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NZZ Folio 09/96 - Thema: Krank im Kopf   Inhaltsverzeichnis

Interview -- Lügt, aber lügt gut

Von Franziska Wanner-Müller

Maurice T. Maschino ist Philosophieprofessor und Schriftsteller in Paris. Der Franzose hat diverse Bücher zur schulischen Entwicklungsmöglichkeit von Kindern und zum französischen Schulsystem veröffentlicht, ehe er sich 1991 auf ein neues Gebiet vorwagte: die Untersuchung der veränderten Liebesgewohnheiten der Sowjets nach der Öffnung im Osten. Dem Thema wahre Liebe sollte auch seine jüngste, in Frankreich durchgeführte Untersuchung gelten. Auf seine Zeitungsannonce - «Schriftsteller sucht Paare, die mit ihm über die Treue reden» - meldeten sich Scharen von Männern und Frauen. Geredet wurde dann über die Untreue, und entstanden ist ein Buch über die Lüge in der Partnerschaft. Nach vielen Gesprächen kam der 60jährige Philosoph zum Schluss: die Lüge ist eine eigene Form der Liebe und sogar nötig. «Lügt, aber lügt gut», möchte Maschino auch jenen Wahrheitsfanatikern zurufen, deren redliche Absichten er mittlerweile bezweifelt. Sein Buch «Mensonges à deux» (Verlag Calmann-Lévy) hat er trotzdem «jener gewidmet, die ihn nie belogen hat». Das Gespräch mit M. T. Maschino führte Franziska Wanner-Müller.

Monsieur Maschino, wird in allen Partnerschaften gelogen?

Ja. Dabei wird betrogen und hintergangen, verschwiegen und umschrieben.

Fallen Verschweigen und Umschreiben denn auch in den Bereich der Lüge?

Als Lüge gilt alles, was nicht der Realität entspricht, und dazu können subtilere Formen der Unwahrheit gezählt werden.

Welche Synonyme werden also für die Lüge verwendet?

Unterlassung, Betrug, Schweigen. Es wird auch gern von Missverständnissen, Halbwahrheiten, Andeutungen gesprochen. Meiner Definition entsprechend sind das alles Lügen. Aber von der Lüge spricht eben niemand gern.

Warum eigentlich nicht?

Geprägt von den Dogmen der christlichen Erziehung, bewegen sich die meisten Menschen in ethischen Kategorien. Dadurch wird wenig verstanden und viel verdammt. Trotz Freiheiten und Veränderung der Sitten bleibt die Lüge für die meisten ein blamables, ein beschämendes Verhalten, etwas, das man eigentlich vermeiden sollte. Menschen, die lügen, werden fast immer von schlechtem Gewissen geplagt.

Ist das zu bedauern?

Gewiss. Weil diese durch Moralvorstellungen anerzogenen Schuldgefühle nicht ehrlich sind und sie die wahre - gewissermassen gute - Lüge verhindern. Es wäre durchaus wünschenswert, dass die Lüge normalisiert und banalisiert würde, damit man zu ihrem wirklichen Kern vordringen könnte: die bewusste Lüge als Möglichkeit, sich selbst zu schützen und anderen mit Respekt und Liebe zu begegnen.

Beruht die Behauptung, dass alle Paare lügen, auf subjektiven Eindrücken, oder lässt sie sich mit Zahlen belegen?

Von rund 150 Interviewpartnern gaben 4 an, eine absolut lügenfreie Partnerschaft zu führen. Gleich viele gaben zu, zu lügen, sich aber mit dem Gedanken zu tragen, ihre Lügen zu gestehen. Die Lügenpalette reicht von Schweigen bis zu abenteuerlichsten Lügengebilden. Diese Zahlen repräsentieren wohl nicht nur die französischen Paarverhältnisse, sondern jene auf der ganzen Welt.

Welche Wahrheit hat Ihnen die lügende Mehrheit vermittelt?

