Aleck nannten sie ihn in der Familie. Seine früheste Erinnerung war, wie er sich in einem Weizenfeld verlaufen hatte. Die Halme standen bis hoch über seinen Kopf, und er war ganz still und versuchte, den Weizen wachsen zu hören. Da er nicht aus dem Feld fand, weinte er sich in den Schlaf und wachte erst wieder auf, als er seinen Vater nach ihm rufen hörte, den Mann mit der grossen Stimme.
Die hatte Aleck geerbt. Sein Grossvater Alexander Bell kam aus einer Schuhmacherfamilie aus dem schottischen Edinburg, «und wenn er nicht 1814 meine Grossmutter geheiratet hätte, er hätte sein ganzes Leben mit Schuhen zugebracht». Die damals siebzehnjährige Elizabeth war wunderschön und ein ziemliches Miststück. Blind vor Liebe, hatte Bell ihr versprochen, Schauspieler zu werden; seine tiefe Stimme und sein eindrucksvolles Wesen halfen ihm dabei. Showbusiness faszinierte schon damals. Als er der Schauspielerei überdrüssig wurde, war seine perfekte Diktion sein Kapital. Er ernannte sich zum «Professor für Phonetik» und reüssierte, indem er Kinder darin unterrichtete, sich gehoben auszudrücken. Während er an einem Buch über das Sprechen arbeitete, entdeckte er, dass seine Frau ihn mit dem Rektor der Universität betrog.
Sein Sohn Alexander Melville Bell - Alecks Vater - hatte mehr Glück bei der Wahl einer Gefährtin. 1843 traf er in Edinburg Eliza Grace Symonds. Sie war praktisch taub, konnte ihn nur mit Hilfe eines Hörrohrs vernehmen und entfachte seine uneingeschränkte Liebe. «Sie war so freundlich, zuvorkommend und liebevoll, ich habe in den 52 Jahren unserer Beziehung nie Unmut auf ihrem Gesicht gesehen», erinnerte er sich später.
Aleck - Alexander Bell - kam am 3. März 1847 als zweiter von drei Söhnen der Bells in Charlotte Square, einer guten Gegend von Edinburg, zur Welt. Er verfügte über eine natürliche musikalische Begabung, und wenn er, als er älter wurde, Klavier spielte, placierte seine Mutter manchmal ihr Hörrohr auf dem Instrument. Mit Zehn beschloss Aleck, seinen Namen zu ändern. «Meine Vorstellungskraft barst vor neuen Ideen, und ich war durstig, mehr über die Welt zu erfahren. Alexander Bell schien mir nicht mehr passend. Ich wählte den Vornamen eines der ehemaligen Studenten meines Vaters, Alexander Graham. Der Name hatte einen feinen, starken Klang.» Sein Vater erhob keine Einwände.
Aleck war begeistert von Kunst und Wissenschaft, und er gründete eine «Gesellschaft zur Förderung der schönen Künste bei Knaben». Sein Bruder Edward wurde so etwas wie Professor für Zeichnen, Aleck hatte so etwas wie einen Lehrstuhl für Anatomie inne. Er legte eine Skelettsammlung an, um zu erforschen, wie Körper funktionieren. Mit 15 kam er zu seinem Grossvater, der sich in London niedergelassen und ein Buch mit dem Titel «Die Zunge» veröffentlicht hatte, in dem er die modernen Nachlässigkeiten von Aussprache und Intonation beschrieb. Danach verfasste er «Die Braut», ein Theaterstück, in dem einer Familie zu kometenhaftem sozialem Aufstieg dadurch verholfen wird, dass sie ihrer Sprache Glanz verleiht.
Im Jahr 1816 erfand der Engländer Sir Francis Ronalds das Prinzip des über einen Verbindungsdraht arbeitenden Telegrafen. Zehn Jahre später baute der Amerikaner Harrison G. Dyer das erste praktisch brauchbare Gerät. Er benutzte dazu die gerade erfundene Voltasche Säule - die Urform der Batterie - und eine Elektrolytlösung. Jedesmal, wenn Strom floss, stiegen Blasen zwischen zwei Elektroden auf; die ersten Sprechblasen gewissermassen. 1835 erfand Joseph Henry das elektrische Relais und entwickelte es zum entscheidenden Baustein der telegrafischen Impulsübertragung.
