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Epilog: Heute
Ein halbes Jahr ist vergangen, seit wir Marc, Anika, Cayu, Anja und Jonas an der Weihnachtsfeier in der Schule verlassen haben. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan.
Von Reto U. Schneider, Gudrun Sachse und Brigitte Hürlimann
Die dramatischste Entwicklung im Leben von Marc betrifft den Fussball: Er hat den Club gewechselt und spielt nun bei Red Star Zürich. Dafür hatten einige seiner Mitspieler im alten Club wenig Verständnis. Als sie ihn einmal mit der neuen Mannschaft trainieren sahen, schimpften sie ihn Verräter.
Seine Schulleistungen haben sich einigermassen stabilisiert, der Fernseher steht wieder im Zimmer. Seit kurzem hat Marc eine Freundin. Er hat sie nach einem Spiel auf dem Fussballplatz kennengelernt. Sie ist zwei Monate jünger als er und wohnt etwas ausserhalb von Zürich, so dass sich die zwei nur selten sehen. «Es ist eine halbe Fernbeziehung», sagt Marc, der oft am Computer mit ihr chattet.
Sein Zimmer hat Marc jetzt umgestellt, aber nicht, weil die Hamster gestorben wären, sondern weil er einen dritten in seinem Zimmer aufgenommen hat: Dröpsli, den Hamster des Nachbarn – vor allem weil seine Mutter Mitleid mit dem Tier hatte. Platz für die Xbox 360 braucht er im Moment nicht. Er wollte dann doch keine Gamekonsole zu Weihnachten. Stattdessen wünschte er sich Geld für Kleider und seine Sportausrüstung. Kürzlich hat er damit begonnen, seine Jeans in die Socken zu stopfen – wie es die Mode verlangt.
Anika hat die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium nicht bestanden. An ihrem Traum, Ärztin zu werden, hält sie fest, sie wird die Prüfungen erneut versuchen und mit Frau Anke darauf hinarbeiten. Ihr Bruder Anik hat die Gymi-Prüfung ebenfalls gemacht – und bestanden. Er wird nach der 3. Sek ans Gymnasium wechseln. Anik und Anika streiten sich nach wie vor häufig.
Am 28. April kam Anikas Bruder Ashik zur Welt. Ashik schläft viel und schreit wenig. Er sei angenehmer als befürchtet, sagt Anika. Mit ihrer Mutter hat sie in den letzten Wochen kaum gesprochen, weil die Anikas Kleidung kritisierte. Rückendeckung bekommt Anika von ihrem Vater. «Väter und Töchter sind in der Pubertät eh die bessere Kombination», sagt Anika. Ihr Vater riet ihr auch, die Schule gelassener anzugehen: Neuerdings beginnt sie erst morgens um sechs Uhr zu lernen. Anika liest noch immer gerne, hat aber das Genre gewechselt: keine Krimis mehr, sondern Liebesgeschichten, im Moment «Freche Flirts in Florida».
Cayu ist inzwischen vierzehn geworden, überragt seine Mutter um einen halben Kopf und hat Schuhgrösse 43. Er trägt jetzt eine Kurzhaarfrisur, braucht noch mehr Gel als zuvor und legt eine Baseballmützen-Pause ein. Seine Noten sind so gut geworden, dass er nach den Sommerferien probeweise die Sek A besucht. In seiner alten Klasse hat sich die Situation massiv verschlechtert: Die Klasse ist unruhig und verweigert sich dem Unterricht. Eine Sozialarbeiterin musste herbeigezogen werden. Cayu schildert es so: «Früher flogen Papierkügelchen, heute sind es Etuis und Zirkel.»
Mit dem Breakdance hat Cayu aufgehört, im Moment besucht er einen BMX-Kurs (Velomotocross). Eine Freundin hat er noch immer nicht.
Anja bekam vor Weihnachten von ihrem Vater ein neues Handy geschenkt. Doch so schön wie ihr erstes, das Vida in die Toilette geworfen hatte, ist es nicht. Um ihre Geschwister von ihrem Eigentum fernzuhalten, schliesst sie jeden Morgen ihr Zimmer mit dem Schlüssel zu.
Ende Juni zupfte sich Anja erstmals die Augenbrauen. Sie schminkt sich, trägt Wimperntusche und Lipgloss. Anja möchte Model, Kosmetikerin oder Kleinkinderzieherin werden. Die Mutter hätte sie längst bei einer Modelagentur anmelden sollen. Kleider kauft Anja sich jetzt lieber allein. Ihre Mutter ist kaum noch dabei, «die hat so einen Grieder-Style, das ist nicht mein Geschmack».
Anjas Mutter eröffnete neben dem Kiosk einen Blumenladen. Jetzt sei sie noch gestresster, sagt Anja, die sich manchmal um sie sorgt, weil sie viel zu viel arbeite.
Jonas hat die Blaugurtprüfung im Judo, für die er am Mittwochnachmittag jeweils trainierte, bestanden und unterrichtet jetzt manchmal den Nachwuchs im Club. Sein Ziel ist der schwarze Gurt.
Eine weitere Ausstellung wird er vorläufig nicht organisieren, dazu fehlt ihm die Zeit. Seit einigen Monaten gibt er nämlich mit seinem Bruder Lino eine Zeitung heraus. In der «F. I.» («Friesi-Info») berichten die zwei über den Familienausflug an den Rheinfall, Mario Bottas Kirche und den Einbruch im Kiosk des Nachbarn. Im Moment ist die zehnte Ausgabe im Umbruch, bei der Jonas das Layout neu gestaltete. Die «Friesi-Info» erscheint in einer Auflage von fünf Exemplaren.
Jonas Interesse an Dinosauriern ist ungebrochen. Im Moment treibt ihn die Frage um, ob Raptoren – also vogelähnliche Saurier – Federn gehabt haben. Er ist sich aber nicht sicher, ob das Folio-Leser interessiert.
Leserbriefe:
Zu Epilog: Heute - NZZ-Folio 13-jährig (08/07)
In der letzten Zeile des Epilogs stand über mich: „Jonas’ Interesse an Dinosauriern ist ungebrochen. Im Moment treibt ihn die Frage um, ob Raptoren - also vogelähnliche Dinosaurier - Federn gehabt haben. Er ist sich aber nicht sicher, ob das Folio-Leser interessiert.“ Bald darauf bekam ich ein E-Mail vom Sauriermuseum Aathal. Darin stand: „ …dass es sicher Leute gibt, die es interessiert, ob Raptoren Federn hatten.“ Was mich noch mehr erstaunte war, dass sie mich hinter die Kulissen des Museums einluden. Ich bekam dann auch eine super Privatführung. Ich finde es grandios, dass überhaupt jemand auf diese Frage reagiert hat! An dieser Stelle möchte ich mich herzlichst beim Dinosauriermuseum Aathal bedanken. Ein besonderer Dank geht an Ursula Steinhauser, die auf diese Idee kam und mir eine super Führung ermöglicht hat. Jonas Blum, Zürich (aus dem Heft "13-jährig")
Zu Epilog: Heute - NZZ-Folio 13-jährig (08/07)
Nicht nur der Epilog, sondern auch Kapitel 1-3, 5-8 waren erfrischend, zum Schmunzeln, man war "live" dabei (z.B. die Szene im Kaufhaus). Eines der wenigen NZZ Folios, die ich in einem Zug von vorn bis hinten las. Gratuliere und Danke für diese wirklich gute Reportage. Adriano Burali, Eschen FL
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