Noch nie hat einer Verschwundenes gesehen. Es ist, was es ist, nur weil man es nicht sieht. Es gibt es nur in der Erinnerung als das, was einmal da war. Verschwundenes ist Dagewesenes. Wer sich erinnernd mit ihm beschäftigt, ist auf irgendeine Weise darum besorgt, was damit geschehen ist. Ohne diese Sorge würde das Verschwundene aus dem Gedächtnis entschwinden und vergessen werden. Vielleicht ist aber gerade das Vergessenwerden, worin das Verschwundene auch noch als Verschwundenes untergeht, das eigentliche - spurlose nämlich - Verschwinden.
Vom Verschwundenen, das nicht einmal mehr als Dagewesenes da ist, ist nichts zu berichten, denn solange man darüber redet, bleibt davon die Sprachspur. Dem Verschwundenen ist am nächsten, wer nichts von ihm weiss: der Sorglose etwa, der von Augenblick zu Augenblick in den Tag hinein lebt, ohne Gedanken an Abwesendes zu verschwenden. Mit Verschwundenem ist nur befasst, wer erinnert. Vergessenes ist aus der Welt geschafft, solange man sich nicht, aus was für Gründen immer, darauf besinnt. Für den Erinnernden hingegen ist das Verschwundene noch auf der Welt, mindestens als das, woran er denkt, vielleicht aber auch als etwas, das nicht endgültig verlorenging und eines Tages wieder da sein könnte.
Der Reim, der das Verschwinden an das Finden bindet, bekräftigt die Zuversicht, dass Verschwundenes, Verlorenes, Vergessenes, so sehr es sich entzogen haben mag, irgendwo erhalten bleibt und auch irgendwann wieder auftauchen könnte. Das «Dr. Livingstone, I presume», in das jede erfolgreiche Suche nach Verschollenem mündet, verbindet den Glauben an eine Ordnung, in der alles seinen Platz hat und aus der nichts verschwindet, mit dem verhaltenen Staunen darüber, dass er sich ein weiteres Mal als berechtigt erwiesen hat. Das Finden beruhigt, weil es beweist, dass das Verschwundene dort war, wo man es gefunden hat. Umgekehrt ist das Beunruhigende am Verschwinden die Ungewissheit über den Verbleib des Verschwundenen. Das rastlose Suchen nach dem noch so unwichtigen Verlorenen zeigt weniger an, dass man es braucht, als dass man wissen will, wo es ist. Das Gelingen der Suche gibt dem Verschwundenen nachträglich einen Ort und täuscht über das Unheimliche an ihm hinweg: dass es vielleicht keinen hat.
Mit dem Wiederfinden des Verschwundenen ist das Verschwinden überholt und kein Anlass zur Sorge mehr. Mit jedem Finden ist es einmal mehr geglückt, der Beschäftigung mit dem Verschwinden als solchem auszuweichen. Das Finden ist die Verharmlosung des Verlierens. Die Erfahrung des Verschwindens lässt sich nicht darauf einengen, dass man etwas vorübergehend nicht zu lokalisieren vermag, sondern sie setzt der Möglichkeit aus, dass das Verschwundene nirgends ist. Die Psychoanalyse und das Fundbüro verdecken als Einrichtungen zur Wiederbeschaffung das, worauf es beim Verschwinden ankommt: dass etwas verschwindet.
Was da war, ist nicht mehr da. Wüsste man, wo es ist, so wäre es nicht verschwunden. Alles Suchen fragt nach demOrt und geht davon aus, dass, was fort ist, dennoch immer noch einen Ort hat. Aber vielleicht verschwindet etwas nicht wohin. Wenn einer nach Afrika verschwindet, verschwindet er nicht. Er ist verreist, er ist untergetaucht, er hat sich verirrt oder auch nicht, aber er behält seinen Platz als einer, der jetzt irgendwo in Afrika ist. Nicht mehr da, aber dort. Daran ist nichts, was den Haushalt stört. Dortiges bleibt immer auffindbar. Aber die Zuschreibung des Ortes - nicht dieses oder jenes, aber irgendeines Ortes anstatt irgendeines - an das Verschwundene entschärft die Erfahrung des Verschwindens, zu der es gehört, dass man nicht nur nicht weiss, wo, sondern ob das Verschwundene überhaupt ist. So verschwindet Lebendiges, das stirbt, ohne dass zu entscheiden wäre, ob es anderswo ist oder aufgehört hat. Alle mutmassenden Lehren über seinen Verbleib entspringen der Schwierigkeit, die Ungewissheit darüber auszuhalten, und sind Ausdruck der Hoffnung, die Erfahrung des Verschwindens möchte verschwinden, einer Hoffnung also, die sich gerade auf das stützt, was sie überwunden sehen möchte.
