NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million   Inhaltsverzeichnis

«Mit alles, scharf?»

© Patrick Rohner
«New Point», Langstrasse, Zürich: Wo Vergnügen und Verzweiflung zusammenkommen, ist der Drehspiess meist nicht weit. Linktext
Wer als reicher Ausländer in die Schweiz kommt, darf zeigen, was er hat. Wer als Ausländer in der Schweiz reich wird, lässt das lieber in aller Bescheidenheit bleiben. Wie der Kebabkönig Erdogan Gökduman, früher Tellerwäscher, heute Millionär.

Von Christof Moser

Die Zürcher Langstrasse, 1612 Schritte lang, im trunkenen Zickzackgang ein paar Schritte länger, kann mit einer Dönerbudendichte aufwarten wie keine andere Strasse in der Schweiz. Die Türken an der Langstrasse behaupten gar: wie keine westlich von Istanbul. 13 Lokale bieten entlang der berühmtesten Verkehrsachse des Schweizer Rotlichtmilieus ihre mit Fleischfetzen gefüllten Brottaschen an, teilweise Tür an Tür, Menukarte an Menukarte. Mehr Döner auf 1,2 Kilometern – das schafft nicht einmal Berlin.

In der deutschen Hauptstadt entwickelte im Frühling 1971 der Einwanderer Mehmet Aygün aus einem traditionellen osmanischen Tellergericht den Takeaway-Döner, der zur beliebten Zwischenmahlzeit für türkische Fabrikarbeiter wurde und nicht nur für sie. Erst in den letzten zehn Jahren hat sich der Döner, hierzulande Kebab genannt, auch in der Schweiz als Grundnahrungsmittel für Schnellesser durchgesetzt. 100 000 Stück gehen in Zürich jährlich über die Verkaufstheken, an der Langstrasse ist der Kebab Kurzfutter für Clubber, Nutten, Zuhälter, Freier, Dealer, Künstler und Möchtegerns. So ist es überhaupt überall mit dem Kebab: Wo Vergnügen und Verzweiflung zusammenkommen, ist der Drehspiess meist nicht weit.

Der Manager des «McDonald’s» an der Langstrasse könnte über den Erfolg der Kebabbuden ausgiebig jammern, aber er möchte lieber gar nicht erst darüber reden. Er müsste sagen, was sowieso jeder sieht: Während bei ihm die Burger in den Styroporschachteln weich und weicher werden, drängen sich im «New Point» gegenüber die Kunden bis aufs Trottoir. Es ist ein harter Kampf, der hier mit Schlachttiererzeugnissen ausgefochten wird, und der Schlachtruf der Sieger ist auch auf der Strassenseite des Verlierers nicht zu überhören: «Mit alles, scharf?» Der Mann von «McDonald’s» lächelt gequält.

Der «New Point», das muss man wissen, ist kein Kebablokal wie jedes andere. Der «New Point» ist Kult. Wer von Basel, Bern oder Chur nach Zürich zieht, erfährt von Baslern, Bernern und Churern, die schon Zürcher sind, spätestens beim Entladen des Zügelwagens: Im «New Point» gibt es den besten Kebab der Stadt. Der «New Point» ist die «Kronenhalle» unter den Drehspiessrestaurants.

