So wie ich staunend miterlebe, wie mein Laptop einen zwanzigseitigen Text samt eingescannten Bildern in Sekundenschnelle auf eine dünne runde Scheibe kopiert, so atmete vor zwanzig Jahren eine Sekretärin erleichtert auf, wenn sie das monatliche Sitzungsprotokoll auf einer taschentuchgrossen Floppydisk gesichert wusste. Nochmals zwanzig Jahre früher freute sich ihr Chef, damals noch Buchhalter, über das neue Kopiergerät, das in weniger als einer Minute das Blatt mit der komplizierten Tabelle gestochen scharf ausspuckte. Bis anhin hatte er mit geübtem Griff fünf Lagen Papier mit dazwischen geschichteten Kohleblättern in die Schreibmaschine gespannt, beim Tippen aber nie ganz vergessen, dass sich jeder Fehler in vierfacher Ausführung wiederfand.
Aber immerhin: Sein Vorgänger hatte als Lehrling noch mit der Kopierpresse hantiert; er musste den mit Spezialtinte geschriebenen Brief zwischen zwei Spezialpapiere schieben, eine Gummimatte unterlegen, das Paket in einer handbetriebenen Presse festklemmen und dann kurbeln und kurbeln. So gesehen war die Schreibmaschine, war das Kohlepapier ein Geschenk des Himmels.
Jede Geschichte des Büros, das zeigt diese kleine Parade, ist auch eine Geschichte des Duplizierens, des Einordnens, Abrufens und Wiederauffindens und der dazu geschaffenen Möbel oder Geräte. Ob Bestellung oder Bestätigung, Entlassungsbrief oder Jahresbilanz – ein einzelnes Exemplar genügt nur in den seltensten Fällen. Das Büro ist das Gedächtnis des Betriebs, seine Rückversicherung, sein gutes oder schlechtes Gewissen. Das Büro ist der Platz für Fotokopien oder Kohledurchschläge, hier werden sie «abgelegt» nach chronologischen oder thematischen Kriterien, es schafft mit Aktenordner, Kartendatei oder Hängeregistratur eine durchschaubare Ordnung, in der sich das Unternehmen reflektiert.
Die Möbel, die es verwendet, die Eingeweihtensprache und der allgemeine Habitus der Mitarbeitenden, die unentwegten Anstrengungen, mit Topfpflanzen, Spannteppichen, schmucker Kaffeetasse oder Farbdrucken an den Wänden ein persönliches Ambiente zu suggerieren, sind sich im Lauf eines Jahrhunderts im Wesentlichen gleichgeblieben. Erst die elektronische Datenverarbeitung, vor zwanzig Jahren angelaufen, stellt die Abläufe auf den Kopf. Wo der Computer Daten speichert, sortiert und selbständig verschickt, werden die Schubladensäulen des Schreibtischs überflüssig, braucht es weder Ablagefächer noch Korrespondenzkörbe. Dass sie sich trotzdem alle weiter behaupten, inklusive Karteikästchen und Hängeregistratur, dass heute als papierene Rückversicherung für die Katastrophe eines elektronischen Datenausfalls eine zweite Erfassungsebene aufrechterhalten wird – all das macht aus dem modernen Büro einen kostspieligen Zwitter. Was heute als «schlanke Verwaltung» angepriesen wird, merzt im besten Fall einige wenige Doppelspurigkeiten aus.
Wer zu den Anfängen des modernen Bürowesens in der Schweiz zurückblättert, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Als Nestlé, Brown Boveri oder Sulzer um 1900 die Weltmärkte eroberten, machte die «Verwaltung» mitsamt Direktionsbüros einen winzigen Teil der Belegschaft aus. 1888 stellte das Büropersonal gerade einmal vier Prozent der Beschäftigtenzahlen in der Industrie. Ein stattlicher Betrieb wie die Schaffhauser Eisenwerke Georg Fischer kam bei einer Belegschaft von 500 mit einem achtköpfigen Verwaltungsteam aus; im Schnitt rechnete ein Industriebetrieb mit zwei bis drei Bürokräften auf hundert Fabrikarbeiter. (Heute sind auch in Industriebetrieben die Bürokräfte vielfach in der Überzahl; bei ABB Schweiz beispielsweise sind bloss noch ein Drittel der 7000 Mitarbeiter in Werkhallen tätig; zwei Drittel der Angestellten arbeiten in Büros.)
