Es riecht nach Schrumpeläpfeln in schweissigem Turnzeug, nach nasser Erde und Radiergummikrümeln. In der Riehener Tagesschule Niederholz erzählt die Lehrerin Brigitte Rehorek den Erstklässlern eine Geschichte. Die Geschichte eines Jungen, der nicht einschlafen kann, wenn die Eltern weg sind; die Geschichte eines Nachtvogels, der sich auf dem Fenstersims niederlässt; die Geschichte einer Angstphantasie. Die Geschichte zieht die 20 Kinder in ihren Bann.
Till saugt am Pulloverärmel. Ida hält sich die Ohren zu. Tobias holt das Kuscheltier unter der Bank hervor, Gianna lutscht am Daumen. Es ist ganz still. Keiner lacht über den Angsthasen in der Geschichte. Alle kennen solche Zitterpartien, und alle wollen davon erzählen. Sie rücken im Kreis ganz nah zusammen. Zeit für ein Gruselkabinett.
«Wenn nachts auf der Strasse die Autos vorbeifahren, gibt es so schnelle Lichtstreifen auf meiner Bettdecke. Ich denke dann, das sind Monsteraugen, denen ich ausweichen muss, weil ich sonst verbrenne», sagt Gianna.
«Wenn man etwas Schlimmes träumt und aufwacht, hat man Angst, weil man immer an den schlimmen Traum denkt. Aber dann will man auch nicht mehr einschlafen, weil sonst der Traum weitergeht. Dann weiss man gar nicht, was tun», sagt Mehmed.
«Heute Nacht hatte meine Mutter aus Versehen das Nachtlämpchen abgeschaltet. Da sah alles so anders aus als sonst. Der Schrank war so gross und so schwarz wie ein Loch in ein anderes Zimmer. Da hatte ich Mega-Angst, obwohl ich ja wusste, dass es der Schrank ist», sagt Till.
«Ich denke immer, unter dem Bett sind so kleine Zwerge. Kleine gemeine Zwerge mit kleinen Kappen und spitzen Nasen. Die haben kleine Stöcke bei sich und klopfen immer damit an den Bettrand. Ich will dann nicht schlafen, weil die Zwerge immer weiterhämmern, bis das Bett kracht und die Zwerge zu mir unter die Decke kriechen können.»
«Hör auf!», schreit Anna und hält sich die Ohren zu. Aber aufhören will niemand. All das Gruseln zu hören, macht Lust. Und es tut gut zu wissen, dass man mit dem nächtlichen Kino im Kopf nicht allein ist.
Von geblähten Vorhängen, die wie Geister aussehen, ist die Rede, von grünen Mäusen mit spitzen Zähnen, die einem nachts den Weg zur Toilette versperren. Von einem Totenkopfkönig, den man einmal im Video sah und der seither im eigenen Kopf wohnt, und vom Bammel, im Keller Mineralwasser zu holen. Vom Luftanhalten und vom Totstellen.
Für die Basler Psychologin und Psychoanalytikerin Ursula Walter ist dieser Einblick in Hieronymus Boschs Bilderwelt normal. Sie weiss, dass Kinder die Gabe haben, die Angst an einem Objekt festzumachen. So bündelt sich dann die ganze Furcht vor der Weite der Welt und den Abgründen in den Beziehungen zu den Nächsten etwa im «Schiss» vor dem nächtlichen Weg zum WC oder in der Angst vor dem Teufel hinter der Tür. Die Angst hat so Gesicht und Gestalt. Ein raffinierter Trick, um Bedrohung in Grenzen zu halten. Auch Erwachsene weisen Angst oft so in die Schranken.
Wieso ist Dunkelheit für Kinder so bedrohlich, wo sie doch vor nicht allzu langer Zeit im lichtlosen Mutterschoss geborgen waren? Ursula Walter fragt zurück: «Waren Sie an der Expo in Murten in der ‹Blinden Kuh›? Da war es stockdunkel. Alle Orientierung war aufgelöst. Ähnliches passiert in der Nacht. Der Raum wird unfasslich, die Zeit verfliesst, es können andere da sein, aber man ist auf sich selbst zurückgeworfen und muss daran glauben, dass es wieder hell wird und das Leben weitergeht. Das ist für Kinder gar nicht so selbstverständlich, wie wir meinen. In der Nacht fehlen die äusseren Bilder. Umso eindringlicher und mächtiger werden die inneren Bilder, wird die Phantasie.»
Nicht nur von der Nacht, auch vom Herzklopfen am Tag erzählen die Schulanfänger. Im Kontrast zum nächtlichen Horrorkabinett kommt die Tagesangst aber seltsam uniform daher. Es ist das Szenario des Märchens «Vom Wolf und den sieben Geisslein» und des Kinohits «Kevin allein zu Hause».