Aus welchen Gründen auch immer gelogen wird, es liegt im Charakter der Lüge, dass sie dem Menschen mehrheitlich Gutes tut.

Was bringt die Lüge den Partnern konkret?

Dem einen die Freiheit. Dem andern Schutz vor unnötiger Brutalität und die Beibehaltung der Illusion. Schon La Rochefoucauld hat festgehalten: in der Freundschaft und in der Liebe ist man über jene Dinge, die man nicht weiss, glücklicher als über jene, die man weiss.

Welches sind die häufigsten Schwindelsujets in der Partnerschaft?

Ausser in Dingen, die im engsten Sinn die Liebesbeziehung betreffen - der absolute Spitzenreiter auf der partnerschaftlichen Lügenskala -, wird oft in finanziellen Dingen gelogen: falsche Lohnangaben, verheimlichte Erbschaften von seiten der Männer, Schummeleien bei Kleiderpreisen und in Sachen Haushaltsgeld bei den Frauen. Ganz dem Klischee entsprechend, verheimlichen viele Frauen ihren Partnern das richtige Alter. Beim Sex wird viel gelogen, und eine riesige Palette an Lügen wird von Untreue in ihrer ganzen Bandbreite provoziert. Es gibt auch harmlose Fälle: etwa jenen Mann, der seine Frau anschwindelte, allein aus dem Grund, weil er hin und wieder eine Stunde lang allein sein wollte.

Welche psychischen Voraussetzungen attestieren Sie dem Lügner normalerweise?

Die Angst vor der Einvernahme anderer und die Angst, sich selbst zu verlieren.

Wird in den Partnerschaften darum so viel gelogen?

Ja, wenn Menschen sich in ihrer Intimität gestört fühlen, wird gelogen. Das hat einerseits mit Lebenssituationen zu tun - beispielsweise kleine Wohnungen, wenig Geld -, andererseits mit einengenden Moralvorstellungen. Fast nicht erfüllbar ist auch der heutige Anspruch nach totaler Transparenz in der Partnerschaft, was paradoxerweise als Indiz für Liebe und Vertrauen gewertet wird. Die Leute haben ja nicht einmal mehr eine abschliessbare Schublade für sich allein.

Wie unterscheiden Sie schwere Lügen von lässlichen?

Ich mache keine Kategorien. Aber natürlich hat ein Lügengespinst im Zusammenhang mit einem komplizierten Doppelleben im Fall seiner Aufdeckung schwerwiegendere Folgen, als wenn ich meiner Frau sage, dass ich ihr Kleid toll finde, und das in Wirklichkeit nicht so ist.

Aber die Notwendigkeit zur Lüge ist in beiden Fällen gleich gross?

Ja. Im ersten Fall wendet die Lüge mögliche Konsequenzen auf verbotenes Tun ab. Im zweiten Fall geschieht die Lüge möglicherweise aus selbstlosem Antrieb. Welches die Gründe für eine Lüge sind, was mit der Lüge bezweckt wird, soll hier aber nicht beurteilt werden. In beiden Fällen schont die Lüge auf jeden Fall den Partner.

Und entmündigt ihn gewissermassen - was spricht eigentlich gegen die Wahrheit?

Die Kränkung des andern, die unnötige Brutalität. Wahrheitsfanatiker verbergen nicht selten eine sadomasochistische Neigung. Mehr oder weniger zwanghaft fügen sie andern und sich selbst Schaden zu. Auch jene Menschen, die Lügen gestehen, erleichtern unter dem Deckmäntelchen der Ehrlichkeit oft nur ihr eigenes Gewissen. Wahrheitswille hat nur selten etwas mit Selbstlosigkeit zu tun.

Wird in offenen Partnerschaften weniger gelogen als in der Ehe?

Nein, gleich oft. Aber in Beziehungen, die schon länger dauern, wird häufiger gelogen.

Wann wird das erstemal gelogen?