Bis 1900 stieg die Zahl der Verwaltungskräfte zwar deutlich an, aber immer noch kamen bloss 54 000 Angestellte auf eine halbe Million Industriearbeiter. Büros waren ungeliebte Anhängsel des Produktionsbetriebs, oft in behelfsmässigen Anbauten untergebracht; einige wenige Schreibkräfte teilten sich in einem oder zwei Räumen so unterschiedliche Aufgaben wie Buchhaltung, Korrespondenz und Kassenwesen.
Um 1880 begann sich das Berufsprofil des «kaufmännischen Angestellten» gerade erst zu runden. Wer in der Verwaltung, im «Comptoir», arbeitete, nannte sich «Kontorist»; untergeordnete Kräfte hiessen «Commis». Briefe und Rechnungen wurden durchweg von Hand geschrieben. Entsprechend das Leitmöbel der Epoche: das Stehpult mit abgeschrägter Schreibfläche, das oft Rücken an Rücken mit einem zweiten Pult placiert wurde. Als Sitzgelegenheit diente eine Art Barhocker, ein hölzerner Drehsessel; so wie heutige Magaziner trugen männliche Schreibkräfte graugrüne Überzieher oder – wenn sie in Hemdsärmeln und Weste arbeiteten – baumwollene Ärmelschoner; zur Konzentration auf die Zahlen verhalf ein Augenschirm. Wichtigster Datenträger ist zu dieser Zeit das Kontorbuch, ein kiloschweres und meterbreites Journal, das auf jeder Seite Hunderte von Einträgen aufnimmt. Es hält neben Lohnzahlungen, Ausgaben und Einnahmen Verweise auf die entsprechende Korrespondenz fest. Von diesem in depressives Schwarz gebundenen Hauptjournal lässt sich der gesamte Geschäftsgang der Firma erschliessen, wenn man es richtig zu lesen weiss.
Aus Inspektionsgründen müssen alle Transaktionen auf numerierten Seiten in chronologischer Reihenfolge festgehalten werden; eine Loseblattablage ist nur für Quittungen und Bestellungen erlaubt. Da aber auch Lagerbestände und Verkäufe in gebundenen Warenbüchern und Lagerbüchern festgehalten sind und die in der Kopierpresse erstellten Briefkopien mit Nadel und Faden zu Büchern gebunden werden, müssen vergleichende Rückschlüsse auf den eigentlichen Geschäftsgang aus mehreren Datenträgern kollationiert werden. Gerade den Grossbetrieben der Maschinenbranche mit ihren komplizierten und unterschiedlichen Produkten fällt es um die Jahrhundertwende äusserst schwer, ihre Produktionskosten auch nur einigermassen präzise zu bestimmen.
Obwohl das Kontorbuch bis zu drei Viertel der Arbeitszeit beansprucht und um die Jahrhundertwende die Büroarbeit dominiert, ist sein effektiver kaufmännischer Wert also fraglich. Ähnlich sind siebzig Jahre später die ersten Grosscomputer trotz ihrem riesigen Raumbedarf und den beträchtlichen Personal- und Anschaffungskosten von beschränktem Nutzen. Was ihre mit Lochkarten gesteuerten und auf Zweizollspulen verarbeiteten Rechenprozesse ergeben, wird ausgedruckt auf Papierstreifen, die wiederum in Ordnern abgelegt werden. Das schafft eine Datenflut, die oft ebenso unübersichtlich bleibt wie die Abertausende von Einträgen im Kontor-, Korrespondenz- oder Lagerbuch.
Während diese dickleibigen Bände in den zwanziger Jahren überflüssig werden dank den ersten tauglichen Rechnungs- und Buchungsmaschinen, mausert sich der frühere Mehrzweckkontorist zum Sachbearbeiter: zum Bürovorstand, der Routinearbeiten wie Briefeschreiben oder das Führen von Büchern und Karteien an die ihm unterstellten Hilfskräfte – zum grössten Teil noch Männer – delegiert.
