ALS ICH MICH ENTSCHLOSS, Autofahren zu lernen, lag die Zeit, in der ich mit Dinky Toys gespielt hatte, ziemlich weit zurück. Eines Tages gab ich mir den Ruck, schlug das Telefonbuch auf und studierte die zwei Seiten mit den Autofahrschulen. Ich wollte eine Frau, soviel war klar. Die Güte des weiblichen Herzens im allgemeinen und der stille Triumph, einem Mann etwas beibringen zu können, dachte ich mir, dürften dem Unternehmen nur förderlich sein. Zum Hörer greifen und den Satz sagen war eines: «Ich möchte Autofahren lernen.»
«Dann sind Sie bei mir richtig!» tönte es zurück, jung und optimistisch.
«Es ist nur . . . ich bin nicht mehr der Jüngste», sagte ich und wollte schon beifügen, dass ich aber noch jeden Tag die Zeitung lese, da unterbrach sie mich.
«Wie alt?»
«Vierundvierzig.»
Am Ende der Leitung blieb es still. Ich konnte hören, wie sie sich ausrechnete, wie viele Stunden ich brauchen würde und ob sie sich damit die Weltreise, das Eigenheim oder die vorzeitige Pensionierung finanzieren solle. Dann war sie wieder dran.
«Nun», sagte sie aufgeräumt, «im Kopf werden wir ja wohl noch in Ordnung sein! Aber mit dem Rest . . . das ist natürlich nicht mehr wie mit achtzehn.»
Ich fragte nicht, was sie mit dem «Rest» genau meinte, und wir vereinbarten einen Termin, nachdem sie mir den Tarif genannt hatte und die einmalige Gebühr für die Versicherung.
«Wegen der Bäume», sagte sie. «Die Stadt beharrt darauf.»
DEN LERNFAHRAUSWEIS hatte ich in der Tasche. Ich hatte vor einem Vierteljahrhundert die Motorradprüfung gemacht und musste zu meiner eigenen Überraschung weder die Theorieprüfung noch den Nothelferkurs wiederholen. Zwar kannte ich keine Verkehrstafel mehr, und die lebensrettenden Sofortmassnahmen, von mir an einem Verunglückten appliziert, würden diesem bestimmt den Rest geben. Aber de iure war ich fein raus.
Meine Fahrlehrerin erwartete mich am vereinbarten Ort vor ihrem weissen VW Golf und streckte mir, adrett und sportlich, die Hand hin.
«Ich heisse Marianne», sagte sie. «Das macht alles einfacher.»
Dann musterte sie mich von oben bis unten. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen.
«Du bist wirklich nie hinter einem Steuer gesessen?»
«Nur im Autoscooter», sagte ich. «Und da haben mir die Kollisionen am besten gefallen.»
«Dann also auf den Parkplatz», entschied sie. Sie setzte sich hinter das Lenkrad und kommentierte jede Handhabung, während sie losfuhr. Staunend verfolgte ich, an was allem sie da herumhantierte. Im Vorbeifahren wies sie auf einen gelben Streifen am Boden und fragte, ob ich wisse, was das sei.
Ich musste passen.
«Halteverbot. Kommt ganz schön teuer.»
Ich sah meine Weltreise, mein Eigenheim und meine Pläne auf vorzeitige Pensionierung davonschwimmen, Opfer meines Wahns, Autofahren zu lernen, um Bussen zu bezahlen. Auf dem Handschuhfach hatte Marianne die drei Affen stehen, die sich Augen, Ohren und Mund zuhalten. Ich schloss sie sofort in mein Herz.
Auf dem Parkplatz machte sie halt, stieg aus und lächelte wieder.
«Jetzt bist du dran.»
Es war der Augenblick, in dem sich die schlichte Welt des Beifahrers, in der ich bisher vegetiert hatte, mit einem Schlag in die des kühnen Piloten verwandelte. Es war nur ein Auto mit einem Armaturenbrett, aber mir erschien es wie das Cockpit einer Concorde, voller Instrumente und Bedienungselemente, die ich tausendmal gesehen und nie beachtet hatte. Sie zeigte mir, wie ich den Rückspiegel, den Seitenspiegel und den Sitz einzustellen habe, erklärte Gas, Kupplung und Bremse. Dafür, fand ich, hatte ich mindestens einen Fuss zuwenig. Sie liess sich nicht beeindrucken.
«Fahr los!»
Ich tat ein paar Dinge, deren ich mich nicht mehr genau entsinne, und sah dann im Rückspiegel einen wild gestikulierenden Mann.
«Ignorieren», sagte Marianne. «Er weiss nur nicht, was du willst.»
Das leuchtete mir ein. Woher sollte er es wissen, wenn ich es nicht wusste?
