NZZ Folio 08/03 - Thema: Wir Affen   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Eine kurze lange Reise

Von Reto U. Schneider

Kommen Sie mit auf eine Reise. Wir starten im Affenhaus des Zürcher Zoos. Dort sitzt Sita hinter Glas und hält ihre Schimpansenmutter an der Hand. Auf der anderen Seite der Scheibe halten Sie Ihre Mutter an der Hand und die Ihre Grossmutter und die Ihre Urgrossmutter und so weiter. Ein Reigen aus Müttern von Müttern von Müttern, aus dem Affenhaus hinaus zur Zookasse. Dort steht Ihre Ahnin, die vor 5000 Jahren gelebt hat. Sie verlassen den Zoo in Richtung Westen. Mitten in der Stadt beginnen Ihre Ururgrossmütter fast unmerklich anders auszusehen. Bis dahin war ihr Körperbau nicht von Ihrem zu unterscheiden. Der moderne Mensch betrat ungefähr vor 100 000 Jahren, etwa auf dem Limmatplatz, die Weltbühne.

Sie fahren jetzt auf der Autobahn in Richtung Westschweiz. Auf dem Pannenstreifen halten sich Ihre Urururgrossmütter die Hände. Ihre Köpfe verändern sich: Die Augenbrauen beginnen als Wülste hervorzustehen, das Kinn bildet sich zurück, die Stirn flieht, die Körperbehaarung nimmt zu. Zwischen Bern und Freiburg wachsen die Eckzähne, die Nase flacht ab, die Körperhaltung wird gebückter. Schliesslich stehen die Wesen auf allen vieren am Strassenrand. Sie sind jetzt etwas mehr als vier Millionen Jahre in der Vergangenheit.

Sie fahren weiter. Irgendwo am Genfersee treffen Sie auf eine Äffin, die vor fünf, vielleicht auch vor sieben Millionen Jahren gelebt hat und zwei Töchter an der Hand hält: die eine ist ein schimpansenartiges Weibchen, aus dem Sie in direkter Linie hervorgegangen sind. Die andere Tochter ist nicht von der ersten zu unterscheiden. Ihr, die wiederum ihre Tochter an der Hand hält, folgen Sie zurück in Richtung Osten. Da geschieht nicht viel: Die Tiere richten sich nicht auf, ihre Körperbehaarung nimmt nicht ab. Nicht in Bern, nicht in Zürich, nicht an der Zookasse. Die Reise von Tochter zu Tochter zu Tochter führt ins Affenhaus. Die letzte in der Reihe ist Sita. So nah sind wir miteinander verwandt – und so entfernt.



Keine Fotos, bitte: ein kamerascheuer Mandrill.




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