1907 beschreibt Robert Walser in der Prosaskizze «Ein Vormittag» das Grossraumbüro einer Zürcher Bank. Hier kopieren dreissig männliche Nachwuchskräfte unter Aufsicht eines Bürochefs Zahlenreihen in die entsprechenden Kontobände. Die Hauptfigur Helbling, unverkennbar der junge Walser selbst, setzt dieser fabrikmässigen Routine seine eigene Hinhaltetechnik entgegen – eine meisterliche Groteske über die Qualen der Langeweile. Helbling bringt es fertig, sein Vormittagspensum auf «drei Zahlen und den Versuch zu einer vierten» zu beschränken. Er unterteilt die noch zu bewältigende Bürozeit in kleine Sabotageeinheiten: Gespräch mit einem Kollegen, Gang zur Toilette, Wortgefecht mit dem Chef oder schlichte Verweigerung. Dann endlich: «Jetzt sind es noch entzückend wenige Minuten bis elf. Diese vier Minuten werden einfach eine nach der anderen abgewartet.»
Aus ebendieser Epoche stammt eine Fotoserie über die Grossraumbüros der Suppenfabrik Maggi in Kemptthal, 1905 entstanden. Bummelei im Sinne Helblings ist in diesen Räumen undenkbar. Die Anordnung der Stehpulte begünstigt die gegenseitige Kontrolle; zentrale Anlaufstellen wie Telefonsäule oder Aktenablage strukturieren den grossen Raum. Die Lochmaschine hat, zusammen mit einer unscheinbaren Fixier- und Schliessvorrichtung, das Ablegen revolutioniert: Der Aktenordner ist geboren. Schreibmaschine, Diktiergerät und elektrische Beleuchtung zeugen vom Effizienzschub bei der Korrespondenz; Briefdiktat und -ausführung werden zu zwei voneinander unabhängigen Arbeitsschritten.
Mit der Einführung der Schreibmaschine wird oft die Feminisierung des Büros in Zusammenhang gebracht. Der neugeschaffene Posten der «Dactylographin» habe den Einzug der Frau in die Bürowelt gefördert; ausgehend von der Spezialaufgabe des Tippens, habe sich die Frau den Zugang zu höheren Etagen geschaffen, als Sachbearbeiterin oder Sekretärin. Tatsächlich stieg landesweit zwischen 1900 und 1910 die Zahl weiblicher Bürokräfte von 4000 auf 12 000. Die Fotoserie aus Kemptthal zeigt allerdings junge Frauen beim Einkleben von Ausschnitten und Einordnen von Briefen – und damit den vorherrschenden Trend.
Weibliche Kräfte übernahmen vorerst in einer Art Unterschichtungsprozess die «reproduktive, mechanische Betätigung», die sich durch die Arbeitsteilung im Büro ergab, die «Verrichtungen, die keinerlei Vorkenntnisse erheischten (…) und auf die der Mann auch gar nicht reflektiert». So jedenfalls äusserte sich der damalige Zentralsekretär des Schweizerischen Kaufmännischen Vereins in einem Referat zur Stellung der Frau im Bürowesen. Höhere Positionen, so war er sich sicher, kämen für sie schon wegen ihrer empfindlichen Nerven und «durch ihre ganze Charakter- und Gemütsanlage» nicht in Frage.
Das feindselige Klima, dem sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts angehende Kauffrauen aussetzten, zeigt sich auch in einem Bundesbeschluss des Jahres 1900. Der SKV wurde regelrecht gezwungen, auch weibliche Kursabsolventinnen zu den Diplomprüfungen zuzulassen. Trotzdem zählte man in den folgenden acht Jahren knapp zwei Dutzend Diplomandinnen – gegenüber 4000 männlichen Absolventen.
Und die Männer? Zum Wandel des Berufsbilds liefern die Maggi-Fotos zumindest einige modische Hinweise. Strohhut, steifer Kragen, Krawatte und Gehrock deuten darauf hin, dass sich der Bürolist von der stereotypen Figur des pedantischen Buchhalters, des brummigen Apparatschiks löst. Tatsächlich ist das Grossraumbüro der späten Belle Epoque ein Auslaufmodell. Um die Jahrhundertwende entstehen in den Schweizer Städten die ersten durchgestalteten Büro- und Verwaltungsgebäude. Hier läuft der Kontorist von einst zu seiner vollen Form auf.