Genaugenommen in den ersten Stunden einer potentiellen Beziehung. Indem man sich von der besten Seite präsentiert und die Vergangenheit beschönigt, begeht man bereits kleine Schummeleien. Die nette, aber dreiste Lüge «ich werde Dich immer lieben» leitet ein langes Lügenleben zu zweit ein.

Ist eine Partnerschaft, in der gelogen wird, nicht zum Scheitern verurteilt?

Überhaupt nicht. Die Lüge signalisiert ja gewissermassen das Bedürfnis, diese Beziehung weiterzuführen.

So gesehen, ist die durchschaubare, schlechte Lüge die eigentliche Bösartigkeit?

Ja, die Tatsache, dass jemand lügt, belastet nur den Lügner selbst. Lügt jemand schlecht, beginnt die Zerstörung des andern, werden Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit offensichtlich.

Geschieht das absichtlich?

Unbewusst versucht der Lügner so vielleicht eine Reaktion zu provozieren. In neun von zehn Fällen wird aber spontan gelogen, instinktiv. Wenige Menschen kultivieren die Lüge.

Können Sie trotzdem ein Beispiel nennen?

Es gibt feministisch bewusste Frauen, die die Lüge als Gegenmacht zum Patriarchat pflegen und so Freiheit und Unabhängigkeit manifestieren. In dieser Logik haben sich die Schwindelvoraussetzungen für Frauen gewissermassen verbessert, weil ihr Leben heute vielfältiger und weniger kontrollierbar ist.

Lügen Frauen heute genauso oft wie Männer?

Ja. Frauen lügen aber anders als Männer: reifer, subtiler, netter. Wenn Frauen lügen, schützen sie in der Regel ihre Freiheit und gleichzeitig ihre Partnerschaft. Wenn Männer lügen, benehmen sie sich oft infantil oder auch verantwortungslos und riskieren so die Aufdeckung ihrer Schwindeleien.

Dann lässt sich aber auch nicht mehr länger wegsehen?

Die Tendenz, vom geheimen Treiben des Partners nichts wissen zu wollen, legen - meinen Untersuchungen zufolge - tatsächlich viele Frauen an den Tag. Wie erwähnt, provozieren Männer mit ihren plumpen Lügen möglicherweise unbewusst eine Entscheidung.

Warum wollen sogenannt ehrliche Partner von der Wahrheit nichts wissen?

Aus Angst, das Problem offiziell zu machen, schweigen viele Menschen lieber. Die Angst vor den Veränderungen, die einem offenen Gespräch zwangsläufig folgen würden, ist sehr gross.

Beziehungslügen geschehen also auch in stillschweigender Übereinkunft mit dem Partner?

Oft ist es so. Manchmal wird die Beziehungslüge sogar in einvernehmlichem Schweigen gepflegt: die Stille als subtilste Form der Lüge. Es gibt Partnerschaften, die funktionieren jahrzehntelang auf diese Weise bestens. Ist es nicht so, so empfiehlt sich ein offenes Gespräch, das Abbruch oder Neuanfang der Beziehung bedeuten kann.

Sieht man sich die Untersuchungsergebnisse an, scheint das Glück tatsächlich eine Lüge zu sein.

Man könnte auch sagen; die Lüge ist das Fundament vieler Beziehungen und somit jenes des Glücks.

Jean-Paul Sartres und Simone de Beauvoirs Grundsatz - wir werden uns nie belügen - ist also weder nachahmenswert noch realisierbar?

Sartre hat später - verklausuliert - zugegeben, dass er sein Leben lang von der Lüge Gebrauch gemacht und auch de Beauvoir belogen hat. Eine Paarbeziehung ist eben kein philosophischer Kleinklub und auch keine Ethikkommission. Auf Grund meiner Untersuchungen kann ich sagen, dass Paare, die über Jahre hinweg sehr gut funktionieren, ihre Beziehungen zwar selten auf einem Lügengebälk aufbauen, sich aber auch nicht alles erzählen. In einer glücklichen Beziehung ergänzen sich Wahrheiten und Unwahrheiten offenbar aufs angenehmste.


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