Benzinpreis, Kerosinpreis, Heizölpreis. Das sind die einzigen Zahlen, die zu interessieren scheinen, wenn es um Erdöl geht. Jetzt interessieren sie besonders, weil sie in die Höhe geklettert sind und von dort oben aus Angst verbreiten. Angst vor dem Ölschock, vor der Weltwirtschaftskrise oder auch bloss vor dem teureren Ticket für die nächsten Karibikferien. Aber sind es auch interessante Zahlen?
Für die Wirtschaft ist der Anstieg des Ölpreises gewiss nicht gut, und für die Konsumenten ist er unangenehm. Aber die Sorgenfalten sind unverhältnismässig tiefer als der Griff ins Portemonnaie. Ein bisschen mehr zahlen für die Tankfüllung des Autos, das uns ohne jegliche körperliche Anstrengung kilometerweit bringt; ein bisschen mehr für den blitzschnellen Flug ans andere Ende der Welt; ein bisschen mehr für die behagliche Wärme im nahenden Winter – das ist ärgerlich, aber nicht schlimm oder gar dramatisch, wie jüngste Schlagzeilen glauben machten. Verglichen mit dem Nutzen und dem Komfort, den es uns in seinen vielen Formen bietet, ist Erdöl spottbillig.
Nicht die Höhe, die Tiefe des Ölpreises ist das Problem. Sie hat uns seit Beginn seiner industriellen Nutzung dazu verleitet, den kostbaren Saft zu verschwenden. Der Grossteil wird nach wie vor verbrannt, was nicht sehr einfallsreich ist, wenn man bedenkt, dass aus demselben Grundstoff lebenswichtiger Dünger oder lebensrettende Medikamente hergestellt werden können. Wir Nutzniesser des Ölzeitalters sind im Grunde genommen recht simple Pyromanen.
Doch die kollektive Brandstiftung wird ein Ende haben. Nicht weil wir aus Einsicht das Streichholz weglegen würden, sondern weil das Brennmaterial ausgeht. Erdöl ist endlich, das Fass hat einen Boden, und der wird irgendwann erreicht sein. Hier stecken auch die interessanteren Zahlen als der Kurzzeitaufreger Benzinpreis. Das sieht man schon daran, wie umstritten sie sind. In einem Gespräch in diesem Heft warnt der Experte Colin Campbell davor, dass vom einst vollen Fass nur noch die Hälfte da sei und sie viel schneller verbraucht sein werde als die erste. Dagegen beruhigen andere Fachleute, vor allem die der Ölkonzerne, das Fass sei quasi noch am Überlaufen.
Halb leer oder doppelt voll? Dieser Zahlenstreit ist gewichtiger, aber auch nicht entscheidend. Denn niemand bestreitet, dass es einmal so weit sein wird. Dabei zählt nicht, ob noch wir es erleben werden, schon unsere Kinder oder erst unsere Enkel. Wir stehen in der Pflicht, heute die Zeit danach vorzubereiten. Wir haben vom Segen des «schwarzen Goldes» profitiert, wir haben mit dem «Exkrement des Teufels» ein paar Sauereien angerichtet, und wir wissen um die Endlichkeit des «Elixiers der Welt». Nicht zuletzt dank dem Erdöl haben wir (noch) die Mittel dazu, das Ende seiner Weltherrschaft verantwortungsvoll einzuleiten. Die Riesenaufgabe erfordert – unter vielem anderem – noch mehr zündende Ideen für Alternativen, das Feuer für ihre Umsetzung und die Risikobereitschaft, sich beim unangenehmen Verzicht auf Verschwendung auch selber die Finger zu verbrennen. Eigenschaften, die Pyromanen nicht fremd sein sollten.