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NZZ Folio 10/09 - Thema: Die Zeitung Inhaltsverzeichnis
Vom Glück, viele Leben zu leben
© Hans-Peter Furrer, Zumikon
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| Klara Obermüller, 69, war von 1964 bis 2002 Redaktorin beim «Du», bei der «Neuen Zürcher Zeitung», der «Weltwoche» und dem Schweizer Fernsehen. |
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Sie hecheln den Ereignissen hinterher, wissen von vielem wenig. Sie rauchen zu viel, schlafen zu wenig. Kaum gedruckt, ist ihr Tagwerk schon Altpapier. Warum sind Sie eigentlich Journalist geworden?
Klara Obermüller: «Ich liebe das Unterwegssein»
Geschrieben hatte ich zwar immer schon gern. Aber dass sich daraus ein Beruf machen liesse, kam mir nicht in den Sinn. Dazu brauchte es einen Anstoss von aussen und eine gute Portion Zufall. Angeregt durch einen Freund, bewarb ich mich beim «Du» um eine Stelle als Volontärin und wurde genommen: 24 Jahre jung, ohne Ausbildung und ohne Erfahrung. Am Anfang verstand ich von nichts etwas und schrieb über alles: über Gedichte von Kurt Schwitters und die «Semana Santa» in Sevilla etwa, aber auch über mittelalterliche Kräuterbücher, einen Essayband von Werner Weber oder eine Reise durch die Türkei. Später lernte ich Schwerpunkte setzen: Literatur, Zeitgeschichte, Kirchenpolitik, Bioethik.
Die Lust am Themenwechsel ist mir bis heute erhalten geblieben, so dass ich rückblickend sagen könnte: Ich habe mir den Beruf passend zum Charakter ausgesucht. Ich bin unstet und ungeduldig. Ich liebe die Abwechslung und das Unterwegssein. Mich interessieren Gesellschaften, die sich verändern, Menschen, die nicht stehenbleiben. Am liebsten war ich immer dort, wo sich Verhältnisse im Umbruch befanden: in Israel, in Russland während der Perestroika, in Deutschland nach der Wende oder auch hier bei uns, als das Aufkommen von Aids oder der Konflikt der Kulturen unser Wertesystem in Frage zu stellen begannen. Habe ich mich verzettelt dabei? Vielleicht. Aber wenigstens ist es mir gelungen, einige meiner Schwächen nutzbringend umzusetzen. Und das ist doch immerhin etwas.
Klara Obermüller, 69, war von 1964 bis 2002 Redaktorin beim «Du», bei der «Neuen Zürcher Zeitung», der «Weltwoche» und dem Schweizer Fernsehen.
Walter Däpp: «Aus Spass an den Geschichten»
Auf die Frage, warum sie lesen und schreiben lernen wolle, hat mir einmal eine Erstklässlerin geantwortet: «Um dann Geschichten erzählen zu können.»
Treffender als dieses Mädchen, es hiess Regina, kann ich es nicht sagen. Ich habe immer noch Spass am Schreiben, weil es mir Spass macht, Geschichten zu erzählen – in Worte zu fassen und weiterzugeben, was ich aufgeschnappt und erfahren habe oder was andere mir gezeigt und erzählt haben. Der Journalismus hat mich ein interessantes Berufsleben lang legitimiert, neugierig zu sein: zu hören, hinzuhören, zu sehen, zu beobachten, zu riechen, zu fühlen, zu empfinden, zu staunen, zu fragen und zu hinterfragen – um dann Geschichten erzählen zu können.
Walter Däpp, 63, ist seit 27 Jahren Journalist und Redaktor beim Berner «Bund».
