NZZ Folio 10/01 - Thema: Alles Design?   Inhaltsverzeichnis

Und am Herd ein braves Weib

Seit der Mann in der Küche steht, hat sie sich grundlegend verändert.

Von Sieglinde Geisel

Die private Küche muss dem Spinnrad folgen», forderte 1919 das amerikanische «Ladies' Home Journal». Wenige Jahre zuvor hatte die Feministin Alice Constance Austin in Kalifornien bereits Pläne für küchenlose Wohnungen entworfen, um die Frauen endlich von der «abscheulich monotonen Plackerei» zu befreien, die darin besteht, «1095 Mahlzeiten pro Jahr zuzubereiten und nach jeder einzelnen wieder aufzuräumen». Austins utopischer Entwurf des kooperativen Wohnens hatte eine grosse Zentralküche vorgesehen, von der aus die warmen Speisen per Untergrundbahn in die einzelnen Wohnungen hin und das schmutzige Geschirr zurück hätten transportiert werden sollen.

Aber auch in Amerika wurde nicht der Traum vom küchenlosen Wohnen Wirklichkeit, sondern der feministische Albtraum des Einfamilienhäuschens: In der (sich nach wie vor ausbreitenden) Suburbia findet sich in jedem Häuschen eine Küche, und die Hausfrau arbeitet isolierter denn je. Kochen allerdings muss sie in Amerika kaum mehr, dafür hat die Lebensmittelindustrie gesorgt: Das tiefgefrorene TV-Dinner wandert für fünf Minuten in die Mikrowelle, und nach genossener Mahlzeit landet die Plasticform im Mülleimer.

Es gibt also keine Wohnung ohne eine Küche. «Ein eigner Herd, ein braves Weib, sind Gold und Perlen wert», hiess es zu Goethes Zeiten. Die eigene Feuerstelle war die Voraussetzung für den eigenen Hausstand, und oft konnte im ganzen Haus nur die Küche geheizt werden. Im gemauerten Herd hingen die Kochtöpfe über dem offenen Feuer, und mit der Reinlichkeit war es so eine Sache, nicht nur wegen des klebrigen Russes. In einem Kochbuch wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Küchengeschirr nach Gebrauch zu säubern sei und «die Speisen, damit man sie ohne Grauen und Ekel mit Lust geniessen kann, sauber bereitet werden» sollten.

Einen ersten grossen Fortschritt im Küchendesign brachte ausgangs des 19. Jahrhunderts der geschlossene Herd, er ermöglichte die «weisse Küche». Wer es sich leisten konnte, liess Boden und Wände mit glänzenden weissen Kacheln verkleiden, denn das 19. Jahrhundert hatte die Hygiene entdeckt, und die weisse Küche verriet auch die kleinsten Spuren von Schmutz. Es brach die Zeit der gehäkelten Borten und bestickten Übertücher an, hinter denen die Geschirrtücher (und symbolisch auch die Arbeit) versteckt wurden. In den biedermeierlichen Sprüchen erschien die Küche als Ort der Erbauung: «Klar und hell sprudelt der Quell», konnte ein Zierband über dem Wasserhahn verkünden, als fliessendes Wasser noch ein Luxus war. «Soll sich der Ruhm der Hausfrau mehren» - diese schmeichelnden Worte las die Genannte jeden Tag, wenn sie die Teller aus dem Schrank holte.

In der ländlichen Küche war der Haushalt eine Hauswirtschaft, und die Hausfrau amtete als Managerin mit viel Sachverstand, was die Konservierung und Zubereitung von Lebensmitteln anging, denn in der Küche wurde unter anderem gebacken, geschlachtet, gewurstet, gewaschen, Seife gekocht und Talg für Kerzen hergestellt. Mit dem Bäcker und dem Metzger begann in den Städten das Outsourcing, und zunehmend wurde die Trennung von Küche und Wohnraum möglich. In bürgerlichen Haushalten lag die Küche am Ende der Wohnung und wurde nur vom Dienstpersonal betreten, welches das Geschirr bis zu zwanzig Meter weit in die gute Stube tragen musste, um den Tisch zu decken.

Bei der Arbeiterschaft hingegen verschmolzen Küche und Wohnraum notgedrungen: Die «Arbeiterwohnküche» hätte eigentlich Küchenwohnung heissen müssen, denn sie war der Ort, an dem bis zu einem Dutzend Personen assen, schliefen und am Wochenende auch wohnten.