Jahrtausendelang war die Nachrichtenverbindung über weite Strecken von Boten abhängig gewesen, vom Marathonläufer bis zum Pony-Express. Mit der Erfindung der Telegrafie änderte sich das grundlegend. Als Rothschild per Brieftaube vom Ausgang der Schlacht bei Waterloo erfuhr, konnte er den Informationsvorsprung in eine Börsenspekulation ummünzen, die zur Grundlage seines legendären Vermögens wurde. Die augenblickliche Übermittlung von Nachrichten über Sichtweite hinaus aber ermöglichte erst die Elektrizität. Mit der Handhabung des elektrischen Stroms war das Feuer, dessen Beherrschung die menschliche Kultur begründet hatte, magisch geworden - in unsichtbare Wellen verflüssigbar und durch Leitungen transportierbar (Soldaten kennen den anschaulichen Begriff «Feuerleitung»).
Im 19. Jahrhundert führten wissenschaftliche Experimente von Physikern wie Volta, Galvani, Ohm und Faraday beinahe innerhalb einer einzigen Generation zu Erfindungen wie Telegrafie, Elektromotor, Funk oder elektrischem Licht, die kaum etwas aus einer früheren Technologie übernahmen. Alle diese Erfindungen waren nicht nur undurchführbar, sondern technisch unvorstellbar gewesen, ehe die wissenschaftliche Forschung sie zu realen Möglichkeiten machte. Mit dieser Art von Wirklichkeit hatte keine utopische Phantasie gerechnet.
Einer der Schlüsselpunkte waren die Arbeiten des britischen Physikers James Clerk Maxwell. Er hatte 1864 sämtliche magnetischen und elektrischen Phänomene als Wirkung einer einzigen Kraft erkannt, des Elektromagnetismus. Es gab kaum eine Disziplin, in der nicht mit seiner Entdeckung experimentiert wurde. Heinrich Hertz etwa fand eine Strahlung, die die Wellenbewegung des Lichts weit überstieg. Ihre Bedeutung wurde erst fünf Jahre nach seinem Tod deutlich, als 1901 die erste drahtlose Funkverbindung über 3000 Kilometer von Cornwall nach Neufundland gelang. Guglielmo Marconi entwickelte aus diesem Projekt, das mit Versuchen über die Hertzschen Wellen begonnen hatte und 1909 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, den Prototyp des Radios.
Fasziniert sahen Aleck und sein Vater der Sprechmaschine zu, die mechanisch klingende Worte von sich gab. Sir Charles Wheatstone, Physiker und Philosoph am King's College, hatte sie nach Baron de Kempelins jahrzehntealten Aufzeichnungen zur «Mechanik der Sprechkräfte» gebaut. Phonetik zählte zu Wheatstones wie zu Melville Bells speziellen Interessen. Alecks Vater hatte bereits Jahre seines Lebens in die Entwicklung von «Visible Speech» gesteckt - einem System von Symbolen, die zeigen, wie Zunge und Lippen zur Erzeugung aller möglichen Laute geformt und bewegt werden müssen. «Visible Speech» konnte den Unterricht revolutionieren, speziell den Unterricht taubstummer Menschen, an dem sein Herz hing.
Aleck und sein Bruder Melly versuchten ihrerseits, eine Sprechmaschine zu bauen. Melly befasste sich mit Lungen und Kehle, Aleck arbeitete an der Zunge und dem Mund. Er baute eine künstliche Kehle aus Zinn und Gummi, und von einem Apotheker borgte er sich einen Totenschädel und machte Abgüsse der Mundhöhle. Als sie den Apparat das erstemal ausprobierten, blies Melly seinen Atem in die künstlichen Lungen und Aleck fuhrwerkte mit Mund und Zunge. Die Maschine sagte «ah». Nach einigem Probieren konnte sie die Laute eines Babies nachahmen. 1864 fanden Bells Arbeiten an dem universellen Alphabet einen erfolgreichen Abschluss. Mit der Hilfe seiner Söhne präsentierte er Visible Speech und überzeugte die Skeptiker.
