Es war einmal ein kleiner Junge, der war sehr gross, und zwar von Geburt an. Kaum lag er in seiner Krippe, begann er in die Länge zu schiessen. Kaum konnte er stehen, fiel er auf. In der Grundschule war er doppelt so gross wie seine Kameraden, in der Hauptschule überragte er die Lehrer, und als seine Stimme brach, war er sogar der Grösste in der ganzen Stadt Würzburg.
Doch wie überall auf der Welt waren auch in Würzburg jene Menschen, die zu gut sichtbar sind, nicht gern gesehen. Wenn der junge Riese über den Würzburger Residenzplatz ging, fühlte er sich im Meer der zirkulierenden Mitmenschen wie ein gestrandeter Leuchtturm. «Der kann ja aus der Dachrinne saufen!» sagten die Passanten, oder sie fragten: «Sag, wie ist die Luft da oben?»
Auch unter Gleichaltrigen hatte der Riese einen schweren Stand. Die Mitschüler gingen ihm aus dem Weg, nach Möglichkeit noch bevor er sie gesehen hatte. Von den Mädchen wurde er zwar beachtet, aber wenn er eines ansprach, erntete er bloss hysterisches Lachen. Eine kleine Schwarzhaarige fragte ihn einmal: «Wie gross ist eigentlich dein Bett?» Das klang anzüglich und unangenehm neugierig zugleich.
So vertrieb sich der junge Riese seine Zeit, seine Kindheit und Jugend eben allein. Meistens sass er einfach in seinem Zimmer und wuchs. Manchmal versuchte er, sein Kopfkissen in den Papierkorb zu werfen, was ihm auch zusehends fehlerfrei gelang. Jeden Mittwochnachmittag aber ging er hinaus vor die Stadt, um der Welt beim Wachsen zuzusehen. Am Ufer eines Bächleins stellte sich der junge Riese rücklings an den Stamm einer jungen Eberesche, um zu vergleichen, wer von ihnen vergangene Woche grösser geworden sei. Hierauf kroch er in einen Haselnussbusch und freute sich am Gefühl, nicht gesehen zu werden. Dann ging er wieder nach Hause.
«Was möchtest du einmal werden, wenn du gross bist?» fragte der Vater sonn tags beim Mittagessen. «Ich möchte so lange weiterwachsen, bis ich den Amseln auf den Bäumen im Vorbeigehen beim Brüten zusehen kann», sagte der junge Riese und lachte voller Vorfreude. «Möchtest du nicht lieber Beamter werden?» fragte die Mutter, die wie alle in Würzburg von Beamten abstammte. «Oder Malermeister?» sagte der Vater, der ursprünglich nicht aus Würzburg kam und darum von Beruf Malermeister war. «Wisse, Bub: Handwerk hat einen goldnen Boden! Ausserdem braucht einer wie du zum Malern ja nicht einmal eine Leiter.»
Der junge Riese schüttelte nur den schweren Kopf. Er konnte jetzt schon hören, wie sich die Lehrmeister über ihn lustig machten: «Ei, was sollen wir mit dem Lulatsch? Der streift doch bloss an die Decke.» Und so kam es, dass der junge Riese beschloss, aus Platzgründen nach Amerika auszuwandern. «Schreib recht oft!» sagte die Mutter und holte einen Küchenschemel, um dem Kind zum Abschied übers blonde Haar zu streichen. «Woanders ist es auch nicht anders», sagte der Vater verständnislos und holte sich ein Bier aus dem Keller.
Als der Riese indessen in Übersee an Land gegangen war, dauerte es nicht lange, und er bekam eine feste Anstellung: «Ein Baum wie du muss Bälle in Körbe werfen», sagte der Mann vom Arbeitsamt und verkaufte den Fremdling nach Dallas. Dort musste der junge Riese eine Weile unten durch, weil es in Dallas noch weit grössere Riesen gab, die noch weit geschickter Bälle in Körbe warfen. Doch bald lernte er sein neues Handwerk besser und immer noch besser, und eines Tages gehörte er zu den besten Korbwerfern von ganz Amerika.
«Liebe Eltern», schrieb er nach Hause, «es geht mir gut. Ich arbeite an Körben, die unten offen sind, und pro Stunde verdiene ich 176 923 Dollar und 14 Cent.»
«Der Bub ist ein Korbflechter!» rief die Mutter daheim in Würzburg, «ein richtiger Handwerker! Ist das nicht schön?» «Wie viel macht das in D-Mark?» wollte der Vater wissen, und als die Mutter es ausgerechnet hatte, kicherte er: «Goldner Boden! Ich hab’s ja gesagt.»
Der Würzburger Dirk Nowitzki gilt als Europas bester Basketballspieler aller Zeiten. Er verdient bei den Dallas Mavericks 15 Millionen Dollar im Jahr.