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Warnschild für die Ewigkeit
© Concept by Michael Brill and a...
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| Einer der abgelehnten Entwürfe für das Monument über der Endlagerstätte: Die Landschaft der Dorne des Architekten Michael Brill. Die Warnung, die unsere Nachfahren abschrecken soll, muss gleichzeitig mächtig und abweisend sein. |
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Wie verhindert man, dass Menschen in 10 000 Jahren unseren radioaktiven Abfall ausgraben? – Mit einem 3 Kilometer langen Erdwall, 48 Monolithen und in Stein gemeisselten Comics.
Von Reto U. Schneider
Es ist die teuerste Flaschenpost aller Zeiten. Ihr Bau wird mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag kosten. Die Planung ist abgeschlossen, die Realisierung wird noch Jahrzehnte dauern. Doch trotz dem enormen Aufwand ist ungewiss, ob ihre Botschaft je ans Ziel gelangen wird, denn sie soll nicht über ein Meer aus Wasser reisen, sondern durch den Ozean der Zeit – 10 000 Jahre in die Zukunft. Die Mitteilung, die sie unseren Nachfahren überbringen soll, ist gemessen an den Kosten geradezu profan: Graben verboten.
Was wie das Szenario eines billigen Science-Fiction-Films klingt, ist das Resultat eines Auftrags der amerikanischen Regierung, der Ende der 1980er Jahre an die Betreiber des Endlagers für radioaktive Abfälle WIPP (Waste Isolation Pilot Plant) in der Nähe von Carlsbad, New Mexico, erging. Dort sollen radioaktive Abfälle 650 Meter tief in einer Salzformation ihr ewiges Grab finden. Weil sie noch Jahrtausende unheilvolle Strahlung abgeben, stellte sich bald die Frage, auf welche Weise man zukünftige Generationen auf die Gefährlichkeit dieses Orts hinweisen soll.
Wer ein Warnschild für die Ewigkeit entwerfen will, den erwartet eine monumentale Aufgabe. Das wird spätestens klar, wenn man darüber nachdenkt, wie sehr sich die Welt in den letzten 10 000 Jahren verändert hat: Auf dem Weg vom Jäger und Sammler zum Astronauten und Banker wurden die Landwirtschaft erfunden, zahllose Königreiche gegründet und zerstört, Religionen gestiftet, der Buchdruck, der Computer und die Spaghetti in der Dose erfunden. Da bleibt jede Vermutung über den Menschen in 10 000 Jahren kühne Spekulation. Zu den wenigen Gewissheiten gehört wohl, dass es in jener Zeit die heutigen Sprachen und Länder nicht mehr geben wird.
Der Chefwissenschafter des Endlagers, Roger Nelson, setzte mehrere Arbeitsgruppen ein, in denen nicht nur Atomphysiker sassen, sondern auch Anthropologen, Linguisten, Künstler und der Physiker und Science-Fiction-Autor Gregory Benford, der sich später im Buch «Deep Time» Gedanken über die Kommunikation über 400 Generationen hinweg machte.
Zuerst skizzierte die Gruppe von Benford drei Zukunftsszenarien: Im ersten entwickelt sich die Technik stetig weiter. Die Suche nach Bodenschätzen übernehmen autonome Robotermaulwürfe. Sie könnten von der Seite oder von unten auf das Endlager stossen. Eine Warnung darf sich also nicht nur auf die Erdoberfläche beschränken. Radarreflektoren und starke Magnete im Boden könnten die Roboter darauf hinweisen, dass sie sich in der Nähe eines von Menschen angelegten Bauwerks befinden.
Das zweite Szenario geht von einem Atomkrieg oder einer Naturkatastrophe aus. Die Überlebenden brauchen Jahrhunderte, um wieder eine Zivilisation hervorzubringen. Das Wissen der vorangegangenen ist verloren. Irgendwann bohren sie auf der Suche nach Öl beim Endlager.
In der dritten Zukunft zerfallen die USA in kleine Fürstentümer, eines davon ist der Freistaat Chihuahua, auf dessen Gebiet das Endlager liegt. Geplagt von Finanzsorgen, werden die Einwohner von Chihuahua zu Plünderern, die überall nach verwertbarem Material suchen – unter anderem auch auf dem Gebiet des Endlagers. Die gleiche Wirkung können kulturelle Veränderungen haben. «Stellen wir uns vor», sagt Benford, «im Jahr 2100 findet eine feministische Bergbaufirma unseren Warnhinweis und hält ihn für ein weiteres Beispiel ‹unzulänglichen, minderwertigen und verwirrten männlichen Denkens› und ignoriert ihn.»
Aus diesen Projektionen ergaben sich vier Bedingungen, die der Warnhinweis erfüllen musste: Er musste 10 000 Jahre überdauern, er musste gefunden, verstanden und vor allem ernst genommen werden. Mit Blick auf die Pyramiden von Cheops glaubt Nelson, dass die letzte Bedingung am schwierigsten zu erfüllen sein könnte. «Auf den ägyptischen Gräbern stand ja auch, die Toten dürften nicht gestört werden, und wir haben es trotzdem getan.»
Von der Idee, die Information über das Endlager auf Tausende CD zu kopieren und diese dann zu verstreuen, kam man ab, als sich Benford an die 3,5-Zoll-Disketten in seinem Keller erinnerte, die er bereits jetzt nicht mehr lesen konnte. Wenn es um Langlebigkeit geht, sollte man sich an die Ägypter halten: Stein ist das Mass aller Dinge.