Aleck begann sich für Elektrizität zu interessieren. Er begann zu unterrichten, zum Teil in zwei Schulen gleichzeitig, und setzte seine Studien des Sprechapparats fort. Seine Mutter sandte ihm Medizin gegen Schlaflosigkeit, aber Aleck liebte es, nachts zu arbeiten. Während seines ganzen weiteren Lebens sollte er nicht einsehen, was unter «normalen Arbeitszeiten» zu verstehen war. Er sah keine Notwendigkeit darin, frühmorgens aufzustehen, und arbeitete oft bis kurz vor Sonnenaufgang.
1870 starb Alecks Bruder Melly an Tuberkulose; drei Jahre zuvor war sein jüngerer Bruder Edward gestorben. Der Vater hatte Angst, auch noch den letzten Sohn an das englische Klima zu verlieren, und im Sommer wanderte die Familie nach Kanada aus. Aleck übernahm für seinen Vater eine Vortragsreise über Visible Speech, die ihn durch Nordamerika führte, und folgte einem Angebot, an einer Taubstummenschule in Boston zu unterrichten. Es war der Moment des Verstehens, der ihn an der Arbeit mit den tauben Kindern so sehr berührte. Der Funke, der in ihren Augen aufleuchtete.
Gardiner Greene Hubbard entstammte einer der angesehensten Familien von Massachusetts. Er war Anwalt, am meisten interessiert am Patentrecht. Es befriedigte ihn zutiefst, Erfindern dabei helfen zu können, aus einer Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Seine Klientel bestand fast ausschliesslich aus älteren Männern, und um nicht allzu jung zu wirken, liess er sich einen Bart wachsen. Es war die Zeit, in der der amerikanische Erfindungsreichtum einen phantastischen Aufschwung erlebte. Jede Woche landeten zwei oder drei neue, bemerkenswerte elektrische oder mechanische Erfindungen auf Hubbards Schreibtisch. Er korrespondierte mit Männern wie Joseph Henry und war im übrigen davon überzeugt, dass schnelle Kommunikation und beschleunigter Transport die Schlüssel für Amerikas künftige Prosperität seien.
Seine Tochter Mabel war als kleines Mädchen nach einem schweren Fieber ertaubt. Sie hielt sich gerade bei ihren Cousinen in Boston auf, als sie den renommierten jungen Taubstummenlehrer Professor Alexander Graham Bell kennenlernte. Aleck begann Mabel zu unterrichten und im Hause Hubbard zu verkehren. Mit 27 fühlte er sich geradezu alt. Nach den Tabellen der Lebensversicherungen lag das Durchschnittsalter zu der Zeit bei 50 Jahren.
Drei Jahre hatte er im geheimen an der elektrischen Übermittlung von Sprache gearbeitet. So wie der Schall der Stimme nur eine Luft brauchte, um von einem Mund zu einem Ohr zu gelangen, musste er auch durch einen Draht gehen können. Dann entdeckte Bell, dass noch jemand anderer an derselben Sache arbeitete: Der Elektrotechniker und Telegrafenfachmann Elisha Gray hatte in einem Artikel eine Erfindung beschrieben, die er als «Musik-Telegraf» bezeichnete. Ein wildes Rennen begann. Bell war mit Vorträgen an der Universität und dem Unterricht seiner tauben Schüler so ausgelastet, dass ihm für seine Experimente nur die Nacht und der Sonntag blieben. Um seine Ideen schneller zu realisieren, engagierte er einen jungen Mann namens Thomas Watson. Der wusste alles über Elektrizität und war handwerklich geschickt. Dann begann Aleck das Geld auszugehen.