Der Parkplatz lag am See. Ein Haufen Autos und aufgebockte Schiffe standen da, um die ich im ersten Gang herumkurvte. Wenigstens das Steuerrad, hatte ich gedacht, sei ein Bedienungselement, das sich von selbst versteht, aber gerade es erwies sich als etwas, was man in Managerkreisen eine Herausforderung nennt. Dass man mit der rechten Hand oben greifen und hinunterziehen muss, während die linke nachstösst, wenn man in eine Rechtskurve geht, begriff ich. Und dass bei einer Linkskurve alles genau umgekehrt ist - geschenkt. Aber das in voller Fahrt zu handhaben war etwas anderes.
«Was du brauchst», sagte Marianne, «ist ein Putzkübel. Zum Üben. Und lass dich von niemandem auslachen deswegen.»
Darauf hiess sie mich in den zweiten Gang schalten. Das heisst, sie legte ihre Hand auf die meine, und wir schalteten gemeinsam. Beidseits flogen frischpolierte Autos vorbei, deren Besitzer ahnungslos in ihren Büros sassen.
Als ich das zweitemal in den Rückspiegel blickte, füllte ein Streifenwagen das gesamte Panorama.
«Ignorieren», sagte Marianne. «Die kontrollieren nur.»
Zu Hause behändigte ich den feuerroten Plasticeimer, setzte mich auf den Boden im Wohnzimmer und übte Links- und Rechtskurven, ohne mit der einen Hand über die andere zu greifen. Ich war so vertieft in meine Beschäftigung, dass ich nicht merkte, wie die Tür aufging und meine Frau mit den Gästen eintrat.
Wider alle Wahrheit wird verbreitet, ich hätte die ganze Zeit laut «Brummbrumm» gemacht.
EINE FOLGE dieser ersten Stunde war, dass ich nun für alles, was mit Autofahren zusammenhing, eine erhöhte Aufmerksamkeit aufbrachte. So belauschte ich im Tram, wie ein paar hinter mir über die bestandene Fahrprüfung redeten, die Macken der Experten und wie souverän man diese ausgetrickst hatte. Es klang wie die Erzählungen von Vater über den Aktivdienst, eine längst vergangene Zeit voller Heroismus und verwegener Streiche. Als ich mich umwandte, um zu sehen, wer da seine Lebenserfahrung zum besten gab, erblickte ich zwei picklige Jungen und ein Mädchen, die Pizzaschnitten und Schokoriegel futterten. Wenn es stimmt, dass man so jung ist, wie man sich fühlt, dann war ich in diesem Augenblick vierhundertvierzig.
Doch schon die zweite Stunde brachte den Durchbruch. Vorsichtshalber steuerte Marianne noch einmal den Parkplatz an, und ich drehte meine zwei, drei Runden, erfahren wie ein Dreikäsehoch beim Ponyreiten im Kinderzoo. Dann ging es hinaus in die Prärie. Ich sass am Steuer, fuhr den See entlang, schaltete bis in den vierten Gang und erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 80 Kilometern in der Stunde. Marianne sass neben mir, schaltete mit und erhob kaum einen Einwand bis auf den, ich brauche nicht auf jede Traminsel, jeden Pfosten und jeden Velofahrer zuzusteuern.
Autofahren erschien mir unversehens kinderleicht. Die Strasse war leer wie an einem autofreien Sonntag - vermutlich hatte Marianne das so arrangiert -, und während ich stillverträumt die schnurgerade Strecke abfuhr, unterhielt sie mich mit Berichten über ein paar spektakuläre und teils wirklich lustige Unfälle, von denen sie gehört oder über die sie gelesen hatte. Wie etwa der von der Frau, die auf die Autofähre hinauf- und vorne wieder hinausfuhr. Beschwingt stieg ich schliesslich aus dem Wagen, überzeugt, nun endlich zur Elite der Motorisierten zu gehören.
IN DER DRITTEN STUNDE kamen die Kurven dran. Marianne erläuterte auf einem Zettel, wie man in Kurven hinein- und wieder hinausfährt. Mir wäre lieber gewesen, sie hätte sich erst einmal auf die Rechtskurve beschränkt und die Linkskurve in der übernächsten Lektion abgehandelt, aber sie war nicht zu bremsen.
Dann ging es auf den Albispass. Die Landschaft war scharf und klar, und in der kalten Wintersonne glänzten die Glatteisstellen wie das Haar der Lorelei. Marianne kommentierte jeden Fehler der Mitstrassenbenützer, woraus ich schloss, ich sei der einzige, der korrekt fahre. Meiner Meinung nach war der Hauptfehler der anderen Verkehrsteilnehmer der, dass sie am Verkehr teilnahmen. Nirgendwo schien mir Schillers Wort, wonach der Starke am mächtigsten allein sei, angebrachter als hier und jetzt, wo eine Menge Idioten unterwegs und darauf aus waren, mich zu überholen, mir den Weg abzuschneiden oder zu hupen, nur weil ich mir bei Grün ein paar Minuten Zeit nahm, korrekt anzufahren.
«Keine Angst», sagte Marianne in solchen Momenten, «ich bin bei dir.»
