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NZZ Folio 02/02 - Thema: Total Digital Inhaltsverzeichnis
E-Mail aus dem Cyberspace -- Tatendrang im Wasserfall
© Katrin Laskowski
Von Franz Zauner
ES MUSS etwas geschehen. Es wird etwas geschehen. Tatendrang ist ein Merkmal unserer Kultur. Seine gebändigte Form nennt man Projekt: Alle haben eines, die meisten sogar viele. Der Mensch ist das Projekttier schlechthin.
Praktisch jeder entwirft heute sein Leben als Projekt. Schon der kleine Moritz weiss, dass er für das Projekt Spielkonsole elterliche Ressourcen allokieren muss. Und der grosse Max konstruiert ein Vorgehensmodell für sein Projekt Maria. Doch Maria setzt vielleicht gerade einen Meilenstein für ihr Projekt innere Ruhe und möchte nicht gestört werden.
Da zeigt sich das ganze Elend des Projektmanagements: Es handelt sich, technisch gesehen, um ein multikriterielles Optimierungsproblem mit veränderlichen Anforderungen, iterativen Aktivitätszyklen und kritischen Phasen. Mit einem Wort: Je schwerer die Aufgabe, desto sicherer kommt etwas dazwischen.
Die Kunst der Planung ist nämlich eine Tochter der Wahrsagerei. Nirgendwo weiss man das besser als in der EDV. Dort werden gerade 25 Prozent aller Projekte rechtzeitig fertig. Der verschwiegene, zu weit in die Mannjahre gekommene oder sonst irgendwie auf Abwege geratene Rest bildet einen gigantischen Fundus, aus dem die Branche unentwegt Lehren zieht. Vom Wasserfallmodell (erst denken, dann handeln) bis zum Round Trip Gestalt Engineering (immer wieder nach dem Rechten sehen) spannt sich kühn ein Begriffsregenbogen, dessen Schillern ohne heftige Gewitter nicht erklärlich wäre.
Beim Kick-off-Meeting scheint ja noch die Sonne: Der Projektleiter schaltet den Computer ein, füttert die Projektmanagement-Software mit einer zündenden Idee, zerteilt sie in überschaubare Geistesblitze. Aus Tabellen und Diagrammen erwachsen Aufgaben und Zeitpläne, das ist gut für die Nerven und noch besser für den Verwaltungsrat. Ein, zwei, viele Sitzungen später stellt sich vielleicht heraus, dass man an der richtigen Lösung für das falsche Problem gearbeitet hat oder an der falschen für das richtige, und bald weiss keiner mehr, was richtig oder falsch ist.
Sind die Diagramme Makulatur, werden Projekte zum Abenteuer. Das Dumme ist, dass sie nur dann richtig gut werden. Dies zum Trost für alle Gescheiterten: Hätte man das Projekt Erde vom Kick-off bis zum Roll-out ohne Umschweife entwickelt, wäre höchstens der Mars daraus geworden. Das allerdings zeitgerecht und zu den vereinbarten Kosten.
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