NZZ Folio 05/95 - Thema: Nach Kriegen   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Drôle de Paix?

Von Peter Haffner

Ein halbes Jahrhundert ist es her, seit der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Die Weltordnung, die ihm folgte, war neu. Die beiden Verlierer Deutschland und Japan erstarkten zu führenden Wirtschaftsmächten, Grossbritannien, einer der vier Sieger, verlor sein Imperium, die Sowjetunion gewann eines dazu und bestimmte fortan zusammen mit den Vereinigten Staaten, was auf der Welt möglich war und was nicht.

Was auf der politischen Landkarte bloss Farben sind, sind im Leben Schicksale. Auf welcher Seite des Eisernen Vorhangs man sich befand, als er fiel, prägte nicht nur die eigene Biographie, es prägt noch heute die der Kinder und Kindeskinder über den kalten Krieg hinaus.

Leicht wird vergessen, dass die Nachkriegszeit, überschattet vom drohenden Showdown der Supermächte, keineswegs friedlich war. Seit 1945 haben Kriege auf dem Globus insgesamt fünfzig Millionen Todesopfer gefordert, ebenso viele wie der Weltkrieg vordem. Das Ende des Blockkonflikts war das Ende der Blöcke, nicht der Konflikte. Sie sind in der Regel zu wenig wichtig, als dass man sich gross um sie kümmerte; interne Angelegenheiten Fremder, die Fernsehbilder liefern und humanitäre Hilfe mobilisieren. Wer immer glaubt, der Krieg habe etwas «Reinigendes» - ein Faszinosum, dem schöne Geister gern erliegen -, übersieht, dass die meisten Schützengräben dieser Welt in Gegenden ausgehoben werden, wo der Dreck nicht so bald wieder beiseite zu schaffen ist.

Nachkriegszeiten sind besondere Zeiten. Wo vieles zerstört ist, muss vieles neu aufgebaut werden. Ob dies einem Volk, dem Einzelnen gelingt, hängt nur bedingt von seiner Kraft und seinem Willen ab. Auch die «Stunde Null», wenn es sie denn gab, schlug nicht jedem gleich.

Die Schweiz hat als einziges Land Europas der Kriegsmobilmachung von 1939 mit Pauken und Trompeten gedacht; die Glocken, die nun am 8. Mai an das Kriegsende erinnern sollen, tönen nicht so laut. Wir tun uns schwer mit unserer Vergangenheit als Verschonte. Keine der noch lebenden Generationen hierzulande ist je mit einem Krieg in Berührung gekommen. Haben wir deshalb so grosse Angst vor Verlusten, weil wir nie welche erlitten haben?


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