Erdogan Gökduman, 39, etwas untersetzt, mit jenem Bartschatten im Gesicht, der auf Anti-Ausländer-Plakaten der SVP so fremdländisch-gefährlich wirkt, hat 1996 mit dem «New Point» an der Langstrasse den Grundstein für ein Kebab-Imperium gelegt. Heute besitzt der Familienvater elf Imbissbuden, darunter auch drei Edel-Döner, wie jenen im Pilatus-Shoppingcenter in Kriens, zwei Millionen Franken teuer, 700 Quadratmeter gross. Im «New Point» bedeutet Kebab konkret: 120 Gramm Fleisch vom Kalbsbrustspiess (im Einkauf 14 Franken 50 pro Kilo), Salat, Tomaten, Zwiebeln, Joghurtsauce und eine streng geheime Gewürzmischung, direkt importiert aus der Türkei. Das Gewürz ist deshalb so wichtig, weil es den Unterschied macht: Die anderen Zutaten haben die Dönerbuden sowieso fast alle vom gleichen Grosslieferanten. Gökdumans Betriebe, die ihr Fleisch von lokalen Metzgern beziehen, sind die Ausnahme. Im «New Point» ist es, abgesehen davon, allerdings vor allem Gökduman selbst, der anders ist als alle andern: Einmal Kebabkönig, immer Kebabkönig – die Mundpropaganda sorgt dafür.

«Jeder kann es schaffen», behauptet der Wirtschaftsjournalist Markus Schneider in seinem Buch «Klassenwechsel» – wer in der Schweiz arm ist, muss nicht arm bleiben. Die Tellerwäscherkarriere von Erdogan Gökduman belegt diese These eindrücklicher als jede wirtschaftswissenschaftliche Studie: 1986, mit 19 Jahren, flüchtet der Kurde ohne Geld, ohne Arbeit und ohne ein Wort Deutsch zu können aus seiner kargen osttürkischen Heimat in die Schweiz, arbeitet zehn Jahre für 3000 Franken pro Monat als Küchenjunge in einem Manor-Restaurant, bis er sich eines Tages sagt: «Wenn ich nach oben kommen will, muss ich mich selbständig machen.» Der Rest ist Erfolgsgeschichte.

Und der kleine Sieg des Erdogan Gökduman über die Zahlenkolonnen in den Sozialstatistiken, die den Beliebtheitsgrad der Immigranten heute bestimmen. 120 Mitarbeiter zählen Gökdumans «New Point»-Betriebe inzwischen, jeden Monat stopfen sie über sechs Tonnen Fleisch in Brottaschen. Allein in der Filiale an der Langstrasse werden pro Tag und Nacht durchschnittlich 600 Kebabs verkauft.

Erdogan Gökduman, der Flüchtling, der Millionär: Er gäbe in diesem Wahljahr ein gutes Werbemaskottchen ab für die liberale Schweiz der FDP, für die offene Schweiz der SP, er wäre der Mann, der in der Fernseh-«Arena» in der zweiten Reihe sitzen und sagen müsste, dass in den letzten Jahren mehr Immigranten als Schweizer die Selbständigkeit wagten, wie eine Studie des Nationalfonds über «Ethnic Business» ergeben hat. Dass 2005 mit 8,2 Prozent mehr als doppelt so viele Einwanderer selbständigerwerbend waren als im Jahr 2000, wie die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung zeigt. Dass von den 80 000 Türken in der Schweiz ein Viertel jünger sind als 15 und viele vom Gleichen träumen wie er.

Dafür wäre Gökduman der richtige Mann, wäre er nur nicht so wortkarg. Und hätte ihn nur mal jemand gefragt, bevor er entschieden hat, sich wegzuducken. Einfach ist es nicht, mit ihm über seinen Aufstieg zu sprechen. Einen Termin lässt er platzen, weil angeblich ein Koch krank ist und er ihn höchstpersönlich ersetzen muss. Dann ist er wochenlang nicht zu erreichen. Öffentlicher Aufmerksamkeit weicht er aus. Er redet nicht gerne über sich und schon gar nicht über seinen Erfolg. Ist es anrüchig, in der Schweiz als Ausländer reich zu werden? «Es gibt viel Neid», antwortet er auf diese Frage, als dann doch noch ein kurzes Gespräch zustande kommt.

