NZZ Folio 02/97 - Thema: Vom Herzen   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Verdoppelung

Von Herbert Cerutti

EINE PERSISCHE SAGE erzählt von einem Handwerker, der seinem König ein kunstvolles Schachbrett schenkte und als Lohn nur ein einziges Getreidekorn für das erste Feld und für jedes folgende Feld die doppelte Anzahl Körner erbat. Dem König erschien der Wunsch gar bescheiden. Bis der Hofmathematiker ausrechnete, dass zwar auf das 10. Feld erst 512 Körner entfallen, auf das 20. aber bereits über eine halbe Million. Und für das 64. Feld des Schachbrettes reichten alle Getreidekörner der Welt nicht aus, denn aus dem einen Korn werden in 63 Schritten (gemäss der Berechnung 2 hoch 63) 9,2 Trillionen.

Ähnlich tückisch war der Aufruf einer Radiostation, man sollte doch für die Opfer einer Naturkatastrophe im Christmonat für den ersten Tag einen Rappen und für jeden folgenden Tag das Doppelte beiseite legen und den Batzen am 31. Dezember dem Hilfsfonds überweisen. Immerhin mehr als zehn Millionen Franken, wie Gutwillige schliesslich erkannten.

Die unheimlichen Konsequenzen solch exponentieller Zunahme machten 1972 die «Grenzen des Wachstums» des Club of Rome zum Bestseller. Ein Fachteam hatte das Wachstum der Bevölkerung, die Zunahme der Umweltverschmutzung sowie den Ressourcenverbrauch in den Computer gefüttert und berechnet, dass unsere Zivilisation innert Jahrzehnten untergehen könnte. Verhängnisvoller Taktgeber waren wiederum Verdoppelungen. Die Verdoppelungszeit lässt sich (leicht vereinfacht) berechnen, indem man die Zahl 70 durch die Wachstumsrate (in Prozent) teilt; ein Bevölkerungswachstum von 3 Prozent lässt also die Population in nur 23 Jahren auf das Doppelte steigen.

Manche verstanden die Berechnungen als Prognose und verurteilten die Studie als unseriös. Die Wissenschafter hatten jedoch lediglich gezeigt, was sich mathematisch ergibt, wenn die Übernutzung der Ressourcen und das Bevölkerungswachstum unverändert weitergehen. Wie im Kindervers, wo im Gartenteich sich die Lilien jeden Tag verdoppeln, um nach dreissig Tagen den Teich zu ersticken. Am 29. Tag macht das Wachstum noch keine Sorgen, denn noch immer ist der halbe Teich frei. Aber nur einen Tag später ist die Katastrophe da.


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