Peter Sartorius: «Ungeträumte Träume leben»
Träume vom grossen Journalismus? Ich war gerade aus der Schule, als ich in meiner schwäbischen Heimatstadt vom Bürogehilfen zum Volontär in einer Ein-Mann-Lokalredaktion aufstieg, die in einer Dachkammer untergebracht war. Da war kein Platz für Visionen, die über das hinausgingen, was in eine gutgemeinte Frage an den Redaktor mündete. Nämlich, ob es nicht vernünftiger wäre, letzte Meldungen telefonisch an die Abonnenten weiterzugeben, anstatt sie mit hängender Zunge noch ins Blatt zu heben. Wir hatten nur ein paar hundert Leser. Später hatte ich mehr Leser, bei einem anderen Blatt. Und wollte für mich mehr. Ich wollte etwas erleben, wollte Erfahrungen machen.
Ich wurde mondsüchtig und machte mich 1969 auf eigene Kosten und ohne bindende Vereinbarungen nach Amerika auf, um nur ja nicht den grossen Moment zu versäumen, wenn der erste Mensch einen fremden Himmelskörper betrat. Apollo 11 war ein Unternehmen mit grossem Risiko. Auch für mich. Aber es war, wie sich herausstellte, eine glückliche berufliche Entscheidung. Sie verhalf mir dazu, dass ich, ohne dass ich es je so geplant hätte, fortan, mehr als drei Jahrzehnte lang, die Welt bereisen durfte – wenn auch bis zuletzt voller Selbstzweifel, was meine Befähigung als Reporter anging, und verbunden mit der Mühsal, das Erlebte, Erfahrene zu Papier bringen zu müssen. Gleichwohl, es war wunderbar. Ein eigentlich nie geträumter Traum wurde wahr.
Peter Sartorius, 72, war 30 Jahre lang für die «Süddeutsche Zeitung» als Reporter in der Welt unterwegs.
Klaus Harpprecht: «Ich habe mich bemüht»
Warum ich Journalist wurde? – Ja, warum? In den Genen war das kaum vorausbestimmt. Elf- oder zwölfjährig wollte ich Musiker werden (im Pfarrhaus ein naheliegender Wunsch). Die Pianistenträume scheiterten an einem verkrüppelten kleinen Finger. Also Dirigent. Ein erwachsener Esel redete mir ein, dazu brauche es das absolute Gehör. Hatte ich nicht. Las dennoch alles über Musikgeschichte. Ein Reclambändchen des leider vergessenen Historikers Richard Benz über die verquere Beziehung zwischen Goethe und Beethoven weckte die literarische Neugier. Also schrieb ich zu lange und triefend gescheite Aufsätze, die von der Studienrätin aus schierer Verzweiflung mit einer Eins dekoriert wurden – «trotz disziplinloser Überlänge». Also Schriftsteller, am liebsten Dichter. Schrieb heimlich viele Verse, in freien Rhythmen. (Journalismus verbot sich, des Regimes wegen, mit dem sich mein Vater nicht vertrug.) Die Gedichte schleppte ich im Rucksack durch die Rückzugsgefechte 1945. Der Sack ragte über die Ackerfurche und bot ein Ziel. Wurde einmal durchschossen. Kein Gewissenskampf: Der Rucksack blieb liegen. Ende einer Lyrikhoffnung.
Später erwischte es mich trotzdem: Schulterdurchschuss. Abitur, im Evangelisch-theologischen Seminar Blaubeuren, im Juni 1946 mühsam bestanden. Beim Abschied erkundigte sich der Rektor, was ich denn werden wolle. «Journalist.» Der brave Mensch seufzte. Ob ich mich nicht doch zu einem ordentlichen Beruf entschliessen könne? – Nein. Die ersten unsicheren Regungen der Demokratie forderten ein Engagement. Und: Das Schreiben versprach ein gesteigertes Leben. Das Glück, viele Leben zu leben. Zwei Jahre später fragte mich der grosse und schwierige Friedrich Sieburg, Journalist und Literat par excellence, ob ich Gedichte schriebe. Nicht mehr, gestand ich, aber ich hätte früher einige Dutzend verfasst. «Gott sei Dank!» rief der Meister. «Dann haben Sie die Chance, ein guter Journalist zu werden.» Ich habe mich bemüht.