Verschwundenes ist immer verschollen. Verschollen bedeutet verschallt, verklungen. Verschallen ist die akustische Entsprechung zum Verschwinden (der die Gaunersprache mit dem Geruchswort verduften eine weitere hinzugefügt hat). Der verschollene Schall ist nicht anderswo. Man hört ihn nicht, weil er aufgehört hat. Obwohl es sein könnte, dass er nur aufgehört hat und jetzt anderswo erschallt. Davon gibt es kein Wissen. Auch der Verschollene, von dem man nicht weiss, wo er ist, könnte aufgehört haben. Die Unsicherheit, ob er irgendwo oder nirgendwo ist, waltet in der starken Erfahrung des Verschwindens.
Was verschwindet, hört auf, aber auf solche Weise, dass man nicht weiss, ob es aufgehört hat. Das Verschwundene hat aufgehört, eine Geschichte zu haben, obwohl seine Geschichte vielleicht nicht zu Ende wäre. Es genügt aber nicht zu sagen, seine Geschichte bleibe offen und ohne Abschluss, denn offen bleibt auch noch, ob sie offen ist und nicht vielleicht doch zu Ende war. Das Abbrechen der Geschichte in die Ungewissheit darüber, ob sie weitergeht oder nicht, lässt das Verschwundene im Verschwundensein stagnieren. Nie wird man von ihm sagen können, es sei nicht, denn es bleibt den Zurückgebliebenen gegenwärtig als das Entzogene, von dem sie nicht wissen, ob es ist oder nicht. Alles Wissen über das Verschwundene - seine Geschichte - ist in der Erfahrung seines Verschwundenseins suspendiert. Wenn Spekulationen, wie die über den Verbleib der Toten, als Versuch, das Verschwinden zum Verschwinden zu bringen, darauf deuten, dass mit dieser Ungewissheit schwer zu leben ist, so wäre dennoch die Möglichkeit einer Haltung zu prüfen, die das Verschwinden zuliesse und sich ihm aussetzte. Aber so, wie die aus der unerträglichen Unsicherheit heraus gestellte Frage nach dem Ort des Verschwundenen irgendwann in eine wenn auch noch so behauptende Antwort übergeht, so wird das Aushalten der Ungewissheit früher oder später in die Gleichgültigkeit gegenüber dem Verschwundenen ausmünden. Mit dem, der es auszuhalten versucht, dass er nichts über das Entzogene weiss, hat der Gleichgültige gemeinsam, dass er nicht über es zu verfügen beansprucht. Aber es ist seine Gefahr, dass in dem Masse, als es ihn nicht kümmert, der Verzicht auf Macht über das Verschwundene in das Gefühl umschlägt, Macht über das Verschwinden zu haben. Leicht geht das Verschwindenlassen ins Verschwindenlassen über. Den Mächtigen, der zum Verschwinden bringt, was und wer ihn stört, beschäftigt nicht, was mit den Opfern geschieht, und dass die Ungewissheit ihn nicht daran hindert zu handeln und so zu handeln, als wüsste er, ist Teil seiner Macht.
Die Frage nach dem Verschwundenen ist weder zu beantworten noch zu entbehren. Beides würde sie zum Verschwinden bringen und damit neu aufwerfen. Denn wo ist die Frage, wenn sie verschwunden ist? Hat sie aufgehört?