Die Pyramiden veranschaulichen den grundsätzlichen Widerspruch, der dem Projekt innewohnt: Damit die Warnung 10 000 Jahre erhalten bleibt, muss sie ausserordentlich gross sein. Jedes grosse Bauwerk sende aber die Botschaft: «Hier ist etwas oder jemand Wichtiges. Warum nicht hingehen und es sich anschauen?» sagt Benford. Das genaue Gegenteil von dem, was beabsichtigt war.
Die Warnung sollte also mächtig sein, aber gleichzeitig «unperfekt» und von «schlechter handwerklicher Qualität», wie der Architekt Michael Brill es ausdrückte, der einer der Arbeitsgruppen angehörte. Trotzdem üben Brills Entwürfe eine grosse Faszination auf den Betrachter aus: Etwa die «Landschaft der Dorne», ein Wald aus 15 Meter hohen spitzen Felsen, oder die «bedrohlichen Blöcke», im Schachbrettmuster angeordnete, 5 Meter grosse, grobe schwarze Steinquader mit engen Durchgängen, in denen es unerträglich heiss werden soll.
Ausgewählt wurde 2004 schliesslich ein anderes Design: Zuerst werden die Menschen in 10 000 Jahren auf 32 acht Meter hohe Monolithen treffen, die ein Quadrat bilden, darin dann auf einen 3 Kilometer langen, 30 Meter breiten und 10 Meter hohen Erdwall. «Die beste Methode, grosse Bauwerke gegen Wetter und Diebstahl zu sichern, ist, sie aus gutem altem Dreck zu bauen», sagt Benford, «niemand wird ihn stehlen.»
Die Innenseite des Erdwalls wird wiederum von 16 acht Meter hohen Monolithen gesäumt. Diese Monolithen sind mit Warnungen in Englisch, Spanisch, Russisch, Französisch, Chinesisch, Arabisch und Navajo versehen: «Hier liegt gefährlicher radioaktiver Abfall. Auf keinen Fall graben oder bohren.» Darunter gibt es sozusagen Platz für Notizen: Warnungen in neuen Sprachen, die spätere Kulturen hinzufügen können. Dazu die Zeichnungen von zwei Gesichtern, die Ekel und Angst ausdrücken, Gesichtszüge, die überall auf der Welt verstanden werden.
In der Mitte des Monuments stehen die Informationstafeln mit detaillierter Information über den Abfall. Angereichert mit Comics, die grobe Information vermitteln, zum Beispiel einer Sternkarte, die zeigt, wohin der Polarstern wandern muss, bis die Strahlung der Abfälle in 10000 Jahren auf ein ungefährliches Mass abgeklungen ist. Einen identischen Informationsraum gibt es auch unter der Erde, zugänglich nur durch ein 60 Zentimeter grosses Loch – damit niemand die Steintafeln abtransportiert.
So wenig die Wissenschafter über den Menschen in 10 000 Jahren wissen, in einem Punkt scheinen sie sich einig zu sein: Seinen Hang zum Vandalismus wird er nicht verlieren. Auch deshalb sollen keine edlen Materialien zum Einsatz kommen. Bloss Beton oder Basalt, mit denen niemand seinen Wintergarten ausstaffieren will.
Im Jahr 2033 wird das Endlager voraussichtlich voll sein. Weitere hundert Jahre will das amerikanische Energieministerium über den Ort wachen, bevor er markiert und dann aufgegeben wird.
Ob die Pläne von heute wirklich ausgeführt werden, wird keiner der Beteiligten je erfahren. Vielleicht wird letztlich doch noch der Vorschlag von Gregory Benford beherzigt, den Ort nicht zu markieren. «Jedes Monument wird zur Touristenattraktion. Die Leute kommen her, brauchen Hotels, Hotels brauchen Wasser. Also bohrt man nach Wasser und dringt dabei in die Kammer mit den Abfällen ein. ‹Keine Warnung› ist auch eine Strategie.» Das einzige grössere ägyptische Grab, das nicht von Grabräubern geplündert wurde, war jenes von Tutanchamun – es war nicht markiert.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Leserbriefe:
Zu Warnschild für die Ewigkeit - NZZ-Folio Abfall (07/09)
Der Standort für die Lagerung radioaktiver Abfälle ist ein Dauerthema, vor allem ein Politikum und es ist absehbar, dass eine tragbare Lösung für ein Tiefenlager nicht in einem vernünftigen Zeitrahmen zur Verfügung stehen wird.
Die Fixierung auf ein Tiefenlager war ein Fehler. Derzeit werden die Abfälle seit vielen Jahren in 4 Zwischenlagern versorgt und dieser Zustand wird noch 20-30 Jahre anhalten,ohne dass Widerstand dagegen erhoben wurde.
Die ebenerdige Endlagerung ist also eine Alternative, die nun energisch diskutiert werden muss. Sie ist mindestens so sicher wie eine unterirdische Lagerung und hätte weiter den Vorteil, das eingelagerte Material bei Bedarf zur Weiterverwendung auf einfache Weise wieder zurückholen zu können, wenn die Technik dafür vorhanden sein wird. Klaus D. Schmidt, Klingnau
Zu Warnschild für die Ewigkeit - NZZ-Folio Abfall (07/09)
Dass in 10000 Jahren noch jemand lebt ist nun wirklich nicht zu befürchten.....wozu auch? Meinrad Odermatt, Zug
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