Der Wille zum Aufstieg gehört zu Gökdumans Lebenseinstellung, Bescheidenheit ist einer seiner Charakterzüge. Die Zurückhaltung jedoch wirkt auferlegt. Gökduman, ein Koloss von einem Mann, das Gesicht gerötet von der Küchenhitze, sitzt an der Bar in der «New Point»-Filiale am Albisriederplatz, der Firmenzentrale, und nestelt nervös an seinem Poloshirt. Es sind Erfahrungen, die ihm sagen, lieber nicht zu viel zu sagen. Als er sich mit dem ersten Lohn als Küchenjunge eine Lederjacke vom Mund abgespart hatte, damals, in den 1980ern, wurde er auf der Strasse angepöbelt. Lederjacken waren zu jener Zeit, was heute Statistiken sind: Projektionsflächen der Ablehnung.

Und als er einmal bei der Eröffnung einer neuen «New Point»-Filiale einem Journalisten sagte, im Gegensatz zu manchen Schweizer Wirten binde er sich nicht eine Krawatte um und rauche in der Gaststube Zigarren, hagelte es nach dem Artikel böse E-Mails von Schweizer Wirten.

Befragt nach seinem Erfolgsrezept, sagt Gökduman in gebrochen deutscher Dreisilbigkeit: «Arbeiten.» Zuweilen 16 Stunden am Tag, wie er dann, nur wenig gesprächiger, ausführt. Seine Frau und seine beiden Kinder, sieben und neun Jahre alt, sieht er selten, Ferien leistet er sich kaum, und will man wissen, warum er sich das auch als gemachter Mann noch antut, sagt er: «Damit es meine Kinder einmal besser haben.» Vor einem halben Jahr hat er immerhin entschieden, sich jede Woche einen Tag freizugeben. Geld, das betont er mehrmals, ist für ihn nicht mehr als die Währung des Erfolgs: «Ich brauche keinen Luxus. Ich bin zufrieden, wenn meine Mitarbeiter zufrieden sind.»

4000 Franken Lohn bezahlt Gökduman, auch den Angestellten ohne Berufsausbildung. Langjährige Mitarbeiter werden am Gewinn des Unternehmens beteiligt, und neue Mitarbeiter, sagt Gökduman, müssten sauber arbeiten, gepflegt aussehen, freundlich und diszipliniert sein, dann bekämen sie ihre Chance. Er unterstützt sie bei der Wohnungssuche und schickt sie in Deutschkurse.

Die ersten Türken holte die Schweizer Wirtschaft in der Hochkonjunktur der 1960er Jahre als willkommene Arbeitskräfte ins Land, die anderen kamen zwanzig Jahre später als ungebetene Asylanten, vor allem Kurden, die vor den Auseinandersetzungen mit den Türken aus ihrer Heimat flüchteten. Die Krise und der Niedergang der Schweizer Textil- und Maschinenindustrie entliess viele der ersten Immigrantengeneration in die Arbeitslosigkeit. Sie lösten ihre Pensionskassen auf und suchten mit Restaurants oder Reisebüros oft mehr schlecht als recht die Selbständigkeit. Erdogan Gökduman gehört zur zweiten Welle der türkischen Einwanderer. Auch sie plagt die Angst vor Stellenverlust, die Triebkraft für ihr Unternehmertum ist jedoch etwas anderes: Ehrgeiz. Sie wollen aufsteigen. Und das können sie nur, wenn sie sich selber zum Chef machen.

Statt Anerkennung schlagen ihnen dafür allerdings häufig Ablehnung und Neid entgegen. Auch Zeynel Demir, 50, Chef von Cede Royal Döner, Lieferant von Fleischspiessen für das ganze Land, wurde von den Nachbarn nicht freundlich begrüsst, als er sich 1999 in Winterthur im Gebäude der ehemaligen Migros-Grossmetzgerei einquartierte und zum grössten Kebab-Unternehmer der Schweiz aufstieg. «Geldwäscherei» war noch die netteste Bezeichnung für seinen Betrieb. Demir, der 1987 als Flüchtling in die Schweiz kam und den ersten Kebab seines Lebens auf dem Weg hierhin gegessen hat, verarbeitet heute mit seinen 120 Angestellten täglich 12 Tonnen Dönerfleisch. Umsatz im letzten Jahr: 22 Millionen Franken.