Es ist immer anderes, das verschwindet. Das Verschwinden erfährt nicht, wer verschwindet, sondern wer zurückbleibt. Ich verschwinde nicht. Ich verschwinde mir nicht. Wenn ich verschwinde, dann nur für andere. Ich verstecke mich. Ich werde vermisst. Oder auch nicht. Aber ich bin mir da. Allerdings vielleicht nicht immer. Es gibt viele Formen des Aussersichseins. In der Wut oder in der Liebe, sagt man, ist man nicht bei sich. Aber dass man im Überhandnehmen von Emotionen sich selbst enthoben sein kann, meint nicht, dass man sich selber nicht mehr vorhanden ist, sondern dass man sich nicht mehr kontrolliert. Man kann zwar nichts dagegen unternehmen, dass man ausser sich ist, wohl aber machtlos sich dabei zusehen. Solange man dabei ist, ist man da. Sich selbst verschwände nur, wem der Ort verlorenginge. Der Ort ist der Standort. Ihn hat, wer mit beiden Füssen auf dem Boden steht. Manchmal auch nur mit einem. Der Standort ist prekär. Er kann schwinden. Dann setzt Schwindel ein. Der Schwindel ist der Verlust des Ortes. Schwindelnd verschwinde ich mich selbst vom Erdboden. Wo der Boden fehlt, ist der Abgrund der Ortlosigkeit. Im schwindelnden Entzug des Bodens erfahre ich mich verschwindend.
Das Verschwinden ist nicht zu verstehen. Wie alle Formen des Aufhörens ist es unvollziehbar und lässt die Frage nach sich in der Schwebe. Ein Verschwinden gibt es nur, wenn es unerklärt bleibt. Verstandenes ist präsent. Das Verschwinden, das nicht durch das Finden banalisiert wird, hat die Unverständlichkeit des Übernatürlichen. Es ist Sache des Zauberers, zum Verschwinden zu bringen. Aber er bringt auch zur Erscheinung. Wie einen starken Sinn des Verschwindens gibt es einen solchen des Erscheinens. Die Erscheinung im starken Sinn ist das, wovon man nicht weiss, woher es kommt. Die Unerklärlichkeit der Herkunft ist das Magische der Erscheinung. Der Hut, aus dem die Taube gezaubert wird und in dem sie verschwindet, kann nicht ihr Ort sein. Der Zauber besteht darin, dass der Magier sie aus nichts zu erschaffen und in nichts zurückzuführen scheint. Dass die Taube dort zu sein scheint, wo sie nicht sein kann, erzeugt die Unsicherheit, ob sie überhaupt ist. Ihr Erscheinen könnte Schein und ihr Verschwinden Schwund gewesen sein. Ob sie nur Erscheinung oder da war, und ob sie nur anderswo ist oder aufgehört hat, liesse sich nur entscheiden, wenn man verstünde, was geschehen ist.
Im Verschwinden vergeht das Verstehen, eher als dass es daran anstösst, denn das Verschwinden ist nichts Hartes. In ihm weht ein Wind. In ihm verliert sich der Verstand, verliert er den Stand. Das Verschwinden ist abgründig, und dem Verstehen schwindelt.
Der Suppenkaspar verschwindet schwindend. Er nimmt ab. Das allmähliche Abnehmen ist das sichtbare Verschwinden, dem man zusehend beiwohnt. «Am nächsten Tag - ja sieh nur her! / da war er schon viel magerer.» Aber dass man dabei ist, nimmt der Verflüchtigung nicht das Unheimliche, das in der Frage aufscheint, ob nicht, was immer weniger wird, vielleicht zu nichts wird. Dem möchte die Zeichnung des Grabes widersprechen, auf dem ein Kreuz steht, auf dem «Kaspar» steht. Aber diese Verweise beheben den Zweifel nicht, ob Kaspar wirklich im Grabe liegt oder nicht vielleicht aus dem Fädchen, das er am vierten suppenlosen Tag noch war, in gar nichts übergegangen ist. Um die Drohung des leeren Grabes aufzuwiegen, steht die Suppenschüssel drauf. Die Suppe ist das, was an Kaspars Stelle da ist, und sie deutet eine tröstliche Ökonomie der Entsprechungen an, in der Kaspar und die Suppe füreinander stehen können. Man hat gewissermassen die Wahl zwischen der Suppe und Kaspar. Störend daran ist, dass immer eines von beiden verlorengeht. Entweder Kaspar oder die Suppe verschwindet immer. Die Welt nimmt ab.