Elisha Gray sah in der Möglichkeit der Sprachübertragung nur eine Spielerei und hatte sich eigentlich auf die Entwicklung der Mehrfachtelegrafie konzentriert. Hinter ihm stand Western Electric, eine Firma im Besitz der Western Union, des amerikanischen Telegrafenmonopolisten. Bell geriet in Panik. Hubbard, mit dem er sich zur Verwertung seiner Erfindung verbunden hatte, arrangierte ein Treffen mit William Orton, dem Chef von Western Union. Sie führten ihm ihren Apparat vor. Es stellte sich heraus, dass Orton nur ihr Telefon mit dem von Gray hatte vergleichen wollen.
1876 meldete Alexander Graham Bell die Erfindung des Telefons zum Patent an - knappe zwei Stunden vor Elisha Gray. Dann beantragte auch noch Thomas Edison ein Patent. Orton hatte ihn engagiert, um womöglich die Erfindungen von Gray und Bell noch zu übertrumpfen. An seinem 29. Geburtstag wurde Bell mitgeteilt, dass das Patent für das Telefon unter der Nummer 174465 auf seinen Namen eingetragen würde. Es sollte das ertragreichste Patent aller Zeiten werden.
Mit Watsons Hilfe konnte Bell seine Idee endlich realisieren. Wie Schiffe in der Nacht hatten die beiden Männer sich monatelang in ihrem Labor still von einem Zimmer ins andere bewegt und ihre Apparatur verändert. Einmal stiess Bell eine Flasche um und rief, während er die ausgelaufene Flüssigkeit aufzuwischen begann: «Mr. Watson, come here. I want to see you!» Es war der 10. März 1876, und es war der erste Satz, den jemand durch Bells Telefon vernahm.
Mit der Einrichtung der Telegrafennetze hatte ein historisch neuer Prozess begonnen - die Entwicklung von Nachrichtenkanälen, die ohne Schrift auskommen. Der Telegraf räumte im ersten Schritt mit der zeitlichen Verzögerung auf, die zuvor beim Übermitteln einer Botschaft entstanden war. Das Telefon eröffnete die vollkommene Schriftlosigkeit.
Bereits die ersten menschgemachten Netze dienten wirtschaftlichen Zwecken. Die Bewässerungsnetze der alten Ägypter und Babylonier waren auf eine fundamental neue Art gemeinschaftsbildend. Ihre von einer Oberschicht betriebene Einrichtung vernetzte die Leistungsfähigkeit verstreuter Ansiedlungen zu einer historisch neuen Organisationsform: dem Staat. Das altrömische Strassennetz mit seinen Wegweisern half dem Apostel Paulus, die Lehren der christlichen Kongregationen zu verbreiten. Mit der Entwicklung der Dampfmaschine war das Eisenbahnnetz gebaut worden, die modernen Strassensysteme, das Stromnetz. Nun begannen elektrische Kommunikationssysteme, den über die Erde verstreuten Menschen ein neues Gemeinschaftsgefühl zu geben. Der Mythos «Kommunikation» entstand.
Im April 1877 wurde die Bell Telephone Company gegründet, am 11. Juli heiratete Bell Mabel Hubbard. Sein Hochzeitsgeschenk waren zehn Firmenaktien. Am ersten Vorstandstreffen der Bell Telephone Company wurde eine Bemerkung des US-Präsidenten Hayes erörtert. «Eine erstaunliche Erfindung», hatte er gesagt, nachdem er die Telefonverbindung zwischen Washington und Philadelphia ausprobiert hatte, «aber wer sollte sie jemals benutzen wollen?» In Deutschland erkannte man die Tragweite der neuen Erfindung. 1877 schrieb Staatssekretär von Stephan dem Reichskanzler Bismarck seine Ansicht «über die Bedeutung des Telefons als Verkehrsmittel» und beanspruchte das Recht auf die Erfindung für Philip Reis. Am 12. November wurde das erste öffentliche Fernsprechamt in Friedrichsberg bei Berlin eröffnet.
Während eines Aufenthalts Alecks in London wünschte Queen Victoria, die neue Erfindung vorgeführt zu bekommen. Bell engagierte die amerikanische Sängerin Kate Field, aber als sie am anderen Ende der Leitung zu singen begann, blickte die Königin gerade anderswohin. Wie er es von seiner gehörlosen Gattin gewohnt war, berührte er die Hand der Königin, um ihre Aufmerksamkeit auf das Telefon zu richten. Das war der schlimmste Fehler, der einem unterlaufen konnte. Niemand berührte die Königin. Niemals. Die Nachricht, dass Bell die Königin berührt hatte, verbreitete sich im ganzen Commonwealth; aber mehr noch verbreitete sich das Telefon.
