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NZZ Folio 11/96 - Thema: Feuer, bitte!   Inhaltsverzeichnis

Interview -- Wie höflich ist Höflichkeit?

Von Franziska Wanner-Müller

Der französische Schriftsteller und Philosoph André Comte-Sponville lehrt an der Sorbonne in Paris. Seit sein Buch «Petit traité des grandes vertus» (Kleine Abhandlung der grossen Tugenden) 200 000mal verkauft worden ist, sind Moral und Anstand in Frankreich wieder im Gespräch. Der 44jährige nennt sich einen Moralisten mit bescheidenem Anspruch und hält es dabei immerhin mit Spinoza: lieber die Tugend pflegen als die Untugend beklagen. Ausgangspunkt seiner Arbeit über die Tugendhaftigkeit ist die kleinste Tugend - die Höflichkeit. Sponvilles Theorien über Begriffe, denen sich grosse Geister seit über 2000 Jahren widmen, stiessen nicht überall auf Gegenliebe. Weniger extrovertierte Berufskollegen warfen dem aufstrebenden Philosophen Überheblichkeit oder aber Naivität vor. Letzteres hält Sponville für ein Kompliment, ersteres für unhöflich. Doch darüber sieht er mit tugendhafter Gelassenheit hinweg - auch weil ihn seine Arbeit bereits «nachhaltig mit der eigenen Mittelmässigkeit konfrontiert hat», wie er sagt. Auf Deutsch ist «Petit traité des grandes vertus» 1996 bei Rowohlt erschienen («Ermutigung zum unzeitgemässen Leben»).

Mit André Comte-Sponville sprach Franziska Wanner-Müller.

Monsieur Comte-Sponville, warum sind Moral und Anstand heute wieder ein Thema?

Diese Tendenz und die damit verbundene Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen zeigt das Bedürfnis der Menschen nach seelischen Zufluchtsorten. Man sucht Lebensanleitungen - auch für den Umgang mit andern -, die aber nichts mit den repressiven, kastrierenden Moralansprüchen von einst zu tun haben, sondern eine Moral der Verantwortlichkeit enthalten.

Wann sind Moral und Höflichkeit aus der Mode gekommen?

Sie wurden von den Achtundsechzigern - zusammen mit anderen durchaus verdammenswerten Konventionen - leider bachab geschickt.

Ist die Höflichkeit eine Grundvoraussetzung für die Moral?

Ja. Die Höflichkeit ist die kleinste, aber wichtigste Tugend, weil sie anderen guten Charaktereigenschaften vorausgeht. Sie steht sozusagen an vorderster Stelle, obwohl andere Tugenden - Mut, Toleranz, Gerechtigkeit, Dankbarkeit, Bescheidenheit - natürlich höherstehende und wichtigere Werte sind.

Die Höflichkeit gilt im Gegensatz zu anderen Tugenden als oberflächlich.

Höflichkeit ist die oberflächlichste und simpelste Tugend. Das ist ihr Vorteil. Sie imitiert die anderen Tugenden so lange, bis der sogenannte Anstand ohne Überlegung und unter Umständen auch ohne Überzeugung praktiziert wird. Das ist der dem Sozialleben zuträgliche Grundcharakter der Höflichkeit.

Zum Beispiel?

Wenn ich in der Metro jemanden anremple und mich dafür entschuldige, ist das eine künstliche Tugendhaftigkeit, zeigt dem andern aber ein Minimum an Respekt. Die Höflichkeit erfolgt reflexartig, weil gewisse Umgangsregeln verinnerlicht wurden.

Anstand ist lernbar. Sind es die anderen Tugenden auch?

Ja. Dazu müssen wir allerdings wissen, was uns von der Tugend und der Höflichkeit trennt.

Und der verinnerlichte Anstand soll zu wahrer Tugendhaftigkeit führen?

Das ist meine Theorie. Darauf basiert jede Erziehung zur Verantwortlichkeit.

Welche Formen von Anstandsregeln unterscheiden Sie dabei?

