NZZ Folio 01/96 - Thema: Menschenrechte   Inhaltsverzeichnis

Nekrologe -- Addio Truffaldino - die Diener haben ausgedient

Von Ulrich Holbein

WIE ENTSTAND KULTUR? Manche wollten nicht mehr an Wäsche, Pferde, Kloputzen denken, schafften sich Diener an und dachten fortan kaum noch an Wäsche, Pferde, Kloputzen, um so mehr an Diener, Stubenmädchen, Laufburschen, Mägde, Schreiber, Köche, Knechte, Gärtner. Auf klassischen Bühnen stehen sie diskret im Weg und halten Seiner Eminenz die Tür auf. Das Dienerwesen verselbständigte sich, bis die Anhängsel ins Zentrum rückten: Diener als Sympathieträger, Bühnenlieblinge und heimliche Herren haben nicht erst seit Figaro und Truffaldino Tradition. Eine Pergolesi-Oper trug den Titel «La serva patrona», die Dienerin als Herrin. Tamino sieht neben Papageno geradezu leblos bis fiktiv aus, Don Quijote ist ohne Sancho Pansa aufgeschmissen, weniger als halb so bedeutsam. Fast jeder Truffaldino wuchs seinem Herrn über den Kopf, setzte sich plötzlich frech über ihn ohne Angst vor seinen Fausthieben.

Der Sieg des Dieners über den Herrn wiederholt sich heutzutage überall, wo Hausbesitzer sich das Dach ausbauen lassen und die absichtlich langsam schuftenden Arbeiter der Baufirma sich gepfefferte Stundenlöhne und Meisterlöhne gnadenlos aufsummieren lassen, rachevoll sadistisch über jeden Voranschlag hinaus.

Als der Diener ausstarb, riss er den Gentleman mit sich, wie auch alle Kratzfüsse, Bücklinge, das ganze Dienermachen, Pfötchengeben, Männchenmachen und Apportieren von Hölzchen und Stöckchen. Keine Liftboyhöflichkeitskultur mehr: die gnädige Frau steht nur noch in Wien ein Weilchen auf dem Abstellgleis.


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