Als er im Sommer 1879 in einem Zug in North Carolina unterwegs war, blieb der Zug irgendwo mitten im Nichts stehen. Nach einer Weile erschien der Schaffner. «Sie sind doch der Erfinder des Telefons, Sir?« Bell bejahte. Der Schaffner atmete auf. «Haben Sie vielleicht ein Telefon dabei? Die Lokomotive ist kaputt, und wir sind zwölf Meilen von der nächsten Station entfernt.»
Nach einer Zeit, die er als untätig empfand, nahm Aleck wieder eine Stelle als Taubstummenlehrer in einer kleinen Schule an. «Eins steht für mich fest: dass ich keine weitere Zeit und kein Geld mehr für das Telefon verschwenden werde. Ich brauche wieder eine Arbeit, die mich erfüllt und mit der ich ein bisschen was Gutes tun kann in der Welt.»
Es gab Streit um das Patent, und das reichlich. Die juristischen Auseinandersetzungen sollten zwei Jahrzehnte andauern. Bells Anspruch auf die Erfindung des Telefons wurde in mehr als 600 Prozessen in Frage gestellt. Einen kuriosen Streit vom Zaun gebrochen hatte der Italiener Antonio Meucci, der bereits 1871 ein Patent für etwas beantragt hatte, das er als Telefon bezeichnete - zwei Blechdosen, die durch einen Draht miteinander verbunden waren.
Wie sehr die Geschichtsschreibung noch heute von nationalen Perspektiven geprägt ist, zeigt Microsofts Lexikon-CD-ROM «Encarta 99». In der deutschen und englischen Ausgabe gebührt die Ehre der Telefonerfindung Alexander Graham Bell. In der italienischen Encarta-Ausgabe liest man: «Die Erfindung geht zurück auf den Italiener Antonio Meucci, dem 1886 das Verdienst der Entdeckung nachträglich vom obersten amerikanischen Gerichtshof zuerkannt wurde.»
Bereits 1861 hatte Johann Philip Reis, Lehrer an der Knabenschule zu Friedrichsdorf bei Homburg, einen Fernsprechapparat konstruiert und Telephon genannt - ferner Klang. Die Sache wurde von Physikern als Kuriosität betrachtet. Reis selbst hatte seinen Apparat von Anfang an nur für Unterrichtszwecke bestimmt, um die Gehörfunktion zu veranschaulichen.
Das Telefon machte Bell reich. Er suchte neue Herausforderungen. 1880 erhielt er für seine Erfindung den Volta-Preis. Mit dem Geld rief er das Volta Laboratory in Washington ins Leben, wo er noch im selben Jahr zusammen mit Charlie Bell und Sumner Tainter das Photophon erfand, das Sprache mittels Lichtstrahlen übertragen konnte. Zu ihren weiteren Erfindungen gehörte ein Audiometer zur Messung der Hörstärke und die erste Wachswalze zur Schallaufzeichnung.
Einen jungen Wissenschafter des Smithsonian Institute, Albert A. Michelson, unterstützte Bell mit 500 Dollar aus dem Preisgeld. Michelson wollte die Existenz des Äthers beweisen. Zu dieser Zeit war man davon überzeugt, dass es einen das gesamte Universum erfüllenden Stoff, den Äther, geben musste, der Licht und Schallwellen tragen konnte. Erstaunt berichtete Michelson Bell von seinen Ergebnissen, dass es nämlich möglicherweise gar keinen Äther gab und er die verbliebenen 300 Dollar so bald wie möglich zurückschicken würde. Michelsons Arbeit hatte später massgeblichen Einfluss auf Einsteins Relativitätstheorie. Mit Hilfe der Relativitätstheorie wiederum konnten Michelsons frühe Experimente verifiziert werden: Es gibt keinen Äther. 1907 wurde Michelson der erste Amerikaner, der den Nobelpreis gewann.
