NZZ Folio 04/94 - Thema: Südafrika   Inhaltsverzeichnis

Wahl und Würde

Wählerunterweisung in Demokratie.

Von Nadine Gordimer

Was bedeutete eine Wahl in den demokratischen Ländern des Westens?

Eine Wahl ist ein periodisch wiederkehrendes Ereignis im Gesellschaftssystem, das fällig wird wie das Ausfüllen der Steuererklärung. Ein Tag, an dem man als Staatsbürger seinen gewohnheitsmässigen Gang zur Wahlurne antritt, um seine Stimme für die Person oder die politische Partei abzugeben, von deren Programm man glaubt, dass es am besten über das eigene Leben bestimmen wird. Sofern man nicht selbst Politiker oder aktiv an der Wahlkampagne für eine politische Partei beteiligt ist, ist diese Stimmabgabe kein bedeutendes Erlebnis. Sie wird als Alltäglichkeit betrachtet. Ich kann mich in diese Einstellung hineinversetzen, weil ich - obwohl Südafrikanerin - Weisse bin und daher seit meinem achtzehnten Lebensjahr das Wahlrecht habe.

Aber weil ich Südafrikanerin bin, verstehe ich auch, was die Wahlen im April 1994 in unserem Land für die grosse Mehrheit der Südafrikaner, die Schwarzen, bedeuten, denen es laut Gesetz bisher verwehrt war, ihre Stimme abzugeben. Und da ich, auf meine Weise, eine Protagonistin im Kampf gegen Rassismus war, der den Schwarzen das Wahlrecht verweigerte, das Recht auf eine Stimme in den Regierungen, die ihnen jeden Aspekt ihres Lebens vorschreiben, spreche ich in bezug auf diese Wahl von «uns» und nicht von «ihnen».

Für uns bedeutet diese Wahl nicht bloss einen neuen Anfang, sondern eine Auferstehung: die Auferstehung dieses in Jahrhunderten zwischen Holländern, Franzosen, Briten und etlichen anderen Europäern aufgeteilten Landes aus dem Grab der kolonialen Vergangenheit; die Auferstehung dieses eingeborenen Volkes aus dem Grab der rassisch getrennten Wohnbezirke, der Squatter Camps, der Slum-Schulen, der beruflichen Einschränkungen, der Zwangsumsiedlungen von einem Teil des Landes in einen anderen; die Auferstehung allen menschlichen Strebens und aller menschlichen Würde aus den Tiefen der Demütigung auf Grund von Rasse und Hautfarbe; die Auferstehung dieses Volkes mit dem Recht, zum erstenmal in der Geschichte eine Regierung zu wählen, sich selbst zu regieren. Ein heiliger Augenblick, symbolisiert durch das Ankreuzen eines Feldes auf einem Wahlzettel.

Ja, es sind grosse Emotionen im Spiel bei dieser Wahl. Emotionen, die hinausgehen über die naheliegenden politischen im Kampf um die Macht als demokratischen Prozess. Wie diese Emotionen in die Fähigkeit umgesetzt werden sollen, sich dieses Prozesses zu bedienen, ist eine andere Sache. Die Unterdrückung während Generationen hat ihre eigenen Psychosen hervorgebracht.

Es ist schwierig, Menschen, deren Leben vollkommen von weissen Arbeitgebern kontrolliert wurde und von Behörden, die den Interessen dieser Arbeitgeber dienten, davon zu überzeugen, dass irgend etwas zu Papier Gebrachtes - eine Unterschrift, ein Daumenabdruck - nicht der Überprüfung durch den weissen Baas und seine Agenten zugänglich sein soll. Das trifft vor allem auf die Landarbeiter zu; die Schwarzen, die auf weissen Farmen arbeiten, gehören, auch wenn sie sich vom Sklaven dadurch unterscheiden, dass sie einen Lohn empfangen, buchstäblich mit Leib und Seele dem weissen Farmer. Sie und ihre Familien leben mit seiner gütigen Erlaubnis auf seinem Land - dem Land, das sie für ihn bearbeiten -, und wenn sie entlassen werden, verlieren sie nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihr Heim. Es ist nicht leicht, ihnen den Glauben daran zu vermitteln, dass ihre Stimme geheim bleiben wird, dass nicht einmal der Baas wissen wird, neben den Namen welcher Partei sie ihr Zeichen gesetzt haben. Sie scheuen sich davor, mit einem Federstrich das armselige bisschen Sicherheit aufs Spiel zu setzen, das sie in ihrem Leben haben.