Den ersten Hinweis auf diese Welt der Linoleumkorridore, der Vorzimmer, Chefbüros und Sitzungsräume geben die zunehmend häufiger erscheinenden Inserate für den Büroschreibtisch, das Leitmöbel der Zwischenkriegszeit. Das zentnerschwere Brückenpult mit Beinraum unter einer massiven Tischplatte löst das Stehpult von einst ab; die zwei stämmigen Schubladensockel nehmen Aktenstapel auf, später Hängeregistraturen. Die Filzauflage für Schreibarbeiten, die Löschpapierwiege und das Stempelkarussell, die Tischlampe mit dem gusseisernen Sockel und dem grünen Blechschirm gehören zum Binneninventar des Sachbearbeiters oder Bürovorstehers. Und dieser heisst jetzt «Chef» – ein Begriff, der sich mit der Spezialisierung im Bürobereich einnistet. Die einstige Verwaltung, in der alle alles ausführten, wird aufgegliedert in Abteilungen; Hierarchien gewinnen an Bedeutung. Der Buchhaltung, der Korrespondenz, der Auslieferung oder dem Lagerwesen steht jetzt je ein Fachmann vor, der seinen Befehlsempfängern die Arbeit zuweist, gleichzeitig auch über Äusserlichkeiten wacht: über Benehmen, Kleidung oder Ausdrucksweise.
Vor allem aber erhält in den Jahren rund um den Ersten Weltkrieg der Bürobegriff seinen heutigen, nicht selbstverständlichen Gattungscharakter. Das Comptoir von einst wird zur kaufmännischen Arbeitsstätte schlechthin: «Du erreichst mich im Büro», «Die Firma eröffnet ein Büro in Berlin». Das «Büro» schwillt zum Generalbegriff auf, der Ämter wie Zahlstellen, Schalterhallen wie Wechselstuben umfasst. Ob Wettbüro, Politbüro oder Federal Bureau of Investigation, Zentralbüro für Sozialfragen oder Passbüro: Büro ist überall dort, wo getippt, gezählt und verwaltet wird. Wer hier arbeitet, trägt ein sauberes Hemd oder eine saubere Bluse und setzt sich ab vom industriellen Proletariat. «Büro» wird zum kleinsten gemeinsamen Nenner für die vielfältigen Funktionen der modernen Dienstleistungsgesellschaft. Vom Unbehagen, das sie auslöst, zeugt ein rasch wachsendes Wortfeld: «Bürokratie» als Synonym für die Dominanz der Amtsstuben, der «Bürohengst» als Inbegriff des pedantischen Verwaltertyps, das abschätzige «ein Büro aufmachen» für unnötige Organisationswut.
Zwischen 1950 und 1970 stieg unter den Arbeitnehmerinnen der Anteil der im Büro Tätigen von 20 auf 32 Prozent. In absoluten Zahlen: von 81 000 auf 232 000! Die «Schreibkraft», die vielerorts noch mit umgebundener Schürze zur Arbeit erschien und meist unverheiratet war, entwickelte sich zur kaufmännischen Angestellten, zur Assistentin, zur Sekretärin. Den meisten Glamour buchte die Privat- oder Direktionssekretärin für sich. Sie wurde zu einer Art Adjutantin der obersten Kader, die mit immer gleichbleibender Freundlichkeit und Aufgewecktheit das abgebrühte Klima der Männerwelt aufhellte. Die ideale Sekretärin war elegant, frisch und heiter, kochte Kaffee und schmückte das Chefpult mit Blumen, sie engagierte sich im Betrieb für den jährlichen Ausflug oder für eine kranke Kollegin.
Begriffe wie «adrett, flink, flexibel», welche die um 1960 aufkommenden Frauenzeitschriften andienen, machen deutlich, dass der zahlenmässige Anstieg nur bedingt bessere Aufstiegsmöglichkeiten bringt. Zwar kaschiert die tüchtige Sekretärin die mangelhafte Sozialkompetenz ihres Vorgesetzten, aber die strenge Geschlechterhierarchie im Büro bleibt weitgehend gewahrt. Entsprechend kreist der Bürodiskurs der Illustrierten um Stereotype und Äusserlichkeiten: um Parfum oder Flirt im Büro, um den Bürovamp, der mit grosszügigem Ausschnitt oder engem Pulli die Kollegen bezirzt, um die oberflächliche Tippse, die in der Arbeitszeit lange Privatgespräche führt. Damit verhärtete sich das Klischee vom Bürofräulein, das sich im Betrieb vor allem einen Mann angeln will – ungeachtet der Tatsache, dass um 1980 mehr als vierzig Prozent aller weiblichen Bürokräfte verheiratet waren.