Die Skepsis der Schweizer habe oft damit zu tun, sagen Zeynel Demir und Erdogan Gökduman übereinstimmend, dass sie die weitverzweigten verwandtschaftlichen Verbindungen in türkischen Familienunternehmen als mafiös erachteten. Für Gökduman ist es selbstverständlich, dass zwei seiner Brüder und ein Neffe im «New Point» arbeiten; zudem kommt die Hälfte seiner Angestellten aus der gleichen Gegend wie er: «Das ist auch eine Art Verwandtschaft.» Nur dank ihrem sozialen Netzwerk können sich viele Immigranten selbständig machen. Bei Gökduman war das nicht anders. Um seinen ersten «New Point» an der Langstrasse eröffnen zu können, sammelte er bei Verwandten und Bekannten 100 000 Franken Startkapital. Mit einem Teil seines Umsatzes – über dessen Höhe er sich ausschweigt – unterstützt er heute türkische Start-ups in der Schweiz: «Wenn ich helfen kann, helfe ich.»

Was, Herr Gökduman, können Türken von den Schweizern lernen? Die Antwort übertrifft die erwartete Banalität bei weitem: «Pünktlichkeit», sagt er, «Mitarbeiter, die vorher in einem Schweizer Unternehmen angestellt waren, sind disziplinierter.» Im Gegenzug fehle es den Schweizern im Vergleich zu den Türken manchmal an Flexibilität: «Bei den Westeuropäern muss immer alles laufen wie geplant. Wir Türken dagegen improvisieren oft.»

Hat er jetzt schon wieder zu viel gesagt? Gökduman springt auf und schaut auf seine Uhr, die mehr golden ist als teuer. Nein, einen Schweizer Pass habe er nicht, er habe sich bisher noch nicht darum kümmern können, antwortet er hastig auf die ebenso hastig gestellte letzte Frage, dann übergibt er seine knallrote Visitenkarte: Erdogan Gökduman, CEO New Point, steht darauf, und während man erst realisiert, dass heutzutage auch die Dönerbude an der Ecke einen CEO hat, fragt er hinter der Theke bereits wieder: «Mit alles, scharf?»

Christof Moser ist Redaktor beim Nachrichtenmagazin «Facts»; er lebt in Zürich.


Leserbriefe:

Zu «Mit alles, scharf?» - NZZ-Folio Meine erste Million (06/07)

Das neue Folio ist wieder einmal der Hammer. Habe gleich "Lust" bekommen, richtig viel Geld zu verdienen. Im Artikel "Mit alles, scharf?" ist Ihnen ein kleiner Rechnungsfehler unterlaufen: Der jährliche Verkauf an Kebabs in Zürich wird mit 100'000 Stück beziffert. Andererseits wird angegeben, dass in der Langstrassfiliale pro Tag und Nacht 600 Kebabs über die Theke gehen. Dies macht nach Adam Riese 219' 000 pro Jahr (inkl. Weihnachten und Ramadan).
Philipp Glatt, Zürich



Zu «Mit alles, scharf?» - NZZ-Folio Meine erste Million (06/07)

Ein herziger Artikel über Herrn Gökduman. Fast ein bisschen niedlich. Störend ist aber die Statistik (Hop FDP, Viva la SP), die der Autor so nebenbei in den Artikel einfliessen lässt. Wenn er schon den Mut hat, Statistiken gegen die SVP zu benutzen, indem er erfolgreiche Zahlen über Ausländer präsentiert, sollte er auch den Mut haben, unspektakuläre Statistiken, die auch die weniger schönen Seiten der Immigration zeigen, zu erwähnen.
Davide Pezzotta, per E-Mail



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