Klaus Harpprecht, 82, arbeitet seit 60 Jahren als Journalist und TV-Korrespondent.
Gisela Widmer: «Fragen stellen zu dürfen – überall»
Ich wusste mit 13 oder 14, dass ich Journalistin werden wollte. Erstens, um zu schreiben. Zweitens, um zu erfahren. Voller Neugierde, ein Leben lang. In meinen 25 Berufsjahren erachtete ich dies als das höchste Privileg: dass Journalisten legitimiert sind, überall und allen Fragen zu stellen. Dem Mujahed in Peshawar. Der alleinerziehenden Mutter im sozialen Wohnungsbau von Glasgow. Der irischen Präsidentin Mary Robinson. Dem Leibeigenen in Jaipur. Dem LTTE-Kämpfer in Sri Lanka. Wie und was, vor allem: WARUM?!
Als ich Anfang 40 war, hatte ich eine endlose Zahl von Antworten aufgesogen – und dennoch viele Antworten nicht erhalten. Oder viele ergaben allzu wenig Sinn. Im Oktober 2001 lieferte ich meine letzte Reportage ab. Seither schreibe ich ausschliesslich Erzählungen, Theaterstücke, Satiren. Doch es geht noch immer ums Gleiche: nun einfach mit anderen Mitteln und in anderer Form dem Warum nachzuspüren. Voller Neugierde. Bis zum Schluss.
Gisela Widmer, 50, war 16 Jahre lang Südasien- und später Grossbritannienkorrespondentin u. a. für Radio DRS.
Jean-Martin Büttner: «Keine Langeweile»
Warum Journalismus? – Weil man am Morgen nie weiss, was man am Abend Neues gelernt haben wird. Weil man immer wieder einflussreiche oder aufschlussreiche Menschen befragen darf, mit denen man sonst niemals sprechen könnte. Weil sich im Journalismus die Arbeit mit anderen und die Arbeit alleine ideal ergänzen. Weil man an Orte gelangt, die man sonst nie gesehen hätte. Weil man sich an öffentlichen Debatten öffentlich beteiligen kann. Weil es in diesem Beruf keine Langeweile gibt. Weil man selbständig bleibt und, selbst in diesen schwierigen Zeiten, seine eigene Meinung äussern kann. Vor allem aber: Weil dann all diese Begegnungen, Erkundungen, Erfahrungen in Sprache übergeführt werden und das Schreiben schwierig ist, also herausfordernd, schöpferisch, also schön, spannungsvoll, also aufregend. Weil jeder Artikel jedes Mal von vorne beginnt und alles wieder möglich ist.
Jean-Martin Büttner, 50, arbeitet seit Mitte der 1980er Jahre in wechselnden Funktionen für den «Tages-Anzeiger».
Arnold Hottinger: «Warten auf Ghadhafi»
In der Rekrutenschule in Luzern 1946 fragte man mich: «Rekrut Hottinger! Wönt Si nit Underoffizier wärde?» – verlegenes Mienenspiel – «Was schtudiere Si denn?» – «Schpanisch und Arabisch!» – «Ja, denn?…» Journalist bin ich auf einem doppelten Umweg geworden; der erste führte vom Studium des Griechischen zum Spanischen und von dort zum Arabischen. Der zweite kam nach dem ersten Besuch der arabischen Welt, in Tunis 1947.
