NZZ Folio 06/92 - Thema: Fremdenangst, Fremdenhass   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Akademische Oberschwanzdeckfedern

Von Wolf Schneider

Dass die menschliche Sprache der Verständigung diene, war schon immer eine stark übertriebene Behauptung. Von jeher ist sie in viel höherem Grade das Vehikel des Geschwätzes («Da sag ich doch zu ihm: Mein Gott!, sag ich»); des magischen Rituals in Gebet, Beschwörung, Aberglauben und der Manipulation durch politische, kommerzielle und private Propaganda. Zieht man noch die traurige Rolle der Lüge, des Befehls und der Beschimpfung ab, so blieb für den Wunsch, eine Mitteilung zu machen, immer nur ein bescheidener Teil unseres Wortaufkommens übrig.

Dieser Rest nun hat sich in den letzten Jahrzehnten weiter verkleinert durch den Wortfleiss einer explodierenden Anzahl von Professoren und Studenten der Geisteswissenschaften, zumal der Kommunikationswissenschaft und der Soziologie. Verständigung kann einfach nicht ihr Ziel sein, wenn sie schreiben: «Ambiguitätstoleranz ist das psychische Korrelat der Normen- und Interpretationsdiskrepanzen sowie der nicht voll komplementären Bedürfnisbefriedigung im Interaktionssystem.»

Was liegt hier vor? Der Wunsch, Nichtwissende durch Information zu Wissenden zu machen? Das wäre ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Nein: Offensichtlich geht es um den Ausweis der Zugehörigkeit nach innen und um die Einschüchterung nach aussen. Wer sich so auszudrücken versteht, teilt den Fachkollegen mit, dass er ein würdiges Mitglied ihrer Clique ist; den Studenten gibt er das Signal: Wenn du so schreiben lernst, werden wir dir akademische Grade verleihen; und wer das erhabene Kauderwelsch weder beherrscht noch zu erlernen wünscht, der wird von der Kommunikation ausgeschlossen und hat uns sprachlos zu bewundern. Da schlägt ein Pfau sein Rad und will uns, statt mit Oberschwanzdeckfedern, mit ebenso gespreizten Vokabeln imponieren.

Nun kommen sie natürlich, die Experten, und behaupten, das Neuartige und Komplizierte ihrer geistigen Höhenflüge sei in schlichteren Worten nicht zu fassen. Doch diese Behauptung ist falsch. Wer hätte je seinen Zeitgenossen ungewohntere Gedanken zugemutet, als Franz Kafka und Sigmund Freud dies taten? Doch Kafka transportierte seine Botschaft mit einem auffallend kargen Wortvorrat, und Freud war ein brillanter Stilist von bestechender Klarheit. Mit Recht wird in seinem Namen ein Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa verliehen; sein Träger von 1985, der Historiker Hermann Heimpel, sagte: «Wissenschaftliche Prosa ist genau, also unbequem für den Autor; und einfach, also bequem für den Benutzer gelehrter Arbeiten, mitten in dem ungerügten schlechten Deutsch eines ausufernden Wissenschaftsbetriebs.»

Wenn unsere Geisteswissenschafter von interessierten Laien verstanden werden wollten und wenn sie bereit wären, die Plage der Einfachheit auf sich zu nehmen: so wäre die Verständlichkeit herstellbar. Aber sie wollen eben nicht. Zu dem Vorzug der elitären Absonderung vom gemeinen Volk tritt ja noch ein anderer. Wenn man etwa den Geologen ihr scheussliches Chinesisch nähme («Die mesozoische Geosynklinalphase wurde vom kontinentalen Verrucano eingeleitet») - so blieben ihnen doch die Steine. Was aber bleibt den Soziologen, wenn man sie ihrer pompösen Begriffe beraubt? Die Soziologie bedient sich keiner Fachsprache, sie ist eine. Der Philosoph Karl Popper hat das auf brutale Weise anschaulich gemacht: Er hat typischen Zunftjargon auf seinen Informationsgehalt reduziert. So nahm er den Satz von Jürgen Habermas «Theorien erweisen sich für einen speziellen Gegenstandsbereich dann als brauchbar, wenn sich ihnen die reale Mannigfaltigkeit fügt» - und übersetzte ihn: «Theorien sind auf ein spezielles Gebiet dann anwendbar, wenn sie anwendbar sind.» Eine gewisse Dürftigkeit der Aussage ist da nicht zu übersehen; dass Habermas solche Sätze nicht zu Büchern hätte schichten können, ist offensichtlich. Jargonzertrümmerung würde folglich die Existenzgefährdung streifen; auf entsprechenden Hass muss der Zertrümmerer vorbereitet sein.

Das soll uns nicht hindern. Wir haben starke Bundesgenossen. «Ach, wie sie mich ekeln, die absichtsvoll verrätselten Worte!» sagt Elias Canetti, Träger des Nobelpreises für Literatur. «Was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen», schreibt der Philosoph Ludwig Wittgenstein, «und worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen» - mit der Popperschen Variante: «Wer's nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er's klar sagen kann.»

Ein schrecklicher Rat für jemanden wie den Schreiber des folgenden Satzes: «Die Erkundung molestierender Ontologiegehalte legt jenen Offenhaltungsanspruch diskreter Hintertüren von Subjektkonstitution gegen affirmative Dementi frei, welcher sich einer violentes Verbot genealogischen Ermittelns ob seiner Exkulpationsprämien favorisierenden Tradition indolenter Kritik verdankt.» Da sollten wir gar nicht zu verstehen versuchen - da sollten wir verachten.

Von der Verachtung ausdrücklich ausgenommen sei jener offenbar akademisch gebildete Bettler, der aus dem Jargon die Komik kitzelte, indem er an seinen umgestülpten Hut ein Schild mit der Aufschrift lehnte: «Ich möchte diesen Spendenaufruf als Thematisierung gesellschaftlicher Widersprüche verstanden wissen.»




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