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Das Regal der letzten Hoffnung
Ein Geschenk um jeden Preis: Am Tag vor Weihnachten wird die Bahnhofstrasse in Zürich zur Kampfzone.
Von Margrit Sprecher
8 Uhr: Stossstange an Stossstange stehen die Lieferwagen auf den Trottoirs. Kartons werden abgeladen und fliegen von Hand zu Hand, wie dringend benötigte Ware im Notstandsgebiet. Sind sie auch. «Alles, was reinkommt, ist schon wieder weg», klagt eine Parfumverkäuferin und reisst auf dem Spannteppich das Paket mit dem Flacon-nachschub auf.
An den Tramhaltestellen warten Hausfrauen, umrundet von massiven Wagenburgen aus Schinkli, Partybrot und Traubensaft. Ihr Blick ist leer und entschlossen zugleich, die Haltung sprungbereit. Der Countdown läuft; von jetzt an zählt jede Minute.
9 Uhr: Die ersten Väter tauchen auf – zu Hause standen sie nur im Weg. Sie stellen sich ins Warmluftgebläse der Warenhauseingänge, rütteln hin und wieder am Kinderwagen und tätscheln ihre Kleinen so abwesend wie Tiersendungsmoderatoren die Hunde, für die sie ein neues Plätzchen suchen. Wenn sie auf die Uhr schauen, sind keine drei Minuten vergangen.
10 Uhr: Die Schlangen vor den Geldautomaten werden länger. Wer an der Reihe ist, macht sein Bancomatengesicht: konzentriert wie ein Athlet vor dem Start, ganz und gar in den Vorgang des Geldbezugs versunken. Spuckt das Kläppchen endlich die Scheine aus, machen die Kunden sich so rasch davon, als hätte man sie bei etwas Unappetitlichem ertappt.
11 Uhr: Auf den Trottoirs ist kein Durchkommen mehr. Schweigend zieht die geschobene und sich selbst schiebende Menge die Strasse hinauf und die Strasse hinunter, Tragtasche an Tragtasche. Niemand bleibt stehen, um dem Glockenspiel über dem Uhrengeschäft zuzuhören.
Leer und ruhig sind nur die Bijouterien; wer sich dort mit Geschenken eindeckte, weilt längst im eigenen Chalet oder in der eigenen Chesa. Ein einziger Kunde sieht zu, wie die Verkäuferin das Collier lockend erst um den eigenen Hals, dann um das Handgelenk legt. Noch während der Vorführung zückt er ungeduldig die Kreditkarte, als möchte er, einmal auf der Zielgeraden, das Ganze möglichst rasch hinter sich bringen.
12 Uhr: Die Agglos kommen! Rudelweise spuckt sie der Bahnhof aus, in ausgelassenen Gruppen stürmen sie durch die Strasse, lassen sich Hand in Hand durch das Gewoge treiben. Spielerisch greifen sie in die Wühlkörbe mit ihren zerknitterten Textilien; sorglos rotten sie sich, ohne auf die bösen Blicke zu achten, zu Hindernissen auf dem Trottoir zusammen. Erste Instrumententräger bahnen sich, die Geige oder das Cello unter dem Arm, einen Weg zur Kirche, ins Altersheim oder in den Gemeindesaal.
13 Uhr: In den Warenhäusern reissen sich die Männer den Schal vom Hals, die Frauen öffnen den Mantel. Man riecht das Aftershave, den Hund und den Lachs. Spitzes bohrt sich in die Kniekehle, Kinder werden hinter Kassen abgedrängt. Für Gefühliges ist kein Platz mehr. Jetzt ist alles Kampf. Kampf um die Aufmerksamkeit der Verkäuferin, um den Platz vor der Kasse und am Geschenk-Einpack-Tisch. Aus der Decke scherbelt ein Christmas Carol.
Die Strasse ist zu einem einzigen Aufmarschgebiet geworden. Der Käuferstrom, längst über die Randsteine getreten, überflutet die Fahrbahn. Vergeblich klingelt das Tram. Niemand weicht. Die Heilsarmee mit ihren Sammeltöpfen hat die Flucht ergriffen, das Christkindlitram sich samt Engelweiss, Tannengrün und Sternengold ins Depot verzogen. In der coolen Strassenbar trinken coole Menschen coole Cüpli, wippen mit den Todd’s und schauen zu, wie sich die Masse an ihnen vorbeiwälzt. Ein Naturschauspiel, eigens zu ihrem Amusement inszeniert.
14 Uhr: Aussenseiter wittern ihre Chance. Nie fallen nackte, tätowierte Arme mehr auf als jetzt. Sie schwenken Flaschen, sie grölen, sie rufen «New Age!», «Sauhünd!» und «He du!». Laut spricht ein Mann vor sich hin. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass das Handy fehlt. Die letzten Grau- und Weisshaarigen sind verschwunden. Um 15 Uhr singt der Hansi Hinterseer im deutschen Fernsehen.
15 Uhr: Letzte Hoffnung sind jetzt die Buchhandlungen. Zwischen Bestseller-, Kochbuch- und Kalenderregalen herrscht Stop-and-go-Verkehr, unentschieden wogt die Masse hin und her, treppauf und treppab. Erst beim Anstehen vor der Kasse kommt sie zur Ruhe. Von der plötzlichen Untätigkeit überfallen, sackt manches Gesicht in die Post-Festum-Depression ab. Alles wird wieder werden wie letztes und vorletztes Jahr, alles wie gehabt: Die Nordmanntanne wirkt irgendwie schütter, verglichen mit den Prachtsbäumen im Shoppingcenter; die Flut des aufgerissenen Geschenkpapiers brandet schon bald gegen die untersten Christbaumzweige, und beim Roboter fehlen die Batterien.
16 Uhr: Mit einem endgültigen Geräusch rasseln die Rollläden herunter: Wer jetzt kein Geschenk hat, kauft sich keines mehr. Rasch wie das Wasser in der Badewanne entleert sich die Strasse Richtung Bahnhof; die letzten Rinnsale gurgeln auf den Rolltreppen, dann versickern sie im unterirdischen Röhrensystem.
Nur in der Luxusboutique bewacht der glatzköpfige Sicherheitsmann noch immer breitbeinig eine Handvoll Japaner, die sich nicht zwischen Armani und Prada entscheiden können.
17 Uhr: Drohenden Damoklesschwertern gleich schweben die 275 Leuchtstäbe hart, kühl und geschliffen über der leergefegten Strasse. Die nächste Weihnacht kommt bestimmt.
Margrit Sprecher ist freie Journalistin in Zürich. Sie hat sich kürzlich ein MacBook gekauft.
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