Ethische, ästhetische und hygienische Regeln. Lüg nicht! Schlag Deine Kameraden nicht! Iss nicht mit den Fingern! Bohr nicht in der Nase! Dem Kind wird alles unter dem Oberbegriff «Anstandsregeln» vermittelt, was sich in den meisten Fällen in Form von Verboten ausdrückt. Antiautoritäre Kreise kritisieren dies natürlich, vergessen dabei aber, dass das erzogene - nicht das unterdrückte - Kind später zu differenzieren lernt.

Wirft man der Höflichkeit zu Recht Hypokrisie und Zweideutigkeit vor?

Die Höflichkeit, ein äusserliches Verhalten, das nichts über die wahren Seelenzustände des Menschen verrät, hat in ihrer intakten Form nichts mit Unehrlichkeit zu tun. Und zweideutig ist die sogenannt oberflächliche Höflichkeit höchstens darum, weil sie in Wirklichkeit ausschliesslich den anderen dient. Die Höflichkeit bekämpft den eigenen Egoismus und führt automatisch dazu, dass auch Schwächere respektiert, auch ihre Rechte und Plätze anerkannt werden.

Welches sind die weitverbreitetsten Unhöflichkeiten?

Da halte ich es mit Kant, der den Egoismus für den Urquell des Schlechten hält. Dem heute weitverbreiteten Egoismus liegen sämtliche Unhöflichkeiten und eigentlich auch alle Untugenden zugrunde.

Gibt es Situationen, in denen die Moral nach Unhöflichkeit verlangt?

Sicher. Nehmen wir an, bei einer Einladung werden zum Beispiel offen rassistische Äusserungen gemacht. Da würden die Höflichkeitsregeln eine Reaktion eigentlich verbieten, man weiss ja, dass sonst der Abend futsch ist, man den Gastgeber in eine unmögliche Situation versetzt. Wer hier aber nicht reagiert, macht sich zum feigen Verbündeten. Die Moral verlangt in diesem Fall also eine unhöfliche Reaktion: aufstehen und den Tisch verlassen.

Aristoteles charakterisiert die wahre Tugend als «zwischen zwei Abgründen liegend». Der Mut liegt also zwischen der Feigheit und dem Leichtsinn, die Sanftheit zwischen der Wut und der Apathie. Zwischen welchen Extremen situiert sich die Höflichkeit?

Zwischen dem groben Egoismus und der übertriebenen Anpassung.

Wie äussert sich diese oft kritisierte übertriebene Höflichkeit?

In der servilen Anbiederung. Anstandsregeln werden vor allem in bürgerlichen Kreisen zu ernst genommen. Oft sind es junge, überangepasste Menschen, die früh erfahren, dass sie sich durch solches Verhalten soziale Vorteile verschaffen. In Wirklichkeit zeigt es Unreife und einen Mangel an Persönlichkeit, wenn jemand aus falsch verstandener Höflichkeit zu allem ja und amen sagt.

Wie steht es um die übertriebene Tugendhaftigkeit?

Langweilig wird es dann, wenn kein Platz mehr für Vergnügungen bleibt: Essen, Trinken, Sex. Das nenne ich dann kastrierende Tugendhaftigkeit. Auch hier ist die Grenze aber fein zu ziehen, denn in den vergangenen Jahren hat man Untugenden allzuoft zu Tugenden hochstilisiert.

Wie lässt sich die goldene Mitte finden?

Bezeichnenderweise - oder glücklicherweise - gibt es dafür keine Regeln.

Haben Höflichkeitsformen in allen sozialen Schichten die gleiche Gültigkeit?

Was in der Schweizer Bankenaristokratie noch als halbwegs höflich durchgehen mag, gilt in Arbeiterkreisen mit Sicherheit als zuckrig und manieriert. Anstandsregeln sind nicht starr und nicht absolut. Es ist ein Beweis höchster Höflichkeit, wenn man sich an die jeweilige Situation anzupassen weiss.

So wie die englische Königin . . .

. . . die den Fisch ebenfalls mit der Gabel zerdrückt haben soll, als ein einfacher geladener Gast dies tat.

Wenn Anstandsregeln keinen allgemeingültigen Wert haben, haben Standardwerke wie zum Beispiel der «Knigge» noch einen Sinn?

