Nationalhymne: Ursprünglich zur mu sikalischen Untermalung von Kriegen, Revolutionen und Staatsempfängen eingeführter Emotionsverstärker, heute an grossen Sportanlässen unentbehrlich. Wichtige Regel: Die Hymne soll nach Macht- oder gravierenden Mentalitätswechseln ausgetauscht werden. Schweizer Landeshymne: wechselte 1961 von «Rufst du, mein Vaterland» auf den «Schweizerpsalm», der 1965 vorläufig und 1981 mangels konsensfähiger Alternativen definitiv sanktioniert wurde.
DIE NATIONALHYMNE gehört zum Sport wie die Sandgrube zum Weitsprung, das Tornetz zum Fussball. Natürlich kann man Bälle auch ohne Auffangvorrichtung in Tore schiessen, natürlich könnte man auch ohne Grube in die Weite springen, und natürlich liessen sich internationale Wettkämpfe auch abhalten, ohne Nationalhymnen abzuspielen – aber emotional wäre das ein Verlust. Denn erst die Nationalhymne ruft das Vaterland im Menschen wach, sei es beim Sportler im Feld oder im Publikum auf den Rängen. Und wozu sollte man internationale Wettstreite austragen, wenn niemand weiss, für wen?
Die Nationalhymne ist eine vertonte Verfassung. Hier subsumiert ein Staat seinen Sinn und Geist, den er im Grundgesetz ausführlich festgeschrieben hat, noch einmal allgemein verständlich. Die Hymne erklärt dem Volk in wenigen Takten und Strophen, was es wissen muss, um guten Mutes für sein Land in den Kampf zu ziehen.
62-mal wurde 2004 vor den Partien der Fussball-Europameisterschaft eine Nationalhymne intoniert, am häufigsten jene der Finalteilnehmer Portugal und Griechenland (je sechsmal). Das auf dem Rasen vernichtend geschlagene Deutschland stellte im Endspiel neben dem Schiedsrichter und dem griechischen Nationaltrainer auch den Komponisten der portugiesischen Nationalhymne («Helden der See, du hochgeborene, tapfre Nation»). Am Final in Lissabon wurden von Hellas’ hehrer Hymne («Der du aus der Griechen Knochen wutentbrannt entsprossen bist») trotz Titelgewinn bloss zwei Strophen gespielt; an sich wären es ihrer 158.
Die 156 versäumten werden sich auch an den 28. Olympischen Spielen zu Hause nicht nachholen lassen. Die Athener Organisatoren müssen an 16 Wettkampftagen an die 300 Hymnen über die Bühne bringen. Unter diesen Umständen können die Lieder der Sieger gerade so lange angespielt werden, bis die Goldmedaillengewinner ausreichend Tränenmaterial entwickelt haben, damit sich ihre Vaterlandsliebe von den Kameras festhalten lässt.
An Sommerspielen wurde bisher am meisten Amerikas «star-spangled banner» besungen (851-mal), am zweithäufigsten kam Russland zum Zug (440-mal). Letzterem diente, als es die Sowjetunion noch gab, bis zum Zweiten Weltkrieg die «Internationale» als Hymne. Es folgte die schmissige Komposition eines Rotarmisten, die Russland als «der Volksrepubliken machtvolle Bastion» anpries. Nachdem selbige zerbröckelt war, griff man 1990 auf eine Melodie Michail Glinkas aus dem 19. Jahrhundert zurück und verzichtete auf jeden Wortlaut. Indessen entschied sich das dritterfolgreichste Sommersportland, die einseitig vereinigte Bundesrepublik, nicht etwa für die in allen Sportstadien legendäre DDR-Hymne (von Hanns Eisler und alt Kultusminister Johannes R. Becher), sondern für das von Joseph Haydn 1797 komponierte, von den Nazis miss brauchte «Deutschlandlied»; wenn auch nur für die dritte Strophe.
Immerhin auf Platz 23 von 77 klassierten Nationalhymnen rangiert der «Schweizerpsalm». Die besten Chancen, an Olympia 2004 zu den 1841 vom Zisterziensermönch A. Zwyssig komponierten Klängen «im Morgenrot» daherzutreten und sich eine Goldmedaille umhängen zu lassen, hat laut Experten die Schweizer Kavallerie; mit etwas Schlachtglück gelingt es vielleicht auch unseren Schützen.