Mit der Industrialisierung änderte sich die Rolle der Frau: Ob sie jedoch berufstätig war oder nicht, der Hausfrauenjob blieb ihr erhalten. An eine Entlastung durch Ehe- oder sonstige Männer war vorerst nicht zu denken - der einzige Lichtblick lag in der Rationalisierung der Hausarbeit. Die Entwicklung der «Frankfurter Küche» 1927 war die Geburtsstunde der Einbauküche. Ihre Schöpferin, die Wiener Architektin Grete Schütte-Lihotzky - übrigens eine der ganz wenigen Frauen in der Männerdomäne des Küchendesigns -, hatte sich am Modell der Speisewagenküche orientiert. Auf einer schlauchartigen Fläche von 6,5 Quadratmetern musste alles Platz haben, was zum Kochen nötig war. In der Frankfurter Küche gab es keine überflüssigen Wege, alles liess sich vom Drehstuhl aus bequem erledigen. Praktische Schütten für Mehl, Reis, Zucker und Ähnliches steckten neben dem Herd in der Wand, ein Bügelbrett liess sich neben der Arbeitsfläche herunterklappen.

Die funktionelle Küche hatte nur einen Nachteil: Ausser der Hausfrau fand darin niemand Platz, weder spielende Kinder noch schwatzende Nachbarn, noch neugierige Ehemänner. Der Durchbruch der Einbauküche liess auf sich warten, denn so ohne weiteres wollte man sich von Küchentisch und -buffet nicht verabschieden. Erst nach dem Krieg wurde die winzige Einbauküche in Neubauten zum Standard, die Wohnungsnot liess keine Wahl.

«Den Frauen zuliebe» - in den Küchenkatalogen der fünfziger und sechziger Jahre war die Küche immer noch das unangefochtene Reich der Frau. Wenn in der Fachzeitschrift «Die moderne Küche» Männer vorkamen, dann blickten sie aus Portraitfotos und hatten ein von Verantwortung gezeichnetes Gesicht. Anlass war jeweils ein Firmenjubiläum, ihr runder Geburtstag oder ihr Tod. Sie waren die Küchenhersteller, die wissen, was Frauen wollen.

Bermudasand, Topasgrau, Coloradogelb, Lachsrosa, Saphirblau, Schilfgrün - in den fünfziger Jahren kam zögernd Farbe in die Küche, denn nachdem sich die Hygiene durchgesetzt hatte, brauchte es keine weisse Küche mehr für die Erziehung zur Sauberkeit. Alles war erlaubt, solange es im Pastellbereich blieb. Eine knallrote Arbeitsplatte, so mahnt ein Farbpsychologe, sei ungeeignet, denn sie lasse ein Stück rohes Fleisch unappetitlich wirken. Das galt wenig später für die Farbe Orange nicht mehr, die ein ganzes Jahrzehnt buchstäblich einfärbte und den Weg frei machte für die bunte Küche der siebziger Jahre. Nun leuchteten die Küchenkombinationen sonnengelb und giftgrün von ihren Plasticfronten, gern auch mit eingebautem Radio (denn «mit Musik geht alles besser»). Daneben hatte in der «Echtholzküche» die rustikale Gemütlichkeit in Natureiche und Olivgrün ihr Comeback. Die Küchen wurden grösser, freundlicher, und nun tauchten die ersten Männer im Werbeprospekt auf. Man sah sie beim Entkorken einer Weinflasche, immerhin. Was war geschehen?

Kein Küchenkatalog spricht von ihnen, aber zweifellos waren es die linken Wohngemeinschaften im Gefolge der Achtundsechziger, die den Tisch in die Küche zurückgebracht haben. Denn der Küchentisch war der Ort, an dem man bei billigem Rotwein und zwischen Bergen von schmutzigem Geschirr nächtelang den Lauf der Welt diskutierte. Einzelhaft in der Küche war für Wohngemeinschaften kein Thema: Gekocht und abgewaschen wurde gemeinsam, da hatten auch die Männer keine Wahl, nicht nur gesinnungshalber, sondern weil nicht immer Frauen zur Hand waren.

Die Wohngemeinschaften machten die Wohnküche wieder salonfähig: Der Begriff erinnerte nun nicht mehr an die ärmlichen Wohnverhältnisse des Proletariats, er stand für menschliche Wärme, gemeinschaftliches Wohnen und offenes Denken. Wer diese Werte in die Kleinfamilie hinüberretten wollte, wünschte sich dann beispielsweise die amerikanische Küche, die zu einem Teil des Wohnzimmers wurde - allerdings dank Spülmaschine und (nach wie vor überwiegend) Hausfrau ohne chaotische Geschirrberge.

In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts endlich war es so weit: Kein Küchenhersteller wagte es mehr, von der Küche als dem Reich der Frau zu reden. Nun war die Küche ein «Spiegel der Persönlichkeit» - und zwar mehr derjenigen des Mannes als der Frau.