Es existieren viele, sogar international gültige Anstandsregeln: man schneuzt sich nicht ins Tischtuch, spuckt nicht, flucht nicht, sagt «Danke» und «Bitte». Es gibt keine Kultur, in der das Anrempeln von Personen als wohlerzogen gilt. Zum Beispiel soll aber auch laut Anstandsbüchern Hummer - weltweit - nicht mit dem gewöhnlichen Messer geschnitten werden. Solche Verallgemeinerungen haben etwas Lächerliches, weil die Hälfte der Menschheit ja sowieso ohne Besteck isst und noch nie einen Hummer gesehen hat. Trotzdem wehre ich mich gegen die Unterstellung, dass Anstandsregeln dem privilegierten Rest vorbehalten sein sollen. Anstandserziehung sollte einfach den relativen Charakter dieser «kleinsten Tugend» berücksichtigen und diese im Kontext von verschiedenen Situationen und Kulturen erläutern.

Warum halten manche Menschen Höflichkeit für reaktionär?

Weil sie Höflichkeit für eine indirekte Machtdemonstration halten. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der beleidigenden Höflichkeit der Grossen, wobei der Stärkere - oder derjenige, der sich dafür hält - dem Schwächeren auf joviale Art hilft. Darum begannen feministische Kreise die männliche Galanterie abzulehnen. Wahrscheinlich hat das männliche Verhalten diese Reaktion provoziert. Aber es braucht natürlich auch Selbstbewusstsein, sich helfen zu lassen. Losgelöst von diesen Beispielen, wäre es aber auf jeden Fall wünschenswert, dass man Schwächere ihre Schwäche nicht spüren lässt und ihnen auf diskrete Art hilft. Das wäre der Ursprung der Höflichkeit und gleichzeitig bereits fast tugendhaft.

Verfügt der höfliche Mensch über mehr Macht als der unhöfliche Mensch?

Man kann sagen, dass die Höflichkeit einen Unmenschen noch hassenswerter macht, weil er dadurch zynisch, undurchsichtig und mächtig wirkt. Ein unhöflicher bösartiger Mensch ist auf Grund seiner Ignoranz, seiner Roheit, seiner Unkultiviertheit weniger bedrohlich, weil er entschuldbar wird: man eine schlimme Kindheit vermutet oder sonst eine unglückliche soziale Entwicklung. Der höfliche böse Mensch hingegen manifestiert mit seiner Wohlerzogenheit soziale Zugehörigkeit. Die Gesellschaft, das Volk, verabscheut diese Kombination um so mehr, als der höfliche Mensch - was immer er auch sagt oder tut - schlecht einklagbar bleibt. Die Höflichkeit in Kombination mit der Bösartigkeit ist also durchaus ein - limitiertes - Machtinstrument.

Dann wäre Höflichkeit in Wirklichkeit nicht Tugend, sondern schlichte Überlebenstaktik?

Das eine schliesst das andere ja nicht aus. Anstand und Höflichkeit sind Kräfte, die agieren und - setzt man sie richtig ein - zum Agieren bringen.

Ihre Höflichkeits- und Moraltheorien sind in 18 Sprachen übersetzt worden. Werten Sie das als Indiz für die Unerzogenheit der Weltenbürger?

Keineswegs. Ich denke, meine Leser sind die halbwegs erzogene Mehrheit, die die Höflichkeit besitzt, sich interessiert mit meinen Gedanken auseinanderzusetzen.

Besteht die Gefahr, dass die Auseinandersetzung mit der Moral und dem Anstand theoretisch bleibt?

Das heutige Bedürfnis nach moralischen Werten existiert nicht aus theoretischen Gründen, sondern wegen des tagtäglichen Horrors in der Welt und wegen einer weitverbreiteten Unerzogenheit im Alltag, die den sozialen Umgang erschwert und vielen Leuten auf die Nerven geht. «Moralist sein» könnte durchaus zur praktischen Lebensart avancieren. Wünschenswert wäre dies auf jeden Fall.

Appellieren Sie dabei mehrheitlich an Eltern?

Nicht nur. Aber meiner Meinung nach ist es schon eine erste Verpflichtung, Kindern eine moralische Erziehung angedeihen zu lassen.


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