Und das war sie auch, als es in die Kurven ging. Meine Überlegung, dass ich rasch aus der Kurve und damit auch aus allen Schwierigkeiten raus wäre, wenn ich rasch in sie hineinfahre, machte sie mit sanftem Druck auf das Bremspedal zunichte, über welches sie, wie ich jetzt doch erleichtert feststellte, auch verfügte. Gemeinsam schalteten wir, ich mit meiner Rechten, sie mit ihrer Linken, gaben Gas und bremsten und kuppelten mit allen vier Füssen, dass es eine Freude war.
«Das einzige, was du nicht brauchst beim Autofahren», sagte Marianne, «ist der Kopf.»
Nun, da Gegenverkehr herrschte, hatte ich nach den Traminseln und Velofahrern ein neues Ziel, auf das ich lossteuern konnte. Marianne meinte, auch das sollte ich lieber bleibenlassen.
TROTZ ALLEN ERFOLGEN war mir nicht entgangen, dass es viele Dinge gab, auf die zu achten mir noch bevorstand. Nicht nur im Innern des Wagens, wo eine ganze Reihe von Schaltern, Lämpchen, Knöpfen, Hebeln und Reglern nur darauf wartete, mich zu beschäftigen. Auch ausserhalb dieser geschützten Werkstätte sah es nicht viel besser aus. Da gab es Linien und Tafeln, Signale und Fussgängerstreifen, auf denen Damen mit und ohne Dackel sich sicher wähnten selbst in jenen Momenten, in denen ich mich plötzlich wieder fragte, welches nun das Gas und welches die Bremse war.
Kam ich aus der Fahrstunde, schaute ich voller Bewunderung auf all die habilitierten Autofahrer, die mit traumwandlerischer Sicherheit durch dieses Chaos navigierten und Hände und Füsse und Augen und Ohren unüberlegt und in der richtigen Reihenfolge zu gebrauchen wussten. Nur schon das Auto korrekt zum Stehen zu bringen - erster Gang rein, Elektrisch aus, Zündung ab, weg von der Kupplung, weg von der Bremse, Handbremse anziehen - verlangte mir jedesmal ein neues Organigramm ab, so, als müsste ich beim Schuheschnüren jedesmal darüber nachdenken, wie man das macht.
In meinem Lerneifer ging ich Freunde und Kolleginnen an, mit ihrem Wagen mit mir zu üben. Es war, als hätte ich versucht, sie zum Partnertausch zu überreden. «Ach weisst du, mit dem alten gerne - aber jetzt habe ich gerade einen neuen!» sagte etwa die eine, versonnen lächelnd in Gedanken an ihren feurigen Fiat Uno. Ich will nicht alle Ausreden aufzählen, die ich zu hören bekam, kann aber darauf schwören, dass es diese meine sogenannten Freunde sind, die mir anonym Broschüren zuschicken wie das «Europäische Unfallprotokoll» oder den Ratgeber «Wie man erfolgreich den Führerscheinentzug verhindert».
NACHDEM WIR in der vierten Stunde Bergstrassen befahren hatten, die so schmal waren, dass schon ich allein darauf kaum Platz fand, übten wir in der fünften das Anfahren am Berg. Was soll ich es beschreiben? Ich weiss jetzt, wie sich die Stewardess im Katastrophenfilm fühlt, die den Jumbo landen muss, weil Pilot und Co-Pilot hinüber sind.
«Du musst es im Hintern spüren», sagte Marianne, wenn sie mich hiess, die Kupplung einschleifen zu lassen, «bis die Raubkatze kommt», und dann erst die Handbremse langsam zu lösen.
Was half mir mein Entschluss, dereinst nur in Ländern wie Polen Auto zu fahren, wo die Strassenführung geradlinig ist und die Gegend so flach wie eine gebügelte Landkarte?
Es war Zeit für die Frage, die ich Marianne schon nach unserer ersten Begegnung hatte stellen wollen. Mein Herz klopfte, und ich nahm allen Mut zusammen.
«Marianne . . .?»
«Peter?»
«Mal ehrlich - wie findest du mich? Ich meine . . . Wie viele Stunden werde ich brauchen?»
Marianne legte den Kopf schräg, und ich sah, wie es darin rechnete. Dann schaute sie mich an und sagte bestimmt:
«Ein Achtzehnjähriger braucht heute vierzig Stunden.»
Rasch machte ich die Rechnung. Ein simpler Dreisatz. Wenn ein Achtzehnjähriger vierzig Stunden braucht, dann braucht ein Einjähriger vierzig durch achtzehn, das macht zweikommazweiperiodisch, folglich braucht ein Vierundvierzigjähriger das mal vierundvierzig, also siebenundneunzigkommasiebenundetwas.
«Marianne, wollen wir die nächste Stunde abmachen?»
«Aber gern!»
Vielleicht nimmt sie mich ja auf die Weltreise mit.