Was ersatzlos verschwindet, ist als nutzlos Verbrauchtes verschwendet. Verschwendetes fällt aus dem System. Der Verschwender bekennt sich zum Verschwinden. Er wehrt sich gegen das geschlossene Ganze, worin nichts verlorengehen kann. Er verschwendet nicht das Überflüssige, sondern das Nötige, und indem er es zum Verschwinden bringt, gibt er das Nötige als Überflüssiges zu erwägen. Wie könnte sonst das Nötige verschwinden, ohne dass die Welt unterginge?
Die Sonne wärmt ohne Gegenleistung. Sie ist der Goldesel der Erde. Ihre Energie wird allerdings bei uns in allerhand umgesetzt, was unter dem Gesichtspunkt irdischer Ökonomie als nützlich erscheinen kann. Aber aller Haushalt auf der Erde beruht darauf, dass die Sonne nicht aufhört zu verglühen. Nur weil sie sich verschwendet, lassen sich hier Gewinne erzielen. Die moralische Verurteilung der Verschwendung liesse sich in diesem Licht - dem Licht der Sonne - als Versuch sehen, aus einem ökonomischen System, das sich aus der Vorstellung herleitet, dass nichts verlorengeht, das Bewusstsein seiner Voraussetzung auszuschalten. Umgekehrt wäre eine Auffassung des Verschwendens als Zeichen der Überlegenheit und Souveränität, wie sie aus den Überlieferungen des Potlatsch bekannt ist, als Besinnung auf die kosmische Bedingung des Reichtums auf der Erde auszulegen: dass die Sonne, sich verschwendend, verschwindet.
Verschwundenes, so scheint es, ist nicht verloren, solange sich darüber reden lässt. Dem Redenden ist nichts unwiederbringlich. Die Sprache erlaubt es, Abwesendes zu vergegenwärtigen. Selbst die Toten lassen sich besprechen. Was aber sprachlich aufersteht, sind nicht sie selbst. Sie erscheinen uns, aber als Wortgespenst. Wovon man spricht, das ist immer nur als etwas da, worauf verwiesen wird. Auch Anwesendes ist in dem Masse, als darüber gesprochen wird, nicht mehr als es selbst da, sondern durch Worte vertreten. Die Kehrseite der Möglichkeit, anders nicht Verfügbares durch Sprache zu beschwören, ist die beunruhigende Erfahrung, dass man redend die Dinge zum Verschwinden bringt. Sprache vergegenwärtigt nicht nur, sie vertilgt auch Gegenwart.
Das zeigt sich besonders deutlich, wenn man vom Verschwinden spricht. Alles Reden vom Verschwinden bringt dieses zur Erscheinung. Aber das Verschwinden könnte nicht vollständiger verschwinden, als indem es erscheint. Die Sprache bringt es gerade dadurch zum Verschwinden, dass sie es vergegenwärtigt. Im Wort verschwinden ist das Verschwinden verschwunden, weil es in ihm immer schon gefunden ist. Verschwinden ist Verstummen. Es geschieht sprachlos und spurlos. Aber das Verschwinden selbst verschwindet nicht, indem es geschieht, obwohl es notwendig geschieht, wenn es verschwindet. Es ist am gegenwärtigsten, wenn es stattfindet. Verloren geht es nur, entweder wenn es fehlt, weil alles da ist, oder wenn es in der sprachlichen Vergegenwärtigung als seinem Gegenteil untergeht, aber allerdings so, dass es zugleich, gerade indem es verschwindet, geschieht.
Vom Verschwinden und vom Reden über das Verschwinden reden erregt leicht Schwindel.
Hans-Jost Frey ist Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Zuletzt von ihm erschienen ist der Band «Der unendliche Text» (Suhrkamp 1990).