Nach Wanderjahren, Stipendiat in Paris, Universitätsassistent in Chicago, Stipendiat in Beirut und Kairo, Volontär bei der NZZ, kam der Glücksfall, dass mich die NZZ und das Schweizer Radio gemeinsam als vorläufigen Mitarbeiter im Nahen Osten glaubten gebrauchen zu können. Vor Ort sein; als Mittel dazu, selbst mehr in Erfahrung zu bringen, war wie ein tiefes Aufatmen. 1969 zum Beispiel wohnte ich der ersten Pressekonferenz des jungen Militärregimes von Libyen bei, damals nahmen Ghadhafi und seine Offiziere noch Fragen entgegen. Später empfing Ghadhafi in einem Nomadenzelt, irgendwo ausserhalb der Stadt. Einmal sass er auf einem grossen Bulldozer und stiess vor versammelten Journalisten das hölzerne Tor eines Gebäudes ein, das als Gefängnis bezeichnet wurde, um zu zeigen, in Libyen gebe es keine Gefangenen mehr.
Im Laufe von 50 Jahren durfte ich alles kennenlernen – von Beirut über Bagdad und Isfahan bis nach Islamabad. Ich verstand: Die Region steckt in einer tiefen Krise. Sie ist unbewältigt und tut sich bei jedem Zusammenbruch noch weiter auf. Ihr Ende werde ich nicht erleben. Dennoch hält mich die Nachbarkultur in ihrem Bann. Ich reise, sooft ich kann, dorthin und verfolge täglich die Geschehnisse und Wirren im Internet. Die Menschen der Nachbarkultur in ihrer reich artikulierten Lebendigkeit rufen nach Anteilnahme und lassen mich nicht mehr los.
Arnold Hottinger, 82, war von 1958 bis 1990 Korrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung» im Nahen Osten.
Margrit Sprecher: «Wirklichkeit aus erster Hand»
«Du wirst sicher einmal Journalistin», sagte der Lehrer in der zweiten Klasse, als er mir meinen Aufsatz «Aus dem Leben einer Briefmarke» zurückgab. Ich konnte mir unter dem Wort zwar nichts Genaues vorstellen, aber es klang, irgendwie, anrüchig. Und dies nicht nur in meinen Ohren: Die ganze Klasse brüllte vor Schadenfreude.
Das Gefühl, etwas Unseriöses zu tun, bin ich bis heute nicht los geworden, noch immer überkommt mich vor jeder Reportage ein mulmiges: «Was hast du im Leben fremder Leute zu suchen?…» Dann fahre ich trotzdem los. Schaue mich um. Entdecke, dass alles ganz anders ist, als man es bisher gelesen hat. Und auf der Rückfahrt sage ich mir einmal mehr: Kein grösseres Privileg auf dieser Welt, als so viel Wirklichkeit aus erster Hand zu erfahren.
Margrit Sprecher arbeitet als Reporterin für Zeitungen und Zeitschriften im In- und Ausland.
Urs Paul Engeler: «Aus Lust wurde Sucht»
Am 29.?Geburtstag kündigte ich meine Staatslehrerstelle am Gymnasium Schaffhausen, um die Dissertation zu beenden und mich beruflich neu umzuschauen. Am 24.?Dezember 1979 brachte der Pöstler zwei Briefe. Dann läutete das Telefon. Der Direktor der Schweizerschule Barcelona teilte mir freudig mit, die offene Stelle eines Deutschlehrers sei exakt auf mein Profil hin modifiziert worden; ich könne im Frühjahr anfangen. Der erste Brief enthielt die Einladung zu den letzten Probelektionen (Deutsch und Staatskunde) am Technikum Winterthur. Im zweiten Couvert steckte ein Vertrag mit dem Winterthurer «Landboten»: Regionalredaktor. Meine Frau tendierte nach Spanien; mich lockte die freie Wildbahn, das Detektivische, der öffentliche Effekt, der Disput. Diese Lust hat sich zur Sucht entwickelt.
Urs Paul Engeler, 59, ist Bundeshausredaktor der «Weltwoche».