Die ländliche wie auch die städtische Bevölkerung wurde durch eine Strategie des Befreiungskampfes konditioniert, die sie nun, ironischerweise, davon abhält, ihr Wahlrecht wahrzunehmen: Eine der erfolgreichsten Kampagnen gegen die Apartheid, die vom Afrikanischen Nationalkongress und vom Panafrikanischen Kongress betrieben wurde, bestand in der Weigerung, den Pass bei sich zu tragen; die Menschen riskierten, dafür ins Gefängnis zu kommen. Das verhasste Personalpapier, das Schwarze auf Verlangen stets sofort vorzeigen mussten, war das Dokument, das ihre freie Wahl des Wohnsitzes einschränkte und ihr Recht, sich in einem beliebigen Gebiet des Landes Arbeit zu suchen. Das Misstrauen gegenüber allen offiziellen Dokumenten hat sich lange über die Abschaffung des Passes hinaus gehalten, was viele jetzt zögern lässt, den Personalausweis zu beantragen, den jeder Wähler im Wahllokal vorweisen muss. Vor diesem Hintergrund hat sich die Voter Education, die Wählerunterweisung, als wesentlicher erster Schritt auf dem Lehrplan einer neuen Demokratie erwiesen. Anders als mit der Wahlpropaganda wird in der Wählerunterweisung den Menschen nicht gesagt, für wen sie ihre Stimme abgeben, sondern warum und wie sie ihr Stimmrecht ausüben sollen.

Zu diesem Zweck wurde eine Reihe von Organisationen gegründet. Die landesweit vielleicht aktivste ist Matla Trust («Matla» bedeutet Stärke), in deren Vorstand ich bin und von deren Aktivitäten - sie sind typisch für solche Organisationen - ich daher aus erster Hand berichten kann.

Von seinem Hauptquartier in Johannesburg aus betreut Matla die Wahlkreise eines ganzen Landes mit ihren vielen verschiedenen Sprachen, unterschiedlichen Alphabetisierungsgraden und unterschiedlichem Verständnis für staatsbürgerliche Prozesse. Wo nur 60 Prozent der Leute lesen können, sind die Möglichkeiten einer Wahlunterweisung durch das geschriebene Wort begrenzt; die Tagespresse ist da ein wenig wirksames Mittel. Aber auch die Aufgabe, die Bevölkerung mit gesprochener Sprache zu erreichen, ist bei dieser wuchernden Sprachenvielfalt eine Herausforderung. Dazu kommt die ungleiche Besitzverteilung zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung: in den grossen schwarzen Townships im Umkreis der Städte besitzen die meisten ein Fernsehgerät (wenn auch manchmal nur ein batteriebetriebenes, da die Schwarzen immer noch nicht überall mit elektrischem Strom versorgt sind), während auf dem Land ein kleines Transistorradio mit beschränktem Empfangsbereich das einzige Medium ist, über welches die Menschen in ihren Wohnungen erreicht werden können.

Matla Trust hat viele Strategien entwickelt, um Antworten auf diese Probleme zu finden. Von den elf Zweigbüros im ganzen Land werden Field Educators, Fachkräfte für die Wahlerziehung, in die Dörfer, auf die Farmen, zu den religiösen Gemeinschaften, den Jugendverbänden und Frauenvereinigungen geschickt, um den Menschen in ihren eigenen Sprachen zu erklären, was die Stimmabgabe für ihre Zukunft bedeutet und wie man seine Stimme abgibt.

