Dein schönstes Jahr, Mosimann. 22mal in der Luft.
Der Drogenhandel folgt dem legalen Warenverkehr. Du kannst Harald Fröhlich fragen, den erfahrensten Drogenfahnder des deutschen Zollkriminalamtes. Der hält seine jüngeren Kollegen dazu an, sich bei der Drogenbekämpfung nicht wilde Räubergeschichten auszumalen, sondern Schiffspapiere zu studieren, Frachtscheine zu begutachten, Menschen anzuschauen. Zwei Millionen Container werden in Hamburg jährlich gelöscht, 1,5 Millionen Tonnen Luftfracht auf dem Flughafen Frankfurt umgesetzt. 100 000 Passagiere landen hier täglich. Wo ist die Droge versteckt?
Dort, wo etwas nicht normal ist, wo die Tarnung ein Loch hat, die Identität einen Bruch.
Doch wie schmal und unsichtbar ist oft, Mosimann, die Grenze zwischen guter und böser Absicht, legaler und illegaler Fracht, und manchmal ist sie überhaupt nicht zu erkennen.
Da schmuggelten, 1987 war's, Angehörige des kubanischen Geheimdienstes, um dem Staat Devisen zu beschaffen, Kokain in Tabakskisten nach Miami. Als die Amerikaner davon erfuhren, liess Fidel Castro, Politik ist Politik, die staatlichen Dealer hinrichten. Da entdeckten Anfang 1994 stolze englische Zollbeamte 900 Kilogramm Kokain, versteckt in Metallbarren, nur um nachher erfahren zu müssen, dass der britische und der amerikanische Geheimdienst die Droge eigentlich bezahlt hatten, um an kolumbianische Hintermänner heranzukommen und nicht an die Kollegen vom Zoll. Seltsame Sachen geschehen in diesem Geschäft, Mosimann, und du solltest dir nicht weiter den Kopf zerbrechen über deine vierzehn Jahre, eines weniger als Gut, drei weniger als Kurz. Die brauchten zur Tarnung einen normalen Menschen. Erwischt haben sie dich, weil du nie gelernt hast, dem Himmel Nein zu sagen.
Du hockst, damit ich Nein sage, wenn die Route einmal zu mir kommt.
Bei weiterhin bester Führung wirst du im April des Jahres 2000 entlassen. Vielleicht gibt es zur Jahrtausendwende eine Amnestie. Mehr wagst du dir, Mosimann, nicht zu erhoffen.
Ruedi Leuthold ist freier Journalist; er lebt in Luzern.