Arthur Rutishauser: «UBS statt Ferien»
Ich bin seit 13 Jahren im Journalismus. Warum ich Journalist geworden bin, wurde mir letzten Februar einmal mehr bewusst. Ich war mit meiner Familie auf Mallorca, als ich einen Anruf von einem ehemals hochrangigen UBS-Mitarbeiter erhielt: «Haben Sie gehört, die UBS hat sich mit den Amerikanern auf einen Vergleich geeinigt. Jetzt sprechen alle von den bösen Amerikanern, die die Schweiz erpressen. Aber sehen Sie sich einmal an, was die im Vergleich alles zugeben mussten. Ich schäme mich.»
Damit war klar, was ich nächste Nacht zu tun hatte. Ich setzte mich an den Gästecomputer unseres Hotels und las das sogenannte «Statement of Facts», eine Zusammenstellung der Verfehlungen der UBS in Amerika, welche laut Vergleich von der UBS zugegeben wurden und nicht mehr bestritten werden durften. Und es war haarsträubend, was man da lesen musste: Es war die UBS selber, die es im Vergleich mit den USA explizit als «wahr» bezeichnete, dass sie «von 2000 bis 2007 die USA systematisch betrogen» habe. Wiederholt war das Wort «executives» zu lesen. Damit gemeint war die Führungsetage der UBS. «Executives» wurden dort als «nicht angeklagte Mitverschwörer» (Co-Conspirators) bezeichnet – mit «höchsten Positionen im Management». Die Bank gestand im Vergleich, einige Führungskräfte und Manager, die wussten, wie das (illegale) Geschäft betrieben wurde, hätten dieses nicht nur fortgeführt, sondern sogar ausgebaut. UBS-Private-Banker seien im Schnitt dreimal pro Jahr in die USA geflogen.
Allein 2004 habe es 3800 Kundenbesuche in den USA gegeben – solche Treffen waren verboten. Trotzdem hätten Führungskräfte und Manager die Einstellung des Geschäfts bis 2007 verzögert, weil sie die Kostenfolgen fürchteten. Für mich war klar, das musste an die Öffentlichkeit, und die schwer diskreditierte Führungsetage gehörte weg. So war es vorbei mit den Ferien, ich informierte die Redaktion, und am Sonntag war das «Statement of Facts» unsere Titelgeschichte. Kurz darauf traten bei der UBS der CEO und der Verwaltungsratspräsident zurück. Und der Öffentlichkeit war klar, dass daran nicht die bösen Amerikaner, sondern fehlgeleitete Schweizer Manager schuld waren. Diese Art von Aufklärungsarbeit macht für mich den Sinn meiner journalistischen Arbeit aus.
Arthur Rutishauser, 44, war von 2002 bis 2007 Wirtschaftschef bei der «Sonntagszeitung» und ist seit 2007 stellvertretender Chefredaktor beim «Sonntag».
Hildegard Schwaninger: «Mit Fingerspitzengefühl»
Ich habe schon immer gerne Klatschkolumnen gelesen, am liebsten die aus New York, München und Wien. Die sind frecher als bei uns und deshalb auch lustiger. Klatschkolumnen wurden im 18.?Jahrhundert im angelsächsischen Raum erfunden, um die gesellschaftlichen Spannungen von oben nach unten abzubauen. Einmal schrieb mir ein Leser: «Seit Sie in Zürich eine Klatschkolumne schreiben, sind die Menschen hier näher zusammengerückt.» Das ist genau, was ich will. Der Sinn dieser Frontberichterstattung vom kalten Buffet, wie ich sie betreibe, ist, dass man die oberen Zehntausend näher kennenlernt, dass der Leser erfährt, wie viel (oder wie wenig) er verpasst hat, weil er auf einer Party nicht eingeladen war (oder eingeladen war und nicht hinging).
Der Beruf des Klatschkolumnisten besteht nicht einfach darin, dass man auf Parties herumsteht; man muss sich vor allem mit viel Fingerspitzengefühl durch die Gesellschaft manövrieren. Es ist oft ein diffiziler Seiltanz, so zu schreiben, dass sich die Leser amüsieren, aber dass man doch nicht für immer ausgeladen wird. Man muss aufpassen: Die Menschen hier sind schnell verletzt, sie verstehen nicht viel Spass.