Seit Max Frischs Romanfigur Stiller eine Frau mit Kochen beeindruckte, ist viel Zeit vergangen: «Sibylle durfte nur kosten, begeistert sein und den Holzteller abwaschen», heisst es im Roman. Sibylle konnte dem Koch ihre Bewunderung nicht versagen: «Rolf konnte sich nicht einmal ein Rührei machen!» In den fünfziger Jahren liessen Kochkünste bei Männern auf Welterfahrung schliessen, denn wer nicht einmal ein Rührei zustande brachte, war direkt von Mami zum eigenen Weib am Herd geflüchtet.

Bis heute umgibt kochende Männer eine Aura des Besonderen. Sie sind keine Spiesser, deshalb braten sie auch keine Rühreier, und sie haben es nicht mit den 1095 Mahlzeiten pro Jahr plus Aufräumen. Denn Männer betreiben das Kochen als Hobby, als Kunst. Im Küchenkatalog sieht man den Mann mit Expertenmiene Fleisch dressieren und Butter in die Sauce schlagen, während seine Holde mit dem Schälmesser beschäftigt ist und ihm über die Schulter schaut - glücklich, dass er glücklich ist. Während Frauen selten Wert darauf legen, beim Kochen beobachtet zu werden, legt sich der Hobbykoch erst vor Publikum so richtig ins Zeug. Die kochenden Männer wollen gesehen werden, und sie wollen eine Küche, mit der sie sich sehen lassen können.

Seit sie kochen, reden sie beim Küchenkauf mit, und seit sie dabei mitreden, hat der Küchenkauf etwas von einem Autokauf. Männer verstehen mehr von Technik (zum Beispiel dem eingebauten Dampfgarer mit Wasseranschluss, der in den letzten Jahren die Mikrowelle verdrängt hat), und sie legen Wert auf Professionalität. Das Modell für die Hochleistungsküche von heute findet man nicht im Speisewagen, sondern im Spitzenrestaurant. Von dort ist die oft altarähnliche Kücheninsel abgekupfert, die den Küchentisch ersetzt: In der Mitte der Küche und gern vor Publikum schnippelt nicht immer, aber immer öfter der Mann sein Gemüse, brutzelt seine Filets und richtet seine Salate an.

Wichtig sind möglichst viele Arten von Kochstellen. Mindestens zwei Gaskocher neben der Glaskeramik, die natürlich keine Elektroplatten, sondern Induktionsplatten birgt, die nicht mehr selber heiss werden, sondern mittels Magnetfeld ausschliesslich die Spezialpfanne selbst erhitzen. Eine japanische Grillplatte sollte es sein, auf jeden Fall ein Grossbackofen (möglichst auf Nasenhöhe) und eine Warmhalteplatte. Männer mögen keinen Stauraum, denn was sie beim Kochen nicht brauchen, werfen sie weg, während Frauen doch sehr an ihren Sachen und Sächelchen hängen und darum nicht genug Schränke haben können.

Aluminium, Edelstahl, Glas und Granit sind die Materialien der Stunde, für ein bisschen Wärme Naturholz - wer unbedingt Kunststoff will, nimmt Anthrazit -, die Fronten möglichst ohne Griffe, damit die Flächen wirken können. Farben sind out, es sei denn, man wähle ein Retrodesign wie die Landhausküche mit handgewischten Antikfarben. Dort sind dem Fake keine Grenzen gesetzt: Hinter der Holzkassettentür mit Messingknauf verbergen sich Kühlschrank oder Spülmaschine, und was aussieht wie eine gusseiserne Kochmaschine aus Urgrossmutters Zeiten, ist ein moderner Herd mit allen Schikanen.

Die Selbstdarstellungsküche darf, kann, ja: soll etwas kosten - sonst könnte ja jeder. Preislich können sich Topküchen mit Topautos messen: Bei etwa vierzigtausend Franken geht's los, und wie alles, was dem Status dient, ist die Skala nach oben offen. Verkäufer der Topküchen schätzen, dass nicht einmal die Hälfte ihrer Kunden eine Küche für die Familie kaufen, alle andern gehen an kinderlose Paare, vereinzelt auch an vermögende Singles, die ihrem Loft mit einer exklusive Küchenzeile das gewisse Etwas verleihen wollen.

Laut David Brooks, einem amerikanischen Journalisten, gehören die Küchenkunden diesen Schlags zur neuen Elite der «Bobos», der «bourgeois bohemians». Für die nämlich ist der reine Luxus tabu. Wer etwas auf sich hält, investiert in nützliche Dinge - zum Beispiel in Küchen, die dann aussehen «wie Flugzeughangars mit Installationen» (Brooks) und den Ansprüchen eines Sternekochs genügen. Die Sache hat einen kleinen Haken: Wer sich die Superküche leisten kann, hat oft gar nicht die Zeit, sie zu brauchen.

Sieglinde Geisel ist Journalistin und lebt in Berlin.


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