«Wenn meine Mama im Quartier einkaufen geht, lässt sie mich manchmal allein in der Wohnung und sagt, sie komme ganz bald wieder. Aber dann trifft sie jemanden an und redet noch so lange an der Ecke und denkt gar nicht mehr an mich, und ich stelle mir schon die schlimmsten Dinge vor», erzählt Mischa. Viele nicken. «Bei mir ist es einmal so lange gegangen, dass ich gedacht habe, jetzt kommt sie nie mehr. Ich dachte: jetzt ist sie einfach weggegangen. Dann habe ich geweint, und als meine Mama kam, hat sie geschimpft, weil ich weinte.» – «Bei mir hat es einmal geklingelt. Dann habe ich den Stuhl genommen und durch die kleine Scheibe in der Haustür geschaut. Da sah ich einen Menschen draussen, der war so komisch klein und doch ganz dick in der Mitte. Ich bekam sehr Angst. Dabei war es nur die Nachbarin!»
Die Lehrerin fragt wenig, sagt wenig, nickt hin und wieder einem Kind ermunternd zu. Die Kinder erzählen von sich und dem, was ihnen zuweilen den Atem stocken und die Hände feucht werden lässt, die Kehle zuschnürt. Kein Wort vom 11. September. Kein Wort über den drohenden Krieg im Irak. Und keines über die Unwetterkatastrophen, den Hunger in der Welt, den Börsencrash oder die Gefahren im Strassenverkehr. Von all dem haben diese Siebenjährigen zwar eine Ahnung. Zuvorderst ist es ihnen aber nicht.
Gefragt nach Angstkategorien, gibt Ursula Walter vor allem ein Unterscheidungsmerkmal zu bedenken: Kommt die Angst von aussen? Oder von innen? Ängstigt eine äussere Aufgabe, die zu bewältigen ist, wie beispielsweise eine Übernachtung im Spital, der Schulweg ohne Begleitung oder das Alleinsein in der Wohnung? Oder fällt einem das Herz in die Hose, weil eine Phantasievorstellung sich im Kopf breitmacht, deren Sinn sich nicht ohne weiteres erschliesst?
«Jeder Entwicklungsschritt hat seine spezifischen Ängste», sagt Ursula Walter. «Eine speziell heikle Phase beginnt dann, wenn das kleine Kind sprechen gelernt hat und sich allein fortbewegen kann. Viel von dem, was kurz vorher noch nicht machbar war, ist plötzlich möglich.» Kein Wunder, erliegen die Kleinen da schnell einmal einer Allmachtsphantasie und fühlen sich als Helden. Und kein Wunder, wenn die Allmacht sich nicht erfüllt und die alte Ohnmacht sich wieder breitmacht. «Wenn ein dreijähriges Kind gelernt hat, selber Licht zu machen, und mit dem Licht seine Angst verschwindet, könnte es auf die Idee kommen, es könne seine Angst ausknipsen.»
Da irrt der Knirps gewaltig, und er wird es zu spüren bekommen. Wenn der Lichtschalter nicht in der Nähe ist oder wenn eine Angst sich breitmacht, die nichts mit dem Dunkel zu tun hat. «Das ist die Phase des Alles-oder-nichts. Eine Vorstellung ohne Mitte. Dann kommt es sehr auf die Umgebung an: wie viel Schutz, Begleitung, Hilfe und Ermutigung dem Kind angeboten werden, damit es die Zwischenstufen zwischen Allmacht und Ohnmacht entdecken kann.»
Schwarz oder weiss, alles oder nichts – das polare Selbstbild wird zehn Jahre später noch einmal aktuell. In der Pubertät gerät der Körper aus den Fugen, das Nest wird zu klein, die grosse, weite Welt lockt und verängstigt zugleich. «Das Referenzsystem Körper ist nicht mehr unter Kontrolle, und das Beziehungssystem wandelt sich drastisch. Da ist also eine Verunsicherung nach innen und gleichzeitig nach aussen und meist grosse Angst im Spiel. Da kann es für die Jugendlichen hilfreich sein, wenn sie auf eigene Erfahrungen zurückgreifen können, wie sie selbst aus Krisen zwischen Allmacht und Ohnmacht wieder herausfanden. Hilfreich ist auch die Begleitung von Erwachsenen, die wissen, worum es geht, und darauf vertrauen, dass es nach dieser Umbruchszeit weitergeht.»