Hildegard Schwaninger schreibt seit dreissig Jahren die «Notizen zu Namen», eine lokale Klatschkolumne – früher im «Züri-Leu», heute im «Tages-Anzeiger».
Constantin Seibt: «Überall dabei und nirgends»
Ich wurde für den Journalismus geboren: Ich war ein scheues Kind, das sich gern verkroch. Eine Kindheit lang fürchtete ich Kinder. An Sommertagen fand man mich in irgendeinem dämmrigen Winkel. Dort las ich Tonnen von Abenteuerromanen: Goldsucher in der Arktis, Expeditionen im Dschungel, Irrende in der Wüste.
Kurz: Ich war ein ängstliches Wesen mit einem abenteuerlichen Herzen. Und das entschied mein Leben. Denn nicht die Stärken machen einen Menschen aus, sondern seine Sehnsucht. Irgendwann in der Primarschule musste ich einen Aufsatz schreiben zum Thema: «Was will ich werden?» Ich schrieb: «Ich will Clown werden!» Dann sagte mir ein Instinkt, dass Clowns verachtet würden. Ich schrieb einen zweiten Aufsatz: «Ich will Professor werden!» Ich träumte von der Erfindung neuartiger Stinkbomben und einem Zimmer ohne Fenster, aber voller Bücher.
Ich wurde das genaue Mittelding aus beiden Aufsätzen: Journalist. Also ein Mann, dessen Beruf das Jonglieren mit Autorität ist. Einer, der es mit Fakten knallen und mit Wissen stinken lässt. Ich wurde ein ernster Mensch mit ernsten Themen, aber nicht ganz ernst genommen.
Denn Journalisten sind verdächtig. Und das zu Recht. Niemand kann etwa sagen, ob sie nun mutige oder feige Menschen sind: Mutig sind sie, weil sie sich an Mächtige herantrauen, feige sind sie, weil sie immer erst im nachhinein die endgültige Meinung schreiben: hinter ihrem Computer verschanzt wie Heckenschützen.
Gute Journalisten sind überall dabei und nirgends. Sie gehören zu keiner klar definierten Klasse: Sie reden mit Konzernbossen und mit Bauarbeitern, aber gehören nicht dazu. Und von keinem guten Journalisten kann man sagen, ob er Realist oder Träumer sei. Der journalistische Blick jedes Profis geht immer nach aussen und innen. Du recherchierst nach aussen, was die Fakten sind. Und du siehst erst in deinem Herzen, was die Fakten wirklich bedeuten.
Journalismus ist ein Beruf, in dem es ohne Zweifel Verantwortung, Gerissenheit und Sachkenntnis braucht. Aber wehe, Journalisten werden richtig erwachsen. Ohne Spieltrieb und den Sinn für Frechheit und Unfug werden sie trocken oder bitter an den Wiederholungen der Welt. Sie müssen sich zwar mit Menschen auskennen. Aber sie müssen die Fremdheit bewahren: Denn die Menschen sind ihr Material. Und ohne das grausame Herz der Kinder erkennt man das Neue nicht, wenn man es sieht.
Und auch die Leser glauben nur, dass sie Fakten, Information, Kompetenz wünschen. In Wirklichkeit lieben sie den Schimmer der Sehnsucht auf den Fakten, der Information, der Kompetenz: Es ist der Hunger nach Klarheit und den Abenteuern des Lebens, der dem Journalismus den Anhauch von Wahrheit verleiht. Das Abenteuer der Suche ist es, nicht die Klarheit oder die Kenntnis über das Leben selbst. Und so lebe ich nun als routinierter Profi ein Leben, das mir vor vielen Jahren das Kind meines Namens in Auftrag gab.
Constantin Seibt, 43, schreibt als Reporter über Politik und Wirtschaft beim «Tages-Anzeiger».
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