Matlas Methoden auf diesem Gebiet haben sich als so erfolgreich erwiesen, dass der Trust neben der Ausbildung der eigenen Field Educators auch Intensivkurse - mit jeweils 500 Teilnehmern! - zur Schulung von Field Educators für andere Wahlerziehungsprogramme veranstaltet hat. Das Radio sendet kurze informative Dialoge nach dem Muster der kommerziellen Werbung, mit dem die Menschen vertraut sind. Für das Fernsehen wurde eine 14teilige Miniserie mit einem beliebten schwarzen Komiker in Auftrag gegeben, die in der Endphase vor den Wahlen einmal wöchentlich zur Hauptsendezeit ausgestrahlt wird. Für Comics-Leser wurde ein Heftchen mit einer Bildgeschichte in neun Sprachen in weiten Teilen des Landes verteilt. Das originellste Mittel der Wählerunterweisung sind aber vermutlich die sechs Wandertheatergruppen, deren schwarze Schauspieler das Stück, das sie spielen, selbst verfasst und in mehrere Sprachen für das jeweilige Landesgebiet und Publikum bearbeitet haben. Ich habe selbst fasziniert miterlebt, wie sich das Stück auf Grund der Zuschauerreaktionen und -beteiligung entwickelt hat. Es spielt in einem Wahllokal, in dem die Schauspieler mit Gesang und Humor alle Phasen der tatsächlichen Prozedur durchlaufen - sie werden nach Waffen durchsucht, zeigen ihre Ausweise, legen die Hände zuerst unter ultraviolettes Licht und nach der Stimmabgabe in jene Spezialflüssigkeit, die sie unter dem ultravioletten Licht verraten würde, wenn sie versuchten, verkleidet ein zweites Mal die Stimme abzugeben. Zuschauer werden auf die Bühne gebeten, um ihr Zeichen auf eine Tafel zu malen, die einen Wahlzettel darstellt.

Wie dringend nötig die Wählerunterweisung ist, zeigte sich mit bestürzender Klarheit, als manche den Namen der Partei, die sie nicht wählen wollten, ankreuzten . . . Ein jazziger Song über «verpatzte» Wahlzettel und ein Tanz warnen vor solcher Verwechslung. Man darf jedoch nicht die Verwirrung über den Wahlvorgang mit mangelndem Verständnis für Politik gleichsetzen; viele Tausende Menschen haben ein gut entwickeltes politisches Bewusstsein und sind über die Parteipolitik informiert, aber sie hatten ganz einfach nie die Chance, eine gewöhnliche staatsbürgerliche Handlung zu vollziehen.

Matla Trust wird wie andere Programme zur Wählerunterweisung von Hilfsorganisationen und Regierungen aus Übersee finanziert, die zu einer demokratischen Zukunft Südafrikas beitragen möchten. Wenn es am Tag der Wahl die derzeit erhoffte grosse Wahlbeteiligung gibt, können die Spender sicher sein, dass ihr Geld gut eingesetzt worden ist, denn ohne die phantasievollen Programme würde eine grosse Zahl von Südafrikanern die erste Gelegenheit versäumen, das Recht zur Bestimmung über ihr eigenes Leben wahrzunehmen.

Innerhalb von Matla ist man sich im klaren, dass mit der Wählerunterweisung die Aufgabe nicht beendet ist. Sie ist nur der erste Schritt in Richtung Demokratie; alle anderen demokratischen Prozesse - sei es auf Gemeindeebene, sei es in bezug auf die Verantwortlichkeit der Regierenden gegenüber den Regierten - werden in den fünf Jahren einer Regierung der nationalen Einheit nach dem 28. April gelernt werden müssen. Demokratie entsteht nicht im Handumdrehen; sie muss gelernt werden, Tag für Tag.

Nadine Gordimer, Literaturnobelpreisträgerin 1991, lebt in Johannesburg.


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