Aleck war Ende Dreissig und ruhelos. Er ging auf ein Angebot des Herausgebers John Michels ein und kaufte das Wissenschaftsmagazin «Science», in das er im Lauf der Jahre an die 60 000 Dollar steckte. Es dauerte lange, aber schliesslich wurde das Magazin zur Informationsaorta der amerikanischen Wissenschaftsgemeinschaft. Bell zog mit seiner Frau auf ein prachtvolles Landgut nach Neuschottland, das ursprünglich als Sommersitz gedacht war - Beinn Bhreagh bei Baddeck.
Im Buch «Der Weltverkehr» hiess es 1895: «Auch in den übrigen Kulturländern der Erde hat das Fernsprechwesen fast überall Eingang gefunden, ja sogar die Hauptstadt der Sandwich-Inseln, Honolulu, hat ihre Telefonleitung.»
In den USA waren 232 140 Telefonanschlüsse über 856 933 Kilometer Draht miteinander verbunden, durch die jährlich etwa 600 000 Gespräche geführt wurden. Um die Jahrhundertwende war die gesamte zivilisierte Welt durch Telegrafenlinien erschlossen, in Amerika gab es über 1,4 Millionen Telefone, 8000 zugelassene Automobile, 24 Millionen elektrische Glühbirnen, und die Grammophone Company warb mit einem Angebot von 5000 Tonaufnahmen.
Das Telefon trat einen atemberaubenden Siegeszug an. Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts schätzte die Internationale Fernmeldestatistik die Anzahl der weltweiten Telefonanschlüsse auf 540 Millionen, die Anzahl der jährlich weltweit geführten Telefongespräche auf über 500 Milliarden. Bis zum Entstehen eines ausgedehnten Netzes waren aber einige Probleme zu lösen. So benötigten Telefongespräche über grosse Entfernungen Röhrenverstärker, die erst unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg zur Verfügung standen. 1884 war man in der Lage, etwa 500 Kilometer weit zu telefonieren; 1892 waren bereits Gespräche zwischen New York und Chicago möglich.
Während Telegrafenleitungen Fernstrecken überbrückten und die weitmaschigen Telegrafennetze immer enger geknüpft wurden, entstand das Telefonnetz aus einer Vielzahl lokaler Netze, die allmählich zusammenwuchsen. 1893, als die Grundpatente erloschen, wurden innerhalb kurzer Zeit Tausende unabhängiger Telefongesellschaften gegründet. Farmer errichteten, oft unter Verwendung von Zaundrähten, kleine Netze und betrieben sie selbst. Manche der Telefonmasten in den Städten waren fast dreissig Meter hoch und trugen auf dreissig Querträgern insgesamt dreihundert Drähte. Erst als die Störungen durch elektrische Strassenbahnen und andere Starkstromquellen zunahmen, begann man die Telefonleitungen auch unterirdisch zu verlegen.
Die Gebrüder Wright waren 1903 die ersten Menschen, die sich mit einem Flugzeug durch die Luft bewegten. Aleck war begeistert. Er gründete mit Freunden die Aerial Experiment Association und versuchte das Problem der Instabilität in der Luft zu lösen. Als die junge, taubstumme Helen Keller ihn in Beinn Bhreagh besuchte, erläuterte ihr Aleck seine Ideen. «Manche meinen, dass das Telefon das einzige von Wert ist, das ich erfunden habe. Das kommt daher, weil es viel Geld einbringt. Es ist bedauerlich, dass so viele Menschen Geld zum Kriterium des Erfolgs machen. Ich würde mir wünschen, meine Erfahrungen könnten vielleicht dazu geführt haben, dass die Taubstummen etwas weniger Schwierigkeiten dabei haben, zu sprechen. Das würde mich wirklich glücklich machen.»