Die Erstklässler Till und Gianna, Mehmed und Ida, Julia, Tobias und ihre Mitschüler haben ziemlich viele Tricks in petto, um den Bammel möglichst klein zu halten. Sie erzählen vom Rückzug unter die Bettdecke, vom Nachtlämpchen, vom hellen Türspalt zur Küche, vom Bären im Arm und vom T-Shirt mit dem Drachen. Sie erzählen vom lauten Singen im Kellerabgang, vom Schulweg zu dritt, von Spritzpistolen und davon, dass die Bösen ja sowieso im Gefängnis sind. Sie erzählen von programmierten Handynummern, viel von den Mamas und wenig von den Vätern, sie erzählen von indianischen Federgebilden, die böse Träume einfangen, und nichts von Gebeten.
Sie tun Dinge, die schon ihre Urgrosseltern taten, als wäre es dieselbe Welt. Sie achten genau auf Bodenmuster und vermeiden es, auf die Zwischenräume zwischen den Steinplatten zu stehen. Damit dies oder das nicht geschieht. Oder hüpfen von Zwischenraum zu Zwischenraum, damit dies oder das eben geschieht.
«Das sind magische Beschwörungsrituale», sagt Ursula Walter, «die haben ihren Sinn in der Angstbannung, sie können Ordnung schaffen, das Gefühl geben, gegen Willkür anzukommen. So schafft man sich Gesetze. Und das beruhigt. Phantasiehandlungen helfen vielen Kindern, schwierige Situationen besser zu bestehen, weil sie sich durch Magie aus dem Gefühl der Ohnmacht befreien können. Schwierig wird es erst dann, wenn etwas schiefläuft, wenn das Kind der irrigen Vorstellung aufsitzt, es habe etwas mit den Fugen oder mit dem, was es zur Bannung heranzieht, nicht richtig gemacht.»
Wir sprechen von Ritualen, vom Wert der Wiederholung in einer Welt voller Flexibilität, Mobilität, Beschleunigung und steigender Scheidungsraten. Da tun Orientierungspunkte und Verankerungen not. Wir sprechen von Schutzengeln, Gutenachtgebeten, von Einschlafliedern. Es könne für Kinder schon sehr angstmindernd sein, sagt sie, wenn die Eltern nicht allein für alles zuständig sind, wenn es noch eine Oberinstanz gibt, die die Sonne morgens wieder aufgehen lässt. «Aber natürlich wurde diese Oberinstanz auch instrumentalisiert als strafender Gott, und so wurden Generationen von Kindern – und nicht nur Kinder – verängstigt, statt sichergemacht.»
Wir sprechen vom Zusammenhang zwischen Kinder- und Erwachsenenängsten. Ursula Walter erläutert, wie prägend die Furchtsamkeit der ersten Jahre ist für vieles, was wir später tun. «Jede Lebensgeschichte ist zu einem grossen Teil die Geschichte der eigenen Ängste.»
In einem sind sich die Kinder der Klasse 1b einig: Gehorchen kann man nicht immer. Auf keinen Fall kann man gehorchen, wenn die Erwachsenen sagen, man solle keine Angst haben. Das geht einfach nicht. Und weil das so ist, ist dieser häufigste Angsttrost auch gleichzeitig der billigste. Gefühle lassen sich weder verbieten noch verordnen.
Ursula Walter spricht sich für Zumutungen nach Mass aus. Zumutungen machen Mut, das sagt schon das Wort. Aber: Was ist das richtige Mass? Zum Beispiel bei Einschlafängsten? «Eltern dürfen ihren Kindern zumuten, in der Regel die Nacht im eigenen Bett zu überstehen. Dabei helfen Einschlafrituale, der Blick zurück und der Blick nach vorn. Was war heute wichtig? Und was wird morgen sein? Wenn Eltern nämlich übermässig auf die kindlichen Ängste eingehen, laufen sie Gefahr, sie zu vergrössern statt zu mindern.»
Also auch da ist die Mitte das Mittel gegen Hasenfüssigkeit. Die Mitte zwischen Angsthaben-Verbot und der Vermeidung von allem, was das Herz stocken lässt. Wer die Mitte trifft, verwandelt oft Angst in Lust. In die Lust an der Mutprobe, in Freude über den gelungenen Mutsprung, in die allmähliche Befreiung aus Abhängigkeit und Passivität, in Stolz, sich etwas getraut zu haben. Darauf kann man zurückgreifen bei der nächsten «Schissattacke». So weitet sich der Mutraum Schritt für Schritt.
Auf dem Pausenhof erproben Mehmed und Gianna, Till, Julia, Anna und ein paar andere der Klasse ihren Mut Tritt für Tritt. Sie springen vom dritten, vierten, dann fünften Treppenabsatz. Immer ein bisschen höher. Immer ein bisschen weiter. Den sechsten hat noch niemand geschafft. In der kalten Winterluft zeigen sie mit erhitzten Gesichtern dem Nachtvogel, den Zwergen, dem Totenkopfkönig, den grünen Mäusen und all dem vorübergehend den Meister.
Cornelia Kazis ist Redaktorin bei Radio DRS; sie lebt in Basel.