Die Klage über die «Amerikanisierung des Büros» setzt praktisch mit der Geschichte dieser Institution ein. Aus den Vereinigten Staaten stammten die amerikanische Buchhaltung und die erste generationentüchtige Schreibmaschine, das «Modell 5» von Underwood aus dem Jahr 1900 – ein Standardprodukt, das in mancher Hinsicht Fords unverwüstlichem «Modell T» gleichkam. Amerikaner entschieden über die Buchstabenfolge auf der Tastatur, indem sie die im Englischen häufigsten Anschlagfolgen zentral placierten; Amerikaner brachten das erste Diktaphon auf den Markt und die ersten Buchungsmaschinen. Diese um 1930 lancierten erweiterten Schreibmaschinen erlaubten das Darstellen von Tabellen und übernahmen mit Hilfe eingebauter mechanischer Rechner vielfältige Buchungsfunktionen – kleine technische Wunderwerke, die sich bis zu den ersten elektronisch gesteuerten Maschinen behaupteten. Aus Amerika stammten weiter die ersten Schreibmaschinen mit beweglichen Typenköpfen und starrer Aufschlagfläche, die ersten Fotokopierer ohne «nasses» Spezialpapier, dafür mit «trockenen» Tonerkartuschen ausgestattet (beide um 1960).
Vor allem aber lösten amerikanische Firmen um 1980 einen Innovationsschub aus, der bis heute anhält: den Umstieg auf die digitale Erfassung und Verarbeitung von Informationen. Mit dem PC, der persönlichen Arbeitsstation, erweiterte sich der Zugriff des Einzelnen auf riesige Datenmengen, stiegen Kommunikationstempo, Speicher- und Verarbeitungsmöglichkeiten in schwindelerregendem Mass – erst recht mit der Einführung von betriebseigenen Datenzentren. Standardisierte Arbeitszellen mit Computer, Bildschirm und Telefon liessen sich, so die Erkenntnis der mittachtziger Jahre, im Prinzip überall placieren, auch zu Hause. Denn im angestrebten «papierlosen Büro» erübrigte sich der Austausch von Akten; die persönlichen Kontakte liessen sich per Konferenztelefon oder Videoschaltung erledigen.
In «Bonfire of the Vanities» beschreibt Tom Wolfe die fluoreszenzhellen Makler- und Redaktionsbüros der Zeit mit ihren diodengrünen Zahlenreihen auf Hunderten von Bildschirmen und ihren niedrigen Decken: damit Tausende von Kabelmetern verlegt werden konnten, mussten die Fussböden um einen halben Meter angehoben werden. Die Firmenchefs betreiben ihre Geschäfte per Telefonkonferenz oder im holzgetäfelten Chefbüro, in dem fünfzig Stockwerke über den Strassen New Yorks ein Kaminfeuer prasselt.
Und das Büro der späten neunziger Jahre? Dank Laptop, Mobiltelefon und weltweitem Datenaustausch über Internet liesse sich die Mehrzahl der Geschäfte zwanglos an der Stehbar abwickeln, braucht es zur vertiefenden Dokumentation eigentlich nur eins: den Anschluss ans Kabelnetz. Das «Büro auf Zeit», das «nonterritoriale Büro», ist austauschbar und wird bloss noch stundenweise gebucht, je nach Raumbedarf für die Sitzungsrunde oder für Demonstrationszwecke. Die Commis und Kontoristen von einst sind, zusammen mit ihrem Arbeitsgerät, mobil geworden. Kaffeetasse und Topfpflanze kehren an ihren angestammten Platz zurück: ins traute Heim.
Hans Peter Treichler beobachtet als TV/Radio-Mitarbeiter und Buchautor die Wandlungen der neueren Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Er lebt in Richterswil ZH.