1905 brachte Aleck im unmotorisierten Flugzeug «Frost King» erstmals einen Mann in die Luft; die Landung war eine Art kontrollierter Unfall. Ein gewisser Almon B. Strowger baute in diesem Jahr das erste Wählscheibentelefon. Strowger entwickelte auch ein automatisiertes Vermittlungssystem, den sogenannten Hubdrehwähler. Dabei hatte er mit dem Desinteresse der marktbeherrschenden Bell Corporation zu kämpfen - Bell hatte hohe Summen in die Handvermittlung investiert, die sich erst einmal amortisieren sollten.
Aleck und sein Partner Casey Baldwin begannen mit Flugzeugen aus Tetraedern zu experimentieren. Unter anderem bauten sie einen roten Drachen, der aus 3400 seidenbespannten Draht-Tetraedern bestand und sich am 7. Dezember 1908 in die Luft hob. Das Fluggerät landete trotz einer jählings einsetzenden Windstille sanft, der Pilot Thomas Selfridge war zuvor ins Wasser abgesprungen (er kam acht Monate später bei einem Flug mit Orville Wright ums Leben).
1910 beschlossen die Bells, eine Weltreise zu machen. In Italien sah Aleck ein Luftkissenboot und konnte es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen und ein solches Boot zu bauen. Hydrodome 2 (HD-2) erreichte 50 Meilen pro Stunde, ehe es in der Mitte auseinanderbrach. HD-3 legte sich anlässlich eines Besuchs des Prinzen von Monaco in Beinn Bhreagh auf den Rücken. Nachdem die USA 1917 in den Ersten Weltkrieg eingetreten waren, borgte Bell sich vom US Navy Department zwei 350-PS-Motoren, und am 9. September 1919 stellte HD-4 mit 70,86 Meilen pro Stunde einen Geschwindigkeitsweltrekord auf Wasser auf. Aber der Krieg, der alle Kriege beenden sollte, war zu Ende, und es gab kein Geld mehr für etwas, das ursprünglich als ein Hilfsmittel des Krieges gedacht war. Die Regierung war an HD-4 nicht interessiert.
Die Bells hatten progressive Ideen, was Kindererziehung anging. Um ihren Enkeln die bestmögliche Ausbildung zukommen zu lassen, reiste Mabel im Frühjahr 1912 nach Terrytown, um sich mit der revolutionären neuen Unterrichtsmethode der Italienerin Dr. Maria Montessori bekanntzumachen. Im Herbst eröffnete sie eine Montessori-Schule in Washington, deren Ergebnisse so vielversprechend waren, dass im folgenden April die Montessori Educational Association mit ihr als Präsidentin gegründet wurde. Allerdings hatte die neue Unterrichtsmethode gegenüber dem konventionellen Lehrbetrieb einen schweren Stand.
Aleck, inzwischen ein freundlicher Opa in Tweedanzügen und mit weissem Haar, kümmerte sich rührend um seine Enkel. Er war sehr stolz auf seinen Bart, und seine Enkel durften fühlen, wie weich er war. Um ihn nicht in Tee oder Suppe zu tauchen, verfügte er über eine Reihe verschieden langer Glasröhrchen, mit denen er Flüssigkeiten zu sich nahm.
Am 31. Juli 1922 trat Alexander Graham Bell seine letzte Reise an. Seine Enkelin Daisy schrieb ihrer Schwester: «Er lag auf der Veranda in der frischen, warmen Luft, und die Nacht war voller Mondlicht. Mutter trägt keine Trauerkleidung, und die Kinder spielen auf der Treppe. Keine Empfindung davon, dass wir uns vor dem Tod fürchten müssen.» Sein Sarg war mit dem Leinen ausgelegt, mit dem man die Tragflächen von Flugzeugen bespannte. Am Tag der Beerdigung, am vierten August, wurde ihm zu Ehren eine Minute lang der gesamte Telefonbetrieb in den USA unterbrochen. Bell wurde auf einem Hügel in Beinn Bhreagh beigesetzt. Den Platz hatte er selbst ausgewählt, nachdem er sich, wie zuvor bereits an anderen Orten, auf den Rücken gelegt hatte, um sich ein Bild von der Aussicht zu machen.
Der Schriftsteller und Journalist Peter Glaser ist Mitgründer des Internet-Magazins «konr@d». Er lebt in Hamburg.